Der Reisende
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Description
Otto Silbermann lebt als angesehener und erfolgreicher Kaufmann in Berlin. Dass er jüdische Wurzeln hat, bekommt er, seitdem die Nationalsozialisten an die Macht gelangten, von Jahr zu Jahr mehr zu spüren. Im Zuge der Novemberpogrome 1938 wird er endgültig vom Bürger zum Gejagten: Silbermanns Wohnung wird zerstört, von seiner Familie wird er getrennt und sein Geschäft wird ihm genommen. Ihm bleibt nur die Flucht. Mit einer Aktentasche voll Geld reist er in Zügen kreuz und quer durch Deutschland in der Hoffnung, die Grenze ins rettende Ausland überqueren zu können. Er trifft auf Flüchtlinge, Nazis und die Gleichgültigkeit der anderen. Doch alle Ausreiseversuche scheitern und am Ende verliert Silbermann alles.
Pressestimmen:
»Ulrich Alexander Boschwitz’ Roman ist von mitreißender Aktualität. ... Die Geschichte des Juden Otto Silbermann ... ist so brandaktuell wie zeitlos. ... Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass Der Reisende bald in der Schule gelesen und diskutiert wird. Das wird helfen.«
Ralf Bönt, Die Zeit
»Dieser Roman ist ein papiergewordenes Mahnmal und er zeigt uns, wie schnell
Menschen wie du und ich zu Ausgegrenzten werden können. … Lest. Dieses. Buch.«
Uwe Kalkowski, www.kaffeehaussitzer.de
Book Information
Posts
Wir begleiten Otto Silbermann, einen deutschen Juden, im Jahr 1938 zu Zeiten der Novemberprogrome. Otto entkommt nur so lange den Fängen der Nazis, weil er von Zug zu Zug und Bahnhof zu Bahnhof lebt. Oft erlebt er sehr spannende Bekanntschaften mit wirklich guten Gesprächen, oft konnte ich den Gedankengängen aber nicht mehr folgen, weil es immer wirrer wurde. Der Schreibstil ist wirklich gewöhnungsbedürftig und teilweiße zieht sich das Buch. Insgesamt aber wirklich interessant zu lesen - ein Buch über diese Zeit IN dieser Zeit geschrieben, das ist nicht leicht zu finden.
Ideale Lektüre, um die Erinnerung wachzuhalten.
Hätte ich nicht "Das Leben und das Schreiben" von Benedict Wells gelesen, wäre ich vermutlich nie über dieses Buch gestolpert. Das bin ich jetzt aber und ich bin sehr froh darüber! Seit vielen Jahren befasse ich mich als Autorin und Lektorin immer wieder mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Aber bei Geschichte geht es nicht nur um Jahreszahlen und Fakten. Wir müssen erfahrbar machen, warum die Menschen in den 30er und 40er Jahren so vom Faschismus angezogen waren und wie diese Idelogie nach und nach die freie Welt zerstörte. Ulrich Alexander Boschwitz liefert mit seiner Figur Otto Silbermann ein Psychogramm des Verfolgten. Nach dem Novemberpogromen ist Silbermann auf der Flucht durch Deutschland und verliert Stück für Stück seine letzten Privilegien, Kontakte zu Freunden und Familie und schließlich seinen Verstand. Als Leser*in begreift man, wie die ständige Angst und das Misstrauen seinen Willen nicht brechen, sondern Stück für Stück zerstören. Genau das macht den Roman so stark. Ich würde ihn tatsächlich auch als Lektüre für Schulklassen empfehlen. Ulrich Alexander Boschwitz emigrierte 1936 nach England. Obwohl er Jude und damit ein Verfolgter des Nazi-Regimes war, wurde er in England interniert. Er starb auf einem Gefangenenschiff, das durch einen deutschen Torpedo versenkt wurde. Mit ihm ging sein letztes Manuskript unter, das wir niemals lesen werden. Möge Ulrich Alexander Boschwitz in Frieden ruhen 🕯🕎
Romane über die Nazi-Zeit gibt es viele, aber Romane aus eben dieser Zeit über diese Zeit, darüber stolpert man nicht so häufig. Was das Buch „Der Reisende“ für mich von Anfang an so interessant gemacht hat, ist seine Geschichte und die seines Autors. Dieser flüchtete nämlich vor den Rassengesetzen der Nazis ins Ausland, landete schließlich in einem Internierungslager und starb mit nur 27 Jahren, als sein Schiff beim Rücktransport getroffen wurde und sank. Sein Manuskript trug er bei sich. Doch obwohl schon Ende der Dreißiger geschrieben, wurde dem Buch die Veröffentlichung in Deutschland verwehrt, auch nach dem Krieg. Der Protagonist Otto Silbermann ist deutscher Jude zur Zeit der Reichsprogromtage und flieht vor seiner Verhaftung Hals über Kopf aus der eigenen Wohnung. In „Der Reisende“ wird aus seiner Perspektive seine Verzweiflung über die politische und menschliche Entwicklung beleuchtet und während er durch Deutschland reist, ohne zu wissen wohin, muss er sich teilweise eingestehen: auch ihm geht es nur um die eigene Haut. Ottos Gedanken sind teilweise sehr wirr und widersprüchlich, manchmal sind es nur Satz- und Gedankenfetzen, manchmal aber sehr schöne ausführliche Dialoge. Unterwegs trifft Otto diverse Menschen, die alle ziemlich realistisch dargestellt werden.
