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Okay, es war nur ein Traum.
Aber das Gefühl war real. Ich hatte es wirklich empfunden. Es war schade, dass ich schlief, als ich es empfand, aber jetzt wusste ich immerhin, dass es existierte, dachte ich, schloss die Augen und stürzte mich in den Schlaf, fast in der Hoffnung, dass mich dort weitere fantastische Dinge erwarteten. - Zitat, Seite 672 Dieses spirituelle Traumerlebnis ist nur ein kleines Detail in dem 800seitigen Wälzer, der 2010 als 5. Band des autofiktionalen Roman-Zyklus mit dem streitbaren Titel >Min Kamp< im norwegischen Original erschien. Wie kann ein Werk eine so gewaltige Sogwirkung entfalten, dass man den Seiten klebt und mit Karl Ove, der als junger Mann vom Wunsch beseelt ist, Schriftsteller zu werden, lebt und leidet? Dieses Phänomen weiß der erfolgreiche Schriftsteller wohl selbst nicht ganz zu entschlüsseln und so klingen die ersten Sätze seines Romans fast sachlich: "Die Vierzehn Jahre, die ich in Bergen lebte, von 1988 bis 2002, sind längst vorbei, geblieben sind lediglich einige Episoden, an die sich manche Menschen eventuell erinnern, ein Geistesblitz hier, ein Geistesblitz da, und natürlich alles, was mir selbst aus jener Zeit im Gedächtnis geblieben ist. Doch das ist erstaunlich wenig." Erstaunlich wenig? - Das ist eine kleine Untertreibung bei einem Erinnerungsbuch dieses Formats. Und auch der Ich-Erzähler scheint von Unsicherheiten geplagt. Im Schreibkurs, der u.a. von Jon Fosse (Literaturnobelpreisträger 2023) geleitet wird, versteht er von den ausgewählten Büchern, die näher analysiert werden sollen, erstmal Bahnhof. Und auch im gesellschaftlichen Bereich zeigt er Unsicherheiten: "Umgekehrt wollte ich den Leuten auch keine Probleme bereiten, und deshalb war es besser, sich von ihnen fernzuhalten oder im Schutze Ungves [der ältere Bruder Karl Oves] zu wandeln. Unter seinem Mantel aus Umgänglichkeit." - Zitat, Seite 341 Und es ist erfrischend, mit welcher Offenheit und Naivität dieser Karl Ove sich in das Abenteuer des erwachsenen Lebens stürzt: "Man sieht es, man verliebt sich, und das ist wenig, gut möglich, dass man sagen kann, es ist wenig, aber es ist immer richtig. Das Herz irrt sich nie. Das Herz irrt sich nie. Niemals irrt sich das Herz." - Zitat, Seite 81 Vielleicht irrt sich das Herz nicht, aber Karl Ove verirrt sich. Er verliert seine Liebste an den großen Bruder. Er trinkt viel zu viel Alkohol und die schemenhaften Albträume seiner unberechenbar gewordenen menschlichen Natur hämmern nach durchzechten Nächten hinter seiner Stirn. Angststörungen quälen ihn. Und mit Mitte 20 fragt er sich schließlich verzweifelt, ob er seinem Ziel, einen Roman zu veröffentlichen jemals nah sein wird? Und wird die Erfüllung des Daseins als Schriftsteller wirklich seine inneren Dämonen bannen? Es ist sicherlich kein Zufall, dass "Träumen" ebenso ein 5. Band ist, wie der vor kurzem im deutschen veröffentlichte Roman "Arendal", der an eben dieser Stelle im "Morgenstern Zyklus" steht. Die beiden Romane ergänzen sich auf manchmal doch verblüffende Weise (inklusive Erwähnung einer geplanten Parisreise) und auf der anderen Seite sind sie natürlich jeweils aus einem völlig anderen Stoff gewebt. Für Fans des unnachahmlichen Schreibens von Karl Ove Knausgård ist dieses "Träumen" eine unumgängliche Lektüre, für die man jedoch Geduld und mentale Stabilität braucht, um durchzuhalten. FAZIT Auf einem Wühltisch hatte ich diesen Roman als Mängelexemplar entdeckt und da ich geistig sowieso noch etwas in Arendal weilte, hab ich mich alsbald in die Lektüre vergraben. Wobei mich dieser Ich-Erzähler, Karl Ove, vor große Herausforderungen gestellt hat. Tatsächlich bin ich kaum je einem gleichzeitig so begabten und doch so verlorenem Protagonisten begegnet. Könnte es sein, dass dieser Mensch unter dem Impostersyndrom leidet? Nein, ich will keine medizinischen Diagnosen stellen, aber ich musste beim Lesen - vielleicht auch wegen des Covers - an einen Song von BTS denken: I wish that I could tell you that it's over I wish that I could walk away from pain My life is like a broken roller coaster But maybe I'm the only one to blame I can't get off this merry-go-round It spins me around I do my best, but I can't slow down This merry-go-round And I, I can't get off of this ride (I can't get off of this ride) I try, this happens every time (I can't get off of this ride) Spinnin' up, down, just round and round I'm fallin' apart, still bound to ground ... Welchen Protagonisten oder welche Protagonistin hat Dich zuletzt herausgefordert (und warum hast du ihn/sie trotzdem ins Herz geschlossen)?
