Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht
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Description
»Ein reiches und reichhaltiges Buch. Diese heitere Bösartigkeit führt vielleicht zur Verbesserung der Welt oder ins nächste Wirtshaus.« Elfriede Jelinek
Es ist das Jahr 1994. In einem Kärntner Dorf am Fuß der Karawanken sitzt die Erzählerin unter einem Lkw und beobachtet die Welt und die Menschen knieabwärts. Sie ist elf Jahre alt und spielt Verstecken mit ihrer Freundin Luca aus Bosnien. Zum letzten Mal, denn die Familie zieht um. Der Hof ist zu klein geworden für den Ehrgeiz der Mutter, die ausschließlich eines im Kopf hat – bürgerlich werden! Nach und nach treffen immer mehr Nachbarsleute ein, um beim Umzug zu helfen, und das Kind in seinem Versteck beginnt zu erzählen: von seiner Angst, im Katzlteich ertränkt zu werden, weil es kurze Haare hat. Weil es Bubenjeans trägt. Weil es heimlich in Luca verliebt ist. Dabei ist sie nicht die Einzige, die etwas verbergen muss. Sie kennt Geschichten über die Ankommenden, die in tiefe Abgründe blicken lassen und doch auch Mitgefühl wecken.
Julia Jost schildert in ihrem Debütroman das Aufwachsen in einer archaischen Bergwelt zwischen Stammtisch und Beichtstuhl – und wie man hier als querstehendes Kind überlebt und sich der vorgegebenen Ordnung widersetzt: dank einer zärtlichen Freundschaft und durch ein wildes, überbordendes Erzählen, das die Wirklichkeit besser macht, als sie ist.
ZDF-»aspekte«-Literaturpreis 2024 (Shortlist) Österreichischer Buchpreis, Debüt des Jahres 2024 (Shortlist) Literaturpreis Fulda 2024 (Shortlist) ORF-Bestenliste SWR-BestenlisteBook Information
Author Description
Julia Jost, geboren 1982 in Kärnten, Österreich, studierte Philosophie, Bildhauerei und Theaterregie. Sie arbeitete als Regisseurin und Dramaturgin in der freien Szene sowie u. a. am Thalia Theater Hamburg. 2019 wurde sie für einen Auszug aus Wo der spitzeste Zahn der Karawanken … mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet. Ihr Theaterstück ROM feiert im April 2024 am Volkstheater Wien Premiere. Julia Jost lebt in Wien und Berlin.
Posts
Das war wirklich kein leicht zu lesendes Buch. Total fokussiert und absolute Ruhe waren bei dieser Lektüre Pflicht, damit ich der Geschichte folgen konnte. Aber es hat sich absolut gelohnt! Der Schreibstil ist wirklich eigen und schwer zu erklären, aber es hat sich angefühlt wie in einem großen dunklen Schloss ohne Licht. Ich musste den Weg zu der jungen Protagonistin suchen. Vorsichtig herantasten, auf der Suche nach der richtigen Tür, blind vertrauen, Türen öffnen, lugen, langsam aufklarend neue Dorfbewohner kennenlernen, sehen, welche komische Eigenschaften diese besitzen, welche veralteten Ansichten sie haben, weiterziehen und schauen, wohin ich gehen muss und wie viel Türen ich noch öffnen soll, bis ich mehr von der Erzählerin lese. Die Protagonistin ist 11 Jahre alt, sitzt unter einem Lkw und beobachtet, wie die Menschen um sie herum beim Umzug helfen. Sie sitzt unter dem Lkw, weil sie sich versteckt. Und sie versteckt sich, da sie das letzte Mal Verstecken mit ihrer bosnischen Freundin Luca spielt. Und dabei erinnert sie sich an einige Ereignisse ihres Lebens auf dem Gasthof Gratschbacher Hof. Sie erzählt die Geschichten verschiedener Menschen des Dorfes, Freunde und Familie. Und dabei erinnert sie sich immer wieder an das traumatische Ereignis mit Franz, einem frisch zugezogenen Jungen, der beim Spielen im Wald mit der Erzählerin und anderen Kindern ums Leben kam. Ich musste bei diesem Buch lernen, blind darauf zu vertrauen, dass im Verlaufe der Erzählung alle Fragezeichen aufgelöst werden. Denn nicht immer wusste ich, wo genau ich mich befinde. So hab ich bestimmt mehr als die Hälfte des Buches gelesen, bis ich verstanden hatte, das die Erzählerin alles an diesem einem Umzugs(nachmit)tag erzählt. Das bestimmte Gegenstände, sie dazu anregen zu erzählen. Und während all dieser Erzählung hab ich mich oft gefragt, ob ich was überlesen habe und manche Sätze mehrmals gelesen, um wieder festzustellen, dass ich nichts überlesen hatte, sondern die Erzählung einfach schon im vollen Gange war und ich warten muss, bis ich versteh von wem oder von was ich gerade einen Ausschnitt des Lebens beschrieben bekomme. Auch hab ich etwas gebraucht, um zu verstehen, dass die Erzählerin kein Erzähler ist, denn wirklich Mädchen will sie nicht sein und Luca mag sie auch mehr als nur freundschaftlich. Herrlich find ich auch den Kärntner Dialekt, der hier immer wieder miterzählt wird und auch die bosnischen Wörter. Wer keine stringente Handlung braucht, der/die wird hier mit einer herrlich melancholischen Geschichte belohnt. Eine Geschichte, in der die raue Natur viel liebevoller ist als so mancher Dorfbewohner. Ich hab so viel zurückbekommen für die ganze Mühe beim Lesen. S.78 „Am liebsten hätte ich den Vorgang wiederholt. Mich zweimal, dreimal, viermal rasiert. Ich wollte die Schichten meiner Kindheit nacheinander absagen und so mein erwachsenes und autonomes Selbst, das schon ungeduldig darunter wartete, endlich hervorholen.“ S.109 „Dem Wald ist es gleich. Was er nicht mag, ist, wenn Menschen ihren Dreck liegen lassen, obwohl schon so manche Ameisenkolonie ihr Glück in einer Coladose gefunden haben soll. Das ist allerdings ein kurzfristiges Glück. S.198/199 „Und weil die Oma Politiker generell abstoßend fand, ging sie mit meinem Opa auf einen Getreidekaffee und heiratete ihn. Dass sie mit Hitler, „dea wär da liabare gwesn“, einen offeneren und humaneren Mann gehabt hätte, stellte sich erst nach dem Krieg heraus, sagte sie, „sunst häd i eh den Hitla gnumma“, und lachte.“
Queeres Coming of Age aber auf österreichisch und im Kärntner Dialekt - lieben wir!