Als ich mir das Hörbuch gekauft habe, wusste ich nichts über den Autor. Ich habe gezielt nach Hörbüchern gesucht, die von Torben Kessler gelesen werden und bin dann dabei auf „Der Reisende“ gestoßen. Ich wusste also nicht, dass Ulrich Alexander Boschwitz selbst Jude war, der aus Deutschland emigrieren musste und erst 23 Jahre alt war, als er dieses Buch 1939 im Exil schrieb. Mit ihm habe ich mich erst beschäftigt, als ich das Hörbuch zu Ende gehört habe. Ich wollte einfach wissen, wie authentisch diese Figur des jüdischen Kaufmann Otto Silbermann ist und wie nah der Autor seiner Geschichte. Umso überraschter, aber auch ein wenig erschüttert war ich, als ich all das erfahren habe. Er verwendet 1939 offen Begriffe wie „Konzentrationslager“ und benennt auch andere Bedrohungen für die jüdische Bevölkerung und Menschen die anders sind, was ein weiterer interessanter Aspekt in der Debatte ist, was, wer, wann und wie genau gewusst haben kann bzw. muss. Mir fällt es schwer zu beschreiben, wie nah mir die Beschreibungen von Otto Silbermanns Reise bzw. Flucht gegangen ist. Die ständige Bedrohung, die Ängste und Sorgen, schweben über allem, über jeder Begegnung, über jedem Gespräch. Das Schwanken zwischen Zuversicht und vollkommener Hoffnungslosigkeit und dann wieder unbändigem Lebenswillen stellt der Autor vor allem in den Gedanken Silbermanns sehr intensiv dar. Dieses Gefühl des ständigen gehetzt Seins und des gejagt Werdens geht unter die Haut. Hier schreibt jemand, der genau diese Ängste kennt. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Torben Kessler liest diese Geschichte einfach großartig. Er ist in der Lage diese Stimmungsschwankungen perfekt zu betonen. Das intensiviert das Gehörte nochmal mehr und hat mich sehr mitgenommen. Er haucht auch den Figuren, den Begegnungen und Gesprächen Leben ein. Er hat so viel Schmerz in der Stimme, gleichzeitig so viel Hoffnung, aber auch Boshaftigkeit und Arroganz. Und das wirkt nie aufgesetzt, sondern immer echt. Er liest nicht nur einfach vor, sondern ist ganz in dieser Geschichte drin. Das ist eine hörenswerte (und natürlich auch lesenswerte) leise, aber auch bedrückende und zeitlose Geschichte von jemandem, der Bescheid wusste und das wunderbar in Worte fassen konnte.
