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Sprechen

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Über das Buch

Daniela Dröschers sehr persönliche Geschichte der Selbstermächtigung – von einer schweigenden zur öffentlich sprechenden Frau. Und die Frage, wie wir sprechen sollten, um einander wirklich zu verstehen. Ein harmloses Mittel der Verständigung war Sprechen für die Schriftstellerin Daniela Dröscher nie. Als Kind einer Zugezogenen im Hunsrück zwischen Hochdeutsch und breitem Pfälzer Dialekt erwies sich Sprechen als ein so zweischneidiger Akt der Anpassung, dass sie lieber verstummte. Außerhalb des Privaten fehlte ihr auch später lange der Mut zum Einstehen für das eigene Wort, zu groß war die Angst davor, als Aufsteigerin erkannt oder missverstanden zu werden. Mit radikaler Offenheit erzählt sie von ihrer Emanzipation von einer schamhaft schweigenden zur öffentlich sprechenden Frau. Dabei denkt sie darüber nach, ob nicht gerade die Bereitschaft zum Missverstehen die eigentliche Voraussetzung für wahres Verständnis und einen produktiven Gesellschaftsdialog sein könnte.

Editionen (2)

ISBN9783446287570
VerlagHanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Erscheinungsdatum21.04.26
Seitenzahl112

Rezensionen & Bewertungen

43 Bewertungen

10 Rezensionen

4,0

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  • magdas_buecherwelt
    magdas_buecherwelt

    666 Follower

    5,0

    Sprechen von Daniela Dröscher ist der neueste Band aus der Reihe LEBEN, der bei Hanser Berlin erscheint. Daniela Dröscher beleuchtet auf etwas über hundert Seiten verschiedene Bereiche des Sprechens und ergänzt sie mit Beispielen aus ihrem privaten Leben. „Häufig war ich dem ausgesetzt, was man in der Pädagogik „silent treatment“ nennt. Bestrafung durch Nicht-mehr-Sprechen, Bestrafung durch Schweigen. Meine Mutter hat oft geschwiegen.“ Wir erlernen das Sprechen in der Familie, in Familien wird gesprochen, gestritten und geschwiegen. In Daniela Dröschers Familie wurde viel gestritten, der Vater warf der Mutter vor, dass sie zu dick sei, die Mutter schwieg dazu. Ihre Mutter kam aus Schlesien und sprach Hochdeutsch, der Vater stammt aus dem Hunsrück und sprach einen Pfälzer Dialekt. In der Schule und Nachbarschaft wollte Daniela dazugehören und sprach Dialekt, später an der Universität waren Dialekte verpönt, woraufhin sie verstummte und die ersten Semester stumm blieb. Die Sprachhemmungen überwand sie erst nach ihrem Auslandssemester, als Englisch für ihre Mitstudierenden genau wie für sie eine Fremdsprache war. Auch ich habe diese Erfahrung gemacht, als ich mit zwölf Jahren mit nur geringen Deutschkenntnissen aus Polen nach Deutschland gekommen bin. In der Schule blieb ich stumm, außer im Fremdsprachenunterricht, wo meine Mitschüler die gleichen Voraussetzungen wie ich für das Erlernen der Fremdsprache mitbrachten. In Russisch konnte ich glänzen, da ich bereits eine andere slawische Sprache beherrschte. Ein berühmtes literarisches Beispiel für eine bewusste Sprech-Erziehung ist Eliza Doolittle aus My Fair Lady. Eliza will das Englisch der Upperclass erlernen, um in eine höhere Gesellschaftsschicht aufzusteigen. „Kinder ver-hören sich ständig.“ Ganz besonders, wenn sie eine neue Sprache erlernen, wie das bei meinem Bruder der Fall war, nachdem wir aus Polen nach Deutschland gekommen sind. Er kam aus dem Kindergarten nach Hause und erzählte uns, dass Jesus Grippe hatte, zuerst waren wir darüber verwundert, was den Kindern im deutschen Kindergarten beigebracht wird, bis wir herausgefunden haben, dass er Grippe mit Krippe verwechselt hatte. Wenn wir uns verlieben, fällt es uns oft besonders schwer, unsere Gefühle in Worte zu fassen. Noch schwerer ist es, Trauernde zu trösten und mehr als „O mein Gott“ oder „Es tut mir so leid“ zu sagen. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Sprechens ist das Missverständnis – „es gehört zur menschlichen Sprache ebenso grundlegend, wie die Fehlbarkeit zum Menschen gehört.“ Gerade in Beziehungen kann jeder ein Lied davon singen. Der Klatsch und Tratsch in ihrem Heimatdorf hat der Autorin zunächst den Small Talk vermiest, doch Jahrzehnte später weiß sie ihn sehr zu schätzen. Ich fand das schmale Büchlein interessant und informativ und finde, dass es der Autorin sehr gut gelungen ist, anhand von Beispielen aus ihrem Leben die verschiedenen Aspekte des Sprechens darzustellen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

