Nächtliche Wege
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Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Gaito Gasdanow, 1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben, gilt als einer der wichtigsten russischen Exilautoren des frühen 20. Jahrhunderts. Seit 1923 lebte er im Exil in Paris, wo er begann, regelmäßig literarische und journalistische Texte zu veröffentlichen. Wegen der existentialistischen Prägung seines Werks wurde Gasdanow wiederholt als der "russische Camus" bezeichnet. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen. Im Hanser Verlag erschienen die Romane Das Phantom des Alexander Wolf (2012), Ein Abend bei Claire (2014), Die Rückkehr des Buddha (2016), Nächtliche Wege (2018) und zuletzt die Erzählungen Schwarze Schwäne (2021).
Beiträge
Doch vieles, was ich weiß und wovon die Hälfte ausreichen würde, um mehrere Menschenleben für immer zu verseuchen, wüsste ich nicht, wenn ich nicht Taxifahrer hätte werden müssen. Vorher war ich allerdings Arbeiter gewesen, dann Student, dann Angestellter, dann unterrichtete ich Russisch und Französisch, und erst nachdem sich herausgestellt hatte, dass diese Tätigkeiten mir rein gar nichts nutzten, wies ich meine Kenntnis der Pariser Straßen nach, legte die Fahrprüfung ab und erhielt die erforderlichen Papiere. - Zitat, Seite 40 Wahrscheinlich würde man heute von einem autofiktionalen Roman sprechen, doch dieser Begriff war 1939/40, als erste Teile von "Nächtliche Wege" in der Pariser Emigrantenzeitschrift Sovremennye zapiski veröffentlicht wurden, noch unbekannt. Ein unbekannter Autor zu dieser Zeit war Gaito Gasdanow indes zwar nicht, hatte er doch mit seinem Debüt "Ein Abend bei Claire" einen Riesenerfolg, jedoch verdiente er sein Geld auch mehrere Jahre nach Veröffentlichung als Nachttaxifahrer in einem Paris, welches es so bald nicht mehr geben würde. Das "russische Paris", welches nach dem 1. Weltkrieg seine Blüte erlebte, sollte mit der deutschen Besetzung der französischen Metropole für immer verschwinden. Es sind allerdings nicht nur russische Emigranten, denen Gaito Gasdanow in diesem Roman seine Aufmerksamkeit widmet, sondern all den Nachtschwärmern, denen er begegnet: all den Prostituierten, all den Clochards in den Straßen, den Philosophen und den Freiern. Und natürlich wird von den unterschiedlichen Fahrgästen berichtet, zu denen der Schriftsteller auf Seite 225 folgendes Resümee zieht: "Doch die Fahrten endeten gut, und alle meine Kunden verloren sich in der Dunkelheit; jeder hatte sein eigenes, mir unbekanntes Leben, das ich in den wenigen Minuten unserer gemeinsamen Tour blind gekreuzt hatte." Es gibt wohl kaum einen Schriftsteller, der so nahbar in seinem Schreiben wird, wie Gaito Gasdanow. In unserer Vorstellung sitzen wir auf der Rückbank des Pariser Taxis und folgen den nächtlichen Wegen des Erzählers. Und dieser Nacht-Chauffeur erscheint uns mit seinen Geschichten bald so vertraut wie die Figuren, die ihm besonders am Herzen liegen: die alternde Halbweltdame Jeanne Raldy, der Clochard Platon, der wahnsinnige Wassiljew und das Ehepaar Suzanne und Fedortschenko. Es scheint so, als müssten wir nur die Hand ausstrecken, um unseren Chauffeur zu berühren - doch nein, da ist ja die obligatorische Scheibe, welche Fahrgast und Fahrer voneinander trennt! Übersetzt wurde dieser Roman von Christiane Körner, die in ihrem Nachwort die Besonderheit des Romans herausstellt: Was die "Nächtlichen Wege" neben ihrem Gegenstand besonders auszeichnet, ist die scheinbar assoziative, von Zufälle geprägte Collagetechnik, die auf der Textoberfläche das räumliche und zeitliche Erleben des Taxifahrers nachbildet. Darüber hinaus korrespondieren die nichtlinearen Erzählverfahren auf glänzende Weise mit dem Doppelsujet der unablässig äußeren wie inneren Bewegung, der disparaten, zerfallenden materiellen wie geistigen Welt. Das macht "Nächtlichen Wege" zum poetologisch modernsten von Gasdanows Romanen. FAZIT Wer sich gerne einen visuellen Eindruck, gepaart mit einer anziehenden Besprechung des Romans gönnen möchte, dem sei der Videobeitrag von Thoralf Czichon auf dessen YouTube Kanal LiteraturNews wärmstens empfohlen. Diese Empfehlung ließ mich zur Lektüre greifen - und ich habe es nicht bereut. Auf meiner Wunschliste lag der Titel aufgrund einer netten Anekdote des lieben Rudi (Rudolf_Schmitt) hier schon etwas länger: Danke auch Dir! Auch wenn zeitlich nicht ganz akkurat, fiel mir während der Lektüre eine Passage aus "Herrenabend" von Annett Louisan ein: Freitags und Samstags da sieht man all die Treuen sie streunen getrennt durchs Nachtclubdämmerlicht wo sie irgendwas suchen in der Fremdheit alles Neuen und Dinge tun wo Keiner drüber spricht - Klare Leseempfehlung für "Nächtliche Wege ".