Julia Jost schafft es, den Kärntner-Dialekt so schön in Szene zu setzen - und das ist nicht immer einfach. :-) Die Geschichte der elfjährigen Erzählerin, die eigentlich gar keine „Erzählerin“ sein möchte, sondern lieber ein Erzähler, nimmt die Lesenden mit auf einen alten Gutshof in Kärnten. Ein Umzug steht bevor und somit auch viele Abschiede, die von der erzählenden Person mit (schwarzem) Humor und viel Fantasie erzählt werden. Gut gefallen hat mir der Schreibstil und das Einbringen des Kärntner Dialekts (denn ich liebe unseren Dialekt!), ganz ohne dass es krampfhaft oder unauthentisch gewirkt hätte. Die Autorin „übersetzt“ Dialektwörter und Phrasen im Textfluss, sodass diese meiner Meinung nach auch für nicht-Kärntner:innen gut nachvollziehbar sind. Die erzählende Person spricht außerdem viel über ihre bisherige Kindheit und teilt viele Anekdoten mit den Lesenden. Diese Erinnerungen sind besonders fantastisch ausgeschmückt und erzeugen fabelhafte Bilder beim Lesen. Viel mehr als über die erzählende Person selbst erfährt man aber über die Personen in ihrem Umfeld; Familie, Freund:innen, Lehrer:innen… nur nach und nach kommen Informationen zur Erzählerin ans Licht. So gesehen war es ein etwas langwieriges Buch - für mich war die zeitliche Abfolge an manchen Stellen nicht leicht einzuordnen. Da ich auch den Klappentext absichtlich nicht gelesen habe, wusste ich bis zum Ende des Buches nicht, dass die Geschichte an einem einzigen Nachmittag erzählt wird. Es kann aber auch sein, dass ich im Laufe des Lesens einmal unaufmerksam war und das nicht mitbekommen habe. Das ist auch ein weitere Grund, wieso ich das Buch noch ein oder zwei mal in die Hand nehmen werde. Trotz allem (schwarzen) Humors birgt das Buch eine unheimliche Melancholie für mich, die aber besonders gut in das Setting passt. Empfehlenswert!
Gibt es die Verbindung zwischen sprachlicher Brillianz und einer harten Nuss?! Julia Jost beweist es uns 🌰🫶💎💕📚😍
Der Roman „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“ ist 2024 bei Suhrkamp erschienen und stellt Julia Josts Debütroman dar. Die Österreicherin studierte Philosophie, Bildhauerei und Theaterregie. Sie wurde für ihr Buch mit dem KELAG Preis ausgezeichnet. Wir begleiten ein Mädchen, das irgendwo hinter Feldkirchen auf dem Gratschbacher Hof aufgewachsen ist. „Die Gratschbacher Gegend ist ein Wald ohne Augen. Ohne Sträucher und Äste, die sich hinter deinem Rücken raschelnd zusammenbiegen, um die Todesangst vorzubereiten, die sie gleich in dir auslösen werden. Einen sprechenden Wolf gibt es auch nicht. Der dir geifernd zusieht, wie du Tellereisen jagst. Hinterlist und Bosheit sind, auf diese Fauna wie Flora bezogen, Kokolores. Mit einem Wort meiner Mutter ausgedrückt. Der Gratschbacher Wald und die Felder, die Wiesen, der Teich sind eine ganz übliche Summe aus Pflanzen, Wasser und Tieren, die darin wohnen. Sonst nichts. Das ist alles, was es mit der Gratschbacher Gegend auf sich hat.“ Gefährlich sind nur die Menschen. Die Ich-Erzählerin beschreibt den Tag, an dem eine Gruppe von Kindern den Franz Ruck, ein gerade erst zugezogenes Kind, in einen Brunnen abseilte. Das Kind kam dabei ums Leben. Auf diese Tragödie kommt das sich erinnernde Mädchen immer wieder zurück. Alle im Dorf sind danach auf je unterschiedliche Weise traumatisiert. Die Familie des Mädchens wird den Gratschbacher Hof verkaufen und wegziehen. Beide Elternteile kommen aus ärmlichen Verhältnissen, aber der Vater hat es durch den Handel mit Lastwagen zu einem kleinen Vermögen gebracht, und vor allem die Mutter möchte in die bürgerliche Oberschicht aufsteigen. Dazu gehört unter anderem Klavierunterricht für die Tochter. Der Lehrer - davon ist das Kind überzeugt - hasst sie, seine schlechteste Schülerin: „Wenn meine Mutter einmal nicht beim Unterricht dabei sein konnte, wurde er grob und klopfte mir auf die Finger. Wegen meiner geschicklosen Fingerhaltung, es meiner verhuscht angeschlagenen Töne bei ausnahmslos jeder Etüde.