    21. Apr. 2026

  • ersteliebelesen
    ersteliebelesen

    50 Follower

    5,0

    Hat mir sehr gut gefallen! Besonders interessant waren für mich die Überschneidungen in Dröschers und meinem Leben.

    25. Apr. 2026

  • jollybooktime
    jollybooktime

    56 Follower

    4,5

    „Wer die Stimme erhebt, erregt Aufmerksamkeit. Wer sich zu Wort meldet, gibt sich preis.“ (S. 32) Sprache ist Realität. Sprache ist Klasse. Sprache ist Identität. Sprache ist Privileg. In ihrem Essay "Sprechen" reflektiert Daniela Dröscher darüber, was es bedeutet, eine Stimme zu haben und sie zu benutzen. Ihr Text ist ein Nachdenken darüber, was Sprache mit uns macht und was wir durch sie werden (können). Vieles beginnt im Kleinen: beim Kindermund, der noch unvoreingenommen und unzensiert ist. In dieser frühen Phase scheint Sprache frei – noch nicht durch soziale Erwartungen, Scham oder Anpassung reguliert. Doch diese Freiheit ist brüchig. Mit zunehmendem Alter wächst das Bewusstsein dafür, dass Sprache bewertet wird, Zugehörigkeit markiert und Grenzen zieht. Sprache erscheint bei Dröscher als verbindendes Element und zugleich als eines, das Distanz schaffen kann. Denn so sehr wir uns über Worte verständigen wollen, bleibt ein Rest an Unschärfe. Ihr Text kreist um das Missverständnis, das nicht nur Störung ist, sondern Voraussetzung für Interpretation und damit für das Bedürfnis nach Verständigung. Was will mein Gegenüber mir sagen? Was sagen seine Äußerungen über ihn, und was sagt mein Verstehen über mich selbst aus? In diesem Spannungsfeld gewinnt auch das Schweigen an Bedeutung. Sich wortlos zu verstehen und miteinander schweigen zu können, scheint bisweilen die höhere Kunst als das Miteinander-Reden. Schweigen ist hier nicht bloß Abwesenheit von Sprache, sondern eine eigene Form der Beziehung. Zugleich zeigt die Autorin, wie sehr Sprache von Machtverhältnissen durchzogen ist. Wer spricht, stellt sich dar, und wer nicht spricht, verschwindet. Besonders eindrücklich wird dies dort, wo sie die eigene Sprachsozialisation reflektiert: eine Sprache, geprägt von einem männlichen Kanon, in der weibliche Ausdrucksformen erst gefunden und behauptet werden müssen. Es bleibt die Frage, wie es gelingen kann, sich daraus zu lösen. Dröschers eigene Angst vor dem Sprechen lässt sich letztlich nur durch das Sprechen selbst überwinden. So entsteht eine eigene Stimme. Sprache ist kein statisches System, sondern ein Prozess – ein Aushandeln, ein Annähern, ein Sich-Auseinandersetzen. Miteinander zu sprechen heißt immer auch, voneinander zu lernen.

    21. Apr. 2026

3 von 10 Rezensionen

Autorin / Autor

Über Daniela Dröscher

Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, aufgewachsen in Rheinland-Pfalz, lebt in Berlin. Sie schreibt Prosa, Essays und Theatertexte. Nach einem Studium der Germanistik, Philosophie und Anglistik in Trier und London promovierte sie an der Universität Potsdam zur Poetologie Yoko Tawadas. "Zeige deine Klasse" erschien 2018, "Lügen über meine Mutter" stand 2022 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien 2025 ihr Roman "Junge Frau mit Katze".

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