Meine Meinung “Was war ich? Nein, was bin ich? Was bin ich eigentlich? Ein Schimpfwort auf zwei Beinen, dem man es nicht ansieht, dass es ein Schimpfwort ist!” (Zitat aus Hörbuch) Ein Buch, durch das ich regelrecht geflogen bin. Ich fühlte mich getrieben, wie auch der Protagonist Otto Silbermann, der leider viel zu spät erkannt und akzeptiert hat, dass er als Jude, auch wenn ihm die Religion immer herzlich egal war, in Deutschland keine Heimat mehr hat. Er wollte nicht wahrhaben, dass so jemand wie er, der im 1. Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte, nun ein Niemand sein soll, dem man das Deutsch-Sein absprach. Mit seinem letzten Hab und Gut, einer Aktentasche voller Geld, versucht er sich ins Ausland abzusetzten. Doch es ist zu spät. So findet er sich wieder als Reisender mit der Deutschen Reichsbahn, die gleichermaßen Freiheit und Gefängnis für ihr geworden ist. Man fühlt die wachsenden Ängste, die Verzweiflung und die Resignationsgedanken des Protagonisten. Es gibt keinen Ausweg. Soll er sich seinem Ende ergeben? Doch welchem Ende? Der Gefangenschaft im KZ, dem Tod oder gar dem Freitod? Durch das Nachwort erfährt der*die Leser*in, dass der Roman starke auto- bzw. familienbiografische Züge aufweist. Ulrich Alexander Boschwitz floh 1935 mit seiner Mutter nach Schweden und es ist sehr tragisch, dass dieser damals noch sehr junge Autor 1942 mit dem Schiff unterging und starb, auf dem er sich auf der Rückreise vom Internierungslager von Australien nach England befand, das von einem deutschen U-Boot torpediert wurde. (Quelle: Wikipedia) Boschwitz erzählt intensiv und sehr eindrücklich über die Zeit in Deutschland, kurz bevor der 2. Weltkrieg ausbrach. Man spürt ganz deutlich, wie ihn diese Veränderung durcheinander brachte und er nicht nachvollziehen konnte, wie unmenschlich und unwürdig Juden nun behandelt wurden. In seinem Roman setzt er sich mit verschiedenen Denkansätzen von Deutschen, ob Juden oder Nicht-Juden, auseinander. Er geht soweit, dass er Otto Silbermann die Juden hassen lässt, die in seinen Augen für sein Schicksal verantwortlich sind, denn durch sein recht arisches Aussehen könnte er als Nicht-Jude durchgehen, wenn nicht dieses große, gelbe “J” in seinem Pass leuchten und ihn anprangern würde. Fazit Ein absolut lesens- und hörenswertes Buch, das als ein gelungenes zeitgeschichtliches Dokument die dunkle Zeit in Deutschland und Europa beschreibt, das heute leider wieder thematisch sehr aktuell geworden ist. Sei es auf den Judenhass bezogen wie auch auf den Umgang mit Menschen, die aus Kriegsgebieten fliehen und wie mit ihnen in Deutschland und Europa umgegangen wird. Man kann nach der Lektüre sehr gut sehen, wie die Vergangenheit die Gegenwart wieder eingeholt hat und in eine neue Sprialebene mündet und sich weiter dreht.
Der Reisende ist ein sehr besonderes Buch. Sicher ist man mit der grundlegenden Thematik vertraut, hat auch schon zahlreiche Romane und Sachbücher dazu gelesen, aber hier wird das Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich auf eine ungewohnte, unmittelbare und äußerst intensive Ebene gehoben, die erschütternd ist und einen zusammen mit dem Protagonisten Otto Silbermann verzweifeln lässt: am System, an dem Land, das man Heimat nannte, an der Realität, an der Vergangenheit, an den anderen Menschen und vor allem auch an sich selbst. Zusammen mit Otto Silbermann begibt sich der Leser auf eine Reise/Flucht ohne Ziel durch Deutschland, immer in der Hoffnung möglichst lange unerkannt, unauffällig und unentdeckt zu bleiben. Dabei beobachtet der Leser Silbermann und Silbermann sich selbst und beide entdecken dabei zutiefst menschliche, oftmals auch wenig sympathische Aspekte des Charakters – selten sind so authentische und gründliche Innensichten erfolgt. Die Blicke in das Ich gelingen so hervorragend, weil Ottos Austausch mit anderen Menschen nur noch zufälliger Art ist. Es handelt sich um Reisebekanntschaften, ansonsten aber ist er mit sich und seinen Gedanken allein. Besonders eindrücklich wird die Erfahrung transportiert, nicht erwünscht zu sein, nirgendwo und von niemandem: weder im eigenen Land noch im Ausland. Verquickt hiermit ist die Einsicht, dass egal, wie weit oder wohin man fährt, es kein Entkommen geben wird – eine bedrückende und im wahrsten Sinne des Wortes irrsinnige Erkenntnis. Ulrich Alexander Boschwitz Roman ist ein lesenswertes und wichtiges Buch, das ich mir auch sehr gut als Schullektüre vorstellen könnte – es ist zugleich Zeitzeugnis und aktueller Kommentar.
