Vor Liebe brennen
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Beschreibung
Eine junge Berliner Schriftstellerin trat auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongreß 1947 voller Selbstbewußtsein ans Mikrofon und erwiderte auf die vorausgegangene Rede Günther Birkenfelds, sie sei nicht bereit, Entschuldigungen für die Autoren der inneren Emigration zu sammeln, und sie insistierte, „daß ein Dichter, mag er nun das Zeitwort finden oder nicht oder mag er Liebesgedichte schreiben oder mag er Blumenmotive malen, doch den Punkt nicht verlieren darf, wo er sich einschalten muß. Sonst ist das Liebeslied und das, was er über Blumen schreibt, oder alles, was er schreibt, Lüge. Wenn die Menschen den Kontakt verlieren mit dem politischen Leben, dann müssen sie das nachher furchtbar bezahlen. Und gerade der Schriftsteller darf diesen Kontakt mit dem politischen Leben nicht verlieren.“ Diese junge Frau, Susanne Kerckhoff (1918–1950), spielte in den wenigen ersten Jahren nach Kriegsende im literarischen Feld Berlins eine nicht unbeträchtliche Rolle – als Dichterin, als Publizistin, als politische Stimme. In ihrer Rede auf dem Kongreß fuhr sie fort: „Und ich glaube, wir sind uns doch eigentlich alle im wesentlichen darüber klar, wie wir leiden darunter, daß wir nicht das Wort gefunden haben, daß wir nicht illegal gekämpft haben – die, die wir es eben nicht getan haben. Und diese Scham, die so furchtbar ist und uns zu einer Verzweiflung führt, die sagt uns, daß wir heute auf jeden Fall wachsam sein müssen, eine Art Widerstandsbewegung – nicht nur über die Widerstandsbewegung zu schreiben, auf die wir stolz sind, sondern auch selbst eine Art Widerstandsbewegung sein gegen alles Unrecht und furchtbar darauf aufpassen, daß uns das nicht wieder passiert, daß wir uns so schämen müssen.“[1] In diesen wenigen Sätzen sind bereits wichtige Signalbegriffe enthalten, die Susanne Kerckhoff zu charakterisieren vermögen: Scham, Verzweiflung und ein erklärter Veränderungswillen. Da stellt sich die Frage, ob sie denn Grund hatte, die Scham auf sich als Person zu beziehen. Und sie spricht auch, an einem anderen Tag des Schriftstellerkongresses, von der verhängnisvollen Isolierung vieler Autoren während der Nazizeit. Sie wolle „den Kongreß nur daran erinnern, daß jetzt der Anfang getan ist, daß wir uns nie wieder so allein lassen.“[2] Beifall und Bravorufe, die diese Worte auslösten, müssen ihr bestätigt haben, daß sie auf dem richtigen Weg war.Susanne Kerckhoff, eine zierliche, dunkelhaarige Frau, war damals gerade neunundzwanzig Jahre alt. Sie hatte ein kleines Haus im Köpenicker Ortsteil Karolinenhof, in der Rohrwallallee am Langen See, das ihr und ihrem Mann trotz der Kriegswirren als Sommerzuflucht geblieben war. Nach ihrer Ehescheidung wohnte sie allein dort am südöstlichen Stadtrand Berlins. Wer war diese heute fast vergessene Autorin? Als junges Mädchen bereits hatte sie einen Lyrik-Preis der Zeitschrift „Die Dame“ bekommen und war von Erich Kästner geschätzt und gefördert worden. Während des Krieges hatte sie dann drei eher konventionelle, jedenfalls im Sinne der Reichsschrifttumskammer unpolitische Mädchenromane veröffentlicht[3]. So konnte sie nicht für sich in Anspruch nehmen, zur Inneren Emigration zu zählen. Dennoch, ihre Herkunft hatte andere Spuren gelegt. Als Tochter des Literaturhistorikers Walther Harich und der Musikerin Eta Harich-Schneider war sie in einem 3bürgerlich-liberalen Elternhaus aufgewachsen und hatte sich als Schülerin der Sozialistischen Arbeiterjugend angeschlossen. Nun nach 1945 wollte sie sich bekennen und sich prononciert in den Prozeß der geistigen Erneuerung Deutschlands einbringen. Wie ihr jüngerer Halbbruder, der Philosoph Wolfgang Harich, engagierte sie sich kulturpolitisch