Durch die Nacht
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Description
Book Information
Author Description
Stig Sæterbakken (1966–2012) gehört zu den wichtigsten norwegischen Autoren der letzten Jahrzehnte. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Essay- und Lyrikbände und arbeitete zudem als Übersetzer.
Posts
Der Protagonist verliert seinen Sohn durch Selbstmord und wandert durch die Nacht um Antworten zu finden. Das relativ kurze Buch hat sich nicht einfach gelesen. Ich hatte mehr Fokus auf den Sohn erwartet, es ging aber viel um den Vater und sein Leben, seine Entscheidungen. Vieles war metaphorisch und ich hatte nicht die Muße das tiefer zu ergründen.
"Trauer tritt in so vielen Formen auf. Sie ist wie ein Licht, das ein- und ausgeschaltet wird. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann. Man wird gefüllt und geleert. Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich. Ihn zu vergessen war das Schlimmste, was ich tun konnte. An ihn zu denken war das Schlimmste, was ich tun konnte. Kälte kam und ging. Wärme kam nie. Es gab nur Kälte und die Abwesenheit von Kälte. Wie mit dem Rücken zum Meer stehen. Eiskalte Knöchel jedes Mal, wenn eine Welle anrollte. Sie lief ab. Dann kam sie wieder. Während ich so dastand ging die Sonne unter, und es wurde Nacht. Seitdem ist Nacht." Zu sagen, das Buch hat mich auf verschiedenen Ebenen berührt, wäre eine Untertreibung. Gerade dieser erste Absatz spiegelt meine Gefühle wieder, die ich selbst empfand, als mein Vater starb. Daran zu denken war schlimm. Sich abzulenken und einige Stunden nicht an ihn zu denken war schlimmer. Die Hauptfigur des Romans, Karl, stellt sich nach dem Tod seines Sohnes die Frage, warum? Hatte seine außereheliche Affäre etwas mit Ole-Jakob's Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, zu tun? Hätte er es verhindern können? Eine quälende Frage, auf die er wohl nie eine Antwort bekommen wird. Aber von einem Bekannten hört er eine Geschichte über ein Haus, das, sobald man es betritt, einem seine größten Ängste zeigen soll. Das letzte Drittel des Buchs beschreibt Karl's etwas surreale Reise zu diesem Haus und zu sich selbst. (Ganz verstanden habe ich das Ende jedoch nicht.) Alles in allem aber ein direktes, brutales Buch. Selbstmord ist nicht die Lösung. Bitte.
Ich habe mir von diesem Buch etwas anderes erwartet. Ich habe eine Trauerverarbeitung erwartet. Davon habe ich wenig gespürt. Vielleicht weil es so nordisch kühl ist. Mich hat der Wechsel zwischen Erinnerung, Gegenwart und Fantasien und Träumen nur verwirrt und irgendwann verloren. Bestimmt habe ich deshalb das Ende nicht richtig verstanden.
Abgebrochen auf S. 227. Ich erwartete einen Roman voll tiefster Zerrissenheit, eine Familie, die völlig am Abgrund steht, weil der Sohn sich das Leben nahm. Stattdessen gibt es ausschweifende Kapitel über die Affäre des Vaters, der seine Familie gleich zweimal verlässt und dann zu irgendeiner Art "Horrorhaus" in der Slowakei aufbricht. Irgendwann hatte es mich leider völlig verloren...
