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Einmal habe er [der Theatermacher] eine Passage aus Walter Benjamins "Betrachtungen zum Werk Nicolai Lesskows" zitiert, in der es heiße, die Figur des Erzählers sei "uns etwas bereits Entferntes und weiter noch sich Entfernendes", um danach zu fragen, ob man sich in diesem Sinne nicht die Holländerinnen als Erzählerinnen denken könne, die sich fortlaufend von ihnen entfernten, die weit vor ihnen gingen, deren Spuren sich im Dickicht des Urwaldes verlören. - Zitat, Seite 48, Einschub nicht im Originaltext Ein Roman der im vergangenen Jahr 2025 gleich mit drei renommierten Preisen bedacht wurde, kann doch eigentlich nur als literarische Sensation gefeiert werden, oder? - Vom Unerzählbaren soll dieses Werk lebhaft erzählen (was für ein Widerspruch insich!); aus großer, alter Literatur große neue Literatur machen (in anderen Worten: meisterhafte Texte werden recycelt?) und "wer diesen Text betritt, fällt in den Abgrund dieser Welt und blickt mit aufgerissenen Augen in die Finsternis." Kritische Stimmen dagegen sprechen von einem unzugänglichen Text, der mit dem durchgängigen Gebrauch des Konjunktiv künstlich und distanziert wirkt und dessen Handlung nicht greifbar ist. Wie steht es in schon in der "Unendlichen Geschichte": "Wir hatten beide Recht und haben uns beide geirrt." - Aber jetzt gehen wir der Sache auf den Grund: Worin geht es in "Die Holländerinnen"? Eines vorausgeschickt: es geht im Wesentlichen nicht um das Verschwinden der Holländerinnen, also um den mysteriösen Todesfall zweier Touristinnen im Amazonasgebiet. Vielmehr betritt eine fiktive Schriftstellerin, die als "bedeutende Erzählerin" vorgestellt wird, zu Beginn des Romans eine Bühne, um über ihr Schaffen zu sprechen. Anders als ursprünglich geplant, verlässt sie jedoch die Pfade ihres Skripts und betritt, bewaffnet mit einem Stapel wirrer Notizen, ihre Erinnerungen an ein Projekt eines namenlosen Theatermachers, an dem sie beteiligt war und der sie in der nun geschilderten Zeit nach Panama und in den Urwald führte. Dort schrieb sie nicht nur ihre Eindrücke auf, sondern sammelte auch die vielen Geschichten der am Projekt beteiligten Personen auf. Und natürlich folgt das Team auch dem Pfad der an diesem Ort verunglückten Holländerinnen, denn das Projekt soll der Tragödie nachspüren und sie künstlerisch interpretieren. Es zeichnet sich folgendes Bild vor dem geistigen Auge ab: wie eine Hauswinkelspinne wirft die Autorin Dorothee Elmiger Mithilfe ihrer Erzählerin am Rednerpult ihre Fäden aus: mit der mythischen Geschichte der Ziegen fängt sie Begeisterte Alter Kulturen, mit ihrer Referenz für all die Meister und Meisterinnen der Literatur und Philosophie umgarnt sie Literaturwissenschaftler und Philosophen gleichermaßen und mit feministischen Taktschlägen trommelt sie die aufmerksamen Freundinnen herbei. Dann gibt es noch ein wenig Apokalypse mit Hufgetrappel und ein paar "Zauberworte" aus dem alten Testament "du wirst den Schrecken der Nacht nicht fürchten" (Seite 140, Zitat aus Psalm 91) und natürlich die Hommage an die Filmkunst (Stichwort Werner Herzog). Na, wer klebt jetzt noch nicht an den Seiten fest wie an Spinnenseide und zappelt vor Begeisterung, vor Verwirrung, vor Langeweile oder auch aus Verzweiflung mit den noch freien Gliedmaßen? - Und fragt sich vielleicht: Wozu das ganze Spektakel? Ein wenig zu denken, gibt da bereits das vorangestellte Zitat von Werner Herzog aus "Eroberung des Nutzlosen". Geht es hier in Wirklichkeit um Belanglosigkeiten? Viel Lärm um nichts? Kunst oder Künstliches? Komplexität oder Konstruktion? Tiefsinniges oder bodenlose Frechheit? Abenteuer oder Absturz? Endliches oder Ewiges? - Aber wir wollen nicht abschweifen (auch wenn es die Erzählerin hier sehr gerne tut). Wie der Roman einzuschätzen ist, muss wohl jeder am Ende selbst entscheiden. FAZIT Vielleicht war dies das Merkmal der Postmoderne, dass man Gefühle nur benannte, aber nicht selbst empfand. So oder so ähnlich kann man den Satz in "Caledonian Road" von Andrew O'Hagan lesen und an diese Worte musste ich bei der Lektüre von "Die Holländerinnen" denken. Sollte dies der Maßstab zur Bewertung sein, kann man das Buch vielleicht als den perfekten Roman bezeichnen. Aber für mich reicht es nicht - ich will mehr! Mehr Substanz in der Handlung - statt Begrifflichkeiten will ich gelebte Emotionen sehen. Das Abstrakte muss sich zum Lebendigen wandeln und Gedanken wollen auf Reisen gehen. Aber dieser Roman bietet mir nichts Neues an und bleibt am Ende seltsam banal. Keine Inspiration für mich - leider keine persönliche Empfehlung!
