Auferstehung

Auferstehung

Softcover
3.523

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Description

1898/1899 hat Leo N. Tolstoi seinen ein Jahrzehnt zuvor begonnenen - 1897 aber ganz beiseitegelegten - Roman "Auferstehung" doch noch vollendet. Mit dem Erlös wollte er die christlichen Duchoborzen, die jeglichen Militärdienst verweigerten, bei ihrer Auswanderung unterstützen. Fürst Nechljudow - Hauptfigur des Romans und zugleich ein literarisches "Alter Ego" des Dichters - erkennt seine persönliche Schuld am traurigen Schicksal des ehemaligen Dienstmädchens Katjuscha Maslowa aus der Klasse der Ärmsten, empört sich über die staatlichen Gewaltapparate (Justiz im Dienst der Besitzenden) und die Gleichgültigkeit gegenüber den Leiden der Beherrschten, möchte das Unrecht der bestehenden Eigentumsverhältnisse beenden, überwindet in der Begegnung mit politischen Gefangenen seine pauschalen Vorurteile gegenüber Revolutionären, zeigt Sympathien für einen gewaltfreien Sozialismus und ersehnt ein wahrhaftiges Christsein jenseits der Strafreligion des klerikalen Machtkomplexes. Zu seiner hier neu edierten Übersetzung der unzensierten Fassung (1. Auflage) vermerkte Wladimir Czumikow 1900: Einige meiner russischen "Landsleute sahen in dem Roman nichts mehr als eine Beschimpfung des russischen Gerichts und Verhöhnung der russischen Kirche und sahen in mir, dem Übersetzer, einen Vaterlandsverräter, der dem irregehenden, senil-verblendeten Autor helfen wolle, das Ansehen Rußlands in den Augen des Auslandes zu schädigen ... Als wenn es sich in dem Roman überhaupt um russische Zustände handelte, und nicht um menschliche Einrichtungen, denen der Dichter bloß darum ein nationales Gewand umlegt, um ihnen die Greifbarkeit des Konkreten zu verleihen! Und als wenn das Ansehen aller Geheimräte und Bischöfe oder Konsistorialräte der Welt überhaupt irgendwie in Betracht käme oder berücksichtigt werden dürfte, wenn es gilt, so traurige Wahrheiten, so tiefe Schäden der menschlichen und nicht nur allein der russischen Gesellschaft aufzudecken, wie der Roman sie - allerdings schonungslos - aufdeckt!" Tolstoi-Friedensbibliothek: Reihe C, Band 13 (Signatur TFb_C013). Herausgegeben von Peter Bürger.

Book Information

Main Genre
Historical Novels
Sub Genre
N/A
Format
Softcover
Pages
588
Price
20.60 €

Author Description

Leo (Lew) Nikolajewitsch Tolstoi (1828-1910) stammte aus einer begüterten russischen Adelsfamilie; die Mutter starb bereits 1830, der Vater im Jahr 1837. Zunächst widmete sich der junge Graf dem Studium orientalischer Sprachen (1844) und der Rechtswissenschaft (ab 1847). 1851 Eintritt in die Armee des Zarenreiches (Kaukasuskrieg, Krimkrieg 1854). 1862 Eheschließung mit Sofja Andrejewna, geb. Behrs (1844-1919); das Paar hatte insgesamt dreizehn Kinder (Hauptwohnsitz: Landgut Jasnaja Poljana bei Tula). Literarischen Weltruhm erlangte L. Tolstoi durch seine Romane "Krieg und Frieden" (1862-1869) und "Anna Karenina" (1873-1878). Ab einer tiefen Krise in den 1870er Jahren wurde die seit Jugendtagen virulente religiöse Sinnsuche zum "Hauptmotiv" des Lebens. Theologische bzw. religionsphilosophische Arbeiten markieren die Abkehr von einem auf dem Pakt mit der Macht erbauten orthodoxen Kirchentum (Exkommunikation 1901). Für Christen sah Tolstoi ausnahmslos keine Möglichkeit der Beteiligung an Staats-Eiden und Tötungsapparaten (Militär, Justiz, Todesstrafe, Herrschaftsideologie des Patriotismus, blutige Revolution mit Menschenopfern). Die in der Bergpredigt Jesu erkannte "Lehre vom Nichtwiderstreben" ließ ihn schließlich zu einem Inspirator Gandhis werden. Lackmusstext für den Wahrheitsgehalt aller Religionen waren für Tolstoi die Ablehnung jeglicher Gewalt und das Zeugnis für die Einheit der ganzen menschlichen Familie. Thomas Mann fand wenig Gefallen an der hochmoralischen "Kunsttheorie" und den (von Rosa Luxemburg z.T. durchaus geschätzten) Traktaten des späten Tolstoi, bemerkte aber - mit Blick auf die vielen Millionen Toten des Ersten Weltkriegs - 1928 anlässlich der Jahrhundertfeier von Tolstois Geburt: "Während der Krieg tobte, habe ich oft gedacht, dass er es nicht gewagt hätte auszubrechen, wenn im Jahre vierzehn die scharfen, durchdringenden grauen Augen des Alten von Jasnaja Poljana noch offen gewesen wären."