5 ⭐️; eine sehr aufschlussreiche, andere Geschichte des 2 Weltkrieges. Ich habe bisher nicht verstehen können, warum verfolgte Menschen nicht rechtzeitig ins Ausland sind. Dank des Buches kann ich es nachvollziehen, ich kann die Verwurzelung in die Heimat und den verzweifelten Glauben in den Rechtsstaat nachvollziehen. Zu beachten ist auch die Biografie des Autors und insgesamt der Hintergrund der Veröffentlichung dieses Romans.
Der Reisende ist ein Buch, das man unbedingt lesen muss. Man spürt die Verzweiflung und Verlorenheit des Kaufmanns Silbermann. Ein wirklich gut geschriebener kleiner Roman. Silbermann, ein reicher (jüdischer) Kaufmann, fühlte sich eine Zeitlang recht sicher, in der Zeit, als Hitler seinen Spießgesellen die Freiheit gab, mit den Juden machen zu dürfen, was sie wollten. An dem Tag, als Silbermann sein Wohnhaus verkaufen wollte, schlug die SS an seine Tür. Alle Juden wurden verhaftet und in Lager oder Gefängnisse verbracht. Silbermann's Frau, die nicht jüdisch war, scheuchte ihn aus dem Hinterausgang auf die Strasse. Nur seiner ruhigen und gesetzten Art, hatte es Silbermann zu verdanken, den Schurken durchs Netz zu gehen, ihnen zu entwischen. Aber wohin nun? Ohne Ausreisepapiere war er aufgeschmissen. Sein Kompagnon konnte ihm einiges an Geld geben, das er in einer Ledertasche bei sich trug. Aber ohne wirkliches Ziel und Möglichkeiten, kam er nicht aus Nazideutschland heraus. So fuhr er als der Reisende mit dem Zug durch Deutschland. Silbermann, einst Chef eines gut laufenden Kontors, war plötzlich ein Nichts, ein Jude ohne Rechte, ohne Handhabe. Abhängig von Menschen, mit denen er gestern noch Geschäfte getätigt hat, denen er Anweisungen gab und vertraut hat. Unsicher sucht er nach Vertrauten, nach Menschen, die ihm zur Seite stehen würden. Doch oft genug traf er auf Verräter. Ständig kreisten seine Gedanken um Dinge, die er machen könnte und verwirft sie sofort wieder, weil er sich sicher ist, dass er dann einen Fehler machen würde. Er musste einen Weg finden, ins Ausland zu gelangen. So stieg er in einen Zug und begann eine seltsame Reise. Er wurde der Reisende. Was ich gelesen habe Silbermann, der Kaufmann, erzählt seine eigene Geschichte. Die Gedanken sind unermüdlich am Rotieren. Wohin nur? Und wie? Wem kann er noch vertrauen? Dinge, die einem sicherlich in einer solch brenzligen Situation durch den Kopf gehen. Von der ersten Seite an habe ich mit dem Mann mitgegrübelt. Wie würde ihm geholfen. Der Roman hat sich sehr zügig gelesen. Bewundernswert dafür, dass der Schriftsteller selber noch nicht besonders alt war. Ulrich Alexander Boschwitz schrieb diesen Roman mit 24 Jahren. 1915 in Berlin geboren war er mit seiner Mutter nach Skandinavien emigriert. Dort schrieb er seinen ersten Roman, der ihm ein Studium ermöglichte. 1939 schrieb er dann „Der Reisende“ in England. 1942 wurde er dann nach Australien, als enemy alien interniert. Auf seiner Rückreise, nach England, wurde Boschwitz‘s Schiff, von einem deutschen U-Boot torpediert. Sein letztes Manuskript ging (wahrscheinlich) mit dem talentierten Schriftsteller unter.
Das packend und sehr realistisch geschriebene Buch erzählt die Geschichte eines jüdischen Mannes, der im eigenen Land auf der Flucht ist. Sie spielt im November 1938, am Tag nach der „Reichspogromnacht“ und in den Wochen danach. Die Begegnungen des „Reisenden“ mit den verschieden Charakteren, die die damaligen Gesellschaft porträtieren, sind intensiv und authentisch geschildert. Doch gerade das qualvoll langsame Realisieren der ausweglosen Lage, in der er sich befindet, erzeugte bei mir eine große Betroffenheit und Traurigkeit. Ich kann dieses einerseits aktuelle und auch zeitlose Werk unbedingt empfehlen zu lesen.