“ Ihr nicht vorhandenes Talent beim Klavierspiel ist noch das geringste Problem, mit dem das Kind zu kämpfen hat. Das Mädchen wäre lieber ein Junge und es liebt ein anderes Mädchen. Es gibt in diesem Roman heftige Szenen, die das oft unfassbare raue Miteinander in dem dörflichen Umfeld großartig einfangen. Die Liebe der Ich-Erzählerin zu Luca, die aus Bosnien stammt, bildet das Gegengewicht. „Dann flüsterte sie mir ins Ohr, dass sie es in ihrem Leben nicht so weit gebracht hätte, wäre sie immer vernünftig gewesen und küsste mich. Durch den Kuss waren meine Wunden unmittelbar geheilt.“ Der Roman von Julia Jost ist sprachlich brillant, unbestechlich in seiner Wahrhaftigkeit und eine literarische Sensation. Allerdings handelt es sich um eine harte Nuss, etwas zum Knacken.
1994, die Protagonistin ist 11 Jahre alt und beobachtet, unter einem LKW sitzend die Umzugsvorbereitungen ihrer Eltern. Die wollen nämlich bürgerlich werden und deshalb aus dem Bergdorf in den österreichischen Karawanken wegziehen. Ihre Tochter lässt sich dabei durch ihre Beobachtungen zu Erinnerungen an ihr bisheriges Leben als querstehendes Kind in einem konservativen, archaischen Umfeld inspirieren. Ich habe das Buch gerne gelesen aber leider ist bei mir trotzdem der Funken nicht so recht übergesprungen
Auf das Buch muss man sich einlassen. Ich hatte etwas eher luftig-humoriges erwartet, das war es nicht. Ich habe es vor dem Schlafengehen in Häppchen von 10-15 Seiten pro Tag gelesen. Kann ich nicht empfehlen. Dadurch hat sich mir das große Ganze nicht so recht erschlossen und ich habe lange den roten Faden gesucht und mich gefragt, was da jetzt eigentlich erzählt wird. Mit der Zeit wurde das schon deutlicher und ich halte es durchaus für ein gutes Buch. Ich habe nur persönlich schwer einen Draht zur Geschichte aufbauen können und es stellenweise nur überflogen, weil es für mich zum Teil zu kleinteilig erzählt war.
"Mir passt gar nichts. Kein Kleid und auch nicht die Welt außerhalb des Gratschbacher Grunds, den wir mit dem heutigen Tage verlassen werden." (S. 60) Die 11-jährige Erzählerin hockt unterm Umzugswagen, beobachtet das Geschehen, rekonstruiert ihre Familiengeschichte und verträumt sich in Erinnerungen. Sie haben den elterlichen Hof verkauft und ziehen fort. Raus aus der duster staubigen Familienhistorie, rein ins helle, moderne Zuhause. Doch lässt sich das, was diese Kärntner Familie über Generationen hinweg geprägt hat, einfach abstreifen und zurücklassen? Es ist ein streng katholisches, erzkonservatives, traditionsbewusstes, patriotisches Umfeld, in dem das Mädchen groß wird. Und eigentlich möchte sie weder all diese Attribute annehmen noch das ihr zugeschriebene Geschlecht. Kleider sind ihr ein Graus. Nicht mal im Spiel, um sich als Braut zu verkleiden und mit ihrer besten Freundin Luca Hochzeit zu halten. Lieber möchte sie die zögerlichen Berührungen und Küsse der beiden nicht verstecken müssen. Doch in ihrer engen Welt gibt es keine Toleranz gegenüber denen, die "mit dem Bus in die andere Richtung fahren". (Was für'n Spruch! 🙄) "Ich wollte die Schichten meiner Kindheit nacheinander abtragen und so mein erwachsenes und autonomes Selbst, das schon ungeduldig darunter wartete, endlich hervorholen." (S. 78) Ein Titel wie ein Gemälde und auch die Worte fügen sich lyrisch aneinander, dass sich eine ganze Welt auftut. Alles spürbar, hörbar, riechbar. Und trotzdem hat es mir das Buch wahnsinnig schwer gemacht. Es zu lesen, es zu mögen, es zu verstehen. Ich habe es und mich durchgezogen. Der sperrige Titel hat mir gefallen, doch leider war auch der Inhalt sperrig. Das familiäre Bergmassiv hat die Geschichte des Mädchens, das keines sein möchte, geschluckt. Aber vielleicht war das die Absicht dahinter.
