
666 Follower
Sprechen von Daniela Dröscher ist der neueste Band aus der Reihe LEBEN, der bei Hanser Berlin erscheint. Daniela Dröscher beleuchtet auf etwas über hundert Seiten verschiedene Bereiche des Sprechens und ergänzt sie mit Beispielen aus ihrem privaten Leben. „Häufig war ich dem ausgesetzt, was man in der Pädagogik „silent treatment“ nennt. Bestrafung durch Nicht-mehr-Sprechen, Bestrafung durch Schweigen. Meine Mutter hat oft geschwiegen.“ Wir erlernen das Sprechen in der Familie, in Familien wird gesprochen, gestritten und geschwiegen. In Daniela Dröschers Familie wurde viel gestritten, der Vater warf der Mutter vor, dass sie zu dick sei, die Mutter schwieg dazu. Ihre Mutter kam aus Schlesien und sprach Hochdeutsch, der Vater stammt aus dem Hunsrück und sprach einen Pfälzer Dialekt. In der Schule und Nachbarschaft wollte Daniela dazugehören und sprach Dialekt, später an der Universität waren Dialekte verpönt, woraufhin sie verstummte und die ersten Semester stumm blieb. Die Sprachhemmungen überwand sie erst nach ihrem Auslandssemester, als Englisch für ihre Mitstudierenden genau wie für sie eine Fremdsprache war. Auch ich habe diese Erfahrung gemacht, als ich mit zwölf Jahren mit nur geringen Deutschkenntnissen aus Polen nach Deutschland gekommen bin. In der Schule blieb ich stumm, außer im Fremdsprachenunterricht, wo meine Mitschüler die gleichen Voraussetzungen wie ich für das Erlernen der Fremdsprache mitbrachten. In Russisch konnte ich glänzen, da ich bereits eine andere slawische Sprache beherrschte. Ein berühmtes literarisches Beispiel für eine bewusste Sprech-Erziehung ist Eliza Doolittle aus My Fair Lady. Eliza will das Englisch der Upperclass erlernen, um in eine höhere Gesellschaftsschicht aufzusteigen. „Kinder ver-hören sich ständig.“ Ganz besonders, wenn sie eine neue Sprache erlernen, wie das bei meinem Bruder der Fall war, nachdem wir aus Polen nach Deutschland gekommen sind. Er kam aus dem Kindergarten nach Hause und erzählte uns, dass Jesus Grippe hatte, zuerst waren wir darüber verwundert, was den Kindern im deutschen Kindergarten beigebracht wird, bis wir herausgefunden haben, dass er Grippe mit Krippe verwechselt hatte. Wenn wir uns verlieben, fällt es uns oft besonders schwer, unsere Gefühle in Worte zu fassen. Noch schwerer ist es, Trauernde zu trösten und mehr als „O mein Gott“ oder „Es tut mir so leid“ zu sagen. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Sprechens ist das Missverständnis – „es gehört zur menschlichen Sprache ebenso grundlegend, wie die Fehlbarkeit zum Menschen gehört.“ Gerade in Beziehungen kann jeder ein Lied davon singen. Der Klatsch und Tratsch in ihrem Heimatdorf hat der Autorin zunächst den Small Talk vermiest, doch Jahrzehnte später weiß sie ihn sehr zu schätzen. Ich fand das schmale Büchlein interessant und informativ und finde, dass es der Autorin sehr gut gelungen ist, anhand von Beispielen aus ihrem Leben die verschiedenen Aspekte des Sprechens darzustellen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.
21. Apr. 2026
Sprechen von Daniela Dröscher ist der neueste Band aus der Reihe LEBEN, der bei Hanser Berlin erscheint. Daniela Dröscher beleuchtet auf etwas über hundert Seiten verschiedene Bereiche des Sprechens und ergänzt sie mit Beispielen aus ihrem privaten Leben. „Häufig war ich dem ausgesetzt, was man in der Pädagogik „silent treatment“ nennt. Bestrafung durch Nicht-mehr-Sprechen, Bestrafung durch Schweigen. Meine Mutter hat oft geschwiegen.“ Wir erlernen das Sprechen in der Familie, in Familien wird gesprochen, gestritten und geschwiegen. In Daniela Dröschers Familie wurde viel gestritten, der Vater warf der Mutter vor, dass sie zu dick sei, die Mutter schwieg dazu. Ihre Mutter kam aus Schlesien und sprach Hochdeutsch, der Vater stammt aus dem Hunsrück und sprach einen Pfälzer Dialekt. In der Schule und Nachbarschaft wollte Daniela dazugehören und sprach Dialekt, später an der Universität waren Dialekte verpönt, woraufhin sie verstummte und die ersten Semester stumm blieb. Die Sprachhemmungen überwand sie erst nach ihrem Auslandssemester, als Englisch für ihre Mitstudierenden genau wie für sie eine Fremdsprache war. Auch ich habe diese Erfahrung gemacht, als ich mit zwölf Jahren mit nur geringen Deutschkenntnissen aus Polen nach Deutschland gekommen bin. In der Schule blieb ich stumm, außer im Fremdsprachenunterricht, wo meine Mitschüler die gleichen Voraussetzungen wie ich für das Erlernen der Fremdsprache mitbrachten. In Russisch konnte ich glänzen, da ich bereits eine andere slawische Sprache beherrschte. Ein berühmtes literarisches Beispiel für eine bewusste Sprech-Erziehung ist Eliza Doolittle aus My Fair Lady. Eliza will das Englisch der Upperclass erlernen, um in eine höhere Gesellschaftsschicht aufzusteigen. „Kinder ver-hören sich ständig.“ Ganz besonders, wenn sie eine neue Sprache erlernen, wie das bei meinem Bruder der Fall war, nachdem wir aus Polen nach Deutschland gekommen sind. Er kam aus dem Kindergarten nach Hause und erzählte uns, dass Jesus Grippe hatte, zuerst waren wir darüber verwundert, was den Kindern im deutschen Kindergarten beigebracht wird, bis wir herausgefunden haben, dass er Grippe mit Krippe verwechselt hatte. Wenn wir uns verlieben, fällt es uns oft besonders schwer, unsere Gefühle in Worte zu fassen. Noch schwerer ist es, Trauernde zu trösten und mehr als „O mein Gott“ oder „Es tut mir so leid“ zu sagen. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Sprechens ist das Missverständnis – „es gehört zur menschlichen Sprache ebenso grundlegend, wie die Fehlbarkeit zum Menschen gehört.“ Gerade in Beziehungen kann jeder ein Lied davon singen. Der Klatsch und Tratsch in ihrem Heimatdorf hat der Autorin zunächst den Small Talk vermiest, doch Jahrzehnte später weiß sie ihn sehr zu schätzen. Ich fand das schmale Büchlein interessant und informativ und finde, dass es der Autorin sehr gut gelungen ist, anhand von Beispielen aus ihrem Leben die verschiedenen Aspekte des Sprechens darzustellen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.
21. Apr. 2026






