Familiensache
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Description
Ein Haus, einen Ehemann, ein Baby: Eigentlich hat Dawn alles, was man sich im England der 1980er-Jahre wünschen sollte. Doch dann lernt sie Hazel kennen und beginnt zu ahnen, welches andere Leben möglich wäre. Plötzlich ist alles viel heller – und komplizierter. Denn Dawn hat Verpflichtungen: Dawn hat ihre kleine Tochter Maggie. Jahrzehnte später ist Dawn für Maggie nur eine schattenhafte Erinnerung. Ihr Vater Heron hat sie allein großgezogen, die beiden sind ein Herz und eine Seele. Als Heron eine Diagnose erhält, die sein Leben völlig auf den Kopf stellt, erzählt er Maggie zunächst nichts davon. Denn über unbequeme Wahrheiten hat er schon immer lieber geschwiegen – so wie über das, was 1982 passiert ist …
In ebenso zarte wie sprachmächtige Prosa gegossen und mit warmherzigen Figuren gespickt, stellt Claire Lynch in Familiensache die Frage, was eine Familie ausmacht und wie die Wunden der Vergangenheit heilen können.
»Ich habe diesen zarten, herzzerreißenden Roman in einem Tag verschlungen und werde für immer an ihn denken müssen.« Barbara Kingsolver
Book Information
Author Description
Claire Lynch promovierte an der Universität Oxford und lehrte Englische und Irische Literatur an verschiedenen Universitäten. Sie ist regelmäßig in Podcasts zu den Themen Elternschaft und Queerpolitik zu Gast und hat ein Memoir über ihre eigenen Erfahrungen mit queerer Mutterschaft geschrieben. Sie lebt mit ihrer Frau und ihren drei Töchtern in Windsor. »Familiensache« ist ihr Debütroman.
Posts
Ein Buch, dass mich mitten ins Herz getroffen hat. Es erzählt davon, wie Recht eine Ungerechtigkeit ist und scharfkantig eine Familie zerteilt wie ein Skalpell und alle drumherum so tun, als würden dadurch keine Wunden entstehen und keine Narben bleiben. Kindeswohl wird zur Waffe einer moralisch verwirrten Gesellschaft. Männer entscheiden über weibliche Eigenschaften und Eignungen. Danach werden Menschen allein gelassen, niemand hilft, das Trauma zu überwinden, niemand zeigt, wie ein Leben danach gelingen kann. Schweigen und Vergessen auf allen scheint die einzige Bewältigungsstrategie. Die queere Thematik in leisen Worten erzählt - nie übertrieben, nie melodramatisch - eher sachlich und realistisch und dadurch noch viel eindringlicher. Konzentriert schaut die Autorin auf die betroffenen Menschen und zeigt ihr Ringen in einer Situation, vor der sich die Gesellschaft angewidert abwendet. Gleichzeitig gelingt ihr ein klarer Blick auf die Menschen, ohne sich in deren Abgründen zu verlieren. Und auch viele Jahre später, hilft niemand bei der Aufarbeitung und der Integration des Traumas Doch der Autorin gelingt ein Ende, das hoffen lässt. Als Anhang gibt es einige Informationen zur rechtlichen Entwicklung von den 80er Jahren bis heute. Diese hilft die Geschichte als nur ein Beispiel von vielen zu begreifen. Für mich ein absolutes Highlight - das mich an Geschichten wie Carol und Kleine Freuden erinnert und doch einzigartig in seiner Erzählweise ist.

Einfach wichtig !
Kennt ihr diese Bücher, die einen erst ganz sanft in eine Familiengeschichte ziehen und dann mit voller Wucht erschüttern? Genau so erging es mir mit dem neuen Roman von Claire Lynch. Die Geschichte ist wie ein komplexes Puzzle aufgebaut und springt meisterhaft zwischen zwei Zeitebenen: dem England der 1980er Jahre und der Gegenwart (2022/2023). Im Zentrum stehen Heron und Dawn. Sie heiraten jung, wie es damals üblich war, und führen eine scheinbar glückliche Ehe, gekrönt von ihrer Tochter Maggie, die der Lebensmittelpunkt beider Eltern ist. Doch die Idylle zerbricht, als Dawn sich in die junge Lehrerin Hazel verliebt. Was als leidenschaftliche Affäre beginnt, führt Dawn zu einer schmerzhaften Erkenntnis: Es gibt ein anderes Leben für sie. Sie möchte sich in Freundschaft trennen, hofft auf ein friedliches Co-Parenting – doch sie hat die Rechnung ohne den verletzten Stolz ihres Mannes und das gnadenlose Rechtssystem der 80er gemacht. Besonders schockierend ist die Rolle der Behörden. Basierend auf der damaligen Überzeugung, eine lesbische Mutter sei schädlich für die Kindesentwicklung, wird Dawn systematisch aus dem Leben ihrer Tochter gestrichen. Gekränkt und überzeugt, das Richtige zu tun, forciert Heron eine radikale Trennung. Maggie wächst ohne ihre „Mummy“ auf und erhält nie eine ehrliche Antwort auf ihre Fragen. Erst 40 Jahre später, als ihr Vater schwer erkrankt, entdeckt Maggie in alten Akten das ungeheuerliche Ausmaß der damaligen Kontaktsperre – und macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter. Mein Fazit Obwohl die Geschichte fiktiv ist, spürt man auf jeder Seite die tiefe Recherche der Autorin. Claire Lynch lässt die Erfahrungen vieler queerer Mütter einfließen, die ähnliche Diskriminierungen erleben mussten. Die Szenen vor Gericht, in denen Dawn wegen ihrer Sexualität regelrecht vorgeführt wird, sind kaum zu ertragen – vor allem mit dem Wissen, dass diese Praktiken noch gar nicht so lange zurückliegen. Ein tiefgründiger, schmerzhafter, aber unglaublich wichtiger Roman über das Recht auf Liebe und die späte Suche nach der Wahrheit. Fünf Sterne !