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Otto Silbermann lebt als angesehener und erfolgreicher Kaufmann in Berlin. Dass er jüdische Wurzeln hat, bekommt er, seitdem die Nationalsozialisten an die Macht gelangten, von Jahr zu Jahr mehr zu spüren. Im Zuge der Novemberpogrome 1938 wird er endgültig vom Bürger zum Gejagten: Silbermanns Wohnung wird zerstört, von seiner Familie wird er getrennt und sein Geschäft wird ihm genommen. Ihm bleibt nur die Flucht. Mit einer Aktentasche voll Geld reist er in Zügen kreuz und quer durch Deutschland in der Hoffnung, die Grenze ins rettende Ausland überqueren zu können. Er trifft auf Flüchtlinge, Nazis und die Gleichgültigkeit der anderen. Doch alle Ausreiseversuche scheitern und am Ende verliert Silbermann alles.
Pressestimmen:
»Ulrich Alexander Boschwitz’ Roman ist von mitreißender Aktualität. ... Die Geschichte des Juden Otto Silbermann ... ist so brandaktuell wie zeitlos. ... Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass Der Reisende bald in der Schule gelesen und diskutiert wird. Das wird helfen.«
Ralf Bönt, Die Zeit
»Dieser Roman ist ein papiergewordenes Mahnmal und er zeigt uns, wie schnell
Menschen wie du und ich zu Ausgegrenzten werden können. … Lest. Dieses. Buch.«
Uwe Kalkowski, www.kaffeehaussitzer.de
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Posts
Wir begleiten Otto Silbermann, einen deutschen Juden, im Jahr 1938 zu Zeiten der Novemberprogrome. Otto entkommt nur so lange den Fängen der Nazis, weil er von Zug zu Zug und Bahnhof zu Bahnhof lebt. Oft erlebt er sehr spannende Bekanntschaften mit wirklich guten Gesprächen, oft konnte ich den Gedankengängen aber nicht mehr folgen, weil es immer wirrer wurde. Der Schreibstil ist wirklich gewöhnungsbedürftig und teilweiße zieht sich das Buch. Insgesamt aber wirklich interessant zu lesen - ein Buch über diese Zeit IN dieser Zeit geschrieben, das ist nicht leicht zu finden.
Ideale Lektüre, um die Erinnerung wachzuhalten.
Hätte ich nicht "Das Leben und das Schreiben" von Benedict Wells gelesen, wäre ich vermutlich nie über dieses Buch gestolpert. Das bin ich jetzt aber und ich bin sehr froh darüber! Seit vielen Jahren befasse ich mich als Autorin und Lektorin immer wieder mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Aber bei Geschichte geht es nicht nur um Jahreszahlen und Fakten. Wir müssen erfahrbar machen, warum die Menschen in den 30er und 40er Jahren so vom Faschismus angezogen waren und wie diese Idelogie nach und nach die freie Welt zerstörte. Ulrich Alexander Boschwitz liefert mit seiner Figur Otto Silbermann ein Psychogramm des Verfolgten. Nach dem Novemberpogromen ist Silbermann auf der Flucht durch Deutschland und verliert Stück für Stück seine letzten Privilegien, Kontakte zu Freunden und Familie und schließlich seinen Verstand. Als Leser*in begreift man, wie die ständige Angst und das Misstrauen seinen Willen nicht brechen, sondern Stück für Stück zerstören. Genau das macht den Roman so stark. Ich würde ihn tatsächlich auch als Lektüre für Schulklassen empfehlen. Ulrich Alexander Boschwitz emigrierte 1936 nach England. Obwohl er Jude und damit ein Verfolgter des Nazi-Regimes war, wurde er in England interniert. Er starb auf einem Gefangenenschiff, das durch einen deutschen Torpedo versenkt wurde. Mit ihm ging sein letztes Manuskript unter, das wir niemals lesen werden. Möge Ulrich Alexander Boschwitz in Frieden ruhen 🕯🕎
Romane über die Nazi-Zeit gibt es viele, aber Romane aus eben dieser Zeit über diese Zeit, darüber stolpert man nicht so häufig. Was das Buch „Der Reisende“ für mich von Anfang an so interessant gemacht hat, ist seine Geschichte und die seines Autors. Dieser flüchtete nämlich vor den Rassengesetzen der Nazis ins Ausland, landete schließlich in einem Internierungslager und starb mit nur 27 Jahren, als sein Schiff beim Rücktransport getroffen wurde und sank. Sein Manuskript trug er bei sich. Doch obwohl schon Ende der Dreißiger geschrieben, wurde dem Buch die Veröffentlichung in Deutschland verwehrt, auch nach dem Krieg. Der Protagonist Otto Silbermann ist deutscher Jude zur Zeit der Reichsprogromtage und flieht vor seiner Verhaftung Hals über Kopf aus der eigenen Wohnung. In „Der Reisende“ wird aus seiner Perspektive seine Verzweiflung über die politische und menschliche Entwicklung beleuchtet und während er durch Deutschland reist, ohne zu wissen wohin, muss er sich teilweise eingestehen: auch ihm geht es nur um die eigene Haut. Ottos Gedanken sind teilweise sehr wirr und widersprüchlich, manchmal sind es nur Satz- und Gedankenfetzen, manchmal aber sehr schöne ausführliche Dialoge. Unterwegs trifft Otto diverse Menschen, die alle ziemlich realistisch dargestellt werden.
