
542 Follower
Paul Auster (1947 - 2024) Ging mit seinem Ende die gelebte Zeit in mir zu Ende?
Und doch sind Pauls Berührung, sein Reden, seine Ideen, seine Bücher, sein Humor jetzt Teil von mir, nicht nur als bewusste Erinnerung, sondern als Formen meines In-der-Welt-Seins. Er lebt in meinen Wahrnehmungen, meinen Gesten, meinem Gang und meinen Witzen. Und dies ist mir unheimlich: Er hat meine Worte, meine Berührung, meine Ideen, meine Bücher und meinen Humor, all die Veränderungen, die sein vier Jahrzehnte währendes Zusammenleben mit mir in ihm bewirkt hat, mit ins Grab genommen. Ich bin auch dort unten. - Zitat, Seite 39 Am 30. April 2026 jährt sich der Todestag des amerikanischen Schriftstellers Paul Auster, der an den Folgen seines Lungenkrebs verstarb, zum zweiten Mal. Über 40 Jahre war der Schriftsteller mit Siri Hustvedt zusammen, die ebenfalls schriftstellerisch tätig ist. Was geschieht, wenn ein geliebter Mensch, der das Leben mit einem über eine so lange Zeit geteilt hat, plötzlich nicht mehr existiert? Ist diese Person, mit der man sich von Herzen so fest verbunden fühlte, einfach weg, oder geistert diese weiterhin durch unser Bewusstsein? Wie geht der eigene Körper mit dieser Leerstelle um und welches Buch entsteht aus dem Tal der Erinnerungen? Siri Hustvedt spürt in "Ghost Stories" all diesen Fragen persönlich und literarisch nach. Und sie lässt den Lesenden auch teilhaben an vielen wertvollen Erinnerungen, welche das Paar Siri und Paul ausmachte. "Bartleby und die Prinzessin auf der Erbse heirateten." Das Zitat auf Seite 286 mag viel über die Beziehung des Schriftstellerpaares aussagen, aber auf jeden Fall zeigt sie das eher zurückhaltende Wesen von Paul Auster an. Diese Zurückhaltung mag auch ein Grund dafür sein, dass beim Lesen der Eindruck entsteht, dass in diesem Buch viel mehr Siri und weniger Paul steckt. Das ist kein Problem, wenn man das Schreiben von Siri Hustvedt liebt und das Buch vor allem als Erinnerungsbuch einer Frau liest, die mit dem Verlust ihres geliebten Ehemannes umgehen lernt und ihre Erfahrungen literarisch verarbeitet. Als reine Memoiren taugt der Text nicht. Auch die Briefe, die Paul Auster für seinen Enkelsohn verfasst hat, sind eher enttäuschend. Sie enthalten fast ausschließlich Erinnerungen eines Vaters an das Aufwachsen seiner geliebten Tochter und sind im Ausdruck schlicht gehalten - eher gefühlvoll und weniger literarisch anspruchsvoll. Kleine wertvolle Anekdoten und auch einige direkte Zitate von Paul Auster gibt es dann aber doch. Ich sagte zu ihm: "Du würdest doch nicht wollen, dass alle deine Bücher lieben, Paul, oder?" Und er sagte: "Doch, würde ich." "Ich blute jedes Wort aufs Papier", sagte Paul immer. - Zitat, Seite 380 FAZIT Auf dieses Buch wurde ich aufmerksam durch die Sendung des Literarischen Quartetts im März diesen Jahres. In diesem Beitrag fiel die Autorin Eva Menasse mit einer Vehemenz über das Buch her, die auf mich ziemlich verstörend wirkte. Und obwohl ich die angesprochenen Schwächen bei der Textzusammenstellung durchaus sehe, z.B. die enthaltenen Mails an Freunde und Bekannte entsprechen keinem literarischen Wert (und sind auch sonst wenig von Belang), so habe ich die Lektüre als sehr ansprechend und berührend erlebt. Allerdings liebe ich das Schreiben von Siri Hustvedt sehr und auch deren literarische Vorliebe für den englischen Schriftsteller Charles Dickens finde ich sympathisch. Und als sie in diesem Buch über Paul Auster schrieb, dass er "Unser gemeinsamer Freund" gelesen hatte, bevor sie sich kennenlernten (Seite 281) war für mich der Fall klar: diesen Menschen hätte ich auch nicht mehr aus meinem Leben gehen lassen! Eine Leseempfehlung.
