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Romane

Verbrechen und Strafe

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Über das Buch

Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. Nicht »besser als eine Laus« erscheint dem Studenten Raskolnikow eine alte Wucherin, weshalb er glaubt, sie töten und ausrauben zu können. Nach dem Mord jedoch erkennt er, dass kalter Verstand und Nützlichkeitsdenken nicht alles im Leben sind. – Mit seiner psychologisch beeindruckenden Darstellung eines Mörders hat Dostojewskij einen Charakter beschrieben, der in seiner Orientierungslosigkeit symptomatisch für die moderne Gesellschaft ist. Bei aller Zeitkritik aber überwiegt am Ende die Hoffnung, dass es noch andere Kräfte in der Welt gibt als das Böse.

Editionen (11)

ISBN9783104018904
VerlagFISCHER E-Books
Erscheinungsdatum20.12.11
Seitenzahl790

Rezensionen & Bewertungen

121 Bewertungen

13 Rezensionen

4,2

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  • _martin_kopp_
    _martin_kopp_

    285 Follower

    4,0

    Ist Mord akzeptabel, wenn er positive Auswirkungen auf die Gemeinschaft hätte?

    Diese Frage hat sich Dostojewskijs Protagonist Raskolnikow fast wie im Wahn gestellt und letztendlich auch in die Tat umgesetzt. Das er daran aber psychisch zugrunde geht, hatte er weniger auf dem Schirm. Der Protagonist wird nach seiner Tat von Schuldgefühlen zerfressen, die Psyche schlägt sich (wahrlich schon 1865 so dargestellt!) auf das körperliche nieder. Er bekommt Fieber, fällt vor Erschöpfung ins Delirium, bekommt Psychosen und kapselt sich von seinesgleichen ab. Ein immer heftigerer innerer Kampf von Schuld und Unschuld – sich lieber stellen oder aushalten? Der Roman und dessen Leser suchen letztendlich in diesem Kriminalroman nicht den Täter, sondern danach, wie dieser Täter überführt wird. Da Raskolnikow dem Wahn verfallen ist, verrät er sich aufgrund seines so manischen Benehmens fast ständig selber. Immer wieder geht sein Temperament mit ihm durch, er verspricht sich, überreagiert oder sucht ständig die Nähe zum ermittelnden Staatsanwalt. Die 750 Seiten sind, durch seine alten Schreibweise, schon ein Schwergewicht. Von der Handlung her, hätte man diese auf 300 kürzen können… Was aber Dostojewskij hier geschmiedet hat, ist nicht nur ein Krimi, sondern eine gesellschaftliche, emotionale und psychologische Meistertat. Er schildert unfassbar detailverliebt die Kommunikationen zwischen den Menschen auf vielen Ebenen. Und zwar so ins kleinste gehend, dass sich eine enorm dramatische Atmosphärische aufbaut. Und diese wirkt erdrückend. St.Petersburg im Jahr 1865 wirkt so realistisch. Die Charaktere sind sehr echt beschrieben. Sie entwickeln eine ganz eigene Dynamik. Es zeigen sich wunderbar die verschiedenen Gesellschaftsschichten und der Ernst der Lebensrealität im damaligen Russland vor der Revolution. Auch wenn die ewigen Konversationen nicht gerade leicht zu lesen sind und einen schnell ermüden, ist es gerade diese Detailverliebtheit im Zwischenmenschlichen, die dieses Werk zu Fjodors unsterblichen, grössten Nachlass macht.

    Ist Mord akzeptabel, wenn er positive Auswirkungen auf die Gemeinschaft hätte?

    26. Jan. 2026

  • withloveliane
    withloveliane

    76 Follower

    4,5

    Die Alte war eine Krankheit ... Ich habe keinen Menschen getötet; ich tötete ein Prinzip.