"Hazel redet sich Lügen ein. Das ist das Einzige, was sie ihrer Meinung nach jetzt tun kann. Sie redet sich ein, dass sie nicht hoffnungslos in Dawn verliebt ist. Sie redet sich ein, dass sie es nicht vom ersten Augenblick an gewusst hat. Sie redet sich ein, sie würde nicht alles tun mit ihr zusammen zu sein. Sie von dem zu retten, was sie erwartet." S. 139 Die Geschichte handelt von Dawn, die sich in eine Frau verliebt und aus ihrem normalbürgerlichen (Familien-)Leben ausbricht; die ihren Ehemann Heron und ihre kleine Tochter Maggie für ihr eigenes Glück verlässt, was weder von ihrem Mann, noch von der Gesellschaft gebilligt wird und Konsequenzen für die gesamte Familie und ihr künftiges Leben nach sich zieht. Ich hatte aufgrund des Klappentextes große Erwartungen, die leider nicht erfüllt wurden. Durch die häufigen Zeitensprünge und Perspektivwechsel blieben mir die Protagonisten fremd und die Handlung zu unemotional. Dawns innere Zerrissenheit kam für mich ebenso wenig überzeugend rüber, wie Maggies Umgang mit dem Verlust ihrer Mutter, der sie seit ihrer Kindheit geprägt hat. Ebenfalls blieb mir die Figur des in der Vergangenheit verlassenen Ehemannes zu blass, stattdessen ging es nur um seinen gegenwärtigen Gesundheitszustand. Grundsätzlich finde ich, dass die Geschichte zwar Potenzial hatte, da die Thematik auch in der heutigen Zeit durchaus noch aktuell ist und hier noch viel mehr an Toleranz und Akzeptanz gearbeitet werden sollte, hier aber auf 242 Seiten nicht unbedingt voll ausgeschöpft wurde. Ich hätte mir im Ganzen mehr Gefühl und weniger Sachlichkeit und Nüchternheit gewünscht. Das Ende hat mich dann glücklicherweise aber ein wenig milde(r) gestimmt. "Es hat sie die Mühen eines ganzen Lebens gekostet, mit dem klarzukommen, was sie verloren hat. Zu sehen, was andere Menschen gewonnen haben. Der Zufall, zu einer anderen Zeit geboren worden zu sein oder an einem anderen Ort, der kann einem etwas geben oder nehmen." S. 241
Macht wütend
Starker Familienroman, der recht nüchtern daher kommt aber vor allem zwischen den Zeilen Schlagkraft entwickelt. Nach reellen Tatsachen, dass lesbischen Müttern, das Sorgerecht entzogen wurde wird die Sicht aus verschiedenen Perspektiven der Protagonisten verwoben. Manchmal zu nüchtern.
„Sie haben Angst“, sagt sie zu Dawn, „darum geht es. Versuche es mit ihren Augen zu sehen. Mütter, Hausfrauen, die zusammenleben. Wir würden das ganze System zum Einsturz bringen. „ (S. 145) Eine englische Kleinstadt in den 80ern. Hier lebt Dawn mit Mann Heron und ihrer kleinen Tochter Maggie. Doch das Gefühl, dass sie selbst nicht so ganz in ihren eigenen Alltag zu passen scheint, drängt sich ihr auf; und wir umso stärker, je häufiger ihre Begegnungen mit ihrer (zunächst flüchtigen) Bekannten Hazel werden… Die gleiche Stadt, 2022. Heron erhält eine Diagnose, die ihm kein allzu langes Leben mehr prophezeit. Und auch wenn das Band zwischen ihm und seiner Tochter Maggie, die mittlerweile selbst selbst zwei Kinder hat, eng und fürsorglich ist, fällt es den beiden schwer, über Herons Zustand und die Zukunft zu sprechen. Und auch das Sprechen über die Vergangenheit scheint ihnen nahezu unmöglich. Denn dort liegen Ereignisse, die dazu führten, dass sich die beiden zu zweit durchgeschlagen haben und Maggie so gut wie keine Erinnerung an ihre Mutter hat. Doch was ist damals passiert? Und gelingt es den beiden angesichts der veränderten Umstände über das bisher Unsagbare zu sprechen? @claire beleuchtet in „Familiensache“ ein dunkles Kapitel der englischen (und auch deutschen) Geschichte – die systematische Aberkennung des Sorgerechts für Mütter in lesbischen Beziehungen, die bis in die 1980er-Jahre gängige Praxis war. Es geht also um ein absolut wichtiges Thema, dessen historische Tragweite mir vor der Lektüre kaum bewusst war und das Claire Lynch eindrücklich ins Bewusstsein rückt. Nichtsdestotrotz hätte ich mir ingesamt noch mehr emotionale Wucht gewünscht. Die Geschichte hat mich inhaltlich zwar sehr berührt und fassungslos gemacht, aber die Erzählweise und die Zeichnung der Figuren blieben für mich etwas zu analytisch und sachlich. Insgesamt aber auf jeden Fall eine lohnende Lektüre, die die Gegebenheiten für lesbische Mütter bis in die 80er Jahre und deren Auswirkungen differenziert und ohne anzuklagen darstellt.
Vater, Mutter, Kind und... Ein Buch, dass auf zwei Ebenen erzählt, 1980 iger und heute, in England. Heron, ist Vater und Großvater. Er hat ein besonderes Verhältnis zu seiner Tochter, da er sie überwiegend allein großgezogen hat. Er erfährt, das er sterben wird und geht nach und nach seine Unterlagen durch, auch mit seiner Tochter. Das Thema Tod und Mutter sind schwierige Themen zwischen den beiden. Dawn, ist noch sehr jung als sie Mutter wurde, aber sie liebt Maggie über alles. Sie lernt Hazel kennen und die beiden verlieben sich und beginnen eine Affäre. Dawn erzählt es Heron. Es kommt zu Scheidung. Vor Gericht sind den Männern die sexuellen Praktiken wichtiger als was für das Kind gut ist. Dawn verschwindet aus Maggie's Leben. Maggie, verheiratet, Mutter zweier Kinder. Sie führt ein normales Leben und hat ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater. Als ihr Sohn für ein Schulprojekt den Großvater fragen zu seiner Vergangenheit stellen soll, könnt dieser ins plaudern und Maggie wird klar, dass sie mehr von ihrer Mutter wissen möchte und muss. In den 1980 igern waren Scheidungen verbunden mit Schuldzuweisungen. Eine lesbische Frau war immer die Schuldige und sorgte für Kindeswohlgefährdung, so die Ansicht des Gesetzes. Dieses Missverhältnis wird in dem Buch sehr gut dargestellt, auch wie ohnmächtig Dawn, dem Gericht gegenüber ist und sie quasi keine Chance hat sich zu verteidigen. Es geht um dem Schmerz einer Mutter und Tochter, die einer Situation ausgeliefert waren, die nur als ungerecht eingestuft werden kann.