26. Apr. 2026
Paul Auster (1947 - 2024) Ging mit seinem Ende die gelebte Zeit in mir zu Ende?
Und doch sind Pauls Berührung, sein Reden, seine Ideen, seine Bücher, sein Humor jetzt Teil von mir, nicht nur als bewusste Erinnerung, sondern als Formen meines In-der-Welt-Seins. Er lebt in meinen Wahrnehmungen, meinen Gesten, meinem Gang und meinen Witzen. Und dies ist mir unheimlich: Er hat meine Worte, meine Berührung, meine Ideen, meine Bücher und meinen Humor, all die Veränderungen, die sein vier Jahrzehnte währendes Zusammenleben mit mir in ihm bewirkt hat, mit ins Grab genommen. Ich bin auch dort unten. - Zitat, Seite 39 Am 30. April 2026 jährt sich der Todestag des amerikanischen Schriftstellers Paul Auster, der an den Folgen seines Lungenkrebs verstarb, zum zweiten Mal. Über 40 Jahre war der Schriftsteller mit Siri Hustvedt zusammen, die ebenfalls schriftstellerisch tätig ist. Was geschieht, wenn ein geliebter Mensch, der das Leben mit einem über eine so lange Zeit geteilt hat, plötzlich nicht mehr existiert? Ist diese Person, mit der man sich von Herzen so fest verbunden fühlte, einfach weg, oder geistert diese weiterhin durch unser Bewusstsein? Wie geht der eigene Körper mit dieser Leerstelle um und welches Buch entsteht aus dem Tal der Erinnerungen? Siri Hustvedt spürt in "Ghost Stories" all diesen Fragen persönlich und literarisch nach. Und sie lässt den Lesenden auch teilhaben an vielen wertvollen Erinnerungen, welche das Paar Siri und Paul ausmachte. "Bartleby und die Prinzessin auf der Erbse heirateten." Das Zitat auf Seite 286 mag viel über die Beziehung des Schriftstellerpaares aussagen, aber auf jeden Fall zeigt sie das eher zurückhaltende Wesen von Paul Auster an. Diese Zurückhaltung mag auch ein Grund dafür sein, dass beim Lesen der Eindruck entsteht, dass in diesem Buch viel mehr Siri und weniger Paul steckt. Das ist kein Problem, wenn man das Schreiben von Siri Hustvedt liebt und das Buch vor allem als Erinnerungsbuch einer Frau liest, die mit dem Verlust ihres geliebten Ehemannes umgehen lernt und ihre Erfahrungen literarisch verarbeitet. Als reine Memoiren taugt der Text nicht. Auch die Briefe, die Paul Auster für seinen Enkelsohn verfasst hat, sind eher enttäuschend. Sie enthalten fast ausschließlich Erinnerungen eines Vaters an das Aufwachsen seiner geliebten Tochter und sind im Ausdruck schlicht gehalten - eher gefühlvoll und weniger literarisch anspruchsvoll. Kleine wertvolle Anekdoten und auch einige direkte Zitate von Paul Auster gibt es dann aber doch. Ich sagte zu ihm: "Du würdest doch nicht wollen, dass alle deine Bücher lieben, Paul, oder?" Und er sagte: "Doch, würde ich." "Ich blute jedes Wort aufs Papier", sagte Paul immer. - Zitat, Seite 380 FAZIT Auf dieses Buch wurde ich aufmerksam durch die Sendung des Literarischen Quartetts im März diesen Jahres. In diesem Beitrag fiel die Autorin Eva Menasse mit einer Vehemenz über das Buch her, die auf mich ziemlich verstörend wirkte. Und obwohl ich die angesprochenen Schwächen bei der Textzusammenstellung durchaus sehe, z.B. die enthaltenen Mails an Freunde und Bekannte entsprechen keinem literarischen Wert (und sind auch sonst wenig von Belang), so habe ich die Lektüre als sehr ansprechend und berührend erlebt. Allerdings liebe ich das Schreiben von Siri Hustvedt sehr und auch deren literarische Vorliebe für den englischen Schriftsteller Charles Dickens finde ich sympathisch. Und als sie in diesem Buch über Paul Auster schrieb, dass er "Unser gemeinsamer Freund" gelesen hatte, bevor sie sich kennenlernten (Seite 281) war für mich der Fall klar: diesen Menschen hätte ich auch nicht mehr aus meinem Leben gehen lassen! Eine Leseempfehlung.
26. Apr. 2026







