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Der Osten: eine westdeutsche Erfindung

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Über das Buch

»Der Osten hat keine Zukunft, solange er nur als Herkunft begriffen wird.«

Was bedeutet es, eine Ost-Identität auferlegt zu bekommen? Eine Identität, die für die wachsende gesellschaftliche Spaltung verantwortlich gemacht wird? Der Attribute wie Populismus, mangelndes Demokratieverständnis, Rassismus, Verschwörungsmythen und Armut zugeschrieben werden? Dirk Oschmann zeigt in seinem augenöffnenden Buch, dass der Westen sich über dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch immer als Norm definiert und den Osten als Abweichung. Unsere Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft werden von westdeutschen Perspektiven dominiert. Pointiert durchleuchtet Oschmann, wie dieses Othering unserer Gesellschaft schadet, und initiiert damit eine überfällige Debatte.

»Wer über den Beitritt und die Folgen sprechen will, wird um dieses Buch nicht herumkommen.« Ingo Schulze

Editionen (2)

ISBN9783548069838
VerlagUllstein Taschenbuch Verlag
Erscheinungsdatum29.08.24
Seitenzahl224

Rezensionen & Bewertungen

189 Bewertungen

30 Rezensionen

4,0

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  • buch_elfin
    buch_elfin

    205 Follower

    4,0

    Aufschlussreich und für jeden de den Osten verstehen lernen möchte

    Der Einstieg in dieses Thema fällt mir nicht leicht. Es ist einfach so vielschichtig und komplex, da bräuchte es eigentlich eine richtig ausführlichere und tiefgehender Betrachtung. Das Buch „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ von Dirk Oschmann beschäftigt sich auf spannende und kritische Weise mit der Wahrnehmung und Konstruktion des Ostens in Deutschland. Oschmann analysiert, wie der Ostdeutsche in der westdeutschen Gesellschaft oft stereotypisiert und als „anders“ oder „fremd“ dargestellt wurde, was letztlich zu einer Art „Erfindung“ des Ostens als Gegenbild zum Westen führte. Das Buch bietet eine interessante Perspektive auf die Geschichte, Kultur und politische Entwicklung Deutschlands und regt zum Nachdenken darüber an, wie Identitäten und Grenzen in der Gesellschaft geformt werden. Das Buch hat meine Gefühle und Eindrücke bestätigt, auch wenn es primär die Perspektive einer eher elitären Gesellschaftsschicht beleuchtet. Ich empfinde die Darstellung als hervorragend geschrieben und tiefgründig recherchiert. Doch die gehäufte Verwendung von Fremdwörtern kann den Lesefluss stellenweise erschweren. Die Tatsache, dass der Autor in Gotha geboren wurde und an der Universität Leipzig lehrt und aus seiner Sicht verfasst wurde, verleiht der gesamten Darstellung eine unvergleichliche Authentizität. Die folgenden Zeilen geben meine ganz persönliche Betrachtung zu diesem Buch wieder. Sie sind als meine subjektive Einschätzung zu verstehen und sollen weder die eine noch die andere Seite despektierlich behandeln Darüber hinaus fiel mir auf, dass das Wort „Osten“ genauso negativ behaftet ist wie das Wort „Schwarz“, nur wird das oft nicht so thematisiert. Wie soll der Osten anders denkende Menschen akzeptieren, wenn er noch nicht einmal vom eigenen Rest des Landes anerkannt und akzeptiert wird? Das ist eine wichtige Frage, die im Buch mitschwingt und zeigt, wie tief gesellschaftliche Vorurteile verwurzelt sind. Ein wichtiger Fokus des Buches liegt auf der Entmystifizierung des Vorurteils, der Osten verstünde Demokratie nicht. Es zeigt stattdessen, dass demokratische Werte dort durchaus verankert sind, deren Umgang und Wahrnehmung jedoch maßgeblich durch spezifische historische Erfahrungen geformt wurden. Textstelle Seite 95 „Kein Ostdeutscher verachtete je die Demokratie, weder vor 1989 und erst recht nicht danach – er erkennt sie nur genauer, er nimmt sie persönlicher.