Gazdanov ist selbst jahrelang im Taxi durch Paris gefahren - da fragt man sich, wie viele der Begegnungen und Erlebnisse aus diesem Buch der Autor tatsächlich selbst gemacht hat. Wie die Nacht ist es ein ruhiges, besinnliches Werk, das Paris jedoch von seiner düsteren und kalten Seite zeigt. Die romantische Stadt der Liebe hat bei einem Gaito Gazdanov nichts zu suchen. Es wimmelt hier von russischen Auswanderern (historischer Hintergrund), Prostituierten und Obdachlosen. Doch genau hier findet der Erzähler seine Welt. Manch heruntergekommene Figur hat geheime Seiten, die sich erst offenbaren, wenn man sich Zeit für sie nimmt. Es wird geliebt, es wird gehasst. Vielleicht auf andere Art und Weise als wir Tagmenschen es kennen, aber nur weil diese Leute anders leben, heisst das nicht, dass sie nicht auch zu tiefen Gedanken und Emotionen neigen. Man merkt den Zwiespalt, der in unserem Erzähler vorherrscht und vielleicht auch Gazdanov umgetrieben hat. Man lebt in dieser Stadt, ist aber nicht in ihr daheim. Man findet Freunde, aber sie verlassen einen wieder. Einsamkeit, Nähe - alles wechselt sich ab. Keines passt. "Nächtliche Wege" wird als bestes Werk Gazdanovs gewertet, wobei mir persönlich die magisch-realistischen Bücher des Autoren mehr zusagen. Aber dies ist eine persönliche Wertung. Aus literarischer Sicht kann ich der Aussage nämlich nur zustimmen. Fein komponiert, von Anfang bis Ende durchdacht, ist dieses Buch eine kleine Zauberbei der Traurigkeit. Das Lesen erfordert jedoch ein wenig Durchhaltevermögen und auch ist es von Vorteil, wenn man die geschichtlichen Hintergründe des Handlungsraums kennt. Dann eröffnet sich einem hier ein besonderes Werk, das seine emotionale Seite erst nach dem Beenden vollständig ausbreitet.
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Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Gaito Gasdanow, 1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben, gilt als einer der wichtigsten russischen Exilautoren des frühen 20. Jahrhunderts. Seit 1923 lebte er im Exil in Paris, wo er begann, regelmäßig literarische und journalistische Texte zu veröffentlichen. Wegen der existentialistischen Prägung seines Werks wurde Gasdanow wiederholt als der "russische Camus" bezeichnet. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen. Im Hanser Verlag erschienen die Romane Das Phantom des Alexander Wolf (2012), Ein Abend bei Claire (2014), Die Rückkehr des Buddha (2016), Nächtliche Wege (2018) und zuletzt die Erzählungen Schwarze Schwäne (2021).
Beiträge
Doch vieles, was ich weiß und wovon die Hälfte ausreichen würde, um mehrere Menschenleben für immer zu verseuchen, wüsste ich nicht, wenn ich nicht Taxifahrer hätte werden müssen. Vorher war ich allerdings Arbeiter gewesen, dann Student, dann Angestellter, dann unterrichtete ich Russisch und Französisch, und erst nachdem sich herausgestellt hatte, dass diese Tätigkeiten mir rein gar nichts nutzten, wies ich meine Kenntnis der Pariser Straßen nach, legte die Fahrprüfung ab und erhielt die erforderlichen Papiere. - Zitat, Seite 40 Wahrscheinlich würde man heute von einem autofiktionalen Roman sprechen, doch dieser Begriff war 1939/40, als erste Teile von "Nächtliche Wege" in der Pariser Emigrantenzeitschrift Sovremennye zapiski veröffentlicht wurden, noch unbekannt. Ein unbekannter Autor zu dieser Zeit war Gaito Gasdanow indes zwar nicht, hatte er doch mit seinem Debüt "Ein Abend bei Claire" einen Riesenerfolg, jedoch verdiente er sein Geld auch mehrere Jahre nach Veröffentlichung als Nachttaxifahrer in einem Paris, welches es so bald nicht mehr geben würde. Das "russische Paris", welches nach dem 1. Weltkrieg seine Blüte erlebte, sollte mit der deutschen Besetzung der französischen Metropole für immer verschwinden. Es sind allerdings nicht nur russische Emigranten, denen Gaito Gasdanow in diesem Roman seine Aufmerksamkeit widmet, sondern all den Nachtschwärmern, denen er begegnet: all den Prostituierten, all den Clochards in den Straßen, den Philosophen und den Freiern. Und natürlich wird von den unterschiedlichen Fahrgästen berichtet, zu denen der Schriftsteller