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Einfach ne
Blutbuch hat mich zunächst völlig in seinen Bann gezogen. Die ersten Seiten sind sprachlich kraftvoll, roh und kompromisslos ehrlich. Umso größer ist meine Enttäuschung darüber, wohin sich dieser Roman entwickelt. Ich bin durchaus offen für provokante, unbequeme und grenzüberschreitende Literatur. Doch hier hatte ich zunehmend das Gefühl, dass Grenzüberschreitung nicht mehr einem erzählerischen Zweck dient, sondern zur Selbstinszenierung wird. Die Sprache verliert sich oft in einer soooo so derben und exzessiven Direktheit, die irgendwann einfach nicht mehr schockiert oder berührt, sondern schlicht ermüdet und anstrengt. Gleichzeitig wirkt der Roman auf mich erstaunlich unfokussiert. Familiengeschichte, Identität, Sexualität, Queerness, Kindheit und akademisches Milieu werden ständig gegeneinander ausgespielt, statt sich gegenseitig zu vertiefen. Viele interessante Ansätze bleiben dadurch oberflächlich oder verlaufen im Nichts. MEIN GRÖSSTES PROBLEM sind jedoch die Inhalte, die meiner Meinung nach viel zu wenig reflektiert werden. Sexualisierte Gewalt wird geschildert, ohne dass eine ernsthafte kritische Einordnung erfolgt. Hinzu kommen rassifizierende Fantasien, sexualisierte Exotisierung sowie Passagen mit misogynen und homophoben Untertönen, die der Text reproduziert, ohne sie ausreichend zu hinterfragen. Kunst darf provozieren und verstören. Sie darf schwierige und hässliche Themen verhandeln. Aber sie sollte problematische Bilder nicht einfach reproduzieren, ohne sie kritisch zu beleuchten. Gerade weil Blutbuch so stark autobiografisch wirkt, hätte ich mir hier deutlich mehr Selbstreflexion gewünscht. Das Frustrierende ist, dass in diesem Roman eigentlich eine wichtige und notwendige Geschichte über Identität, Herkunft und familiäres Schweigen steckt. Dieses Potenzial ist (hin und wieder) spürbar. Für mich wird es jedoch von fragwürdigen Darstellungen und mangelnder kritischer Distanz überschattet. Deshalb bleiben am Ende nicht Bewunderung oder Erkenntnis zurück, sondern vor allem Ernüchterung und Wut.

Jun 9, 2026
Einfach ne
Blutbuch hat mich zunächst völlig in seinen Bann gezogen. Die ersten Seiten sind sprachlich kraftvoll, roh und kompromisslos ehrlich. Umso größer ist meine Enttäuschung darüber, wohin sich dieser Roman entwickelt. Ich bin durchaus offen für provokante, unbequeme und grenzüberschreitende Literatur. Doch hier hatte ich zunehmend das Gefühl, dass Grenzüberschreitung nicht mehr einem erzählerischen Zweck dient, sondern zur Selbstinszenierung wird. Die Sprache verliert sich oft in einer soooo so derben und exzessiven Direktheit, die irgendwann einfach nicht mehr schockiert oder berührt, sondern schlicht ermüdet und anstrengt. Gleichzeitig wirkt der Roman auf mich erstaunlich unfokussiert. Familiengeschichte, Identität, Sexualität, Queerness, Kindheit und akademisches Milieu werden ständig gegeneinander ausgespielt, statt sich gegenseitig zu vertiefen. Viele interessante Ansätze bleiben dadurch oberflächlich oder verlaufen im Nichts. MEIN GRÖSSTES PROBLEM sind jedoch die Inhalte, die meiner Meinung nach viel zu wenig reflektiert werden. Sexualisierte Gewalt wird geschildert, ohne dass eine ernsthafte kritische Einordnung erfolgt. Hinzu kommen rassifizierende Fantasien, sexualisierte Exotisierung sowie Passagen mit misogynen und homophoben Untertönen, die der Text reproduziert, ohne sie ausreichend zu hinterfragen. Kunst darf provozieren und verstören. Sie darf schwierige und hässliche Themen verhandeln. Aber sie sollte problematische Bilder nicht einfach reproduzieren, ohne sie kritisch zu beleuchten. Gerade weil Blutbuch so stark autobiografisch wirkt, hätte ich mir hier deutlich mehr Selbstreflexion gewünscht. Das Frustrierende ist, dass in diesem Roman eigentlich eine wichtige und notwendige Geschichte über Identität, Herkunft und familiäres Schweigen steckt. Dieses Potenzial ist (hin und wieder) spürbar. Für mich wird es jedoch von fragwürdigen Darstellungen und mangelnder kritischer Distanz überschattet. Deshalb bleiben am Ende nicht Bewunderung oder Erkenntnis zurück, sondern vor allem Ernüchterung und Wut.
Jun 9, 2026