“(Klaus Wolfram) Das Buch thematisiert zudem eindringlich die oft fehlende Anerkennung ostdeutscher Künstler, die allein aufgrund ihrer Herkunft geschieht. Es offenbart, wie kulturelle Beiträge aus dem Osten systematisch unterbewertet werden, wodurch die tiefgreifende Wirkung von Vorurteilen und soziokulturellen Zuschreibungen auf die Wahrnehmung künstlerischer Qualität sichtbar wird. Ein zentraler Aspekt, den das Buch beleuchtet, ist die oft verkürzte und negative Darstellung des Ostens als wirtschaftlich benachteiligt oder gar "dumm". Diese pauschale Sichtweise verkennt eine entscheidende historische Realität: In der DDR war der private Vermögensaufbau gesetzlich untersagt. Das Verbot des Vermögensaufbaus im kapitalistischen Sinne war keine einzelne, explizite Verbotsnorm im ZGB, sondern eine systembedingte Konsequenz der sozialistischen Eigentumsordnung. Das gesamte Wirtschaftsrecht und die Praxis der DDR waren darauf ausgelegt, die Akkumulation von Privatvermögen zu unterbinden und stattdessen das Volkseigentum und die zentrale Planwirtschaft zu stärken. Mit der Wiedervereinigung fehlten den Ostdeutschen schlichtweg die Startvoraussetzungen, die im Westen über Jahrzehnte hinweg zum Aufbau von Vermögen geführt hatten. Das Buch erklärt überzeugend, dass die wirtschaftliche Benachteiligung vieler Ostdeutscher nicht auf mangelnder Intelligenz oder Faulheit beruht, sondern auf dieser systembedingten Verhinderung von Vermögensbildung. Es wird deutlich, dass das Aufholen nach der Wende angesichts dieser grundlegenden Ungleichheit eine enorme Herausforderung darstellt und die bis heute spürbaren strukturellen Ungleichheiten maßgeblich prägt. Ein weiterer kritischer Aspekt, den das Buch beleuchtet, ist der Prozess der Wiedervereinigung selbst, der oft als "Verschacherung" der DDR an den Meistbietenden wahrgenommen wurde. Das auch in der Literatur wiederzufinden ist „Unser geteilter Sommer“ von Sophie Hardach, Seite 309 „ Oma hatte recht gehabt, unser Land wurde nicht bloß reformiert. Es ging nicht bloß darum, ein paar Begriffe und Bilder in den Büchern zu ersetzen – nein, das ganze Land galt als derart gescheitert, dass man es lieber gleich vollständig verschrottete.“ Die fehlende Anpassung der Verfassung und die einseitige Forderung nach einer vollständigen Angleichung des Ostens führten zu einem klaren Machtgefälle und Mitspracherecht-Defizit für die neuen Bundesländer. Das Buch zeigt zudem auf, wie diese Asymmetrie sich auch in konkreten Biografien niederschlug: So hatten viele qualifizierte ostdeutsche Professoren an westdeutschen Universitäten kaum Chancen, sich zu etablieren oder Karriere zu machen. Auch hier im Buch „ Unser geteilter Sommer“ auf Seite „Wir zogen von Prenzlauer Berg um in ihre winzige Wohnung im Wedding. Sie hatte keine Stelle als Dozentin gefunden und arbeitete als Putzfrau.“ Dies verdeutlicht eindringlich, in welchem Maße Ostdeutsche nach der Wende strukturell benachteiligt wurden und welche enormen Herausforderungen sie bei der Behauptung in der neuen Gesellschaft zu meistern hatten. Textstelle, Seite 123 „Der Osten hat keine Zukunft, solange er nur als Herkunft begriffen wird.“/ Seite 215/ Nr. 94 Odo Marquards berühmter Satz „Zukunft braucht Herkunft“ und nicht wenn man die falsche Herkunft hat. Einfach mal drüber nachdenken. Dieses Buch war für mich unglaublich aufschlussreich es hat mir nicht nur die Augen geöffnet, sondern mich auch tief in meiner eigenen Wahrnehmung bestätigt. Es zeigt eindrücklich, wie sehr unsere Sicht auf die Welt von vielem beeinflusst wird und wie wichtig es ist, sich kritisch mit solchen gesellschaftlichen Konstruktionen auseinanderzusetzen. Ich fand es verständlich geschrieben und es hat mich dazu angeregt, meine eigene Perspektive zu hinterfragen, während es gleichzeitig den Wunsch weckt, dass mehr Verständnis und Neugierde für andere Blickwinkel in unserer Gesellschaft vorhanden wären.

    28. Juli 2025

  • ricos
    ricos

    36 Follower

    5,0

    Notwendig, und zu Recht wütend.