Karl und Eva führen eine Bilderbuchehe, mit den zwei gemeinsamen Kindern Ole-Jakob und Stine. Da ist ganz viel Liebe, das spürt man beim Lesen immer wieder, doch dann gerät alles aus dem Ruder: Karl verlässt die Familie für ein junges Mädchen, tauscht Liebe gegen flüchtige Lust. Wenig später ist Ole-Jakob tot, vermutlich Suizid, und hinterlässt die Hinterbliebenen mit quälenden Fragen. Wer ist schuld? Karl flieht vor dieser Frage, flieht vor sich selbst. Stig Sæterbakken erzählt die Geschichte einer Familie, die nach dem Selbstmord des 18-jährigen Sohnes Stück für Stück zerbricht. „Durch die Nacht“ nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Schattengründe von Schuld, Trauer, Scham und Zorn, und das ist keine leichte Kost – umso verstörender, wenn man weiß, dass sich der Autor 2012 das Leben nahm, ein Jahr nach Erscheinen des Romans. Wer selbst schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat – vor allem zu jung, vor allem unerwartet –, kennt dieses Gefühl der fassungslosen Trauer, das hier geradezu die Seiten tränkt. Wie man neben sich steht. Wie man den Eindruck hat, dass die ganze Welt aus dem Takt geraten ist, während man selber versucht, wieder Halt zu finden. Die Trauer des Lesers, selbst wenn sie nur noch als leises Echo widerhallt, gibt dieser Geschichte einen tiefen Resonanzboden, und das macht sie in meinen Augen so universell und zeitlos. Schon nach wenigen Seiten beschlich mich das Gefühl, dass ich leicht den Tritt verlor, auf trügerischem Gelände ins Rutschen kam. Für einen Augenblick gefangen zwischen dem Impuls, das Buch zur Seite zu legen, und dem, mich fallen zu lassen, las ich dann doch direkt weiter – in der dumpfen Erwartung, dass das Buch den emotionalen Tiefpunkt noch lange nicht erreicht hatte. Und damit lag ich richtig. Der Autor schont weder seine Charaktere noch den Leser (und beim Schreiben sicher auch sich selber nicht). Zitat: „Kälte kam und ging. Wärme kam nie. Es gab nur Kälte und die Abwesenheit von Kälte.“ Dennoch will man wissen, muss man wissen, wie es weitergeht. ‚Sogwirkung‘ ist ein überstrapazierter Begriff, aber er trifft es am ehesten: dieses Gefühl der Unvermeidlichkeit und gleichzeitig der gespannten Erwartung. Sæterbakken schreibt Charaktere, die man sicher nicht immer mögen muss, die sich aber geradezu schmerzhaft authentisch lesen. Selbst in ihren Fehlern und Schwächen sind sie einfach durch und durch menschlich – man kann ihnen als Leser daher alles verzeihen, auch wenn sie sich selbst rein gar nicht verzeihen können. Zitat: „Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich.“ Besonders Karl, der trauernde Vater, ist sicher kein strahlender Held. Er setzt seine Familie auf Spiel, wirft die Liebe seines Lebens weg, und wofür? Für eine Affäre, die nicht mehr ist als eine erotische Stichflamme, eine oberflächliche, kurzlebige Verliebtheit. Und dann ist es passiert: Ole-Jakob ist tot und Karl muss sich fragen, ob er seinen Sohn in den Selbstmord getrieben hat. Dennoch konnte ich für ihn nichts empfinden außer ehrliches Mitleid und den Wunsch, er möge in irgendeiner Form seinen Frieden finden – angesichts seiner Trauer wird alles andere bedeutungslos. Zitat: „Während ich so dastand, ging die Sonne unter, und es wurde Nacht. Seitdem ist Nacht.