Als ich mir das Hörbuch gekauft habe, wusste ich nichts über den Autor. Ich habe gezielt nach Hörbüchern gesucht, die von Torben Kessler gelesen werden und bin dann dabei auf „Der Reisende“ gestoßen. Ich wusste also nicht, dass Ulrich Alexander Boschwitz selbst Jude war, der aus Deutschland emigrieren musste und erst 23 Jahre alt war, als er dieses Buch 1939 im Exil schrieb. Mit ihm habe ich mich erst beschäftigt, als ich das Hörbuch zu Ende gehört habe. Ich wollte einfach wissen, wie authentisch diese Figur des jüdischen Kaufmann Otto Silbermann ist und wie nah der Autor seiner Geschichte. Umso überraschter, aber auch ein wenig erschüttert war ich, als ich all das erfahren habe. Er verwendet 1939 offen Begriffe wie „Konzentrationslager“ und benennt auch andere Bedrohungen für die jüdische Bevölkerung und Menschen die anders sind, was ein weiterer interessanter Aspekt in der Debatte ist, was, wer, wann und wie genau gewusst haben kann bzw. muss. Mir fällt es schwer zu beschreiben, wie nah mir die Beschreibungen von Otto Silbermanns Reise bzw. Flucht gegangen ist. Die ständige Bedrohung, die Ängste und Sorgen, schweben über allem, über jeder Begegnung, über jedem Gespräch. Das Schwanken zwischen Zuversicht und vollkommener Hoffnungslosigkeit und dann wieder unbändigem Lebenswillen stellt der Autor vor allem in den Gedanken Silbermanns sehr intensiv dar. Dieses Gefühl des ständigen gehetzt Seins und des gejagt Werdens geht unter die Haut. Hier schreibt jemand, der genau diese Ängste kennt. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Torben Kessler liest diese Geschichte einfach großartig. Er ist in der Lage diese Stimmungsschwankungen perfekt zu betonen. Das intensiviert das Gehörte nochmal mehr und hat mich sehr mitgenommen. Er haucht auch den Figuren, den Begegnungen und Gesprächen Leben ein. Er hat so viel Schmerz in der Stimme, gleichzeitig so viel Hoffnung, aber auch Boshaftigkeit und Arroganz. Und das wirkt nie aufgesetzt, sondern immer echt. Er liest nicht nur einfach vor, sondern ist ganz in dieser Geschichte drin. Das ist eine hörenswerte (und natürlich auch lesenswerte) leise, aber auch bedrückende und zeitlose Geschichte von jemandem, der Bescheid wusste und das wunderbar in Worte fassen konnte.
