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Romane

Bartleby, der Schreiber

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Über das Buch

Über die Berufsgruppe der Kopisten juristischer Dokumente gäbe es viele Anekdoten zu erzählen, und doch wird über die sogenannten Schreiber nie geschrieben. Die Angestellten der Rechtsanwaltskanzlei in der Wall Street, von der Herman Melville erzählt, wären alle eine Geschichte wert: der alte Turkey, der zumindest bis zum Mittagessen ein vorbildlicher Beschäftigter ist, Nippers, der sehr unter seinem Ehrgeiz und seinen Verdauungsproblemen leidet, und der zwölfjährige Ginger Nut, dessen Vater, ein Kutscher, ihn auf eine bessere Zukunft vorbereiten will. Und dann kommt Bartleby hinzu, setzt sich an seinen Schreibtisch und beginnt zu schreiben: Tag und Nacht, blass, mechanisch, still. Er verlässt das Büro nie, isst nichts als Ingwerkekse, gibt nicht ein Wort über sich und seine Herkunft preis. Kurz: Er weigert sich, etwas anderes zu tun als zu schreiben. Und eines Tages hört er auch mit dem Schreiben auf.

Editionen (21)

ISBN9783311705673
VerlagKampa Verlag
Erscheinungsdatum24.04.25
Seitenzahl128

Rezensionen & Bewertungen

93 Bewertungen

21 Rezensionen

4,0

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  • gidiorr
    gidiorr

    53 Follower

    5,0

    ★★★★★ (5/5)

    Bartleby, der Schreiber ist eine dieser Erzählungen, die sich jeder eindeutigen Deutung entziehen – und gerade darin ihre Stärke haben. Äußerlich geschieht wenig: Ein Anwalt stellt einen neuen Schreiber ein, dieser arbeitet zunächst, verweigert dann zunehmend jede Tätigkeit und zieht sich schließlich vollständig aus der Welt zurück. Doch diese Schlichtheit ist trügerisch. Bartlebys berühmter Satz – „Ich ziehe vor, lieber nicht…“ – ist kein Protest, keine Rebellion, nicht einmal ein klares Nein. Er ist höflich, ruhig, fast harmlos formuliert und wirkt doch zerstörerisch auf jede Form von Ordnung. Bartleby argumentiert nicht, erklärt sich nicht, rechtfertigt nichts. Er entzieht sich. Und genau das macht ihn so beunruhigend. Besonders interessant ist dabei weniger Bartleby selbst als der Erzähler: ein liberaler, scheinbar humaner Anwalt, der helfen möchte, solange Hilfe kontrollierbar bleibt. Seine Toleranz endet dort, wo Bartleby sich nicht mehr einordnen lässt. Melville zeigt damit sehr präzise die Grenzen eines Humanismus, der auf Funktionalität beruht. Die Atmosphäre der Erzählung ist kalt, statisch, von Mauern, Paravents und Blicken ins Leere geprägt. Alles wirkt abgeschlossen, ohne Ausweg. Bartleby erscheint weniger als psychologisch erklärbare Figur, sondern eher als Störung im System – fast wie eine existenzielle Leerstelle. Das Werk gibt keine Antworten und bietet keinen Trost. Es erklärt Bartleby nicht, sondern lässt ihn stehen. Gerade dadurch entfaltet der Text eine nachhaltige Wirkung. Man legt ihn aus der Hand, ohne wirklich sagen zu können, worum es ging – aber mit dem Gefühl, dass etwas Wesentliches berührt wurde.

    ★★★★★ (5/5)

    27. Dez. 2025

  • waldelb
    waldelb

    75 Follower

    5,0

    "Ich möchte lieber nicht!

    Die sehr kurze aber nicht weniger eindrucksvolle Erzählung des inzwischen berühmten Autoren Herman Melville, besticht durch ihre Einfachheit und gleichzeitige schonungslose Konsequenz. Wir haben es hier mit einer Person zu tun, die sich nach und nach komplett verweigert, Bartleby, der Schreiber. Diesem Menschen zu begegnen, ist so überaus dramatisch, dass es tief in uns wehtun muss. Erzählt wird die Geschichte aber aus der ersten Person von einem Notar, bei dem Bartleby angestellt ist. Aus dieser Perspektive heraus wird der Leser mit der typischen Reaktion konfrontiert, welche ein Verhalten der Verweigerung mit seinen Mitmenschen macht. Dem überaus mitfühlenden und verantwortungsbewussten Erzähler und somit auch uns wird so ein Spiegel vorgehalten, der eindringlicher nicht sein könnte. Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte liegt nach meinem Eindruck an der Einfachheit, an der schieren Reinheit, die keine Ausschmückung bedarf, uns aber dadurch direkt ins Herz trifft und eine Fülle an Emotionen, aber auch Gedanken auszulösen vermag. Dieses Buch kann wohl niemanden kalt lassen. Der inzwischen über 170 Jahre alten Geschichte, erst letztes Jahr von Karl-Heinz Ott neu übersetzt liegt in meiner Ausgabe ein überaus interessanter Anhang über die Bedeutung und die Reaktionen aus der Literatur und Politik bei, die wieder genau dies tut, zu dokumentieren, wie Gesellschaft von damals bis zum heutigen Tag auf das Phänomen der Verweigerung reagiert und so diesem alten Werk eine ungeahnte Lebendigkeit einhaucht. Für mich ein überaus tiefes Erlebnis, welches ich jedem ans Herz lege, der wissen will, was uns Menschen motiviert, etwas zu tun und was wir tun oder lassen können/müssen, wenn es sich dauerhaft nicht richtig anfühlt.

    28. Feb. 2026

  • carsten
    carsten

    95 Follower

    5,0

    "Ich würde vorziehen, das nicht zu tun." Immer mal wieder! Ein Lieblingsbuch.

    28. Mai 2026

3 von 21 Rezensionen

Autorin / Autor

Über Herman Melville

Herman Melville, 1819 in New York geboren, stammte aus einer verarmten Kaufmannsfamilie. Er ging früh zur See und verdingte sich als Matrose, u.a. auf Walfängern. Seine Reisen führten ihn bis in die Südsee. 1844 kehrte er in die USA zurück, lebte, zunächst mit einigem Erfolg beim Publikum, als freier Schriftsteller in Massachusetts. Nach dem Misserfolg von Moby-Dick (1851) zog er sich weitgehend aus der literarischen Öffentlichkeit zurück. Von 1866 bis 1885 arbeitete er als Zollinspektor in New York, wo er nahezu vergessen 1891 starb.

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