Als Scheidungskind kann ich aus eigener, leidvoller Erfahrung sagen: Wenn eine Familie auseinanderbricht, ist es eine Schlacht ohne Sieger. Maggie, die Protagonistin von Claire Lynchs Roman “Familiensache”, ist (so wie ich) 43 und hat durch die Scheidung ihrer Eltern nicht, wie es üblich wäre und wie es auch in meinem Fall war, den Vater verloren, sondern die Mutter. Der Roman spielt in England und spürt auf zwei Zeitebenen dem Verfall von Maggies Familie nach. Auf der Gegenwartsebene (2022/23) lernen wir Heron kennen, Maggies Vater, der nach einer Krebsdiagnose die Fassung verliert. Bei Heron ist Maggie aufgewachsen, zu ihrer Mutter Dawn hat sie seit vierzig Jahren keinen Kontakt mehr und kaum eine Erinnerung an sie. In der Vergangenheitshandlung fächert sich Dawns Schicksal vor uns auf. Wir schreiben das Jahr 1982. Dawn lebt in einer englischen Ortschaft, sie ist 23, Hausfrau mit Kleinkind und lernt bei einem Flohmarkt die Lehrerin Hazel kennen. Ohne viel Umschweife verlieben sich die Frauen ineinander. Wir beobachten, wie Dawn mit sich ringt, wie sie zwischen ihrem alten und neuen Leben hin- und hergerissen ist. Sie entscheidet sich für das Geständnis, sagt ihrem Ehemann die Wahrheit und verliert bis auf Hazel alles, was ihr lieb und teuer war: allem voran ihre Tochter Maggie. Durch die Schilderung von Dawns prekärer Situation und auch durch ein Nachwort klärt uns die Autorin über die missliche Lage lesbischer Mütter auf, die sich eigentlich erst in den letzten 10, 20 Jahren gebessert hat. In den achtziger Jahren, wo die Handlung spielt, wurden im Fall einer gleichgeschlechtlichen Beziehung der Mutter, die Kinder fast automatisch allein dem Vater zugesprochen. Diese Ungerechtigkeit, die sicher für viele betroffene Kinder wie Maggie psychologische Folgen hatte, ist heute zum Glück das Relikt einer reaktionären Vergangenheit. Der Roman verhandelt in jedem Fall ein wichtiges Thema. Als literarisches Werk hat er mich stellenweise überzeugt, vor allem wenn Herons Perspektive zutage kam. Er wurde nicht automatisch als “der Böse” abgestempelt, sondern auch seine Situation wurde differenziert betrachtet. Auch seine Welt ist zusammengebrochen, auch er war gewissermaßen ein Opfer und Produkt seiner unfortschrittlichen Zeit. Es wird oft angedeutet, dass er das Vorgehen gegen Dawn als “zu hart” empfindet, aber dennoch auf seinen Vorteil bedacht ist. Auch Maggie hat mir als Figur gut gefallen. Wie sie als Frau und Mutter funktionieren muss und versucht, ihr inneres Kind zu heilen. Das Buch wirkt als Ganzes sehr realistisch, die Gerichtsaussagen sind sogar authentisch, da sie echten Fällen entnommen wurden. Ein wirklich sehr lesenswertes, ernstes Buch, auch wenn es mich emotional nicht immer so mitgenommen hat, wie ich es mir bei diesem Thema gewünscht hätte. Kurze Anmerkung noch: Hervorragend aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben. Nur warum der Anzug auf Seite 179 von C&A sein muss, erschließt sich mir nicht. Schließlich spielt der Roman in England und der Anzug ist sicher von M&S (Marks&Spencer). Hier kann man den Leser*innen sicher mehr kulturelle Transferleistung zutrauen.
Kann man Liebe verbieten?
Aus der typischen Kleinstadtfamilie wird ein Sorgerechtskampf. Aus einem betrogenen Vater wird ein einsamer, aber liebevoller Kämpfer, der darum ringt, den richtigen Weg zu finden. Aus einer gefangenen Mutter wird eine freiere, liebende Partnerin, die dafür den schmerzhaftesten Preis zahlt, den sich eine Mutter wohl vorstellen kann. Claire Lynch erzählt kraftvoll und voll persönlicher Betroffenheit von einem Schicksal, das bis in die 1990er Jahre hinein so viele lesbische Frauen getroffen hat: ihnen wurde ihre Liebe abgesprochen. Die Entscheidung, vor die sie gestellt wurden, war unmenschlich. Das eigene Kind oder ein Leben in den Fesseln aus Vereinbarungen und Versteckspiel? Die Geschichte von Dawn, Heron und Maggie steht exemplarisch für viele. Sie lässt fassungslos zurück. Erschreckend wie Gedanken und Umgangsweisen, die heute absurd wirken, vor vierzig Jahren allgegenwärtige Selbstverständlichkeit waren. Ein Roman von großer Wichtigkeit und Wucht. Und doch fehlt mir der letzte Funke zum Highlight. Die Sprache wirkt mitunter kühl, beinahe analytisch, der Wunsch der Autorin nach Aufklärung in jeder Zeile spürbar. Vielleicht verlieren die Figuren ein wenig an persönlicher Wärme, weil sie für etwas Größeres stehen sollen. Trotzdem: ein wirklich gutes und wichtiges Buch, das große Fragen stellt ohne Antworten vorzuschreiben. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben.