“ Tatsächlich verliert er jedoch den Halt und damit jeden Bezug zur Realität. Denn sein Freund Boris erzählt ihm von einem Haus in der Slowakei, das man als geläuterter Mensch verlässt – sofern man es im Vollbesitz der geistigen Kräfte überlebt, was nicht gewährleistet ist. Urban Legend? Schauergeschichte? Ammenmärchen? Egal. Karl sieht nur noch diese eine Möglichkeit, die quälenden Schuldgefühle hinter sich zu lassen. So oder so. Er bricht auf, dieses Haus zu suchen – den Ort, wo „Hoffnung zu Staub wird“. Die Handlung kippt, während Karl sich zunehmend in Selbstauflösung befindet. Was danach wirklich passiert und was seiner wahnhaften Depression entsprungen ist, dessen kann man sich als Leser nie hundertprozentig gewiss sein. Die Geschehnisse lesen sich zunehmend unwirklich und alptraumhaft, Kafka und Edgar Allan Poe lassen grüßen. Sæterbakken balanciert gekonnt zwischen Realität und Surrealität, mit ausdrucksstarken Worten voller Dringlichkeit und Atmosphäre. Einfache Antworten liefert er nicht – tatsächlich fühlte ich mich vom Ende im ersten Moment geradezu vor den Kopf gestoßen! –, dafür aber eine Vielzahl möglicher Interpretationen. Zentral steht meines Erachtens auf jeden Fall die Frage, was der Selbstmord eines geliebten Menschen im Leben der Hinterbliebenen anrichtet. FAZIT Ole-Jakob war erst 18, doch Ole-Jakob ist tot. Zurück bleiben seine Eltern und seine Schwester, die sich fragen müssen, warum er außer dem Freitod keine Lösung sah. Vater Karl geht zugrunde an seiner Schuld, als sein bester Freund ihm von einem geheimnisvollen Haus erzählt, das jeden Besucher von seinen tiefsten Ängsten läutert – oder ihn in den Wahnsinn treibt. Verzweifelt bricht Karl auf zu einer Reise, bei der es für ihn um alles oder nichts geht. Das Buch hat mich zutiefst erschüttert – nicht nur, weil ich immer im Hinterkopf hatte, dass sich der Autor etwa ein Jahr nach Veröffentlichung das Leben nahm. Es ist schon ungeachtet dessen sicher keine leichte Lektüre für nebenher. Zum einen atmen die Worte geradezu Trauer und Schmerz, und zum anderen nimmt die Geschichte immer surrealere Wendungen – bis hin zu einem Ende, nach dem ich alles hinterfragte, was ich über die Geschichte zu wissen glaubte. Ich erwäge, das Buch direkt noch einmal zu lesen, um zu schauen, wo und wie sich dieses Ende angekündigt hat. Noch einmal durch die Nacht. #ThePassionWeShare #ReadingThroughTheNight #DurchDieNachtLesen Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-stig-saeterbakken-durch-die-nacht/
"Durch die Nacht" von Stig Sæterbakken hat mich positiv überrascht, muss ich sagen. Ich war mir nicht ganz sicher, was hier auf mich zu kommen würde und empfand den Schreibstil gleich zu Beginn schon wirklich einnehmend. Karls Trauerbewältigung spitzt sich innerhalb der gesamten Familie zu und dies aus der Sicht eines Mannes näher gebracht zu bekommen fand ich mitunter sehr interessant! Ein kleiner Minuspunkt war für mich hier lediglich, dass wir als Leser so wenig von Ole-Jakob erfahren...Mich hätte sein Hintergrund, der ihn zu diesem Suizid geführt hat sehr interessiert und wäre glaube ich ein Punkt gewesen, der das Buch noch ein bisschen tiefgreifender und intensiver insgesamt gemacht hätte. Dennoch ein lesenswertes Buch, das wie ich finde wirklich mal auf ganz andere Weise an den Leser heran tritt.
Ich hatte von diesem Roman weder die Geschichte einer Midlife-Crisis noch den Horrorteil am Ende erwartet und würde ihn nicht gelesen haben, hätte ich das gewußt. Das Buch bietet eine eindringliche Schilderung von Unglück in vielen Ausprägungen. Es hat mir nicht gefallen, aber in seiner Intensität beeindruckt. "Durch die Nacht" ist ein beunruhigendes Buch, das aus der Perspektive desjenigen verfaßt ist, der aus der Bahn geworfen wurde.
Deep und sehr realitätsnah!