Über das queere Leben einer 11-jährigen in einem konservativen Bergdorf.
Also, erst einmal bin ich voll auf diesen Buchtitel angesprungen. Lieb ich. 💕 Zum Inhalt: Kärnten, Österreich. 90er-Jahre. In einem kleinen Bergdorf scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Alles ist schon immer da gewesen, wo es ist und im besten Fall bleibt es auch genauso und verändert sich nicht. Ein trügerisches Idyll. Bis bei einem tragischen Unfall ein Junge in einem Brunnen ertrinkt. Dieses Ereignis rüttelt die Bewohner des kleinen Bergdorfes auf und die Erinnerung an diesen Schicksalschlag hallt bei allen Dörflern ewig nach. Derweil hockt in ihrem Versteck unter einem Umzugswagen die 11-jährige Ich-Erzählerin und lässt ihre Kindheit, das Erlebte und das Leben im Ort Revue passieren. Während sie selbst nicht gefunden wird, nimmt sie die einzelnen Dorfbewohner in Augenschein und man erfährt als Leser/in so einiges über die einzelnen Protagonisten und Begebenheiten. Da sind die beiden Brüder, die Gürtelschläge vom Vater einstecken, wenn sie etwas ausgefressen haben, die Mutter, die sich für ihr Versagen entschuldigt, dass ihre Kinder nicht der Norm entsprechen. Der Alkohol, der hier und da Abbitte leistet und die konservative Dorfgemeinschaft, die sich gerne über alles und jeden das Maul zerreißt, wenn sich auch nur eine winzige Gelegenheit zum Tratsch bietet. Eine Geschichte über eine Kindheit im kleinbürgerlichen Spießertum, die ich gerne gelesen habe und sprachlich richtig gut fand, die mich jedoch aufgrund der Erzählsprünge/-art gerade zu Beginn etwas verwirrt hat, handelt es sich doch eher um verschiedene Episoden, als um eine ganz zusammenhängende Geschichte. Nichtsdestotrotz, schreiben kann sie, die Frau Jost und zwar richtig gut.

Ein effektvoller Anti-Heimat-Roman
Eine sprachlich gelungene Kombination aus Dialekt und poetisch anmutenden Satzstrukturen. Einerseits vermag die Geschichte nostalgische Gefühle zu erwecken und gleichzeitig Missvergnügen auszulösen. Die zeitliche Abfolge war für mich nicht immer gleich erkenntlich und erschließt sich erst gänzlich zum Ende.
"Heimat- Roman" auf modern
Familienroman ums Erwachsen- werden um ein 11 jähriges queeres Mädchen. Provokant, modern, interessant, jedoch etwas langatmig. Alles in allem hat es mir gefallen, von mir gibt's die ABSOLUTE LESE EMPFEHLUNG. Es ist eine ruhige Geschichte ums Beobachten, Erwachsen werden und eine mutige Geschichte, wegen der queeten Einflüsse.

Weird-wie der Titel
Zugegeben, der erzählerische Rahmen, der den Roman umspannt, ist schon gut gewählt. Die 11jährige J (vermutlich Julia Jost selbst) liegt unter einem Umzugswagen. Sie und ihre Familie werden an diesem Tag aus dem Familienhof in Kärnten ausziehen. Nach und nach kommen die Bewohner des Dorfes, um mit anzupacken und sich zu verabschieden. Dies nutzt die Erzählerin, um ihre Familie und ihr Dorf in anekdotischen Erzählungen vorzustellen. Das Bild, das Julia Jost vom Bergdorf und seiner Umgebung zeichnet, ist alles andere als idyllisch. Ein Kind stirbt beim Spiel, was ein tiefes Trauma bei den Menschen hinterlässt. Die Erwachsenen saufen und betrügen sich gegenseitig. Widerliches Nazi-Gedankengut schafft es bis in die 90er Jahre hinein. Die Männer leben ihr ekelhaftes Patriarchat aus. Die Familien sind völlig dysfunktional. Und zwischen all dem Grauen entdeckt die 11-jährige J ihre Queerness. Julia Jost bringt also wichtige Themen aufs Tableau und dies tut sie sicherlich auch recht authentisch und aus eigener Anschauung. Der Stil und der Erzählton hat mir allerdings durchgehend ganz und gar nicht gefallen. Julia Jost schreibt durchweg kalt, zynisch und sarkastisch. Besonders unerträglich ist dieser Ton, wenn sie ganz lapidar nebenbei den Missbrauch von Pfarrern an Kindern abhandelt, als wäre das zum Lachen (mir ist klar, dass sie das nicht so meint). Und hier sind wir im Bereich von Geschmackssache: Wer relevante, zeitgenössische, teils regionale Themen in einem zynischen, schwarz-humorigen, kalten Ton ertragen kann, sollte das Buch lesen. Ich mochte es gar nicht. Ich fand es weird und anstrengend und habe es nur beendet, weil ich es geschenkt bekommen habe.
