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Identität aus der Petrischale
Es ist Silvester 1999, als Lily Matthew auf einem Firmenevent kennenlernt. Sie ist Tochter chinesischer Einwanderer und unbezahlte Praktikantin, er Erbe eines millionenschweren Pharmaunternehmens. Sie scheinen nicht zusammenzupassen, kommen aus verschiedenen Welten und doch wollen sie ihren Lebensweg gemeinsam beschreiten. Doch es verbindet die beiden mehr als sie ahnen. Zwanzig Jahre später sucht Lilys Sohn Nick nach seiner Vergangenheit, nach dem Vater, den er nie kannte. Aber kann er auch mit dem leben, was er aufdecken wird? Rachel Khong nimmt den Leser mit „Real Americans“ mit auf eine Reise durch die Zeiten und Kulturen. Es beginnt mit Lily und Matthew, die gemeinsam das Millennium erleben, geht weiter mit Nick im Hier und Jetzt und zu guter Letzt ins China der Sechziger und sogar ein wenig in die Zukunft. Lange darf man sich beim Lesen fragen, was genau die Autorin mit diesem Buch eigentlich thematisieren wollte, vom Offensichtlichen, also Einwanderung, Herkunft und Rassismus, einmal abgesehen. Erst auf den letzten Seiten schließt sich der Kreis dieses Buches, das letztendlich vor allem eine unwahrscheinliche Familiengeschichte voller Irrungen und Wirrungen erzählt, gespickt mit den Hindernissen des Lebens in den USA für alle, die nicht der absurden Norm entsprechen. Der Stil der Autorin ist gewöhnungsbedürftig distanziert. Ihr Fokus liegt eindeutig nicht darauf, dem Leser die Protagonisten besonders sympathisch zu machen. Es stellt sich beim Lesen eher wenig Nähe zu den handelnden Figuren ein. Besonders im ersten Teil bleibt man auf Abstand zu Lily und Matthew, lernt etwas über ihr Aussehen und ihr Verhalten, ihre Gefühle bleiben jedoch fremd, die Charaktere wirken beinahe flach oder zweidimensional, reduziert auf die Elemente, die für das Storytelling wichtig sind. Daran muss man sich gewöhnen können, außerdem muss man Geduld mit dem Buch haben. Nicks Geschichte steht zum Beginn in starkem Kontrast. Ihm kommt man auf persönlicher Ebene etwas näher, auch wenn er ebenfalls kein besonders liebenswerter Protagonist ist. Seine Geschichte beginnt als klassisches Coming of Age, mit Sinnsuche und seinem Versuch, Gleichgewicht in seiner Herkunft und seinen Wurzeln zu finden, was ihn aber natürlich nur immer tiefer in ein Geflecht aus Verstrickungen, Fragezeichen und moralischen Fragwürdigkeiten führt. Im letzten Teil begegnen wir ihm dann als Erwachsenen, der versucht, aus dem Kreislauf, dem seine Familie seit Generationen folgt, auszubrechen. Über den Erfolg dessen lässt sich streiten. Lange Zeit war beim Lesen für mich die vorherrschende Emotion Skepsis, einfach weil das Buch so lange braucht, um klarzustellen, welche Geschichte es eigentlich erzählen möchte. Dazu kommt dann der eigenwillige, unpersönliche Stil mit den teils flach wirkenden Charakteren. Dennoch übt das Buch auf lange Sicht eine Faszination aus, möchte man doch endlich wissen, welche Verbrechen von den Reichen und Mächtigen begangen wurden, im Namen von Moral und Wissenschaft. Diesen Aspekt, der ja beinahe schon philosophisch ist, hat das Buch unter dem Strich auch sehr authentisch eingefangen und liefert somit auch einen bemerkenswerten Beitrag zur aktuellen Debatte über die Zukunft der Medizin, speziell der Gentechnik, und der Frage, wie weit Selbstoptimierung gehen darf. Das alles verbindet die Autorin dann mit ihrem (zugegebenermaßen eher schrägen) Familienepos und thematisiert auch den Irrsinn der amerikanischen Identität und den ständigen, unterschwelligen Rassismus, mit dem so viele Menschen täglich zu kämpfen haben. Auf einen ganz klaren Schlusspunkt kommt sie am Ende nicht und es scheinen auch einige Fragen zu den verschiedenen Zeitebenen offen zu bleiben, doch am Schluss siegt die Faszination, die dieses Buch trotz seiner Mängel auf jeden Fall ausgeübt hat.