Die Geschichte rund um Dr. Karl Meyer und wie seine Familie Schritt für Schritt zerfällt, geht einem ziemlich nahe. Er verlässt seine einst geglaubte Liebe des Lebens für eine Jüngere, allerdings stellt sich heraus, dass es nicht die richtige Entscheidung war. Der Suizid seines Sohnes folgt und darauf scheint sein Leben noch dunkler zu werden. Er durchlebt einige Etappen der Traurigkeit und hat das Gefühl nie wieder glücklich zu werden. Auf seiner Reise trifft er Caroline, die auf den ersten Blick die Frau sein könnte, die ihn rettet. Er entschied sich aber weiterzuziehen, um in das geheimnisvolle Haus zu reisen, das ihm sein Schwager empfohlen hat. Denn man munkelt, dass man da wieder zu sich kommt, sich wider findet. Der Schluss lässt sehr viel Interpreattionsraum, was mich persönlich eher ein wenig stört, da ich mir nun mehr Gedanken darüber mache, was nun mit Karl passiert ist. Ist er weiterhin in diesem Apltraumhaus eingesperrt, ist er tot oder hat er doch wieder zu sich gefunden? In Anbetracht, dass sich der Autor wenige Monate selber für den Freitod entschieden hat, liest man dad Buch noch schwerer. Wer also nach etwas Glücklichen oder ähnlichen sehnt, sollte von dieser Lektüre absehen. Ich fand das Buch allerdings sehr real und tiefgreifend, daher eine klare Weiterempfehlung!
Jeder trauert auf seine Weise. Ein Buch, dass man ohne Erwartungen lesen sollte.
Zum Umgang mit Trauer lernt man hier nicht viel. Ein Mann, der versucht nach dem Tod seines Sohnes irgendwie weiterzuleben. Typische Fragen, die sich womöglich jeder Trauernde stellt gepaart mit einer unkonventionellen Suche nach Antworten. Es war keine Zeitverschwendung dieses Buch zu lesen, hallte aber auch nicht sonderlich lange nach und wird wohl kein Favorit meinerseits werden in meinem Lesejahr!
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Stig Sæterbakken (1966–2012) gehört zu den wichtigsten norwegischen Autoren der letzten Jahrzehnte. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Essay- und Lyrikbände und arbeitete zudem als Übersetzer.
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Der Protagonist verliert seinen Sohn durch Selbstmord und wandert durch die Nacht um Antworten zu finden. Das relativ kurze Buch hat sich nicht einfach gelesen. Ich hatte mehr Fokus auf den Sohn erwartet, es ging aber viel um den Vater und sein Leben, seine Entscheidungen. Vieles war metaphorisch und ich hatte nicht die Muße das tiefer zu ergründen.
"Trauer tritt in so vielen Formen auf. Sie ist wie ein Licht, das ein- und ausgeschaltet wird. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann. Man wird gefüllt und geleert. Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich. Ihn zu vergessen war das Schlimmste, was ich tun konnte. An ihn zu denken war das Schlimmste, was ich tun konnte. Kälte kam und ging. Wärme kam nie. Es gab nur Kälte und die Abwesenheit von Kälte. Wie mit dem Rücken zum Meer stehen. Eiskalte Knöchel jedes Mal, wenn eine Welle anrollte. Sie lief ab. Dann kam sie wieder. Während ich so dastand ging die Sonne unter, und es wurde Nacht. Seitdem ist Nacht." Zu sagen, das Buch hat mich auf verschiedenen Ebenen berührt, wäre eine Untertreibung. Gerade dieser erste Absatz spiegelt meine Gefühle wieder, die ich selbst empfand, als mein Vater starb. Daran zu denken war schlimm. Sich abzulenken und einige Stunden nicht an ihn zu denken war schlimmer. Die Hauptfigur des Romans, Karl, stellt sich nach dem Tod seines Sohnes die Frage, warum? Hatte seine außereheliche Affäre etwas mit Ole-Jakob's Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, zu tun? Hätte er es verhindern können? Eine quälende Frage, auf die er wohl nie eine Antwort bekommen wird. Aber von einem Bekannten hört er eine Geschichte über ein Haus, das, sobald man es betritt, einem seine größten Ängste zeigen soll. Das letzte Drittel des Buchs beschreibt Karl's etwas surreale Reise zu diesem Haus und zu sich selbst. (Ganz verstanden habe ich das Ende jedoch nicht.) Alles in allem aber ein direktes, brutales Buch. Selbstmord ist nicht die Lösung. Bitte.