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»Ein reiches und reichhaltiges Buch. Diese heitere Bösartigkeit führt vielleicht zur Verbesserung der Welt oder ins nächste Wirtshaus.« Elfriede Jelinek
Es ist das Jahr 1994. In einem Kärntner Dorf am Fuß der Karawanken sitzt die Erzählerin unter einem Lkw und beobachtet die Welt und die Menschen knieabwärts. Sie ist elf Jahre alt und spielt Verstecken mit ihrer Freundin Luca aus Bosnien. Zum letzten Mal, denn die Familie zieht um. Der Hof ist zu klein geworden für den Ehrgeiz der Mutter, die ausschließlich eines im Kopf hat – bürgerlich werden! Nach und nach treffen immer mehr Nachbarsleute ein, um beim Umzug zu helfen, und das Kind in seinem Versteck beginnt zu erzählen: von seiner Angst, im Katzlteich ertränkt zu werden, weil es kurze Haare hat. Weil es Bubenjeans trägt. Weil es heimlich in Luca verliebt ist. Dabei ist sie nicht die Einzige, die etwas verbergen muss. Sie kennt Geschichten über die Ankommenden, die in tiefe Abgründe blicken lassen und doch auch Mitgefühl wecken.
Julia Jost schildert in ihrem Debütroman das Aufwachsen in einer archaischen Bergwelt zwischen Stammtisch und Beichtstuhl – und wie man hier als querstehendes Kind überlebt und sich der vorgegebenen Ordnung widersetzt: dank einer zärtlichen Freundschaft und durch ein wildes, überbordendes Erzählen, das die Wirklichkeit besser macht, als sie ist.
ZDF-»aspekte«-Literaturpreis 2024 (Shortlist) Österreichischer Buchpreis, Debüt des Jahres 2024 (Shortlist) Literaturpreis Fulda 2024 (Shortlist) ORF-Bestenliste SWR-BestenlisteBook Information
Author Description
Julia Jost, geboren 1982 in Kärnten, Österreich, studierte Philosophie, Bildhauerei und Theaterregie. Sie arbeitete als Regisseurin und Dramaturgin in der freien Szene sowie u. a. am Thalia Theater Hamburg. 2019 wurde sie für einen Auszug aus Wo der spitzeste Zahn der Karawanken … mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet. Ihr Theaterstück ROM feiert im April 2024 am Volkstheater Wien Premiere. Julia Jost lebt in Wien und Berlin.
Posts
Das war wirklich kein leicht zu lesendes Buch. Total fokussiert und absolute Ruhe waren bei dieser Lektüre Pflicht, damit ich der Geschichte folgen konnte. Aber es hat sich absolut gelohnt! Der Schreibstil ist wirklich eigen und schwer zu erklären, aber es hat sich angefühlt wie in einem großen dunklen Schloss ohne Licht. Ich musste den Weg zu der jungen Protagonistin suchen. Vorsichtig herantasten, auf der Suche nach der richtigen Tür, blind vertrauen, Türen öffnen, lugen, langsam aufklarend neue Dorfbewohner kennenlernen, sehen, welche komische Eigenschaften diese besitzen, welche veralteten Ansichten sie haben, weiterziehen und schauen, wohin ich gehen muss und wie viel Türen ich noch öffnen soll, bis ich mehr von der Erzählerin lese. Die Protagonistin ist 11 Jahre alt, sitzt unter einem Lkw und beobachtet, wie die Menschen um sie herum beim Umzug helfen. Sie sitzt unter dem Lkw, weil sie sich versteckt. Und sie versteckt sich, da sie das letzte Mal Verstecken mit ihrer bosnischen Freundin Luca spielt. Und dabei erinnert sie sich an einige Ereignisse ihres Lebens auf dem Gasthof Gratschbacher Hof. Sie erzählt die Geschichten verschiedener Menschen des Dorfes, Freunde und Familie. Und dabei erinnert sie sich immer wieder an das traumatische Ereignis mit Franz, einem frisch zugezogenen Jungen, der beim Spielen im Wald mit der Erzählerin und anderen Kindern ums Leben kam. Ich musste bei diesem Buch lernen, blind darauf zu vertrauen, dass im Verlaufe der Erzählung alle Fragezeichen aufgelöst werden. Denn nicht immer wusste ich, wo genau ich mich befinde. So hab ich bestimmt mehr als die Hälfte des Buches gelesen, bis ich verstanden hatte, das die Erzählerin alles an diesem einem Umzugs(nachmit)tag erzählt. Das bestimmte Gegenstände, sie dazu anregen zu erzählen. Und während all dieser Erzählung hab ich mich oft gefragt, ob ich was überlesen habe und manche Sätze mehrmals gelesen, um wieder festzustellen, dass ich nichts überlesen hatte, sondern die Erzählung einfach schon im vollen Gange war und ich warten muss, bis ich versteh von wem oder von was ich gerade einen Ausschnitt des Lebens beschrieben bekomme. Auch hab ich etwas gebraucht, um zu verstehen, dass die Erzählerin kein Erzähler ist, denn wirklich Mädchen will sie nicht sein und Luca mag sie auch mehr als nur freundschaftlich. Herrlich find ich auch den Kärntner Dialekt, der hier immer wieder miterzählt wird und auch die bosnischen Wörter. Wer keine stringente Handlung braucht, der/die wird hier mit einer herrlich melancholischen Geschichte belohnt. Eine Geschichte, in der die raue Natur viel liebevoller ist als so mancher Dorfbewohner. Ich hab so viel zurückbekommen für die ganze Mühe beim Lesen. S.78 „Am liebsten hätte ich den Vorgang wiederholt. Mich zweimal, dreimal, viermal rasiert. Ich wollte die Schichten meiner Kindheit nacheinander absagen und so mein erwachsenes und autonomes Selbst, das schon ungeduldig darunter wartete, endlich hervorholen.“ S.109 „Dem Wald ist es gleich. Was er nicht mag, ist, wenn Menschen ihren Dreck liegen lassen, obwohl schon so manche Ameisenkolonie ihr Glück in einer Coladose gefunden haben soll. Das ist allerdings ein kurzfristiges Glück. S.198/199 „Und weil die Oma Politiker generell abstoßend fand, ging sie mit meinem Opa auf einen Getreidekaffee und heiratete ihn. Dass sie mit Hitler, „dea wär da liabare gwesn“, einen offeneren und humaneren Mann gehabt hätte, stellte sich erst nach dem Krieg heraus, sagte sie, „sunst häd i eh den Hitla gnumma“, und lachte.“
Queeres Coming of Age aber auf österreichisch und im Kärntner Dialekt - lieben wir!