Meine Meinung “Was war ich? Nein, was bin ich? Was bin ich eigentlich? Ein Schimpfwort auf zwei Beinen, dem man es nicht ansieht, dass es ein Schimpfwort ist!” (Zitat aus Hörbuch) Ein Buch, durch das ich regelrecht geflogen bin. Ich fühlte mich getrieben, wie auch der Protagonist Otto Silbermann, der leider viel zu spät erkannt und akzeptiert hat, dass er als Jude, auch wenn ihm die Religion immer herzlich egal war, in Deutschland keine Heimat mehr hat. Er wollte nicht wahrhaben, dass so jemand wie er, der im 1. Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte, nun ein Niemand sein soll, dem man das Deutsch-Sein absprach. Mit seinem letzten Hab und Gut, einer Aktentasche voller Geld, versucht er sich ins Ausland abzusetzten. Doch es ist zu spät. So findet er sich wieder als Reisender mit der Deutschen Reichsbahn, die gleichermaßen Freiheit und Gefängnis für ihr geworden ist. Man fühlt die wachsenden Ängste, die Verzweiflung und die Resignationsgedanken des Protagonisten. Es gibt keinen Ausweg. Soll er sich seinem Ende ergeben? Doch welchem Ende? Der Gefangenschaft im KZ, dem Tod oder gar dem Freitod? Durch das Nachwort erfährt der*die Leser*in, dass der Roman starke auto- bzw. familienbiografische Züge aufweist. Ulrich Alexander Boschwitz floh 1935 mit seiner Mutter nach Schweden und es ist sehr tragisch, dass dieser damals noch sehr junge Autor 1942 mit dem Schiff unterging und starb, auf dem er sich auf der Rückreise vom Internierungslager von Australien nach England befand, das von einem deutschen U-Boot torpediert wurde. (Quelle: Wikipedia) Boschwitz erzählt intensiv und sehr eindrücklich über die Zeit in Deutschland, kurz bevor der 2. Weltkrieg ausbrach. Man spürt ganz deutlich, wie ihn diese Veränderung durcheinander brachte und er nicht nachvollziehen konnte, wie unmenschlich und unwürdig Juden nun behandelt wurden. In seinem Roman setzt er sich mit verschiedenen Denkansätzen von Deutschen, ob Juden oder Nicht-Juden, auseinander. Er geht soweit, dass er Otto Silbermann die Juden hassen lässt, die in seinen Augen für sein Schicksal verantwortlich sind, denn durch sein recht arisches Aussehen könnte er als Nicht-Jude durchgehen, wenn nicht dieses große, gelbe “J” in seinem Pass leuchten und ihn anprangern würde. Fazit Ein absolut lesens- und hörenswertes Buch, das als ein gelungenes zeitgeschichtliches Dokument die dunkle Zeit in Deutschland und Europa beschreibt, das heute leider wieder thematisch sehr aktuell geworden ist. Sei es auf den Judenhass bezogen wie auch auf den Umgang mit Menschen, die aus Kriegsgebieten fliehen und wie mit ihnen in Deutschland und Europa umgegangen wird. Man kann nach der Lektüre sehr gut sehen, wie die Vergangenheit die Gegenwart wieder eingeholt hat und in eine neue Sprialebene mündet und sich weiter dreht.
Der Reisende ist ein sehr besonderes Buch. Sicher ist man mit der grundlegenden Thematik vertraut, hat auch schon zahlreiche Romane und Sachbücher dazu gelesen, aber hier wird das Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich auf eine ungewohnte, unmittelbare und äußerst intensive Ebene gehoben, die erschütternd ist und einen zusammen mit dem Protagonisten Otto Silbermann verzweifeln lässt: am System, an dem Land, das man Heimat nannte, an der Realität, an der Vergangenheit, an den anderen Menschen und vor allem auch an sich selbst. Zusammen mit Otto Silbermann begibt sich der Leser auf eine Reise/Flucht ohne Ziel durch Deutschland, immer in der Hoffnung möglichst lange unerkannt, unauffällig und unentdeckt zu bleiben. Dabei beobachtet der Leser Silbermann und Silbermann sich selbst und beide entdecken dabei zutiefst menschliche, oftmals auch wenig sympathische Aspekte des Charakters – selten sind so authentische und gründliche Innensichten erfolgt. Die Blicke in das Ich gelingen so hervorragend, weil Ottos Austausch mit anderen Menschen nur noch zufälliger Art ist. Es handelt sich um Reisebekanntschaften, ansonsten aber ist er mit sich und seinen Gedanken allein. Besonders eindrücklich wird die Erfahrung transportiert, nicht erwünscht zu sein, nirgendwo und von niemandem: weder im eigenen Land noch im Ausland. Verquickt hiermit ist die Einsicht, dass egal, wie weit oder wohin man fährt, es kein Entkommen geben wird – eine bedrückende und im wahrsten Sinne des Wortes irrsinnige Erkenntnis. Ulrich Alexander Boschwitz Roman ist ein lesenswertes und wichtiges Buch, das ich mir auch sehr gut als Schullektüre vorstellen könnte – es ist zugleich Zeitzeugnis und aktueller Kommentar.