in Ostberlin – so im Vorstand des SDA (Schutzverband Deutscher Autoren) und des Demokratischen Frauenbundes DFD. Zunächst war sie mit ihrem Ehemann, dem Buchhändler Hermann Kerckhoff, in die britische Besatzungszone gegangen und, wie er, der SPD beigetreten. Da sie dort ihre politische Heimat nicht fand, trennten sich 1947 die Wege der Eheleute politisch wie privat. Susanne Kerckhoff ging in den sowjetischen Sektor von Berlin und wurde Mitglied der SED. Nach einer kurzen Mitarbeit bei der satirisch-politischen Wochenzeitung „Ulenspiegel“ war sie dann ab 1948 bis zu ihrem frühen Tod Redakteurin und Feuilletonleiterin der „Berliner Zeitung“. Ihr Unbedingtheitsanspruch, mit dem sie von nun an allem begegnete, hat es ihr schwergemacht, sich anzupassen. Es lohnt sich auch heute noch, sich an sie zu erinnern.In den wenigen Jahren zwischen Kriegsende und 1950 erschienen vier Bücher von Susanne Kerckhoff: Der Roman „Die verlorenen Stürme“ (1947), in dem sie sich mit ihrer Sozialisation als Mädchen, mit den Prägungen ihrer eigenen Jugend in der Weimarer Republik und zu Beginn der Nazizeit auseinandersetzt; die „Berliner Briefe“ (1948, beide im Wedding Verlag), ein Buch in der Form halb authentischer, halb literarischer Briefe an einen emigrierten jüdischen Jugendfreund in Paris; schließlich zwei Gedichtbände, „Das innere Antlitz“ (1946, Cecilie Dressler Verlag) sowie „Menschliches Brevier“ (1948, Verlag Lied der Zeit). Vor allem versuchte sie sich als Lyrikerin zu profilieren. Wenige Wochen vor ihrem Tod war der Mitteldeutsche Verlag Halle dabei, einen dritten Gedichtband der Autorin unter dem Titel „Zeit, die uns liebt“ vorzubereiten. Er erschien dann 1950 posthum als ein „Gedenkbuch für Susanne Kerckhoff“. Manchen Kritikern galt sie als eine der stärksten literarischen Begabungen der Nachkriegszeit, Arnold Zweig und Paul Rilla schätzten ihre Gedichte. („Es war Herbst, als Du sie in unserem Garten vorlasest, und dort, wo Deine Blicke durch entlaubtes Geäst den Himmel suchten, duften jetzt die veilchenfarbenen Dolden des Flieders“, schrieb der Freund Arnold Zweig in seiner Trauer über sie.) In ihnen wollte sie sich sowohl als politische Zeitzeugin wie auch als liebende Frau aussprechen. Ihre Gedichte sind geprägt durch das Verhältnis von revolutionärem Pathos und leidenschaftlicher Liebe, das sich für sie nie ganz zur Deckung bringen ließ. Die zum Teil sehr schöne, liedhafte Lyrik bestimmt die eine Seite ihres Schaffens. Davon zeugen mehrere Vertonungen ihrer Gedichte, u. a. in jüngster Zeit von Tilo Medek. Naturbeziehung, Sehnsucht nach dem Geliebten und die Mutter-Kind-Beziehung dominieren darin. Zum anderen verstand Susanne Kerckhoff ihren Auftrag als politisch wache Zeitgenossin auch in einem ganz direkten Engagement mit tagespolitischen Gedichten. Genau hier aber verletzte sie ein Schaffensgesetz ihrer Lyrik, sie wurde flacher und pathetisch, verlor an Subjektivität und innerer Authentizität. Ähnlich wie es einmal der Dichter Stephan Hermlin für sich beschrieben hatte, brachte der Wunsch, im direkten Sinne politisch wirken zu wollen, ästhetische Einbußen im lyrischen Schaffen mit sich. Susanne Kerckhoff stieß dabei auf Widersprüche, die sie auch mit der Kulturpolitik ihrer Partei in Konflikt brachten. Sie war eine Frau, geradlinig und unverbogen, die keine Vorwände als Ausflucht gelten lassen konnte, gerade in der Sache, der sie sich mit Haut und Haar verschrieben hatte. So bestand sie darauf, auch Genossen und Widerstandskämpfer dürften nicht von vornherein als unkritisierbar gelten nur auf Grund ihrer politischen Haltung. Ohne Selbstschonung übte sie beispielsweise an der Haltung junger Autoren Kritik, die glaubten, allein die richtige Einstellung mache sie schon zu guten Literaten[4]. Sie, die