Vergangenheit so nah und doch fast vergessen
Ein wichtiges Buch, was zeigt, dass die Verachtung von Menschen, die von der vermeintlichen Norm abweichen vor kurzem noch vom Gesetz bekräftigt wurde. In dieser Geschichte geht es um die Absprechung des Sorgerechts für ihre Kinder, wenn Frauen zu ihrer Homosexualität standen. Genau genommen hätte auch ich so ein Kind sein können, unwissend, warum die Mutter einen "verlassen hat".
Eine tolle Geschichte, die zwar ein kleines Bißchen zu oberflächlich bleibt, mir aber dennoch sehr gut gefallen hat
Claire Lynch Familiensache Penguin ** Rezensionsexemplar ** 1982 Dawn, eine junge Frau und Mutter, lebt mit ihrem Mann Heron und der Tochter Maggie in ruhigen, geordneten Verhältnissen. Doch dann tritt Hazel in ihr Leben, Dawn entwickelt Gefühle, die sie nie zuvor erlebt hat und trifft eine Entscheidung, die nicht nur ihr eigenes Leben für immer verändern wird. 2022 Heron ist schwer krank. Seine Tochter Maggie, inzwischen selbst Ehefrau und Mutter, lebt ein ruhiges Leben, in dem auch ihr Vater Heron nach wie vor eine bedeutende Rolle spielt. Nicht so ihre Mutter. „Es gibt Themen, über die wurde so lange nicht geredet, dass man sie unmöglich laut aussprechen kann. An die Ehe ihrer Eltern denkt Maggie in einer vergessenen Sprache, in Worten, die sie seit Jahren nicht gehört oder benutzt hat.“ Ein ruhiges, vielleicht etwas düsteres, auf jeden Fall aber recht melancholisches Buch. Die Stimmung hat mir gut gefallen. Ebenso die Perspektivwechsel: mal erzählt Heron, mal Dawn, mal Maggi. Zugegeben, die vielen Zeitsprünge nahmen der Erzählung, meiner Meinung nach, jedoch etwas an Tiefe und auch die Emotionen der Protagonisten kamen nicht immer so richtig rüber. Ich hätte gern mehr über Herons Gedanken und Gefühle im Jahr 1982 erfahren und irgendwie auch mehr darüber, was das Geschehen letztendlich mit Maggie gemacht hat. Dennoch ist „Familiensache“ ein sehr berührendes Buch mit einem sehr interessanten Thema. Ein Thema, welches nach wie vor aktuell ist und auch wenn sich im Vergleich zum Jahr 1982 bereits einiges getan und geändert hat, so gibt es leider nach wie vor Vorurteile und Ablehnung, die es zu beseitigen gilt. Mein Fazit: eine tolle Geschichte, die zwar ein kleines Bißchen zu oberflächlich bleibt, mir aber dennoch sehr gut gefallen hat. 4/5*
In Familiensache begleiten wir Maggie über zwei Zeitebenen hinweg – einmal als Kind und später als erwachsene Frau. Anfangs wächst sie behütet und glücklich mit beiden Eltern auf, bis ein einschneidendes Ereignis ihr Leben grundlegend verändert. Die Trennung der Eltern reißt nicht nur die Familie auseinander, sondern prägt Maggie nachhaltig. Ohne zu spoilern erzählt der Roman von einem hoch emotionalen Thema, das besonders in den 1980er-Jahren in England bittere Realität war – und dessen Auswirkungen weit über diese Zeit hinausreichen. Es geht um Verlust, gesellschaftliche Normen, Schuld und die Frage, wie sehr Entscheidungen der Erwachsenen das Leben eines Kindes bestimmen können. Manchmal sind es nicht die lauten Bücher, die bleiben – sondern die, die leise an Stellen drücken, von denen man gar nicht wusste, dass sie weh tun können. Familiensache erzählt von Familie, Verlust und Entscheidungen, die aus Liebe entstehen – und trotzdem zerstörerische Folgen haben. Was mich besonders berührt hat: Niemand „gewinnt“ hier wirklich. Jede Figur trägt ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Verletzung. Genau das macht diese Geschichte so schmerzhaft real. Ein Roman, der nicht mit dem letzten Satz endet, sondern danach erst richtig nachhallt.
Lage queerer Menschen und Section 28 in UK der 80er als Roman thematisiert ✊ Sprachlich nicht mein favorite
Zu allererst: Ich finde es mega gut und wichtig, dass durch dieses Buch thematisiert wird, welche durch Staat und Justiz unterstützte Ungerechtigkeit so vielen queeren Menschen in junger Vergangenheit in UK widerfahren ist. Einige Szenen haben mich wirklich berührt und sehr wütend gemacht. Auch die politische und historische Einordnung am Ende fand ich gut, hätte sogar noch bisschen ausführlicher sein können, finde ich. Sprachlich konnte ich leider nix mit dem Buch anfangen. Es werden während der Handlung immer wieder lange Sätze eingebaut, die ganz ausführlich und blumig die Umgebung beschreiben: Das Toast auf dem Teller, die Bettdecke, das Gras. Das war mir einfach zu dick aufgetragen. Keine Ahnung ob es an der Übersetzung lag. Aber die Beschreibungen hörten gar nicht mehr auf und es sicherlich auch wie immer: Geschmacksache. Für die Handlung an sich hätte ich mit mehr Dynamik gewünscht. Maggie als Erwachsene fand ich komplett cool und hat mir in der Entwicklung gefallen. Dawn und Heron haben mich leider krass genervt. Was vielleicht auch gewollt war. Aber hier habe ich viel mehr inneren Konflikt, Emotionen und Auseinandersetzung erwartet. Ich will nicht spoilern, aber gerade das Schlusssetting ist ein zentraler Moment der Erzählung und hier war ich doch echt enttäuscht. Da hab ich VIEL mehr Gefühl erwartet. Long Story Short: Super wichtiges Thema, das mehr Sichtbarkeit verdient. Hat mich sonst nicht so abholt 🫰
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Ein Haus, einen Ehemann, ein Baby: Eigentlich hat Dawn alles, was man sich im England der 1980er-Jahre wünschen sollte. Doch dann lernt sie Hazel kennen und beginnt zu ahnen, welches andere Leben möglich wäre. Plötzlich ist alles viel heller – und komplizierter. Denn Dawn hat Verpflichtungen: Dawn hat ihre kleine Tochter Maggie. Jahrzehnte später ist Dawn für Maggie nur eine schattenhafte Erinnerung. Ihr Vater Heron hat sie allein großgezogen, die beiden sind ein Herz und eine Seele. Als Heron eine Diagnose erhält, die sein Leben völlig auf den Kopf stellt, erzählt er Maggie zunächst nichts davon. Denn über unbequeme Wahrheiten hat er schon immer lieber geschwiegen – so wie über das, was 1982 passiert ist …
In ebenso zarte wie sprachmächtige Prosa gegossen und mit warmherzigen Figuren gespickt, stellt Claire Lynch in Familiensache die Frage, was eine Familie ausmacht und wie die Wunden der Vergangenheit heilen können.