5 ⭐️; eine sehr aufschlussreiche, andere Geschichte des 2 Weltkrieges. Ich habe bisher nicht verstehen können, warum verfolgte Menschen nicht rechtzeitig ins Ausland sind. Dank des Buches kann ich es nachvollziehen, ich kann die Verwurzelung in die Heimat und den verzweifelten Glauben in den Rechtsstaat nachvollziehen. Zu beachten ist auch die Biografie des Autors und insgesamt der Hintergrund der Veröffentlichung dieses Romans.
Der Reisende ist ein Buch, das man unbedingt lesen muss. Man spürt die Verzweiflung und Verlorenheit des Kaufmanns Silbermann. Ein wirklich gut geschriebener kleiner Roman. Silbermann, ein reicher (jüdischer) Kaufmann, fühlte sich eine Zeitlang recht sicher, in der Zeit, als Hitler seinen Spießgesellen die Freiheit gab, mit den Juden machen zu dürfen, was sie wollten. An dem Tag, als Silbermann sein Wohnhaus verkaufen wollte, schlug die SS an seine Tür. Alle Juden wurden verhaftet und in Lager oder Gefängnisse verbracht. Silbermann's Frau, die nicht jüdisch war, scheuchte ihn aus dem Hinterausgang auf die Strasse. Nur seiner ruhigen und gesetzten Art, hatte es Silbermann zu verdanken, den Schurken durchs Netz zu gehen, ihnen zu entwischen. Aber wohin nun? Ohne Ausreisepapiere war er aufgeschmissen. Sein Kompagnon konnte ihm einiges an Geld geben, das er in einer Ledertasche bei sich trug. Aber ohne wirkliches Ziel und Möglichkeiten, kam er nicht aus Nazideutschland heraus. So fuhr er als der Reisende mit dem Zug durch Deutschland. Silbermann, einst Chef eines gut laufenden Kontors, war plötzlich ein Nichts, ein Jude ohne Rechte, ohne Handhabe. Abhängig von Menschen, mit denen er gestern noch Geschäfte getätigt hat, denen er Anweisungen gab und vertraut hat. Unsicher sucht er nach Vertrauten, nach Menschen, die ihm zur Seite stehen würden. Doch oft genug traf er auf Verräter. Ständig kreisten seine Gedanken um Dinge, die er machen könnte und verwirft sie sofort wieder, weil er sich sicher ist, dass er dann einen Fehler machen würde. Er musste einen Weg finden, ins Ausland zu gelangen. So stieg er in einen Zug und begann eine seltsame Reise. Er wurde der Reisende. Was ich gelesen habe Silbermann, der Kaufmann, erzählt seine eigene Geschichte. Die Gedanken sind unermüdlich am Rotieren. Wohin nur? Und wie? Wem kann er noch vertrauen? Dinge, die einem sicherlich in einer solch brenzligen Situation durch den Kopf gehen. Von der ersten Seite an habe ich mit dem Mann mitgegrübelt. Wie würde ihm geholfen. Der Roman hat sich sehr zügig gelesen. Bewundernswert dafür, dass der Schriftsteller selber noch nicht besonders alt war. Ulrich Alexander Boschwitz schrieb diesen Roman mit 24 Jahren. 1915 in Berlin geboren war er mit seiner Mutter nach Skandinavien emigriert. Dort schrieb er seinen ersten Roman, der ihm ein Studium ermöglichte. 1939 schrieb er dann „Der Reisende“ in England. 1942 wurde er dann nach Australien, als enemy alien interniert. Auf seiner Rückreise, nach England, wurde Boschwitz‘s Schiff, von einem deutschen U-Boot torpediert. Sein letztes Manuskript ging (wahrscheinlich) mit dem talentierten Schriftsteller unter.
Das packend und sehr realistisch geschriebene Buch erzählt die Geschichte eines jüdischen Mannes, der im eigenen Land auf der Flucht ist. Sie spielt im November 1938, am Tag nach der „Reichspogromnacht“ und in den Wochen danach. Die Begegnungen des „Reisenden“ mit den verschieden Charakteren, die die damaligen Gesellschaft porträtieren, sind intensiv und authentisch geschildert. Doch gerade das qualvoll langsame Realisieren der ausweglosen Lage, in der er sich befindet, erzeugte bei mir eine große Betroffenheit und Traurigkeit. Ich kann dieses einerseits aktuelle und auch zeitlose Werk unbedingt empfehlen zu lesen.