    Alles hat der Menschin der Hand, und alles läßt er sich vor der Nase wegschnappen, aus purer Feigheit. Wovor fürchten sich die Menschen am meisten? Vor einem neuen Schritt, vor einem neuen eigenen Wort, davor fürchten sie sich am meisten... Hier geht es um eine phantastische Angelegenheit, eine düstere, moderne Angelegenheit, einen Fall aus unserer Zeit, da das menschliche Herz getrübt ist; da der Satz zitiert wird, daß Blut >erfrischt<, hier geht es um ein sich an Theorien entzündetes Herz, hier geht es um eine Entschlossenheit zum ersten Schritt. Hier geht es um literarische Theorien über das Verbrechen.

    Die Alte war eine Krankheit ...
Ich habe keinen Menschen getötet;
ich tötete ein Prinzip.

    24. Mai 2026

  • jaded_jan
    jaded_jan

    23 Follower

    5,0

    Erlösung — oder völlige Kapitulation?

    Auf den Straßen von St. Petersburg wird Raskolnikow unmittelbar mit dem Leid seiner Mitbürger konfrontiert. Soziale Ungleichheit, Armut und Raub dringen wie dichter Nebel in jede Ecke der Stadt. Doch was nützt die Rede von Gerechtigkeit, wenn niemand den ersten Schritt wagt? Raskolnikows Gedanken widern ihn an. In seinem Aufsatz entwirft der verarmte Student die Theorie vom „außergewöhnlichen Menschen“, der das Recht — oder vielmehr die Pflicht — hat, Gesetze zu brechen, um höhere Ideen zu verwirklichen. Er fragt sich, ob er selbst zu diesem Typus gehört, und begeht einen Mord — nicht bloß als Verbrechen aus seiner Armut, sondern als Versuch, sein eigenes Gewissen zu prüfen. Kurz nach dem Tathergang trifft die Schwester der Ermordeten als Zeugin ins Zimmer auf — eine vornehme Dame, welche Unschuld und Sanftmut verkörpert und auch zum Opfer seiner Handlung wird. Doch statt Überlegenheit erfährt Raskolnikow Fieber, Isolation und inneren Zerfall. Von Beginn an verstrickt er sich in Kleinigkeiten – Ausdruck seiner inneren Zerrissenheit und Unruhe. Diese Detailbesessenheit wird ihm im Verlauf der Geschichte zum Verhängnis. Seine persönlichen Begegnung mit Elend und Selbstsabortage spiegelt sich durch das Treffen mit Marmeladow wider; einem Trunksüchtigen, der seine Familie ins Elend stürzt. Marmeladow übernimmt Verantwortung für sein Unrecht, aber nicht indem er Ordnung wiederherstellt, sondern indem er sich selber um Leiden reinigt. Normalerweise würden man eine solche Person verabscheuen, doch auf seltsame Weise empfinde ich Sympathie für ihn. Absolutes Leid als Akt der Vergebung wirkt für mich wie eine aufrichtige Annahme des Lebens, mit all seinem Schmerz und Glück, ohne selbst einzugreifen. Im Gespräch mit Marmeladow erfährt Raskolnikow von dessen Tochter Sonja. Eine junge Frau, die sich als Prostituierte aufopfert, um die Familie und ihre Finanzen aufrecht zuhalten. Schnell wird in dem Roman klar: Die Frauen sind die eigentlichen Träger der Gesellschaft — als ewiges Opferlamm in einer Welt von Männern verursachten Not. Ob sich diese Problematik auch auf die heutige Zeit zurückführen lässt? Dostoyevsky thematisiert in Verbrechen und Strafe weniger den Mord selbst als vielmehr den Umgang des Gewissens mit der Tat. Raskonlikow verfällt wiederholt in Ohnmacht und kann seinen Sinnen kaum trauen. Sein Körper rebelliert, seine Gedanken quälen ihn — funktioniert seine Theorie nicht, oder ist er zu schwach? Wie gelingt es ihm, das Verbrechen zu verbergen? Porfirij Petrowitsch, der ermittelnde Staatsanwalt, durchschaut Raskolnikow vom ersten Moment an. Doch statt ihn sofort zu verurteilen, spielt er ein psychologisches Spiel, das Raskolnikow zunehmend belastet. Er provoziert Raskolnikow, lässt ihn mit schlechtem Gewissen frei, in der Gewissheit, dass die Wahrheit schließlich ans Licht kommt. Der Dialog zwischen den beiden war äußerst unterhaltsam. Spannend war vor allem wie Porfirij Petrowitsch das Gewissen Raskolnikows verstand und spielerisch lenkte. Wie kann Raskolnikow seine Tat mit seinem Gewissen vereinbaren? Seit dem Mord distanziert er sich von allen Menschen, selbst von Mutter und Schwester, und trägt seine Schuld allein. Das eigentliche Verderben seines Verstandes liegt nicht im Verbrechen selbst, sondern in der Absonderung vom Menschsein. Eine solche existenzielle Schuld lässt sich weder durch Rechtfertigung noch durch Stolz erlösen. Hier tritt die christliche Prägung in den Vordergrund: Das Leiden muss bewusst angenommen werden, um Erlösung zu erfahren. Raskolnikow wollte Richter und Gesetzgeber sein, entscheiden, wer leben darf, nur um schließlich zu erkennen, dass er selbst schuldig ist und nicht zu den „außergewöhnlichen“ Menschen gehört. Sonja wird zum zentralen Ankerpunkt: Sie zwingt ihn nicht zum Geständnis, sondern ruft ihn zurück ins Menschsein. Letztlich gesteht Raskolnikow seine Tat und wird zu acht Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Am Ende blieb mir die Frage offen, die schon der Titel stellt: Erlösung — oder völlige Kapitulation? Raskolnikows Geständnis und die Annahme der Strafe markiert kein einfaches Aufgeben, sondern den bewussten Schritt zurück ins Leben — ins Menschsein. Die Kapitulation, die er vollzieht, ist zugleich der erste Atemzug der Erlösung – die Erkenntnis, dass wahre Freiheit in der ehrlichen Konfrontation mit sich selbst und den Mitmenschen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft für unser eigenes Leben: Wahre Größe die sich nicht im Überschreiten moralischer Grenzen zeigt, sondern in der Bereitschaft, Verantwortung zu tragen.

