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"So klein," seufzte Musa. "Ihr seht das ganze Weibsbild in den paar Sternen. Wir sehen dort nur ihre bemalte Hand." "Und wo ist der Rest?" ... Niebuhr blickte die Sterne an. Er spreizte die Finger der Rechten und blickte auch diese an und dann Meister Musa. Seine Gereiztheit schien verflogen. Etwas wie Kummer schlich sich in seine Miene. Er ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Dann formulierte er mit Sorgfalt: "Wir glotzen alle in denselben Himmel und sehen verschiedene Bilder." " >Glotzen< ist kein schönes Wort," rügte Musa. "Ich meine >glotzen<! Ich meine >hilflos, blöd und hoffnungslos schauen<! Ich meine >Affen des Mundes zu Markte tragen<! Wir glotzen nach oben und erfinden große Gestalten und hängen sie in den Himmel. Ich eine Frau und du eine Hand und was weiß ich, was andere sehen. Und dann gibt es Streit. Es ist zum Erbarmen!" - Zitat, Seite 124 Es ist auch zum Erbarmen, dass diese kluge und humorvolle Schriftstellerin Christine Wunnicke für ihre hinreißende Prosa noch nicht den Deutschen Buchpreis erhalten hat, obwohl ihre Werke mehrfach nominiert wurden und sie auch zweimal in der Shortlist derselben zu finden waren. Mit dem vorliegenden Roman "Die Dame mit der bemalten Hand" war sie 2020 nominiert. Obwohl sich dieser Roman fast wie ein Märchen aus 1001 Nacht liest, hat er einen historisch-realen Hintergrund. Im Jahre 1761 startete ein Forschungsteam mit fünf gelehrten Europäern die Reise in den Orient. Es war die Zeit der Aufklärung und mit der den Europäern eigenen Hybris ging man davon aus, dass der sogenannte Fortschritt in der Kultur des Orients noch nicht Einzug gehalten hätte. Tatsächlich ging man davon aus, dass die Kultur auf dem Stand der biblischen Urväter stehen geblieben sei und man die Beschreibungen des Propheten Mose ganz einfach mit den Gegebenheiten der Realität abgleichen könnte. Mit der "empirischen" Forschung beauftragt, stachen fünf Männer in die See, doch schließlich rafft die Krankheit Malaria einer nach dem anderen dahin, bis schließlich nur noch der junge Mathematiker Carsten Niebuhr aus Göttingen übrigbleibt, der beschließt von Bombay aus, wo er sich von seinem letzten Reisegefährten verabschieden musste, seine Reise fortzusetzen. Hier steigt der Roman mit einer fiktiven Geschichte in die historische Reise des Carsten Niebuhr ein. Auf der struppigen Insel Elephanta (auf der es keinen einzigen Elephanten gibt) begegnen sich der bremische Forschungsreisende, der eigentlich in Arabien sein sollte und Meister Musa (eine fiktive Figur), ein persischer Astrolabienbauer aus Jaipur, obwohl dieser in Mekka sein wollte. Während die beiden Gestrandeten auf ein Schiff zu ihrer Rettung warten unterhalten sie sich - so gut es geht - auf arabisch. Sie erzählen sich Geschichten, gehen sich auf die Nerven und blicken schlaflos in den Sternenhimmel. Vielleicht ist alles nur ein Fiebertraum, mit Affengebrüll und Ziegenfleisch als Beigabe, aber vielleicht ist es auch eine wunderbare Begegnung. Christine Wunnicke hat ein reichen Wortschatz und in diesen relativ kurzen Roman packt sie eine Geschichte von unglaublicher Dimension. Die Sprache ist dicht und mit allerlei Leckerbissen für den neugierigen Lesenden versehen. Wer sich von einer faszinierenden Geschichte über die Wunder der Verständigung mittels Sprache und menschlicher Verbindung verzaubern lassen möchte, sollte sich unbedingt diesen lebensklugen und humorvollen Roman zu Gemüte führen. FAZIT Auf die Autorin und ihr Werk aufmerksam, wurde ich durch einen Beitrag zu ihrem aktuellen Roman Wachs, durch Thoralf Czichon auf dessen YouTube Kanal LiteraturNews. Die Geschichte dieses Romans hatte mich jedoch auf Anhieb mehr angesprochen und die Lektüre hat meine Erwartungen übertroffen. Selten habe ich mich gleichzeitig so gut unterhalten und weitergebildet gefühlt. Ein amüsantes und lehrreichen Lesevergnügen! Unbedingt empfehlenswert.
