Schlaf der Vernunft

Schlaf der Vernunft

Hardback
4.67
Deutscher HerbstMordTochterGegenwart

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Description

Nach 20 Jahren Gefängnis wird Martina Müller zeitgleich mit der RAF-Auflösung begnadigt. Das „Mörder-Monster“, wie die Presse bei ihrer Verurteilung schrieb. Ihre Tochter Angelika, die ihre Entschlossenheit nie verstanden hat, soll ihrer Mutter nach der langen Haftzeit beistehen, obwohl jedwede Verbindung abgebrochen war. Martina, mit 48 noch jung, muss erkennen, dass nichts erreicht wurde, jeder Mord umsonst gewesen war. Um herauszufinden, ob sich ihre Mutter geändert hat, Reue in sich entdeckt, und Teil ihrer Familie werden kann, muss Angelika Martinas Spuren folgen. Von der Sympathisantin, über die Illegalität und dem Gängelband der Stasi, bis hin zum großen Attentat. Aber nicht nur sie. Durch die Begnadigungen gibt es zwar Ex-Terroristen, aber Ex-Opfer gibt es nicht, denn deren Leid verjährt nie. So taucht der Sohn eines RAF-Opfers auf, der wissen will, wer damals geschossen hat. Ehefrauen, Mütter und der einzig überlebende Leibwächter: Alle haben auch nach Jahrzehnten offene Fragen.

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Contemporary
Format
Hardback
Pages
448
Price
18.17 €

Author Description

Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, gewann bereits mit 18 Jahren ihre ersten Literaturpreise. Sie studierte in München Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft und promovierte über Aspekte von Feuchtwangers Auseinandersetzung mit dem Thema Macht. 1992 gründete sie die Kinderhilfsorganisation "Brot und Bücher e.V", um sich so aktiv für eine humanere Welt einzusetzen (mehr Informationen: www.brotundbuecher.de). Tanja Kinkels Romane wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt; sie spannen den Bogen von der Gründung Roms bis zum Amerika des 21. Jahrhunderts. Zu ihren bekanntesten Werken gehören "Die Löwin von Aquitanien" (1991), "Die Puppenspieler" (1993), "Mondlaub" (1995), "Die Schatten von La Rochelle" (1996), "Die Söhne der Wölfin" (2000), "Götterdämmerung" (2003), „Venuswurf“ (2006), „Säulen der Ewigkeit“ (2008) und "Im Schatten der Königin" (2010), "Das Spiel der Nachtigall" (2011), "Verführung" (2013) und "Manduchai - Die letzte Kriegerkönigin" (2014).