während der Nazizeit auch Kompromisse gemacht hatte, wollte nun kompromißlos sein. Sie stellte sich der selbstgewählten politischen Aufgabe vorbehaltlos. Auch daran zerbrach sie schließlich. Als sie glaubte, in einer ausweglosen Situation zu sein und nicht mehr die Kraft aufzubringen, die in ihr widerstreitenden Konfliktpole zur Deckung bringen zu können, wählte Susanne Kerckhoff im März 1950 in Karolinenhof den Freitod. Damals fühlte sie sich ganz allein, ihre drei Kinder waren nach der Scheidung dem im Westen lebenden Vater zugesprochen worden; der Geliebte, ein verheirateter politischer Funktionär, konnte oder wollte sich nicht frei machen. Die Sehnsucht nach menschlicher Bindung und Wärme, die sich nicht erfüllte, machte sie hilflos und verletzbar. Auf Fotos aus jungen Jahren, gerade unmittelbar nach dem Kriegsende, sieht man sie glücklich lachen. Dieses Strahlen aus dem Inneren heraus verliert sich sichtbar auf den späteren Bildern.Ein dunkler, zu Verzweiflung und Schwermut neigender Gestus ist nicht nur in vielen ihrer Gedichte ablesbar, sondern bestimmt auch schon früh ihre Lebensäußerungen. Davon zeugt unter anderem ein jugendlicher Selbstmordversuch. Nun, auf dem Höhepunkt ihrer kulturpolitischen Einbindung in die Kämpfe der jungen DDR, brach sie zusammen. Die erzwungene Trennung von den Kindern hatte dazu ebenso beigetragen wie die Liebesbeziehung mit Georg Stibi, die sich eben nicht als dauerhafte Verbindung realisieren ließ. Auch dabei spielten politische Rücksichtnahmen eine Rolle. Und schließlich hatte eine Affäre um die Kritik an Nico Rosts Buch „Goethe in Dachau“, die für sie mit einer Rüge durch ihre Partei endete, sie zu viel Kraft gekostet[5]. Von diesen Wesenszügen legt ein Gedicht Susanne Kerckhoffs Zeugnis ab, das in ihrer letzten Lebenszeit entstanden ist:
Buchinformationen
Haupt-Genre
Lyrik & Dramen
Sub-Genre
N/A
Format
Taschenbuch
Seitenzahl
266
Preis
27.60 €
Beschreibung
Eine junge Berliner Schriftstellerin trat auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongreß 1947 voller Selbstbewußtsein ans Mikrofon und erwiderte auf die vorausgegangene Rede Günther Birkenfelds, sie sei nicht bereit, Entschuldigungen für die Autoren der inneren Emigration zu sammeln, und sie insistierte, „daß ein Dichter, mag er nun das Zeitwort finden oder nicht oder mag er Liebesgedichte schreiben oder mag er Blumenmotive malen, doch den Punkt nicht verlieren darf, wo er sich einschalten muß. Sonst ist das Liebeslied und das, was er über Blumen schreibt, oder alles, was er schreibt, Lüge. Wenn die Menschen den Kontakt verlieren mit dem politischen Leben, dann müssen sie das nachher furchtbar bezahlen. Und gerade der Schriftsteller darf diesen Kontakt mit dem politischen Leben nicht verlieren.“ Diese junge Frau, Susanne Kerckhoff (1918–1950), spielte in den wenigen ersten Jahren nach Kriegsende im literarischen Feld Berlins eine nicht unbeträchtliche Rolle – als Dichterin, als Publizistin, als politische Stimme. In ihrer Rede auf dem Kongreß fuhr sie fort: „Und ich glaube, wir sind uns doch eigentlich alle im wesentlichen darüber klar, wie wir leiden darunter, daß wir nicht das Wort gefunden haben, daß wir nicht illegal gekämpft haben – die, die wir es eben nicht getan haben. Und diese Scham, die so furchtbar ist und uns zu einer Verzweiflung führt, die sagt uns, daß wir heute auf jeden Fall wachsam sein müssen, eine Art Widerstandsbewegung – nicht nur über die Widerstandsbewegung zu schreiben, auf die wir stolz sind, sondern auch selbst eine Art Widerstandsbewegung sein gegen alles Unrecht und furchtbar darauf aufpassen, daß uns das nicht wieder passiert, daß wir uns so schämen müssen.