»Ich habe diesen zarten, herzzerreißenden Roman in einem Tag verschlungen und werde für immer an ihn denken müssen.« Barbara Kingsolver
Book Information
Author Description
Claire Lynch promovierte an der Universität Oxford und lehrte Englische und Irische Literatur an verschiedenen Universitäten. Sie ist regelmäßig in Podcasts zu den Themen Elternschaft und Queerpolitik zu Gast und hat ein Memoir über ihre eigenen Erfahrungen mit queerer Mutterschaft geschrieben. Sie lebt mit ihrer Frau und ihren drei Töchtern in Windsor. »Familiensache« ist ihr Debütroman.
Posts
Ein Buch, dass mich mitten ins Herz getroffen hat. Es erzählt davon, wie Recht eine Ungerechtigkeit ist und scharfkantig eine Familie zerteilt wie ein Skalpell und alle drumherum so tun, als würden dadurch keine Wunden entstehen und keine Narben bleiben. Kindeswohl wird zur Waffe einer moralisch verwirrten Gesellschaft. Männer entscheiden über weibliche Eigenschaften und Eignungen. Danach werden Menschen allein gelassen, niemand hilft, das Trauma zu überwinden, niemand zeigt, wie ein Leben danach gelingen kann. Schweigen und Vergessen auf allen scheint die einzige Bewältigungsstrategie. Die queere Thematik in leisen Worten erzählt - nie übertrieben, nie melodramatisch - eher sachlich und realistisch und dadurch noch viel eindringlicher. Konzentriert schaut die Autorin auf die betroffenen Menschen und zeigt ihr Ringen in einer Situation, vor der sich die Gesellschaft angewidert abwendet. Gleichzeitig gelingt ihr ein klarer Blick auf die Menschen, ohne sich in deren Abgründen zu verlieren. Und auch viele Jahre später, hilft niemand bei der Aufarbeitung und der Integration des Traumas Doch der Autorin gelingt ein Ende, das hoffen lässt. Als Anhang gibt es einige Informationen zur rechtlichen Entwicklung von den 80er Jahren bis heute. Diese hilft die Geschichte als nur ein Beispiel von vielen zu begreifen. Für mich ein absolutes Highlight - das mich an Geschichten wie Carol und Kleine Freuden erinnert und doch einzigartig in seiner Erzählweise ist.

Einfach wichtig !
Kennt ihr diese Bücher, die einen erst ganz sanft in eine Familiengeschichte ziehen und dann mit voller Wucht erschüttern? Genau so erging es mir mit dem neuen Roman von Claire Lynch. Die Geschichte ist wie ein komplexes Puzzle aufgebaut und springt meisterhaft zwischen zwei Zeitebenen: dem England der 1980er Jahre und der Gegenwart (2022/2023). Im Zentrum stehen Heron und Dawn. Sie heiraten jung, wie es damals üblich war, und führen eine scheinbar glückliche Ehe, gekrönt von ihrer Tochter Maggie, die der Lebensmittelpunkt beider Eltern ist. Doch die Idylle zerbricht, als Dawn sich in die junge Lehrerin Hazel verliebt. Was als leidenschaftliche Affäre beginnt, führt Dawn zu einer schmerzhaften Erkenntnis: Es gibt ein anderes Leben für sie. Sie möchte sich in Freundschaft trennen, hofft auf ein friedliches Co-Parenting – doch sie hat die Rechnung ohne den verletzten Stolz ihres Mannes und das gnadenlose Rechtssystem der 80er gemacht. Besonders schockierend ist die Rolle der Behörden. Basierend auf der damaligen Überzeugung, eine lesbische Mutter sei schädlich für die Kindesentwicklung, wird Dawn systematisch aus dem Leben ihrer Tochter gestrichen. Gekränkt und überzeugt, das Richtige zu tun, forciert Heron eine radikale Trennung. Maggie wächst ohne ihre „Mummy“ auf und erhält nie eine ehrliche Antwort auf ihre Fragen. Erst 40 Jahre später, als ihr Vater schwer erkrankt, entdeckt Maggie in alten Akten das ungeheuerliche Ausmaß der damaligen Kontaktsperre – und macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter. Mein Fazit Obwohl die Geschichte fiktiv ist, spürt man auf jeder Seite die tiefe Recherche der Autorin. Claire Lynch lässt die Erfahrungen vieler queerer Mütter einfließen, die ähnliche Diskriminierungen erleben mussten. Die Szenen vor Gericht, in denen Dawn wegen ihrer Sexualität regelrecht vorgeführt wird, sind kaum zu ertragen – vor allem mit dem Wissen, dass diese Praktiken noch gar nicht so lange zurückliegen. Ein tiefgründiger, schmerzhafter, aber unglaublich wichtiger Roman über das Recht auf Liebe und die späte Suche nach der Wahrheit. Fünf Sterne !