Ich habe mir von diesem Buch etwas anderes erwartet. Ich habe eine Trauerverarbeitung erwartet. Davon habe ich wenig gespürt. Vielleicht weil es so nordisch kühl ist. Mich hat der Wechsel zwischen Erinnerung, Gegenwart und Fantasien und Träumen nur verwirrt und irgendwann verloren. Bestimmt habe ich deshalb das Ende nicht richtig verstanden.
Abgebrochen auf S. 227. Ich erwartete einen Roman voll tiefster Zerrissenheit, eine Familie, die völlig am Abgrund steht, weil der Sohn sich das Leben nahm. Stattdessen gibt es ausschweifende Kapitel über die Affäre des Vaters, der seine Familie gleich zweimal verlässt und dann zu irgendeiner Art "Horrorhaus" in der Slowakei aufbricht. Irgendwann hatte es mich leider völlig verloren...
Karl und Eva führen eine Bilderbuchehe, mit den zwei gemeinsamen Kindern Ole-Jakob und Stine. Da ist ganz viel Liebe, das spürt man beim Lesen immer wieder, doch dann gerät alles aus dem Ruder: Karl verlässt die Familie für ein junges Mädchen, tauscht Liebe gegen flüchtige Lust. Wenig später ist Ole-Jakob tot, vermutlich Suizid, und hinterlässt die Hinterbliebenen mit quälenden Fragen. Wer ist schuld? Karl flieht vor dieser Frage, flieht vor sich selbst. Stig Sæterbakken erzählt die Geschichte einer Familie, die nach dem Selbstmord des 18-jährigen Sohnes Stück für Stück zerbricht. „Durch die Nacht“ nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Schattengründe von Schuld, Trauer, Scham und Zorn, und das ist keine leichte Kost – umso verstörender, wenn man weiß, dass sich der Autor 2012 das Leben nahm, ein Jahr nach Erscheinen des Romans. Wer selbst schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat – vor allem zu jung, vor allem unerwartet –, kennt dieses Gefühl der fassungslosen Trauer, das hier geradezu die Seiten tränkt. Wie man neben sich steht. Wie man den Eindruck hat, dass die ganze Welt aus dem Takt geraten ist, während man selber versucht, wieder Halt zu finden. Die Trauer des Lesers, selbst wenn sie nur noch als leises Echo widerhallt, gibt dieser Geschichte einen tiefen Resonanzboden, und das macht sie in meinen Augen so universell und zeitlos. Schon nach wenigen Seiten beschlich mich das Gefühl, dass ich leicht den Tritt verlor, auf trügerischem Gelände ins Rutschen kam. Für einen Augenblick gefangen zwischen dem Impuls, das Buch zur Seite zu legen, und dem, mich fallen zu lassen, las ich dann doch direkt weiter – in der dumpfen Erwartung, dass das Buch den emotionalen Tiefpunkt noch lange nicht erreicht hatte. Und damit lag ich richtig. Der Autor schont weder seine Charaktere noch den Leser (und beim Schreiben sicher auch sich selber nicht). Zitat: „Kälte kam und ging. Wärme kam nie. Es gab nur Kälte und die Abwesenheit von Kälte.“ Dennoch will man wissen, muss man wissen, wie es weitergeht. ‚Sogwirkung‘ ist ein überstrapazierter Begriff, aber er trifft es am ehesten: dieses Gefühl der Unvermeidlichkeit und gleichzeitig der gespannten Erwartung. Sæterbakken schreibt Charaktere, die man sicher nicht immer mögen muss, die sich aber geradezu schmerzhaft authentisch lesen. Selbst in ihren Fehlern und Schwächen sind sie einfach durch und durch menschlich – man kann ihnen als Leser daher alles verzeihen, auch wenn sie sich selbst rein gar nicht verzeihen können. Zitat: „Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich.“ Besonders Karl, der trauernde Vater, ist sicher kein strahlender Held. Er setzt seine Familie auf Spiel, wirft die Liebe seines Lebens weg, und wofür? Für eine Affäre, die nicht mehr ist als eine erotische Stichflamme, eine oberflächliche, kurzlebige Verliebtheit. Und dann ist es passiert: Ole-Jakob ist tot und Karl muss sich fragen, ob er seinen Sohn in den Selbstmord getrieben hat. Dennoch konnte ich für ihn nichts empfinden außer ehrliches Mitleid und den Wunsch, er möge in irgendeiner Form seinen Frieden finden – angesichts seiner Trauer wird alles andere bedeutungslos. Zitat: „Während ich so dastand, ging die Sonne unter, und es wurde Nacht. Seitdem ist Nacht.“ Tatsächlich verliert er jedoch den Halt und damit jeden Bezug zur Realität. Denn sein Freund Boris erzählt ihm von einem Haus in der Slowakei, das man als geläuterter Mensch verlässt – sofern man es im Vollbesitz der geistigen Kräfte überlebt, was nicht gewährleistet ist. Urban Legend? Schauergeschichte? Ammenmärchen? Egal. Karl sieht nur noch diese eine Möglichkeit, die quälenden Schuldgefühle hinter sich zu lassen. So oder so. Er bricht auf, dieses Haus zu suchen – den Ort, wo „Hoffnung zu Staub wird“. Die Handlung kippt, während Karl sich zunehmend in Selbstauflösung befindet. Was danach wirklich passiert und was seiner wahnhaften Depression entsprungen ist, dessen kann man sich als Leser nie hundertprozentig gewiss sein. Die Geschehnisse lesen sich zunehmend unwirklich und alptraumhaft, Kafka und Edgar Allan Poe lassen grüßen. Sæterbakken balanciert gekonnt zwischen Realität und Surrealität, mit ausdrucksstarken Worten voller Dringlichkeit und Atmosphäre. Einfache Antworten liefert er nicht – tatsächlich fühlte ich mich vom Ende im ersten Moment geradezu vor den Kopf gestoßen! –, dafür aber eine Vielzahl möglicher Interpretationen. Zentral steht meines Erachtens auf jeden Fall die Frage, was der Selbstmord eines geliebten Menschen im Leben der Hinterbliebenen anrichtet. FAZIT Ole-Jakob war erst 18, doch Ole-Jakob ist tot. Zurück bleiben seine Eltern und seine Schwester, die sich fragen müssen, warum er außer dem Freitod keine Lösung sah. Vater Karl geht zugrunde an seiner Schuld, als sein bester Freund ihm von einem geheimnisvollen Haus erzählt, das jeden Besucher von seinen tiefsten Ängsten läutert – oder ihn in den Wahnsinn treibt. Verzweifelt bricht Karl auf zu einer Reise, bei der es für ihn um alles oder nichts geht. Das Buch hat mich zutiefst erschüttert – nicht nur, weil ich immer im Hinterkopf hatte, dass sich der Autor etwa ein Jahr nach Veröffentlichung das Leben nahm. Es ist schon ungeachtet dessen sicher keine leichte Lektüre für nebenher. Zum einen atmen die Worte geradezu Trauer und Schmerz, und zum anderen nimmt die Geschichte immer surrealere Wendungen – bis hin zu einem Ende, nach dem ich alles hinterfragte, was ich über die Geschichte zu wissen glaubte. Ich erwäge, das Buch direkt noch einmal zu lesen, um zu schauen, wo und wie sich dieses Ende angekündigt hat. Noch einmal durch die Nacht. #ThePassionWeShare #ReadingThroughTheNight #DurchDieNachtLesen Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-stig-saeterbakken-durch-die-nacht/