    Erlösung — oder völlige Kapitulation?

    17. Feb. 2026

3 von 13 Rezensionen

SocialReads

Seitenbasierte Kommentare

Seite 101%
jaded_jan
jaded_jan3. Jan. 2026

Raskolnikow scheitert nicht an äußeren Umständen, sondern an sich selbst. Die übertriebene Sorge um Kleinigkeiten (Wirtin, Hut) ist kein echtes Problem, sondern Ausdruck innerer Zerrissenheit und Unruhe. Das hat er uns schon auf der ersten Seite erklärt: Er fürchtet nicht die Schulden (sie sind ihm völlig gleichgültig), sondern die banale Interaktion mit ihr, weil sie seine innere Spannung entlarvt. Auch die Frage, ob der Hut zu sehr auffällt, unterstreicht nochmals, dass “gerade Kleinigkeiten (immer alles) verderben”. Die Detailbesessenheit zeigt: Er ist innerlich bereits instabil, noch bevor er handelt.

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Autorin / Autor

Über Fjodor Dostojewskij

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821-1881) war ursprünglich Leutnant in St. Petersburg. Er quittierte seinen Dienst 1844, um freier Schriftsteller zu werden. Seine Romane ›Verbrechen und Strafe‹, ›Der Spieler‹, ›Der Idiot‹, ›Böse Geister‹, ›Ein grüner Junge‹, ›Die Brüder Karamasow‹ sowie ›Aufzeichnungen aus dem Kellerloch‹ liegen im S. FISCHER Verlag in der herausragenden Übersetzung von Swetlana Geier vor.

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