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Spätwerke von großen Autoren sind meines Empfindens oft nur schwer zu genießen. Doktor Faustus, Glasperlenspiel und Frauen vor Flusslandschaft, um nur mal an drei deutsche Nobelpreisträger zu erinnern, sind vielschichtig, komplex, interpretationsfähig oder einfach nur blanker Unsinn. Tolstois Spätwerk kann ich diese Attribute nicht zuordnen, was ja vielleicht als Kompliment zu verstehen wäre. Doch der Ton des über 70jährigen, der sein Leben am Ende des 19. Jahrhunderts ganz der Besitzlosigkeit, der Landwirtschaft und seinem Glauben widmete, ist durchweg belehrend, die Sprache anklagend, die Intention primitiv. Über die Liturgie der Orthodoxen macht er sich lustig ohne konkret seine Gründe darzulegen. Tolstoi ist Gesellschaftskritiker, ob in seinen vielen Erzählungen, die ich in diesem Jahr erstmals las oder auch in Anna Karenina. In Auferstehung habe ich aber das Gefühl, dass Tolstoi seine neue Religion der Leserschaft vermitteln will. Seine Ideale schreibt er seinem alten Ego, dem Fürst Nechliudow auf dem Leib und so soll aus dem ehemaligen Gutsbesitzers ein geläuterter Heiliger werden, in dem sich von allen Besitz zugunsten der Bauern trennt und sich von der Sünde reinigt, die in jungen Jahren beging. Damals ging er eine Beziehung mit einer jungen Frau ein, die danach schwanger wurde, das Kind verlor, in die Prostitution abrutschte und dann einen Mord an einem Freier angehängt bekommt. Der Fürst will nun das Leid lindern und sich opfern, da er als Schöffe ausgerechnet in der Gerichtsverhandlung der Frau versagte und sie nun zur Zwangsarbeit nach Sibirien soll. Tolstoi ist ein so hervorragend Romancier, wenn ich an Anna Karenina zurück denke, wie er den vielen Personen ein Gesicht und einen Charakter gab. Doch hier in Auferstehung bleibt insbesondere der Fürst sehr blass. Ich konnte nie richtig nachvollziehen, was ihn zu seinem radikalen Lebenswandel bewog und das ist doch eigentlich ein ganz zentraler Punkt. So kommt die Selbstlosigkeit auf Nechliudow wie Manna heruntergeregnet. Da wundert es nicht, dass die Maslowa, so der Name der Verurteilten, das Verhalten ihres ehemaligen Liebhabers nicht authentisch findet und seine Liebesbezeugung abwehrt. Als Erzählung hätte ich mir die Geschichte vielleicht noch bis zum Schluss angetan. Der große Mittelteil des Buchs besteht aber aus einer Bürokraten-Odyssee des Fürsten in St. Petersburg, als er versucht, eine Haftbefreiung für die Maslowa zu erreichen. Für Tolstoi ist dies dann willkommene Gelegenheit, auf alles einzuschlagen, was die russische Gesellschaft in dieser Zeit ausmachte. Ich empfand dies langweilig und ermüdend. Ständig wiederholt sich Tolstoi in seiner Kritik, sprachlich natürlich recht ansprechend, was den zweiten Stern in meiner Beurteilung zur Folge hat. Der Roman ist aber kein Vergleich zu den sozialkritischen Erzählungen wie z.B. Wieviel Erde braucht der Mensch, Der Holzschlag oder Der Leinwandmesser. Da gelingt es Tolstoi in bildhafter Sprache die menschlichen Makel aufzuzeigen. In Auferstehung klingt es aber nur wie das Gezeter eines alten Mannes. Ich habe es nach der St. Petersburger Phase nicht weiter ausgehalten und das Buch bei rund 70 % abgebrochen. Es interessierte mich einfach nicht mehr, wie die Geschichte weiterging. Das Ende des Buchs war mir euch die Biografie Tolstois schon bekannt. Apropos Biografie: das Leben Tolstois mit seinen vielen Brüchen fand ich faszinierend. Allerdings sind diese teilweise so radikal, das ich seine Distanz gegenüber der eigenen Familie einfach nicht nachvollziehen kann. Seine Frau hat unter der Darstellung der käuflichen Liebe in dem Roman gelitten, doch ihr Mann veröffentlichte sein Buch nichtsdestotrotz. Seine gewandelte Lebenseinstellung war Tolstoi wichtiger als die eigene Familie. Eigentlich versuche ich stets, Vita und Werk eines Autors voneinander zu trennen, doch hier konnte ich mich nicht ganz frei machen. „Gut gemeint, ist noch nicht gut gemacht“ Diese Philosophie kann ich noch verstehen, aber das Postulats eines armen Mönchen zu verwenden, um gegen die Windräder der Gesellschaft zu kämpfen, ist mir schlichtweg zu simpel. Wenn ich etwas über Schuld und Sühne in Russland des 19. Jahrhunderts lesen möchte, greife ich wohl besser zu Dostojewski, wenn den Kampf gegen den Bürokratie literarisch verarbeitet werden soll, dann zu Kafka. Hat mich enttäuscht. Ich brauche jetzt erstmal eine längere Tolstoi-Pause.