8. Jan. 2026
Einmal habe er [der Theatermacher] eine Passage aus Walter Benjamins "Betrachtungen zum Werk Nicolai Lesskows" zitiert, in der es heiße, die Figur des Erzählers sei "uns etwas bereits Entferntes und weiter noch sich Entfernendes", um danach zu fragen, ob man sich in diesem Sinne nicht die Holländerinnen als Erzählerinnen denken könne, die sich fortlaufend von ihnen entfernten, die weit vor ihnen gingen, deren Spuren sich im Dickicht des Urwaldes verlören. - Zitat, Seite 48, Einschub nicht im Originaltext Ein Roman der im vergangenen Jahr 2025 gleich mit drei renommierten Preisen bedacht wurde, kann doch eigentlich nur als literarische Sensation gefeiert werden, oder? - Vom Unerzählbaren soll dieses Werk lebhaft erzählen (was für ein Widerspruch insich!); aus großer, alter Literatur große neue Literatur machen (in anderen Worten: meisterhafte Texte werden recycelt?) und "wer diesen Text betritt, fällt in den Abgrund dieser Welt und blickt mit aufgerissenen Augen in die Finsternis." Kritische Stimmen dagegen sprechen von einem unzugänglichen Text, der mit dem durchgängigen Gebrauch des Konjunktiv künstlich und distanziert wirkt und dessen Handlung nicht greifbar ist. Wie steht es in schon in der "Unendlichen Geschichte": "Wir hatten beide Recht und haben uns beide geirrt." - Aber jetzt gehen wir der Sache auf den Grund: Worin geht es in "Die Holländerinnen"? Eines vorausgeschickt: es geht im Wesentlichen nicht um das Verschwinden der Holländerinnen, also um den mysteriösen Todesfall zweier Touristinnen im Amazonasgebiet. Vielmehr betritt eine fiktive Schriftstellerin, die als "bedeutende Erzählerin" vorgestellt wird, zu Beginn des Romans eine Bühne, um über ihr Schaffen zu sprechen. Anders als ursprünglich geplant, verlässt sie jedoch die Pfade ihres Skripts und betritt, bewaffnet mit einem Stapel wirrer Notizen, ihre Erinnerungen an ein Projekt eines namenlosen Theatermachers, an dem sie beteiligt war und der sie in der nun geschilderten Zeit nach Panama und in den Urwald führte. Dort schrieb sie nicht nur ihre Eindrücke auf, sondern sammelte auch die vielen Geschichten der am Projekt beteiligten Personen auf. Und natürlich folgt das Team auch dem Pfad der an diesem Ort verunglückten Holländerinnen, denn das Projekt soll der Tragödie nachspüren und sie künstlerisch interpretieren. Es zeichnet sich folgendes Bild vor dem geistigen Auge ab: wie eine Hauswinkelspinne wirft die Autorin Dorothee Elmiger Mithilfe ihrer Erzählerin am Rednerpult ihre Fäden aus: mit der mythischen Geschichte der Ziegen fängt sie Begeisterte Alter Kulturen, mit ihrer Referenz für all die Meister und Meisterinnen der Literatur und Philosophie umgarnt sie Literaturwissenschaftler und Philosophen gleichermaßen und mit feministischen Taktschlägen trommelt sie die aufmerksamen Freundinnen herbei. Dann gibt es noch ein wenig Apokalypse mit Hufgetrappel und ein paar "Zauberworte" aus dem alten Testament "du wirst den Schrecken der Nacht nicht fürchten" (Seite 140, Zitat aus Psalm 91) und natürlich die Hommage an die Filmkunst (Stichwort Werner Herzog). Na, wer klebt jetzt noch nicht an den Seiten fest wie an Spinnenseide und zappelt vor Begeisterung, vor Verwirrung, vor Langeweile oder auch aus Verzweiflung mit den noch freien Gliedmaßen? - Und fragt sich vielleicht: Wozu das ganze Spektakel? Ein wenig zu denken, gibt da bereits das vorangestellte Zitat von Werner Herzog aus "Eroberung des Nutzlosen". Geht es hier in Wirklichkeit um Belanglosigkeiten? Viel Lärm um nichts? Kunst oder Künstliches? Komplexität oder Konstruktion? Tiefsinniges oder bodenlose Frechheit? Abenteuer oder Absturz? Endliches oder Ewiges? - Aber wir wollen nicht abschweifen (auch wenn es die Erzählerin hier sehr gerne tut). Wie der Roman einzuschätzen ist, muss wohl jeder am Ende selbst entscheiden. FAZIT Vielleicht war dies das Merkmal der Postmoderne, dass man Gefühle nur benannte, aber nicht selbst empfand. So oder so ähnlich kann man den Satz in "Caledonian Road" von Andrew O'Hagan lesen und an diese Worte musste ich bei der Lektüre von "Die Holländerinnen" denken. Sollte dies der Maßstab zur Bewertung sein, kann man das Buch vielleicht als den perfekten Roman bezeichnen. Aber für mich reicht es nicht - ich will mehr! Mehr Substanz in der Handlung - statt Begrifflichkeiten will ich gelebte Emotionen sehen. Das Abstrakte muss sich zum Lebendigen wandeln und Gedanken wollen auf Reisen gehen. Aber dieser Roman bietet mir nichts Neues an und bleibt am Ende seltsam banal. Keine Inspiration für mich - leider keine persönliche Empfehlung!
8. Jan. 2026