Jan 13, 2026
"So klein," seufzte Musa. "Ihr seht das ganze Weibsbild in den paar Sternen. Wir sehen dort nur ihre bemalte Hand." "Und wo ist der Rest?" ... Niebuhr blickte die Sterne an. Er spreizte die Finger der Rechten und blickte auch diese an und dann Meister Musa. Seine Gereiztheit schien verflogen. Etwas wie Kummer schlich sich in seine Miene. Er ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Dann formulierte er mit Sorgfalt: "Wir glotzen alle in denselben Himmel und sehen verschiedene Bilder." " >Glotzen< ist kein schönes Wort," rügte Musa. "Ich meine >glotzen<! Ich meine >hilflos, blöd und hoffnungslos schauen<! Ich meine >Affen des Mundes zu Markte tragen<! Wir glotzen nach oben und erfinden große Gestalten und hängen sie in den Himmel. Ich eine Frau und du eine Hand und was weiß ich, was andere sehen. Und dann gibt es Streit. Es ist zum Erbarmen!" - Zitat, Seite 124 Es ist auch zum Erbarmen, dass diese kluge und humorvolle Schriftstellerin Christine Wunnicke für ihre hinreißende Prosa noch nicht den Deutschen Buchpreis erhalten hat, obwohl ihre Werke mehrfach nominiert wurden und sie auch zweimal in der Shortlist derselben zu finden waren. Mit dem vorliegenden Roman "Die Dame mit der bemalten Hand" war sie 2020 nominiert. Obwohl sich dieser Roman fast wie ein Märchen aus 1001 Nacht liest, hat er einen historisch-realen Hintergrund. Im Jahre 1761 startete ein Forschungsteam mit fünf gelehrten Europäern die Reise in den Orient. Es war die Zeit der Aufklärung und mit der den Europäern eigenen Hybris ging man davon aus, dass der sogenannte Fortschritt in der Kultur des Orients noch nicht Einzug gehalten hätte. Tatsächlich ging man davon aus, dass die Kultur auf dem Stand der biblischen Urväter stehen geblieben sei und man die Beschreibungen des Propheten Mose ganz einfach mit den Gegebenheiten der Realität abgleichen könnte. Mit der "empirischen" Forschung beauftragt, stachen fünf Männer in die See, doch schließlich rafft die Krankheit Malaria einer nach dem anderen dahin, bis schließlich nur noch der junge Mathematiker Carsten Niebuhr aus Göttingen übrigbleibt, der beschließt von Bombay aus, wo er sich von seinem letzten Reisegefährten verabschieden musste, seine Reise fortzusetzen. Hier steigt der Roman mit einer fiktiven Geschichte in die historische Reise des Carsten Niebuhr ein. Auf der struppigen Insel Elephanta (auf der es keinen einzigen Elephanten gibt) begegnen sich der bremische Forschungsreisende, der eigentlich in Arabien sein sollte und Meister Musa (eine fiktive Figur), ein persischer Astrolabienbauer aus Jaipur, obwohl dieser in Mekka sein wollte. Während die beiden Gestrandeten auf ein Schiff zu ihrer Rettung warten unterhalten sie sich - so gut es geht - auf arabisch. Sie erzählen sich Geschichten, gehen sich auf die Nerven und blicken schlaflos in den Sternenhimmel. Vielleicht ist alles nur ein Fiebertraum, mit Affengebrüll und Ziegenfleisch als Beigabe, aber vielleicht ist es auch eine wunderbare Begegnung. Christine Wunnicke hat ein reichen Wortschatz und in diesen relativ kurzen Roman packt sie eine Geschichte von unglaublicher Dimension. Die Sprache ist dicht und mit allerlei Leckerbissen für den neugierigen Lesenden versehen. Wer sich von einer faszinierenden Geschichte über die Wunder der Verständigung mittels Sprache und menschlicher Verbindung verzaubern lassen möchte, sollte sich unbedingt diesen lebensklugen und humorvollen Roman zu Gemüte führen. FAZIT Auf die Autorin und ihr Werk aufmerksam, wurde ich durch einen Beitrag zu ihrem aktuellen Roman Wachs, durch Thoralf Czichon auf dessen YouTube Kanal LiteraturNews. Die Geschichte dieses Romans hatte mich jedoch auf Anhieb mehr angesprochen und die Lektüre hat meine Erwartungen übertroffen. Selten habe ich mich gleichzeitig so gut unterhalten und weitergebildet gefühlt. Ein amüsantes und lehrreichen Lesevergnügen! Unbedingt empfehlenswert.
Jan 13, 2026