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Nachdem mich die Charakterstudien in "Anna Karenina" begeistert haben, hat mich dieser letzte Roman von Tolstoi enttäuscht. "Auferstehung" erscheint mir als plakatives Manifest, so als ob Tolstoi in späteren Jahren nochmal so richtig über alles und jeden her ziehen wollte. Im Großen und Ganzen kann ich Tolstois Systemkritik ja nachvollziehen, aber so missionarisch und aggressiv wie sie in diesem Roman vorgetragen wird, war ich spätestens im dritten Teil extrem ermüdet. Tolstois Kritik findet man heute tagtäglich in kitschigen Weltverbesserungssprüchen bei Facebook wieder. Allerdings sind sie bei Tolstoi sprachlich weitaus geschickter und eleganter verpackt, weshalb ich anfangs auch noch ein Auge zugedrückt habe. Das Ende war glücklicherweise nicht kitschig, allerdings muss ich ehrlich gestehen, dass ich da auch schon so entnervt war, dass ich Nechljudows inneren Monolog zur Bibel und diversen Glaubenssätzen eher überflogen als wirklich gelesen habe. Als Tolstoi dann im dritten Teil auf gefühlt jeder dritten Seite über körperliche Liebe zetert, habe ich vollends meine Geduld mit dem alten Herrn verloren. Jede Form die über platonische Liebe hinausgeht, wird von Tolstoi verurteilt, als Sünde und Zügellosigkeit, ja sogar Abartigkeit dargestellt. Bei dieser spießigen Prüderie kam ich mir vor wie in einem Vortrag irgendeiner strenggläubigen Sekte. Die Figuren blieben dementsprechend blass, besonders die weiblichen Charaktere beschränkten sich auf die gefallene Sünderin Maria Magdalena, aka Maslowa, die wieder zum wahren Glauben findet und der heiligen Jungfrau Maria, alias Maria Pawlowna. Das war mir wirklich zu beschränkt und anstrengend. Das nächste Mal lieber eine Erzählung aus jüngeren, weniger prüden Jahren Herr Tolstoi.