    Oschmanns Buch ist kein regionales "Jammern", sondern ein tiefes Unbehagen an der Konstruktion einer Öffentlichkeit, die zwar gesamtdeutsch heißt, aber westdeutsch funktioniert. Habermas’ Idee einer deliberativen Öffentlichkeit, in der Rationalität und Gleichberechtigung herrschen sollten, wurde mit der Wiedervereinigung nicht eingelöst. Oschmann beschreibt diese Stummheit, da sie bis heute strukturell fortwirkt. Es gibt keine Medienplattformen, die nicht westdeutsch kontrolliert sind. Bis heute darf das „gesamtdeutsche“ Fernsehen kaum sächsisch, anhaltinisch oder thüringisch klingen, weil Sprache ja gesellschaftliche Zugehörigkeit markiert. Und diese Dialekte klingen ja doof. Bis heute besteht auch ein steiles Macht-, Herrschafts-, Besitz-, Lohn-, Renten- und Erbschafts- und Diskursgefälle. Zuhören ja, aber reden und womöglich kritisieren, nein. Mit dem Elitenaustausch an den Universitäten sind bis heute nahezu alle Professuren und Dekanate an ostdeutschen Universitäten in westdeutscher Hand, seit 1990. Kamen doch damals auch die Assistenten etc. mit, die dann die nächste Generation bildeten. Ich finde es gut, dass Oschmanns so wütend darüber ist und das so artikuliert. Oft hört man, ja, aber Merkel, aber Gauck. Merkel hat erst in ihrer Abschlussrede auf ihre ostdeutsche Herkunft Bezug genommen. Und Gaucks Wort vom „Dunkeldeutschland“ war kein Zufall, danke für nichts. Passend dazu sein Duckmäusertum in der Revolution am Ende der DDR. Dass auch sein Sohn in der FAZ Oschmanns Kritik als „Überempfindlichkeit“ abtut, ist auch nicht überraschend. Ein schönes Beispiel auch das geplante Forum Recht. Der Bundestag entschied sich für den Standort Leipzig. Dann gab es Kritik aus dem Justizministerium, die Vergabe wurde abgeblasen und das Zentrum sollte in Karlsruhe entstehen. Nach heftigem Protest wird es nun zwei Zentren geben, wobei Karlsruhe besser finanziert werden wird. Irgendwann heißt es dann vielleicht, was sollen wir mit dem kleinen Standort Leipzig, weg damit. Die Ostdeutschen ist kein Angriff, sondern ein Versuch, das demokratische Projekt zu vollenden – indem er jene Öffentlichkeit fordert, die Habermas einst entworfen, aber deren integrale Hälfte das vereinte Deutschland nie wirklich zugelassen hat. Sehr lesenswert.

    27. Okt. 2025

  • julsico
    julsico

    77 Follower

    4,5

    Nur aus dem Osten

    „Man hört gar nicht, dass du aus dem Osten kommst.“ Diesen Satz habe ich schon mehrmals gehört und nie besonders intensiv darüber nachgedacht, was dahinter steckt. Und das, obwohl es „den Osten“ schon eine Weile nicht mehr gab, als ich geboren wurde. Dirk Oschmann hat da ein paar direktere und auch unangenehmere Erfahrungen gemacht und gemerkt, dass es auch heute, über dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung, eine genaue Vorstellung davon gibt, was „den Osten“ ausmacht - und das ist nichts Gutes. Der Autor spürt dabei nicht nur eigenen Erfahrungen nach, sondern geht ebenso auf Ursachensuche und erläutert die bis heute spürbaren Konsequenzen. Oschmanns Text muss man dabei schon als emotionsgeladen bezeichnen, was allerdings absolut zur Aussageabsicht passte. Denn den devoten Part bekommen Menschen „im Osten“ viel zu oft zugewiesen - nun ist es Zeit, die Stimme zu erheben. So gesehen habe ich nicht nur viel erhellend Theoretisches, sondern auch praktisch Nützliches gelernt für den Fall, dass mir mal wieder jemand so ein zweifelhaftes „Kompliment“ wie oben macht.

    20. Jan. 2025

3 von 30 Rezensionen

SocialReads

Seitenbasierte Kommentare

Seite 3717%
lydia.m
lydia.m6. Jan. 2026

„Kaum eine gesellschaftliche Gruppe ist nach 1990 so benachteiligt worden wie ostdeutsche Männer.“ Und nun überlege ich: Meint der das ernst??

Seite 15879%

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Autorin / Autor

Über Dirk Oschmann

Dirk Oschmann, geboren 1967 in Gotha, ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Leipzig. Sein Buch Der Osten: eine westdeutsche Erfindung stieß auf große bundesweite Resonanz und stand wochenlang auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste.

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