"Hazel redet sich Lügen ein. Das ist das Einzige, was sie ihrer Meinung nach jetzt tun kann. Sie redet sich ein, dass sie nicht hoffnungslos in Dawn verliebt ist. Sie redet sich ein, dass sie es nicht vom ersten Augenblick an gewusst hat. Sie redet sich ein, sie würde nicht alles tun mit ihr zusammen zu sein. Sie von dem zu retten, was sie erwartet." S. 139 Die Geschichte handelt von Dawn, die sich in eine Frau verliebt und aus ihrem normalbürgerlichen (Familien-)Leben ausbricht; die ihren Ehemann Heron und ihre kleine Tochter Maggie für ihr eigenes Glück verlässt, was weder von ihrem Mann, noch von der Gesellschaft gebilligt wird und Konsequenzen für die gesamte Familie und ihr künftiges Leben nach sich zieht. Ich hatte aufgrund des Klappentextes große Erwartungen, die leider nicht erfüllt wurden. Durch die häufigen Zeitensprünge und Perspektivwechsel blieben mir die Protagonisten fremd und die Handlung zu unemotional. Dawns innere Zerrissenheit kam für mich ebenso wenig überzeugend rüber, wie Maggies Umgang mit dem Verlust ihrer Mutter, der sie seit ihrer Kindheit geprägt hat. Ebenfalls blieb mir die Figur des in der Vergangenheit verlassenen Ehemannes zu blass, stattdessen ging es nur um seinen gegenwärtigen Gesundheitszustand. Grundsätzlich finde ich, dass die Geschichte zwar Potenzial hatte, da die Thematik auch in der heutigen Zeit durchaus noch aktuell ist und hier noch viel mehr an Toleranz und Akzeptanz gearbeitet werden sollte, hier aber auf 242 Seiten nicht unbedingt voll ausgeschöpft wurde. Ich hätte mir im Ganzen mehr Gefühl und weniger Sachlichkeit und Nüchternheit gewünscht. Das Ende hat mich dann glücklicherweise aber ein wenig milde(r) gestimmt. "Es hat sie die Mühen eines ganzen Lebens gekostet, mit dem klarzukommen, was sie verloren hat. Zu sehen, was andere Menschen gewonnen haben. Der Zufall, zu einer anderen Zeit geboren worden zu sein oder an einem anderen Ort, der kann einem etwas geben oder nehmen." S. 241
Macht wütend
Starker Familienroman, der recht nüchtern daher kommt aber vor allem zwischen den Zeilen Schlagkraft entwickelt. Nach reellen Tatsachen, dass lesbischen Müttern, das Sorgerecht entzogen wurde wird die Sicht aus verschiedenen Perspektiven der Protagonisten verwoben. Manchmal zu nüchtern.
„Sie haben Angst“, sagt sie zu Dawn, „darum geht es. Versuche es mit ihren Augen zu sehen. Mütter, Hausfrauen, die zusammenleben. Wir würden das ganze System zum Einsturz bringen. „ (S. 145) Eine englische Kleinstadt in den 80ern. Hier lebt Dawn mit Mann Heron und ihrer kleinen Tochter Maggie. Doch das Gefühl, dass sie selbst nicht so ganz in ihren eigenen Alltag zu passen scheint, drängt sich ihr auf; und wir umso stärker, je häufiger ihre Begegnungen mit ihrer (zunächst flüchtigen) Bekannten Hazel werden… Die gleiche Stadt, 2022. Heron erhält eine Diagnose, die ihm kein allzu langes Leben mehr prophezeit. Und auch wenn das Band zwischen ihm und seiner Tochter Maggie, die mittlerweile selbst selbst zwei Kinder hat, eng und fürsorglich ist, fällt es den beiden schwer, über Herons Zustand und die Zukunft zu sprechen. Und auch das Sprechen über die Vergangenheit scheint ihnen nahezu unmöglich. Denn dort liegen Ereignisse, die dazu führten, dass sich die beiden zu zweit durchgeschlagen haben und Maggie so gut wie keine Erinnerung an ihre Mutter hat. Doch was ist damals passiert? Und gelingt es den beiden angesichts der veränderten Umstände über das bisher Unsagbare zu sprechen? @claire beleuchtet in „Familiensache“ ein dunkles Kapitel der englischen (und auch deutschen) Geschichte – die systematische Aberkennung des Sorgerechts für Mütter in lesbischen Beziehungen, die bis in die 1980er-Jahre gängige Praxis war. Es geht also um ein absolut wichtiges Thema, dessen historische Tragweite mir vor der Lektüre kaum bewusst war und das Claire Lynch eindrücklich ins Bewusstsein rückt. Nichtsdestotrotz hätte ich mir ingesamt noch mehr emotionale Wucht gewünscht. Die Geschichte hat mich inhaltlich zwar sehr berührt und fassungslos gemacht, aber die Erzählweise und die Zeichnung der Figuren blieben für mich etwas zu analytisch und sachlich. Insgesamt aber auf jeden Fall eine lohnende Lektüre, die die Gegebenheiten für lesbische Mütter bis in die 80er Jahre und deren Auswirkungen differenziert und ohne anzuklagen darstellt.
Vater, Mutter, Kind und... Ein Buch, dass auf zwei Ebenen erzählt, 1980 iger und heute, in England. Heron, ist Vater und Großvater. Er hat ein besonderes Verhältnis zu seiner Tochter, da er sie überwiegend allein großgezogen hat. Er erfährt, das er sterben wird und geht nach und nach seine Unterlagen durch, auch mit seiner Tochter. Das Thema Tod und Mutter sind schwierige Themen zwischen den beiden. Dawn, ist noch sehr jung als sie Mutter wurde, aber sie liebt Maggie über alles. Sie lernt Hazel kennen und die beiden verlieben sich und beginnen eine Affäre. Dawn erzählt es Heron. Es kommt zu Scheidung. Vor Gericht sind den Männern die sexuellen Praktiken wichtiger als was für das Kind gut ist. Dawn verschwindet aus Maggie's Leben. Maggie, verheiratet, Mutter zweier Kinder. Sie führt ein normales Leben und hat ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater. Als ihr Sohn für ein Schulprojekt den Großvater fragen zu seiner Vergangenheit stellen soll, könnt dieser ins plaudern und Maggie wird klar, dass sie mehr von ihrer Mutter wissen möchte und muss. In den 1980 igern waren Scheidungen verbunden mit Schuldzuweisungen. Eine lesbische Frau war immer die Schuldige und sorgte für Kindeswohlgefährdung, so die Ansicht des Gesetzes. Dieses Missverhältnis wird in dem Buch sehr gut dargestellt, auch wie ohnmächtig Dawn, dem Gericht gegenüber ist und sie quasi keine Chance hat sich zu verteidigen. Es geht um dem Schmerz einer Mutter und Tochter, die einer Situation ausgeliefert waren, die nur als ungerecht eingestuft werden kann.