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Spätwerke von großen Autoren sind meines Empfindens oft nur schwer zu genießen. Doktor Faustus, Glasperlenspiel und Frauen vor Flusslandschaft, um nur mal an drei deutsche Nobelpreisträger zu erinnern, sind vielschichtig, komplex, interpretationsfähig oder einfach nur blanker Unsinn. Tolstois Spätwerk kann ich diese Attribute nicht zuordnen, was ja vielleicht als Kompliment zu verstehen wäre. Doch der Ton des über 70jährigen, der sein Leben am Ende des 19. Jahrhunderts ganz der Besitzlosigkeit, der Landwirtschaft und seinem Glauben widmete, ist durchweg belehrend, die Sprache anklagend, die Intention primitiv. Über die Liturgie der Orthodoxen macht er sich lustig ohne konkret seine Gründe darzulegen. Tolstoi ist Gesellschaftskritiker, ob in seinen vielen Erzählungen, die ich in diesem Jahr erstmals las oder auch in Anna Karenina. In Auferstehung habe ich aber das Gefühl, dass Tolstoi seine neue Religion der Leserschaft vermitteln will. Seine Ideale schreibt er seinem alten Ego, dem Fürst Nechliudow auf dem Leib und so soll aus dem ehemaligen Gutsbesitzers ein geläuterter Heiliger werden, in dem sich von allen Besitz zugunsten der Bauern trennt und sich von der Sünde reinigt, die in jungen Jahren beging. Damals ging er eine Beziehung mit einer jungen Frau ein, die danach schwanger wurde, das Kind verlor, in die Prostitution abrutschte und dann einen Mord an einem Freier angehängt bekommt. Der Fürst will nun das Leid lindern und sich opfern, da er als Schöffe ausgerechnet in der Gerichtsverhandlung der Frau versagte und sie nun zur Zwangsarbeit nach Sibirien soll. Tolstoi ist ein so hervorragend Romancier, wenn ich an Anna Karenina zurück denke, wie er den vielen Personen ein Gesicht und einen Charakter gab. Doch hier in Auferstehung bleibt insbesondere der Fürst sehr blass. Ich konnte nie richtig nachvollziehen, was ihn zu seinem radikalen Lebenswandel bewog und das ist doch eigentlich ein ganz zentraler Punkt. So kommt die Selbstlosigkeit auf Nechliudow wie Manna heruntergeregnet. Da wundert es nicht, dass die Maslowa, so der Name der Verurteilten, das Verhalten ihres ehemaligen Liebhabers nicht authentisch findet und seine Liebesbezeugung abwehrt. Als Erzählung hätte ich mir die Geschichte vielleicht noch bis zum Schluss angetan. Der große Mittelteil des Buchs besteht aber aus einer Bürokraten-Odyssee des Fürsten in St. Petersburg, als er versucht, eine Haftbefreiung für die Maslowa zu erreichen. Für Tolstoi ist dies dann willkommene Gelegenheit, auf alles einzuschlagen, was die russische Gesellschaft in dieser Zeit ausmachte. Ich empfand dies langweilig und ermüdend. Ständig wiederholt sich Tolstoi in seiner Kritik, sprachlich natürlich recht ansprechend, was den zweiten Stern in meiner Beurteilung zur Folge hat. Der Roman ist aber kein Vergleich zu den sozialkritischen Erzählungen wie z.B. Wieviel Erde braucht der Mensch, Der Holzschlag oder Der Leinwandmesser. Da gelingt es Tolstoi in bildhafter Sprache die menschlichen Makel aufzuzeigen. In Auferstehung klingt es aber nur wie das Gezeter eines alten Mannes. Ich habe es nach der St. Petersburger Phase nicht weiter ausgehalten und das Buch bei rund 70 % abgebrochen. Es interessierte mich einfach nicht mehr, wie die Geschichte weiterging. Das Ende des Buchs war mir euch die Biografie Tolstois schon bekannt. Apropos Biografie: das Leben Tolstois mit seinen vielen Brüchen fand ich faszinierend. Allerdings sind diese teilweise so radikal, das ich seine Distanz gegenüber der eigenen Familie einfach nicht nachvollziehen kann. Seine Frau hat unter der Darstellung der käuflichen Liebe in dem Roman gelitten, doch ihr Mann veröffentlichte sein Buch nichtsdestotrotz. Seine gewandelte Lebenseinstellung war Tolstoi wichtiger als die eigene Familie. Eigentlich versuche ich stets, Vita und Werk eines Autors voneinander zu trennen, doch hier konnte ich mich nicht ganz frei machen. „Gut gemeint, ist noch nicht gut gemacht“ Diese Philosophie kann ich noch verstehen, aber das Postulats eines armen Mönchen zu verwenden, um gegen die Windräder der Gesellschaft zu kämpfen, ist mir schlichtweg zu simpel. Wenn ich etwas über Schuld und Sühne in Russland des 19. Jahrhunderts lesen möchte, greife ich wohl besser zu Dostojewski, wenn den Kampf gegen den Bürokratie literarisch verarbeitet werden soll, dann zu Kafka. Hat mich enttäuscht. Ich brauche jetzt erstmal eine längere Tolstoi-Pause.

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