Julia Jost schafft es, den Kärntner-Dialekt so schön in Szene zu setzen - und das ist nicht immer einfach. :-) Die Geschichte der elfjährigen Erzählerin, die eigentlich gar keine „Erzählerin“ sein möchte, sondern lieber ein Erzähler, nimmt die Lesenden mit auf einen alten Gutshof in Kärnten. Ein Umzug steht bevor und somit auch viele Abschiede, die von der erzählenden Person mit (schwarzem) Humor und viel Fantasie erzählt werden. Gut gefallen hat mir der Schreibstil und das Einbringen des Kärntner Dialekts (denn ich liebe unseren Dialekt!), ganz ohne dass es krampfhaft oder unauthentisch gewirkt hätte. Die Autorin „übersetzt“ Dialektwörter und Phrasen im Textfluss, sodass diese meiner Meinung nach auch für nicht-Kärntner:innen gut nachvollziehbar sind. Die erzählende Person spricht außerdem viel über ihre bisherige Kindheit und teilt viele Anekdoten mit den Lesenden. Diese Erinnerungen sind besonders fantastisch ausgeschmückt und erzeugen fabelhafte Bilder beim Lesen. Viel mehr als über die erzählende Person selbst erfährt man aber über die Personen in ihrem Umfeld; Familie, Freund:innen, Lehrer:innen… nur nach und nach kommen Informationen zur Erzählerin ans Licht. So gesehen war es ein etwas langwieriges Buch - für mich war die zeitliche Abfolge an manchen Stellen nicht leicht einzuordnen. Da ich auch den Klappentext absichtlich nicht gelesen habe, wusste ich bis zum Ende des Buches nicht, dass die Geschichte an einem einzigen Nachmittag erzählt wird. Es kann aber auch sein, dass ich im Laufe des Lesens einmal unaufmerksam war und das nicht mitbekommen habe. Das ist auch ein weitere Grund, wieso ich das Buch noch ein oder zwei mal in die Hand nehmen werde. Trotz allem (schwarzen) Humors birgt das Buch eine unheimliche Melancholie für mich, die aber besonders gut in das Setting passt. Empfehlenswert!
Gibt es die Verbindung zwischen sprachlicher Brillianz und einer harten Nuss?! Julia Jost beweist es uns 🌰🫶💎💕📚😍
Der Roman „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“ ist 2024 bei Suhrkamp erschienen und stellt Julia Josts Debütroman dar. Die Österreicherin studierte Philosophie, Bildhauerei und Theaterregie. Sie wurde für ihr Buch mit dem KELAG Preis ausgezeichnet. Wir begleiten ein Mädchen, das irgendwo hinter Feldkirchen auf dem Gratschbacher Hof aufgewachsen ist. „Die Gratschbacher Gegend ist ein Wald ohne Augen. Ohne Sträucher und Äste, die sich hinter deinem Rücken raschelnd zusammenbiegen, um die Todesangst vorzubereiten, die sie gleich in dir auslösen werden. Einen sprechenden Wolf gibt es auch nicht. Der dir geifernd zusieht, wie du Tellereisen jagst. Hinterlist und Bosheit sind, auf diese Fauna wie Flora bezogen, Kokolores. Mit einem Wort meiner Mutter ausgedrückt. Der Gratschbacher Wald und die Felder, die Wiesen, der Teich sind eine ganz übliche Summe aus Pflanzen, Wasser und Tieren, die darin wohnen. Sonst nichts. Das ist alles, was es mit der Gratschbacher Gegend auf sich hat.“ Gefährlich sind nur die Menschen. Die Ich-Erzählerin beschreibt den Tag, an dem eine Gruppe von Kindern den Franz Ruck, ein gerade erst zugezogenes Kind, in einen Brunnen abseilte. Das Kind kam dabei ums Leben. Auf diese Tragödie kommt das sich erinnernde Mädchen immer wieder zurück. Alle im Dorf sind danach auf je unterschiedliche Weise traumatisiert. Die Familie des Mädchens wird den Gratschbacher Hof verkaufen und wegziehen. Beide Elternteile kommen aus ärmlichen Verhältnissen, aber der Vater hat es durch den Handel mit Lastwagen zu einem kleinen Vermögen gebracht, und vor allem die Mutter möchte in die bürgerliche Oberschicht aufsteigen. Dazu gehört unter anderem Klavierunterricht für die Tochter. Der Lehrer - davon ist das Kind überzeugt - hasst sie, seine schlechteste Schülerin: „Wenn meine Mutter einmal nicht beim Unterricht dabei sein konnte, wurde er grob und klopfte mir auf die Finger. Wegen meiner geschicklosen Fingerhaltung, es meiner verhuscht angeschlagenen Töne bei ausnahmslos jeder Etüde.