Als Scheidungskind kann ich aus eigener, leidvoller Erfahrung sagen: Wenn eine Familie auseinanderbricht, ist es eine Schlacht ohne Sieger. Maggie, die Protagonistin von Claire Lynchs Roman “Familiensache”, ist (so wie ich) 43 und hat durch die Scheidung ihrer Eltern nicht, wie es üblich wäre und wie es auch in meinem Fall war, den Vater verloren, sondern die Mutter. Der Roman spielt in England und spürt auf zwei Zeitebenen dem Verfall von Maggies Familie nach. Auf der Gegenwartsebene (2022/23) lernen wir Heron kennen, Maggies Vater, der nach einer Krebsdiagnose die Fassung verliert. Bei Heron ist Maggie aufgewachsen, zu ihrer Mutter Dawn hat sie seit vierzig Jahren keinen Kontakt mehr und kaum eine Erinnerung an sie. In der Vergangenheitshandlung fächert sich Dawns Schicksal vor uns auf. Wir schreiben das Jahr 1982. Dawn lebt in einer englischen Ortschaft, sie ist 23, Hausfrau mit Kleinkind und lernt bei einem Flohmarkt die Lehrerin Hazel kennen. Ohne viel Umschweife verlieben sich die Frauen ineinander. Wir beobachten, wie Dawn mit sich ringt, wie sie zwischen ihrem alten und neuen Leben hin- und hergerissen ist. Sie entscheidet sich für das Geständnis, sagt ihrem Ehemann die Wahrheit und verliert bis auf Hazel alles, was ihr lieb und teuer war: allem voran ihre Tochter Maggie. Durch die Schilderung von Dawns prekärer Situation und auch durch ein Nachwort klärt uns die Autorin über die missliche Lage lesbischer Mütter auf, die sich eigentlich erst in den letzten 10, 20 Jahren gebessert hat. In den achtziger Jahren, wo die Handlung spielt, wurden im Fall einer gleichgeschlechtlichen Beziehung der Mutter, die Kinder fast automatisch allein dem Vater zugesprochen. Diese Ungerechtigkeit, die sicher für viele betroffene Kinder wie Maggie psychologische Folgen hatte, ist heute zum Glück das Relikt einer reaktionären Vergangenheit. Der Roman verhandelt in jedem Fall ein wichtiges Thema. Als literarisches Werk hat er mich stellenweise überzeugt, vor allem wenn Herons Perspektive zutage kam. Er wurde nicht automatisch als “der Böse” abgestempelt, sondern auch seine Situation wurde differenziert betrachtet. Auch seine Welt ist zusammengebrochen, auch er war gewissermaßen ein Opfer und Produkt seiner unfortschrittlichen Zeit. Es wird oft angedeutet, dass er das Vorgehen gegen Dawn als “zu hart” empfindet, aber dennoch auf seinen Vorteil bedacht ist. Auch Maggie hat mir als Figur gut gefallen. Wie sie als Frau und Mutter funktionieren muss und versucht, ihr inneres Kind zu heilen. Das Buch wirkt als Ganzes sehr realistisch, die Gerichtsaussagen sind sogar authentisch, da sie echten Fällen entnommen wurden. Ein wirklich sehr lesenswertes, ernstes Buch, auch wenn es mich emotional nicht immer so mitgenommen hat, wie ich es mir bei diesem Thema gewünscht hätte. Kurze Anmerkung noch: Hervorragend aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben. Nur warum der Anzug auf Seite 179 von C&A sein muss, erschließt sich mir nicht. Schließlich spielt der Roman in England und der Anzug ist sicher von M&S (Marks&Spencer). Hier kann man den Leser*innen sicher mehr kulturelle Transferleistung zutrauen.
Kann man Liebe verbieten?
Aus der typischen Kleinstadtfamilie wird ein Sorgerechtskampf. Aus einem betrogenen Vater wird ein einsamer, aber liebevoller Kämpfer, der darum ringt, den richtigen Weg zu finden. Aus einer gefangenen Mutter wird eine freiere, liebende Partnerin, die dafür den schmerzhaftesten Preis zahlt, den sich eine Mutter wohl vorstellen kann. Claire Lynch erzählt kraftvoll und voll persönlicher Betroffenheit von einem Schicksal, das bis in die 1990er Jahre hinein so viele lesbische Frauen getroffen hat: ihnen wurde ihre Liebe abgesprochen. Die Entscheidung, vor die sie gestellt wurden, war unmenschlich. Das eigene Kind oder ein Leben in den Fesseln aus Vereinbarungen und Versteckspiel? Die Geschichte von Dawn, Heron und Maggie steht exemplarisch für viele. Sie lässt fassungslos zurück. Erschreckend wie Gedanken und Umgangsweisen, die heute absurd wirken, vor vierzig Jahren allgegenwärtige Selbstverständlichkeit waren. Ein Roman von großer Wichtigkeit und Wucht. Und doch fehlt mir der letzte Funke zum Highlight. Die Sprache wirkt mitunter kühl, beinahe analytisch, der Wunsch der Autorin nach Aufklärung in jeder Zeile spürbar. Vielleicht verlieren die Figuren ein wenig an persönlicher Wärme, weil sie für etwas Größeres stehen sollen. Trotzdem: ein wirklich gutes und wichtiges Buch, das große Fragen stellt ohne Antworten vorzuschreiben. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben.