17 Stunden vor
Okay, es war nur ein Traum.
Aber das Gefühl war real. Ich hatte es wirklich empfunden. Es war schade, dass ich schlief, als ich es empfand, aber jetzt wusste ich immerhin, dass es existierte, dachte ich, schloss die Augen und stürzte mich in den Schlaf, fast in der Hoffnung, dass mich dort weitere fantastische Dinge erwarteten. - Zitat, Seite 672 Dieses spirituelle Traumerlebnis ist nur ein kleines Detail in dem 800seitigen Wälzer, der 2010 als 5. Band des autofiktionalen Roman-Zyklus mit dem streitbaren Titel >Min Kamp< im norwegischen Original erschien. Wie kann ein Werk eine so gewaltige Sogwirkung entfalten, dass man den Seiten klebt und mit Karl Ove, der als junger Mann vom Wunsch beseelt ist, Schriftsteller zu werden, lebt und leidet? Dieses Phänomen weiß der erfolgreiche Schriftsteller wohl selbst nicht ganz zu entschlüsseln und so klingen die ersten Sätze seines Romans fast sachlich: "Die Vierzehn Jahre, die ich in Bergen lebte, von 1988 bis 2002, sind längst vorbei, geblieben sind lediglich einige Episoden, an die sich manche Menschen eventuell erinnern, ein Geistesblitz hier, ein Geistesblitz da, und natürlich alles, was mir selbst aus jener Zeit im Gedächtnis geblieben ist. Doch das ist erstaunlich wenig." Erstaunlich wenig? - Das ist eine kleine Untertreibung bei einem Erinnerungsbuch dieses Formats. Und auch der Ich-Erzähler scheint von Unsicherheiten geplagt. Im Schreibkurs, der u.a. von Jon Fosse (Literaturnobelpreisträger 2023) geleitet wird, versteht er von den ausgewählten Büchern, die näher analysiert werden sollen, erstmal Bahnhof. Und auch im gesellschaftlichen Bereich zeigt er Unsicherheiten: "Umgekehrt wollte ich den Leuten auch keine Probleme bereiten, und deshalb war es besser, sich von ihnen fernzuhalten oder im Schutze Ungves [der ältere Bruder Karl Oves] zu wandeln. Unter seinem Mantel aus Umgänglichkeit." - Zitat, Seite 341 Und es ist erfrischend, mit welcher Offenheit und Naivität dieser Karl Ove sich in das Abenteuer des erwachsenen Lebens stürzt: "Man sieht es, man verliebt sich, und das ist wenig, gut möglich, dass man sagen kann, es ist wenig, aber es ist immer richtig. Das Herz irrt sich nie. Das Herz irrt sich nie. Niemals irrt sich das Herz." - Zitat, Seite 81 Vielleicht irrt sich das Herz nicht, aber Karl Ove verirrt sich. Er verliert seine Liebste an den großen Bruder. Er trinkt viel zu viel Alkohol und die schemenhaften Albträume seiner unberechenbar gewordenen menschlichen Natur hämmern nach durchzechten Nächten hinter seiner Stirn. Angststörungen quälen ihn. Und mit Mitte 20 fragt er sich schließlich verzweifelt, ob er seinem Ziel, einen Roman zu veröffentlichen jemals nah sein wird? Und wird die Erfüllung des Daseins als Schriftsteller wirklich seine inneren Dämonen bannen? Es ist sicherlich kein Zufall, dass "Träumen" ebenso ein 5. Band ist, wie der vor kurzem im deutschen veröffentlichte Roman "Arendal", der an eben dieser Stelle im "Morgenstern Zyklus" steht. Die beiden Romane ergänzen sich auf manchmal doch verblüffende Weise (inklusive Erwähnung einer geplanten Parisreise) und auf der anderen Seite sind sie natürlich jeweils aus einem völlig anderen Stoff gewebt. Für Fans des unnachahmlichen Schreibens von Karl Ove Knausgård ist dieses "Träumen" eine unumgängliche Lektüre, für die man jedoch Geduld und mentale Stabilität braucht, um durchzuhalten. FAZIT Auf einem Wühltisch hatte ich diesen Roman als Mängelexemplar entdeckt und da ich geistig sowieso noch etwas in Arendal weilte, hab ich mich alsbald in die Lektüre vergraben. Wobei mich dieser Ich-Erzähler, Karl Ove, vor große Herausforderungen gestellt hat. Tatsächlich bin ich kaum je einem gleichzeitig so begabten und doch so verlorenem Protagonisten begegnet. Könnte es sein, dass dieser Mensch unter dem Impostersyndrom leidet? Nein, ich will keine medizinischen Diagnosen stellen, aber ich musste beim Lesen - vielleicht auch wegen des Covers - an einen Song von BTS denken: I wish that I could tell you that it's over I wish that I could walk away from pain My life is like a broken roller coaster But maybe I'm the only one to blame I can't get off this merry-go-round It spins me around I do my best, but I can't slow down This merry-go-round And I, I can't get off of this ride (I can't get off of this ride) I try, this happens every time (I can't get off of this ride) Spinnin' up, down, just round and round I'm fallin' apart, still bound to ground ... Welchen Protagonisten oder welche Protagonistin hat Dich zuletzt herausgefordert (und warum hast du ihn/sie trotzdem ins Herz geschlossen)?
17 Stunden vor