“ Ihr nicht vorhandenes Talent beim Klavierspiel ist noch das geringste Problem, mit dem das Kind zu kämpfen hat. Das Mädchen wäre lieber ein Junge und es liebt ein anderes Mädchen. Es gibt in diesem Roman heftige Szenen, die das oft unfassbare raue Miteinander in dem dörflichen Umfeld großartig einfangen. Die Liebe der Ich-Erzählerin zu Luca, die aus Bosnien stammt, bildet das Gegengewicht. „Dann flüsterte sie mir ins Ohr, dass sie es in ihrem Leben nicht so weit gebracht hätte, wäre sie immer vernünftig gewesen und küsste mich. Durch den Kuss waren meine Wunden unmittelbar geheilt.“ Der Roman von Julia Jost ist sprachlich brillant, unbestechlich in seiner Wahrhaftigkeit und eine literarische Sensation. Allerdings handelt es sich um eine harte Nuss, etwas zum Knacken.
1994, die Protagonistin ist 11 Jahre alt und beobachtet, unter einem LKW sitzend die Umzugsvorbereitungen ihrer Eltern. Die wollen nämlich bürgerlich werden und deshalb aus dem Bergdorf in den österreichischen Karawanken wegziehen. Ihre Tochter lässt sich dabei durch ihre Beobachtungen zu Erinnerungen an ihr bisheriges Leben als querstehendes Kind in einem konservativen, archaischen Umfeld inspirieren. Ich habe das Buch gerne gelesen aber leider ist bei mir trotzdem der Funken nicht so recht übergesprungen
Auf das Buch muss man sich einlassen. Ich hatte etwas eher luftig-humoriges erwartet, das war es nicht. Ich habe es vor dem Schlafengehen in Häppchen von 10-15 Seiten pro Tag gelesen. Kann ich nicht empfehlen. Dadurch hat sich mir das große Ganze nicht so recht erschlossen und ich habe lange den roten Faden gesucht und mich gefragt, was da jetzt eigentlich erzählt wird. Mit der Zeit wurde das schon deutlicher und ich halte es durchaus für ein gutes Buch. Ich habe nur persönlich schwer einen Draht zur Geschichte aufbauen können und es stellenweise nur überflogen, weil es für mich zum Teil zu kleinteilig erzählt war.
"Mir passt gar nichts. Kein Kleid und auch nicht die Welt außerhalb des Gratschbacher Grunds, den wir mit dem heutigen Tage verlassen werden." (S. 60) Die 11-jährige Erzählerin hockt unterm Umzugswagen, beobachtet das Geschehen, rekonstruiert ihre Familiengeschichte und verträumt sich in Erinnerungen. Sie haben den elterlichen Hof verkauft und ziehen fort. Raus aus der duster staubigen Familienhistorie, rein ins helle, moderne Zuhause. Doch lässt sich das, was diese Kärntner Familie über Generationen hinweg geprägt hat, einfach abstreifen und zurücklassen? Es ist ein streng katholisches, erzkonservatives, traditionsbewusstes, patriotisches Umfeld, in dem das Mädchen groß wird. Und eigentlich möchte sie weder all diese Attribute annehmen noch das ihr zugeschriebene Geschlecht. Kleider sind ihr ein Graus. Nicht mal im Spiel, um sich als Braut zu verkleiden und mit ihrer besten Freundin Luca Hochzeit zu halten. Lieber möchte sie die zögerlichen Berührungen und Küsse der beiden nicht verstecken müssen. Doch in ihrer engen Welt gibt es keine Toleranz gegenüber denen, die "mit dem Bus in die andere Richtung fahren". (Was für'n Spruch! 🙄) "Ich wollte die Schichten meiner Kindheit nacheinander abtragen und so mein erwachsenes und autonomes Selbst, das schon ungeduldig darunter wartete, endlich hervorholen." (S. 78) Ein Titel wie ein Gemälde und auch die Worte fügen sich lyrisch aneinander, dass sich eine ganze Welt auftut. Alles spürbar, hörbar, riechbar. Und trotzdem hat es mir das Buch wahnsinnig schwer gemacht. Es zu lesen, es zu mögen, es zu verstehen. Ich habe es und mich durchgezogen. Der sperrige Titel hat mir gefallen, doch leider war auch der Inhalt sperrig. Das familiäre Bergmassiv hat die Geschichte des Mädchens, das keines sein möchte, geschluckt. Aber vielleicht war das die Absicht dahinter.