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Angesichts der gestrigen Ereignisse fällt es mir nicht leicht, heute diese Rezension zu schreiben. Ich habe Bedenken, ob ich die richtigen Worte finde. Doch ich hatte die Rezension für den heutigen Tag geplant und das Buch ist leider seid gestern noch relevanter für die aktuelle Weltsituation geworden. Deutschland, 1998. Nach der Selbstauflösung der Rote Armee Fraktion (RAF) wird die Terroristin Martina Müller begnadigt. Ihre Tochter, die lange keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter hatte, steht nun vor einer schwierigen Aufgabe: Sie soll ihre entfremdete Mutter, deren Taten für sie selbst unbegreiflich sind, bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft unterstützen. Auch die Hinterbliebenen der Opfer eines Anschlags, an dem Martina beteiligt war, erfahren von der bevorstehenden Entlassung. Wie werden die Beteiligten damit umgehen? Wie wird Martina sich verhalten? Und ist eine Annäherung an eine Mutter möglich, die zur Mörderin wurde? Als Zweijährige habe ich den Deutschen Herbst natürlich nicht bewusst erlebt, doch ich kann mich gut an die allgegenwärtigen Fahndungsplakate in den Ladengeschäften meiner Kindheit erinnern. Es ist mir heute ein Rätsel, wieso ich mich später so wenig mit dem Thema RAF befasst habe und warum auch nach meiner Erinnerung das Thema auch im Schulunterricht nicht sehr ausgiebig behandelt wurde. Die RAF war eine der ersten Erscheinungsformen dieser neuen Art der Kriegsführung, des Terrorismus. (Tanja Kinkel hat es wie immer geschafft, dass ich schon während der Lektüre Wikipedia gewälzt habe, und auch “Der Baader-Meinhoff-Komplex” von Stefan Aust habe ich schon bestellt.) Tanja Kinkels Roman wechselt zwischen zwei Zeitebenen: erstens der Zeit, als Martina als Jugendliche erste Erfahrungen mit der Staatsgewalt machte, als Studentin in Kontakt mit Widerständlern und späteren RAF-Terroristen kam und schließlich selbst zur Terroristin wurde. Zweitens mit dem Zeitpunkt ihrer Entlassung aus der Haft. Martina ist eine idealistische Jugendliche, die zufällig bei einer Klassenfahrt Zeugin der Demonstration anlässlich des Staatsbesuchs des persischen Schahs wird, bei der der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde. Der Vorfall schlägt sich entscheidend auf ihr Weltbild nieder. Tanja Kinkel schildert eindringlich, wie weitere Ereignisse, die Durchsetzung der bundesrepublikanischen Justiz mit Altnazionalsozialisten und die Haftbedingungen für die gefassten RAF-Mitglieder Martina immer mehr zur RAF treiben, zunächst nur als Sympathisantin, schließlich als aktive Terroristin. Ihre beste Freundin Renate hingegen besteht auf Gewaltlosigkeit und wird später Mitglied der Grünen. Die Sorge um ihre Tochter, die Martina nach einem One-Night-Stand als junge Studentin bekommen hat, verzögert die Entwicklung zur Terroristin, kann sie jedoch nicht verhindern. Konfrontiert mit der Frage, ob sie weiterhin Teil des vermeintlichen “Problems” oder Teil der vermeintlichen “Lösung” sein will, trifft sie ihre Entscheidung. Die Denkweise der Terroristen, die Martina nun übernimmt, ist gekennzeichnet von der Entmenschlichung ihrer Opfer, diese sind keine Menschen, sondern “Schweine”, die die Missstände des Staates in Kauf nehmen und das System unterstützen. Die zweite Zeitebene ist einerseits geprägt durch den Mutter-Tochter-Konflikt, andererseits durch die schwierige Situation, in die Martinas Entlassung die Hinterbliebenen der Opfer bringt. Dabei steht auch die Frage im Raum, ob Personenschützer Steffen, der den Anschlag überlebt hatte, durch seine Verletzungen jedoch keine Erinnerung daran hat, der RAF möglicherweise einen Tipp gegeben hat, denn es ist nicht zu erklären, wie die Terroristen von der Änderung der geplanten Fahrtroute erfahren haben. Diese Möglichkeit quält Steffen seitdem. Schließlich kommt es zum Aufeinandertreffen von Martina mit dem Sohn eines der Opfer, das anders verläuft, als dieser es erwartet hatte. Auch die Frage nach dem vermeintlichen Tippgeber wird geklärt. Tanja Kinkel erzählt in gewohnt gut lesbarer Sprache die Geschichte einer fiktiven RAF-Terroristin und zeigt uns an ihrem Beispiel, wie ein idealistischer Mensch zum Terroristen werden kann. Deutlich werden dabei vor allem zwei Dinge: Eine “Vergebung” durch die Gesellschaft ist nicht möglich, nur eine Begnadigung. Nur die Hinterbliebenen der Opfer können vergeben, aber dies kann nicht von ihnen erwartet werden. Es gibt keine Rechtfertigungen für Terrorismus, nur Erklärungen. Gewalt und Terror sind nie die Lösung! Ich empfehle “Schlaf der Vernunft” allen, jedoch insbesondere als Einstieg in das Thema RAF für diejenigen, die sich bisher nicht viel damit befasst haben.