20. Apr. 2026
Identität aus der Petrischale
Es ist Silvester 1999, als Lily Matthew auf einem Firmenevent kennenlernt. Sie ist Tochter chinesischer Einwanderer und unbezahlte Praktikantin, er Erbe eines millionenschweren Pharmaunternehmens. Sie scheinen nicht zusammenzupassen, kommen aus verschiedenen Welten und doch wollen sie ihren Lebensweg gemeinsam beschreiten. Doch es verbindet die beiden mehr als sie ahnen. Zwanzig Jahre später sucht Lilys Sohn Nick nach seiner Vergangenheit, nach dem Vater, den er nie kannte. Aber kann er auch mit dem leben, was er aufdecken wird? Rachel Khong nimmt den Leser mit „Real Americans“ mit auf eine Reise durch die Zeiten und Kulturen. Es beginnt mit Lily und Matthew, die gemeinsam das Millennium erleben, geht weiter mit Nick im Hier und Jetzt und zu guter Letzt ins China der Sechziger und sogar ein wenig in die Zukunft. Lange darf man sich beim Lesen fragen, was genau die Autorin mit diesem Buch eigentlich thematisieren wollte, vom Offensichtlichen, also Einwanderung, Herkunft und Rassismus, einmal abgesehen. Erst auf den letzten Seiten schließt sich der Kreis dieses Buches, das letztendlich vor allem eine unwahrscheinliche Familiengeschichte voller Irrungen und Wirrungen erzählt, gespickt mit den Hindernissen des Lebens in den USA für alle, die nicht der absurden Norm entsprechen. Der Stil der Autorin ist gewöhnungsbedürftig distanziert. Ihr Fokus liegt eindeutig nicht darauf, dem Leser die Protagonisten besonders sympathisch zu machen. Es stellt sich beim Lesen eher wenig Nähe zu den handelnden Figuren ein. Besonders im ersten Teil bleibt man auf Abstand zu Lily und Matthew, lernt etwas über ihr Aussehen und ihr Verhalten, ihre Gefühle bleiben jedoch fremd, die Charaktere wirken beinahe flach oder zweidimensional, reduziert auf die Elemente, die für das Storytelling wichtig sind. Daran muss man sich gewöhnen können, außerdem muss man Geduld mit dem Buch haben. Nicks Geschichte steht zum Beginn in starkem Kontrast. Ihm kommt man auf persönlicher Ebene etwas näher, auch wenn er ebenfalls kein besonders liebenswerter Protagonist ist. Seine Geschichte beginnt als klassisches Coming of Age, mit Sinnsuche und seinem Versuch, Gleichgewicht in seiner Herkunft und seinen Wurzeln zu finden, was ihn aber natürlich nur immer tiefer in ein Geflecht aus Verstrickungen, Fragezeichen und moralischen Fragwürdigkeiten führt. Im letzten Teil begegnen wir ihm dann als Erwachsenen, der versucht, aus dem Kreislauf, dem seine Familie seit Generationen folgt, auszubrechen. Über den Erfolg dessen lässt sich streiten. Lange Zeit war beim Lesen für mich die vorherrschende Emotion Skepsis, einfach weil das Buch so lange braucht, um klarzustellen, welche Geschichte es eigentlich erzählen möchte. Dazu kommt dann der eigenwillige, unpersönliche Stil mit den teils flach wirkenden Charakteren. Dennoch übt das Buch auf lange Sicht eine Faszination aus, möchte man doch endlich wissen, welche Verbrechen von den Reichen und Mächtigen begangen wurden, im Namen von Moral und Wissenschaft. Diesen Aspekt, der ja beinahe schon philosophisch ist, hat das Buch unter dem Strich auch sehr authentisch eingefangen und liefert somit auch einen bemerkenswerten Beitrag zur aktuellen Debatte über die Zukunft der Medizin, speziell der Gentechnik, und der Frage, wie weit Selbstoptimierung gehen darf. Das alles verbindet die Autorin dann mit ihrem (zugegebenermaßen eher schrägen) Familienepos und thematisiert auch den Irrsinn der amerikanischen Identität und den ständigen, unterschwelligen Rassismus, mit dem so viele Menschen täglich zu kämpfen haben. Auf einen ganz klaren Schlusspunkt kommt sie am Ende nicht und es scheinen auch einige Fragen zu den verschiedenen Zeitebenen offen zu bleiben, doch am Schluss siegt die Faszination, die dieses Buch trotz seiner Mängel auf jeden Fall ausgeübt hat.
20. Apr. 2026