“[1] In diesen wenigen Sätzen sind bereits wichtige Signalbegriffe enthalten, die Susanne Kerckhoff zu charakterisieren vermögen: Scham, Verzweiflung und ein erklärter Veränderungswillen. Da stellt sich die Frage, ob sie denn Grund hatte, die Scham auf sich als Person zu beziehen. Und sie spricht auch, an einem anderen Tag des Schriftstellerkongresses, von der verhängnisvollen Isolierung vieler Autoren während der Nazizeit. Sie wolle „den Kongreß nur daran erinnern, daß jetzt der Anfang getan ist, daß wir uns nie wieder so allein lassen.“[2] Beifall und Bravorufe, die diese Worte auslösten, müssen ihr bestätigt haben, daß sie auf dem richtigen Weg war.Susanne Kerckhoff, eine zierliche, dunkelhaarige Frau, war damals gerade neunundzwanzig Jahre alt. Sie hatte ein kleines Haus im Köpenicker Ortsteil Karolinenhof, in der Rohrwallallee am Langen See, das ihr und ihrem Mann trotz der Kriegswirren als Sommerzuflucht geblieben war. Nach ihrer Ehescheidung wohnte sie allein dort am südöstlichen Stadtrand Berlins. Wer war diese heute fast vergessene Autorin? Als junges Mädchen bereits hatte sie einen Lyrik-Preis der Zeitschrift „Die Dame“ bekommen und war von Erich Kästner geschätzt und gefördert worden. Während des Krieges hatte sie dann drei eher konventionelle, jedenfalls im Sinne der Reichsschrifttumskammer unpolitische Mädchenromane veröffentlicht[3]. So konnte sie nicht für sich in Anspruch nehmen, zur Inneren Emigration zu zählen. Dennoch, ihre Herkunft hatte andere Spuren gelegt. Als Tochter des Literaturhistorikers Walther Harich und der Musikerin Eta Harich-Schneider war sie in einem 3bürgerlich-liberalen Elternhaus aufgewachsen und hatte sich als Schülerin der Sozialistischen Arbeiterjugend angeschlossen. Nun nach 1945 wollte sie sich bekennen und sich prononciert in den Prozeß der geistigen Erneuerung Deutschlands einbringen. Wie ihr jüngerer Halbbruder, der Philosoph Wolfgang Harich, engagierte sie sich kulturpolitisch in Ostberlin – so im Vorstand des SDA (Schutzverband Deutscher Autoren) und des Demokratischen Frauenbundes DFD. Zunächst war sie mit ihrem Ehemann, dem Buchhändler Hermann Kerckhoff, in die britische Besatzungszone gegangen und, wie er, der SPD beigetreten. Da sie dort ihre politische Heimat nicht fand, trennten sich 1947 die Wege der Eheleute politisch wie privat. Susanne Kerckhoff ging in den sowjetischen Sektor von Berlin und wurde Mitglied der SED. Nach einer kurzen Mitarbeit bei der satirisch-politischen Wochenzeitung „Ulenspiegel“ war sie dann ab 1948 bis zu ihrem frühen Tod Redakteurin und Feuilletonleiterin der „Berliner Zeitung“. Ihr Unbedingtheitsanspruch, mit dem sie von nun an allem begegnete, hat es ihr schwergemacht, sich anzupassen. Es lohnt sich auch heute noch, sich an sie zu erinnern.In den wenigen Jahren zwischen Kriegsende und 1950 erschienen vier Bücher von Susanne Kerckhoff: Der Roman „Die verlorenen Stürme“ (1947), in dem sie sich mit ihrer Sozialisation als Mädchen, mit den Prägungen ihrer eigenen Jugend in der Weimarer Republik und zu Beginn der Nazizeit auseinandersetzt; die „Berliner Briefe“ (1948, beide im Wedding Verlag), ein Buch in der Form halb authentischer, halb literarischer Briefe an einen emigrierten jüdischen Jugendfreund in Paris; schließlich zwei Gedichtbände, „Das innere Antlitz“ (1946, Cecilie Dressler Verlag) sowie „Menschliches Brevier“ (1948, Verlag Lied der Zeit). Vor allem versuchte sie sich als Lyrikerin zu profilieren. Wenige Wochen vor ihrem Tod war der Mitteldeutsche Verlag Halle dabei, einen dritten Gedichtband der Autorin unter dem Titel „Zeit, die uns liebt“ vorzubereiten. Er erschien dann 1950 posthum als ein „Gedenkbuch für Susanne Kerckhoff“. Manchen Kritikern galt sie als eine der stärksten literarischen Begabungen der Nachkriegszeit, Arnold Zweig und Paul Rilla schätzten ihre Gedichte. („Es war Herbst, als Du sie in unserem