auf Seite 225 folgendes Resümee zieht: "Doch die Fahrten endeten gut, und alle meine Kunden verloren sich in der Dunkelheit; jeder hatte sein eigenes, mir unbekanntes Leben, das ich in den wenigen Minuten unserer gemeinsamen Tour blind gekreuzt hatte." Es gibt wohl kaum einen Schriftsteller, der so nahbar in seinem Schreiben wird, wie Gaito Gasdanow. In unserer Vorstellung sitzen wir auf der Rückbank des Pariser Taxis und folgen den nächtlichen Wegen des Erzählers. Und dieser Nacht-Chauffeur erscheint uns mit seinen Geschichten bald so vertraut wie die Figuren, die ihm besonders am Herzen liegen: die alternde Halbweltdame Jeanne Raldy, der Clochard Platon, der wahnsinnige Wassiljew und das Ehepaar Suzanne und Fedortschenko. Es scheint so, als müssten wir nur die Hand ausstrecken, um unseren Chauffeur zu berühren - doch nein, da ist ja die obligatorische Scheibe, welche Fahrgast und Fahrer voneinander trennt! Übersetzt wurde dieser Roman von Christiane Körner, die in ihrem Nachwort die Besonderheit des Romans herausstellt: Was die "Nächtlichen Wege" neben ihrem Gegenstand besonders auszeichnet, ist die scheinbar assoziative, von Zufälle geprägte Collagetechnik, die auf der Textoberfläche das räumliche und zeitliche Erleben des Taxifahrers nachbildet. Darüber hinaus korrespondieren die nichtlinearen Erzählverfahren auf glänzende Weise mit dem Doppelsujet der unablässig äußeren wie inneren Bewegung, der disparaten, zerfallenden materiellen wie geistigen Welt. Das macht "Nächtlichen Wege" zum poetologisch modernsten von Gasdanows Romanen. FAZIT Wer sich gerne einen visuellen Eindruck, gepaart mit einer anziehenden Besprechung des Romans gönnen möchte, dem sei der Videobeitrag von Thoralf Czichon auf dessen YouTube Kanal LiteraturNews wärmstens empfohlen. Diese Empfehlung ließ mich zur Lektüre greifen - und ich habe es nicht bereut. Auf meiner Wunschliste lag der Titel aufgrund einer netten Anekdote des lieben Rudi (Rudolf_Schmitt) hier schon etwas länger: Danke auch Dir! Auch wenn zeitlich nicht ganz akkurat, fiel mir während der Lektüre eine Passage aus "Herrenabend" von Annett Louisan ein: Freitags und Samstags da sieht man all die Treuen sie streunen getrennt durchs Nachtclubdämmerlicht wo sie irgendwas suchen in der Fremdheit alles Neuen und Dinge tun wo Keiner drüber spricht - Klare Leseempfehlung für "Nächtliche Wege ".
Gazdanov ist selbst jahrelang im Taxi durch Paris gefahren - da fragt man sich, wie viele der Begegnungen und Erlebnisse aus diesem Buch der Autor tatsächlich selbst gemacht hat. Wie die Nacht ist es ein ruhiges, besinnliches Werk, das Paris jedoch von seiner düsteren und kalten Seite zeigt. Die romantische Stadt der Liebe hat bei einem Gaito Gazdanov nichts zu suchen. Es wimmelt hier von russischen Auswanderern (historischer Hintergrund), Prostituierten und Obdachlosen. Doch genau hier findet der Erzähler seine Welt. Manch heruntergekommene Figur hat geheime Seiten, die sich erst offenbaren, wenn man sich Zeit für sie nimmt. Es wird geliebt, es wird gehasst. Vielleicht auf andere Art und Weise als wir Tagmenschen es kennen, aber nur weil diese Leute anders leben, heisst das nicht, dass sie nicht auch zu tiefen Gedanken und Emotionen neigen. Man merkt den Zwiespalt, der in unserem Erzähler vorherrscht und vielleicht auch Gazdanov umgetrieben hat. Man lebt in dieser Stadt, ist aber nicht in ihr daheim. Man findet Freunde, aber sie verlassen einen wieder. Einsamkeit, Nähe - alles wechselt sich ab. Keines passt. "Nächtliche Wege" wird als bestes Werk Gazdanovs gewertet, wobei mir persönlich die magisch-realistischen Bücher des Autoren mehr zusagen. Aber dies ist eine persönliche Wertung. Aus literarischer Sicht kann ich der Aussage nämlich nur zustimmen. Fein komponiert, von Anfang bis Ende durchdacht, ist dieses Buch eine kleine Zauberbei der Traurigkeit. Das Lesen erfordert jedoch ein wenig Durchhaltevermögen und auch ist es von Vorteil, wenn man die geschichtlichen Hintergründe des Handlungsraums kennt. Dann eröffnet sich einem hier ein besonderes Werk, das seine emotionale Seite erst nach dem Beenden vollständig ausbreitet.