"Durch die Nacht" von Stig Sæterbakken hat mich positiv überrascht, muss ich sagen. Ich war mir nicht ganz sicher, was hier auf mich zu kommen würde und empfand den Schreibstil gleich zu Beginn schon wirklich einnehmend. Karls Trauerbewältigung spitzt sich innerhalb der gesamten Familie zu und dies aus der Sicht eines Mannes näher gebracht zu bekommen fand ich mitunter sehr interessant! Ein kleiner Minuspunkt war für mich hier lediglich, dass wir als Leser so wenig von Ole-Jakob erfahren...Mich hätte sein Hintergrund, der ihn zu diesem Suizid geführt hat sehr interessiert und wäre glaube ich ein Punkt gewesen, der das Buch noch ein bisschen tiefgreifender und intensiver insgesamt gemacht hätte. Dennoch ein lesenswertes Buch, das wie ich finde wirklich mal auf ganz andere Weise an den Leser heran tritt.
Ich hatte von diesem Roman weder die Geschichte einer Midlife-Crisis noch den Horrorteil am Ende erwartet und würde ihn nicht gelesen haben, hätte ich das gewußt. Das Buch bietet eine eindringliche Schilderung von Unglück in vielen Ausprägungen. Es hat mir nicht gefallen, aber in seiner Intensität beeindruckt. "Durch die Nacht" ist ein beunruhigendes Buch, das aus der Perspektive desjenigen verfaßt ist, der aus der Bahn geworfen wurde.
Deep und sehr realitätsnah!
Die Geschichte rund um Dr. Karl Meyer und wie seine Familie Schritt für Schritt zerfällt, geht einem ziemlich nahe. Er verlässt seine einst geglaubte Liebe des Lebens für eine Jüngere, allerdings stellt sich heraus, dass es nicht die richtige Entscheidung war. Der Suizid seines Sohnes folgt und darauf scheint sein Leben noch dunkler zu werden. Er durchlebt einige Etappen der Traurigkeit und hat das Gefühl nie wieder glücklich zu werden. Auf seiner Reise trifft er Caroline, die auf den ersten Blick die Frau sein könnte, die ihn rettet. Er entschied sich aber weiterzuziehen, um in das geheimnisvolle Haus zu reisen, das ihm sein Schwager empfohlen hat. Denn man munkelt, dass man da wieder zu sich kommt, sich wider findet. Der Schluss lässt sehr viel Interpreattionsraum, was mich persönlich eher ein wenig stört, da ich mir nun mehr Gedanken darüber mache, was nun mit Karl passiert ist. Ist er weiterhin in diesem Apltraumhaus eingesperrt, ist er tot oder hat er doch wieder zu sich gefunden? In Anbetracht, dass sich der Autor wenige Monate selber für den Freitod entschieden hat, liest man dad Buch noch schwerer. Wer also nach etwas Glücklichen oder ähnlichen sehnt, sollte von dieser Lektüre absehen. Ich fand das Buch allerdings sehr real und tiefgreifend, daher eine klare Weiterempfehlung!
Jeder trauert auf seine Weise. Ein Buch, dass man ohne Erwartungen lesen sollte.
Zum Umgang mit Trauer lernt man hier nicht viel. Ein Mann, der versucht nach dem Tod seines Sohnes irgendwie weiterzuleben. Typische Fragen, die sich womöglich jeder Trauernde stellt gepaart mit einer unkonventionellen Suche nach Antworten. Es war keine Zeitverschwendung dieses Buch zu lesen, hallte aber auch nicht sonderlich lange nach und wird wohl kein Favorit meinerseits werden in meinem Lesejahr!

