Über das queere Leben einer 11-jährigen in einem konservativen Bergdorf.
Also, erst einmal bin ich voll auf diesen Buchtitel angesprungen. Lieb ich. 💕 Zum Inhalt: Kärnten, Österreich. 90er-Jahre. In einem kleinen Bergdorf scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Alles ist schon immer da gewesen, wo es ist und im besten Fall bleibt es auch genauso und verändert sich nicht. Ein trügerisches Idyll. Bis bei einem tragischen Unfall ein Junge in einem Brunnen ertrinkt. Dieses Ereignis rüttelt die Bewohner des kleinen Bergdorfes auf und die Erinnerung an diesen Schicksalschlag hallt bei allen Dörflern ewig nach. Derweil hockt in ihrem Versteck unter einem Umzugswagen die 11-jährige Ich-Erzählerin und lässt ihre Kindheit, das Erlebte und das Leben im Ort Revue passieren. Während sie selbst nicht gefunden wird, nimmt sie die einzelnen Dorfbewohner in Augenschein und man erfährt als Leser/in so einiges über die einzelnen Protagonisten und Begebenheiten. Da sind die beiden Brüder, die Gürtelschläge vom Vater einstecken, wenn sie etwas ausgefressen haben, die Mutter, die sich für ihr Versagen entschuldigt, dass ihre Kinder nicht der Norm entsprechen. Der Alkohol, der hier und da Abbitte leistet und die konservative Dorfgemeinschaft, die sich gerne über alles und jeden das Maul zerreißt, wenn sich auch nur eine winzige Gelegenheit zum Tratsch bietet. Eine Geschichte über eine Kindheit im kleinbürgerlichen Spießertum, die ich gerne gelesen habe und sprachlich richtig gut fand, die mich jedoch aufgrund der Erzählsprünge/-art gerade zu Beginn etwas verwirrt hat, handelt es sich doch eher um verschiedene Episoden, als um eine ganz zusammenhängende Geschichte. Nichtsdestotrotz, schreiben kann sie, die Frau Jost und zwar richtig gut.

Ein effektvoller Anti-Heimat-Roman
Eine sprachlich gelungene Kombination aus Dialekt und poetisch anmutenden Satzstrukturen. Einerseits vermag die Geschichte nostalgische Gefühle zu erwecken und gleichzeitig Missvergnügen auszulösen. Die zeitliche Abfolge war für mich nicht immer gleich erkenntlich und erschließt sich erst gänzlich zum Ende.
"Heimat- Roman" auf modern
Familienroman ums Erwachsen- werden um ein 11 jähriges queeres Mädchen. Provokant, modern, interessant, jedoch etwas langatmig. Alles in allem hat es mir gefallen, von mir gibt's die ABSOLUTE LESE EMPFEHLUNG. Es ist eine ruhige Geschichte ums Beobachten, Erwachsen werden und eine mutige Geschichte, wegen der queeten Einflüsse.

Weird-wie der Titel
Zugegeben, der erzählerische Rahmen, der den Roman umspannt, ist schon gut gewählt. Die 11jährige J (vermutlich Julia Jost selbst) liegt unter einem Umzugswagen. Sie und ihre Familie werden an diesem Tag aus dem Familienhof in Kärnten ausziehen. Nach und nach kommen die Bewohner des Dorfes, um mit anzupacken und sich zu verabschieden. Dies nutzt die Erzählerin, um ihre Familie und ihr Dorf in anekdotischen Erzählungen vorzustellen. Das Bild, das Julia Jost vom Bergdorf und seiner Umgebung zeichnet, ist alles andere als idyllisch. Ein Kind stirbt beim Spiel, was ein tiefes Trauma bei den Menschen hinterlässt. Die Erwachsenen saufen und betrügen sich gegenseitig. Widerliches Nazi-Gedankengut schafft es bis in die 90er Jahre hinein. Die Männer leben ihr ekelhaftes Patriarchat aus. Die Familien sind völlig dysfunktional. Und zwischen all dem Grauen entdeckt die 11-jährige J ihre Queerness. Julia Jost bringt also wichtige Themen aufs Tableau und dies tut sie sicherlich auch recht authentisch und aus eigener Anschauung. Der Stil und der Erzählton hat mir allerdings durchgehend ganz und gar nicht gefallen. Julia Jost schreibt durchweg kalt, zynisch und sarkastisch. Besonders unerträglich ist dieser Ton, wenn sie ganz lapidar nebenbei den Missbrauch von Pfarrern an Kindern abhandelt, als wäre das zum Lachen (mir ist klar, dass sie das nicht so meint). Und hier sind wir im Bereich von Geschmackssache: Wer relevante, zeitgenössische, teils regionale Themen in einem zynischen, schwarz-humorigen, kalten Ton ertragen kann, sollte das Buch lesen. Ich mochte es gar nicht. Ich fand es weird und anstrengend und habe es nur beendet, weil ich es geschenkt bekommen habe.

