Garten vorlasest, und dort, wo Deine Blicke durch entlaubtes Geäst den Himmel suchten, duften jetzt die veilchenfarbenen Dolden des Flieders“, schrieb der Freund Arnold Zweig in seiner Trauer über sie.) In ihnen wollte sie sich sowohl als politische Zeitzeugin wie auch als liebende Frau aussprechen. Ihre Gedichte sind geprägt durch das Verhältnis von revolutionärem Pathos und leidenschaftlicher Liebe, das sich für sie nie ganz zur Deckung bringen ließ. Die zum Teil sehr schöne, liedhafte Lyrik bestimmt die eine Seite ihres Schaffens. Davon zeugen mehrere Vertonungen ihrer Gedichte, u. a. in jüngster Zeit von Tilo Medek. Naturbeziehung, Sehnsucht nach dem Geliebten und die Mutter-Kind-Beziehung dominieren darin. Zum anderen verstand Susanne Kerckhoff ihren Auftrag als politisch wache Zeitgenossin auch in einem ganz direkten Engagement mit tagespolitischen Gedichten. Genau hier aber verletzte sie ein Schaffensgesetz ihrer Lyrik, sie wurde flacher und pathetisch, verlor an Subjektivität und innerer Authentizität. Ähnlich wie es einmal der Dichter Stephan Hermlin für sich beschrieben hatte, brachte der Wunsch, im direkten Sinne politisch wirken zu wollen, ästhetische Einbußen im lyrischen Schaffen mit sich. Susanne Kerckhoff stieß dabei auf Widersprüche, die sie auch mit der Kulturpolitik ihrer Partei in Konflikt brachten. Sie war eine Frau, geradlinig und unverbogen, die keine Vorwände als Ausflucht gelten lassen konnte, gerade in der Sache, der sie sich mit Haut und Haar verschrieben hatte. So bestand sie darauf, auch Genossen und Widerstandskämpfer dürften nicht von vornherein als unkritisierbar gelten nur auf Grund ihrer politischen Haltung. Ohne Selbstschonung übte sie beispielsweise an der Haltung junger Autoren Kritik, die glaubten, allein die richtige Einstellung mache sie schon zu guten Literaten[4]. Sie, die während der Nazizeit auch Kompromisse gemacht hatte, wollte nun kompromißlos sein. Sie stellte sich der selbstgewählten politischen Aufgabe vorbehaltlos. Auch daran zerbrach sie schließlich. Als sie glaubte, in einer ausweglosen Situation zu sein und nicht mehr die Kraft aufzubringen, die in ihr widerstreitenden Konfliktpole zur Deckung bringen zu können, wählte Susanne Kerckhoff im März 1950 in Karolinenhof den Freitod. Damals fühlte sie sich ganz allein, ihre drei Kinder waren nach der Scheidung dem im Westen lebenden Vater zugesprochen worden; der Geliebte, ein verheirateter politischer Funktionär, konnte oder wollte sich nicht frei machen. Die Sehnsucht nach menschlicher Bindung und Wärme, die sich nicht erfüllte, machte sie hilflos und verletzbar. Auf Fotos aus jungen Jahren, gerade unmittelbar nach dem Kriegsende, sieht man sie glücklich lachen. Dieses Strahlen aus dem Inneren heraus verliert sich sichtbar auf den späteren Bildern.Ein dunkler, zu Verzweiflung und Schwermut neigender Gestus ist nicht nur in vielen ihrer Gedichte ablesbar, sondern bestimmt auch schon früh ihre Lebensäußerungen. Davon zeugt unter anderem ein jugendlicher Selbstmordversuch. Nun, auf dem Höhepunkt ihrer kulturpolitischen Einbindung in die Kämpfe der jungen DDR, brach sie zusammen. Die erzwungene Trennung von den Kindern hatte dazu ebenso beigetragen wie die Liebesbeziehung mit Georg Stibi, die sich eben nicht als dauerhafte Verbindung realisieren ließ. Auch dabei spielten politische Rücksichtnahmen eine Rolle. Und schließlich hatte eine Affäre um die Kritik an Nico Rosts Buch „Goethe in Dachau“, die für sie mit einer Rüge durch ihre Partei endete, sie zu viel Kraft gekostet[5]. Von diesen Wesenszügen legt ein Gedicht Susanne Kerckhoffs Zeugnis ab, das in ihrer letzten Lebenszeit entstanden ist:
Buchinformationen
Haupt-Genre
Lyrik & Dramen
Sub-Genre
N/A
Format
Taschenbuch
Seitenzahl
266
Preis
27.60 €