Vergangenheit so nah und doch fast vergessen
Ein wichtiges Buch, was zeigt, dass die Verachtung von Menschen, die von der vermeintlichen Norm abweichen vor kurzem noch vom Gesetz bekräftigt wurde. In dieser Geschichte geht es um die Absprechung des Sorgerechts für ihre Kinder, wenn Frauen zu ihrer Homosexualität standen. Genau genommen hätte auch ich so ein Kind sein können, unwissend, warum die Mutter einen "verlassen hat".
Eine tolle Geschichte, die zwar ein kleines Bißchen zu oberflächlich bleibt, mir aber dennoch sehr gut gefallen hat
Claire Lynch Familiensache Penguin ** Rezensionsexemplar ** 1982 Dawn, eine junge Frau und Mutter, lebt mit ihrem Mann Heron und der Tochter Maggie in ruhigen, geordneten Verhältnissen. Doch dann tritt Hazel in ihr Leben, Dawn entwickelt Gefühle, die sie nie zuvor erlebt hat und trifft eine Entscheidung, die nicht nur ihr eigenes Leben für immer verändern wird. 2022 Heron ist schwer krank. Seine Tochter Maggie, inzwischen selbst Ehefrau und Mutter, lebt ein ruhiges Leben, in dem auch ihr Vater Heron nach wie vor eine bedeutende Rolle spielt. Nicht so ihre Mutter. „Es gibt Themen, über die wurde so lange nicht geredet, dass man sie unmöglich laut aussprechen kann. An die Ehe ihrer Eltern denkt Maggie in einer vergessenen Sprache, in Worten, die sie seit Jahren nicht gehört oder benutzt hat.“ Ein ruhiges, vielleicht etwas düsteres, auf jeden Fall aber recht melancholisches Buch. Die Stimmung hat mir gut gefallen. Ebenso die Perspektivwechsel: mal erzählt Heron, mal Dawn, mal Maggi. Zugegeben, die vielen Zeitsprünge nahmen der Erzählung, meiner Meinung nach, jedoch etwas an Tiefe und auch die Emotionen der Protagonisten kamen nicht immer so richtig rüber. Ich hätte gern mehr über Herons Gedanken und Gefühle im Jahr 1982 erfahren und irgendwie auch mehr darüber, was das Geschehen letztendlich mit Maggie gemacht hat. Dennoch ist „Familiensache“ ein sehr berührendes Buch mit einem sehr interessanten Thema. Ein Thema, welches nach wie vor aktuell ist und auch wenn sich im Vergleich zum Jahr 1982 bereits einiges getan und geändert hat, so gibt es leider nach wie vor Vorurteile und Ablehnung, die es zu beseitigen gilt. Mein Fazit: eine tolle Geschichte, die zwar ein kleines Bißchen zu oberflächlich bleibt, mir aber dennoch sehr gut gefallen hat. 4/5*
In Familiensache begleiten wir Maggie über zwei Zeitebenen hinweg – einmal als Kind und später als erwachsene Frau. Anfangs wächst sie behütet und glücklich mit beiden Eltern auf, bis ein einschneidendes Ereignis ihr Leben grundlegend verändert. Die Trennung der Eltern reißt nicht nur die Familie auseinander, sondern prägt Maggie nachhaltig. Ohne zu spoilern erzählt der Roman von einem hoch emotionalen Thema, das besonders in den 1980er-Jahren in England bittere Realität war – und dessen Auswirkungen weit über diese Zeit hinausreichen. Es geht um Verlust, gesellschaftliche Normen, Schuld und die Frage, wie sehr Entscheidungen der Erwachsenen das Leben eines Kindes bestimmen können. Manchmal sind es nicht die lauten Bücher, die bleiben – sondern die, die leise an Stellen drücken, von denen man gar nicht wusste, dass sie weh tun können. Familiensache erzählt von Familie, Verlust und Entscheidungen, die aus Liebe entstehen – und trotzdem zerstörerische Folgen haben. Was mich besonders berührt hat: Niemand „gewinnt“ hier wirklich. Jede Figur trägt ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Verletzung. Genau das macht diese Geschichte so schmerzhaft real. Ein Roman, der nicht mit dem letzten Satz endet, sondern danach erst richtig nachhallt.
Lage queerer Menschen und Section 28 in UK der 80er als Roman thematisiert ✊ Sprachlich nicht mein favorite
Zu allererst: Ich finde es mega gut und wichtig, dass durch dieses Buch thematisiert wird, welche durch Staat und Justiz unterstützte Ungerechtigkeit so vielen queeren Menschen in junger Vergangenheit in UK widerfahren ist. Einige Szenen haben mich wirklich berührt und sehr wütend gemacht. Auch die politische und historische Einordnung am Ende fand ich gut, hätte sogar noch bisschen ausführlicher sein können, finde ich. Sprachlich konnte ich leider nix mit dem Buch anfangen. Es werden während der Handlung immer wieder lange Sätze eingebaut, die ganz ausführlich und blumig die Umgebung beschreiben: Das Toast auf dem Teller, die Bettdecke, das Gras. Das war mir einfach zu dick aufgetragen. Keine Ahnung ob es an der Übersetzung lag. Aber die Beschreibungen hörten gar nicht mehr auf und es sicherlich auch wie immer: Geschmacksache. Für die Handlung an sich hätte ich mit mehr Dynamik gewünscht. Maggie als Erwachsene fand ich komplett cool und hat mir in der Entwicklung gefallen. Dawn und Heron haben mich leider krass genervt. Was vielleicht auch gewollt war. Aber hier habe ich viel mehr inneren Konflikt, Emotionen und Auseinandersetzung erwartet. Ich will nicht spoilern, aber gerade das Schlusssetting ist ein zentraler Moment der Erzählung und hier war ich doch echt enttäuscht. Da hab ich VIEL mehr Gefühl erwartet. Long Story Short: Super wichtiges Thema, das mehr Sichtbarkeit verdient. Hat mich sonst nicht so abholt 🫰





