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Kurzbeschreibung: Nach 20 Jahren Gefängnis wird Martina Müller zeitgleich mit der RAF-Auflösung begnadigt. Das "Mörder-Monster", wie die Presse bei ihrer Verurteilung schrieb. Ihre Tochter Angelika, die ihre Entschlossenheit nie verstanden hat, soll ihrer Mutter nach der langen Haftzeit beistehen, obwohl jedwede Verbindung abgebrochen war. Martina, mit 48 noch jung, muss erkennen, dass nichts erreicht wurde, jeder Mord umsonst gewesen war. Um herauszufinden, ob sich ihre Mutter geändert hat, Reue in sich entdeckt, und Teil ihrer Familie werden kann, muss Angelika Martinas Spuren folgen. Von der Sympathisantin, über die Illegalität und dem Gängelband der Stasi, bis hin zum großen Attentat. Aber nicht nur sie. Durch die Begnadigungen gibt es zwar Ex-Terroristen, aber Ex-Opfer gibt es nicht, denn deren Leid verjährt nie. So taucht der Sohn eines RAF-Opfers auf, der wissen will, wer damals geschossen hat. Ehefrauen, Mütter und der einzig überlebende Leibwächter: Alle haben auch nach Jahrzehnten offene Fragen. *Quelle* Zur Autorin: Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, gewann bereits mit 18 Jahren ihre ersten Literaturpreise. Sie studierte in München Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft und promovierte über Aspekte von Feuchtwangers Auseinandersetzung mit dem Thema Macht. 1992 gründete sie die Kinderhilfsorganisation "Brot und Bücher e.V.", um sich so aktiv für eine humanere Welt einzusetzen (mehr Informationen: www.brotundbuecher.de). Tanja Kinkels Romane wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt; sie spannen den Bogen von der Gründung Roms bis zum Amerika des 21. Jahrhunderts. Zu ihren bekanntesten Werken gehören Die Löwin von Aquitanien (1991), Die Puppenspieler (1993), Mondlaub (1995), Die Schatten von La Rochelle (1996), Die Söhne der Wölfin (2000), Götterdämmerung (2003), Venuswurf (2006), Säulen der Ewigkeit (2008) und Im Schatten der Königin (2010), Das Spiel der Nachtigall (2011), Verführung (2013) und Manduchai. Die letzte Kriegerkönigin (2014). Meinung: Deutschland 1998: Die Endzwanzigerin Angelika Limacher ist glücklich mit dem Zahnarzt Justus verheiratet und hat zwei Söhne, Micha und Max. Doch diese bisherige Idylle in ihrem Leben wird überschattet. Ihre Mutter Martina wird nach 20 Jahren Gefängnis begnadigt und auf freien Fuß gesetzt. Sie war Mitglied der RAF und am Mord an Staatssekretär Eberhard Werder beteiligt. Angelika gerät dadurch in einen Zwiespalt, denn einerseits ist ihr die Mutter mit ihren radikalen Ansichten und Taten fremd, sie ließ sie damals allein, um in den Untergrund zu gehen. Andererseits aber sehnt sie sich zurück nach einem normalen Mutter-Tochter-Verhältnis. Aber auch bei den Angehörigen der damaligen Opfer reißt die Entlassung Martina Müllers die alten Wunden wieder auf und jeder versucht, mit der kommenden neuen Situation fertig zu werden. Tanja Kinkel widmet sich in ihrem neuen Roman dem Thema RAF, von der Entstehung aus der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre heraus über die Kaufhausbrände in Frankfurt, der Todesnacht von Stammheim bis hin zur Auflösung der Gruppe. Die Protagonisten sind fiktive Personen, die Hintergründe aber real. Im Mittelpunkt steht Angelika Limacher, die Tochter der Ex-Terroristin Martina Müller. In zwei Zeitebenen wird einerseits über Angelika im Jahre 1998 berichtet, die sich inzwischen eine Familie und ein annehmliches Leben aufgebaut hat und die Nachricht erhält, dass ihre Mutter bald schon aus dem Gefängnis entlassen wird. Auf einer zweiten Zeitebene wird über ihre Mutter Martina berichtet, die 17-jährig Ende der 1960er Jahre auf einer Klassenfahrt nach Berlin den Schah-Besuch und die danach stattfindenden Ausschreitungen und den Mord am Studenten Benno Ohnesorg mitverfolgt. Erst als Sympathisantin der Bewegung (in dieser Zeit lernt sie Holger Meins kennen), geht sie später in den Untergrund und ist an dem Attentat auf den Staatssekretär des Justizministeriums, Eberhard Werder, aktiv beteiligt. Auch zahlreiche Nebencharaktere werden in die Geschichte miteingeflochten, die immer noch an den Folgen des Deutschen Herbstes leiden, wie z.B. der ehemalige Personenschützer Steffen Seidel, der als einziger das Attentat auf Werder überlebt hat, aber durch ein längeres Koma nie mehr ganz zu seiner alten Gesundheit zurückfand, aber auch die Familie Werders und der Sohn seines Chauffeurs, der ebenfalls zum Opfer wurde. Die zentralen Themen sind Vergebung, Reue, Schuld, Rachegefühle, das Verstehen der Motivation der Täter, aber auch die Familie. Hier hat Tanja Kinkel einwandfrei recherchiert und verbindet gekonnt Fiktives mit Realem. Vor allem der Mutter-Tochter-Konflikt steht hier im Mittelpunkt, aber auch das Täter-Opfer-Verhältnis. Wer sich für die Geschichte der RAF interessiert, wie eine Radikalisierung entsteht und welche Folgen dies für die Angehörigen bedeutet, sollte hier definitiv einen Blick riskieren. Allerdings wäre es ratsam, sich vorher weitergehender Lektüre über die RAF zu widmen, da in diesem Roman meiner Meinung nach vieles nur angeschnitten und eine gewisse Vorkenntnis vorausgesetzt wird. Zu empfehlen wäre hier Der Baader-Meinhof-Komplex von Stefan Aust und das von mir sehr geschätzte Tödlicher Irrtum von Butz Peters. Fazit: Schlaf der Vernunft ist ein sehr lesenswerter Roman, der sich mit der Geschichte der RAF aus der Sicht einer fiktiven Ex-Terroristin, ihrer Tochter und den Angehörigen der Opfer beschäftigt. Für interessierte Leser der jüngeren deutschen Geschichte uneingeschränkt empfehlenswert!

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