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Romane

Nicht länger ein Mensch. Roman. Das Kultbuch aus Japan

3,5(46)
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Über das Buch

Neuübersetzung von Sabrina Wägerle

Im Familienkreis mimt Ōba Yōzō den Clown, doch es sind die Possen eines Verzweifelten, der seine schweren inneren Kämpfe hinter Sarkasmus verbirgt. Alle wahren Nöte und Gedanken kann er nur seinen Notizheften anvertrauen. In radikaler Offenheit erzählt dieser Roman-Klassiker von einer so gescheiten wie tief beschädigten jungen Seele auf der glücklosen Suche nach Orientierung und Halt. In Japan ist das Buch millionenfach verbreitet, dort entdeckt jede Lesergeneration aufs Neue die Aktualität dieser zeitlosen Geschichte.

Der Kultklassiker ist ein Millionenseller und eines der meistverkauften Bücher in Japan Dazais Meisterwerk ist ein Muss für Japan-Fans und für alle, die Kafka, Murakami oder Dostojewski lesen »Dazais letzter großer Roman ›Gezeichnet‹ machte ihn endgültig zur Kultfigur der existentialistischen Jugend.« Deutschlandfunk »Dazais Verzweiflung hat etwas seltsam Anschmiegsames an sich. Die Offenheit seiner Figuren gegenüber ihrer Grausamkeit und ihrem Egoismus ... macht sie paradoxerweise verletzlich.« The New York Times

Editionen (3)

ISBN9783730614860
VerlagAnaconda Verlag
Erscheinungsdatum19.03.25
Seitenzahl144

Merkmale

2 Bewertungen

SchnellKomplexGlaubwürdigNachdenklichVerstörendInformativ

Rezensionen & Bewertungen

46 Bewertungen

20 Rezensionen

3,5

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  • seitenklang
    seitenklang

    39 Follower

    5,0

    Die Befremdung am Menschseins

    Osamu Dazais „Nicht länger ein Mensch“ gehört zu jenen Büchern, die längst von einem festen Deutungsrahmen umgeben sind. Man liest sie mit einem kulturellen Vorwissen. Der depressive, entfremdete Protagonist. Der autobiografische Abgrund. Das Vorzeichen des späteren Suizids des Autors. All das ist in diesem Roman zweifellos angelegt. Während des Lesens entstand bei mir dennoch zunehmend das Gefühl, dass das Buch an vielen Stellen größere Zwischenräume öffnet, als es die gängigen Lesarten oft vermuten lassen. Yōzō erlebt sich früh als fremd unter Menschen. Er versteht ihre Verhaltensweisen, ihre sozialen Rituale und ihre Sprache nicht intuitiv. Zugleich möchte er dazugehören. Seine Clown-Maske entsteht aus dieser Spannung heraus. Im Laufe des Romans verschiebt sich seine Perspektive jedoch zunehmend. Aus dem verängstigten Mitspieler wird ein Beobachter. Die Gesellschaft erscheint ihm stellenweise wie ein rätselhaftes Versuchsfeld menschlicher Verhaltensweisen, deren Regeln alle akzeptieren, ohne sie wirklich zu hinterfragen. Darin liegt für mich eine der großen Stärken dieses Romans. Dazai seziert gesellschaftliche Sprach- und Verhaltensmuster mit einer Präzision, die bis heute modern wirkt. Immer wieder stolpert Yōzō über Formulierungen wie „man tut dies“, „das verzeiht man nicht“ oder „die Gesellschaft akzeptiert das nicht“. Er reagiert auf solche Sätze fast allergisch, weil er spürt, wie oft sich hinter diesem anonymen „man“ individuelle Moralvorstellungen verbergen, die sich durch die Berufung auf ein Kollektiv objektiver und unanfechtbarer machen möchten. Aus einer persönlichen Haltung wird scheinbar allgemeingültige Wahrheit. Überhaupt wirkt der Roman stellenweise wie eine Untersuchung menschlicher Kodizes. Höflichkeitsrituale, gesellschaftliche Erwartungen, das Pflichtgefühl des richtigen Reagierens, des Gratulierens, Trauerns, Bewunderns oder Mitspielens erzeugen Ordnung und soziale Stabilität. Gleichzeitig liegt über vielen dieser Szenen ein Moment tiefer Befremdung. Menschen loben öffentlich und spotten privat. Gefühle werden performt. Anpassung erzeugt Zugehörigkeit. Yōzō betrachtet diese Mechanismen mit einer Mischung aus Angst, Sensibilität und Entsetzen. Unter einem heutigen Blickwinkel lässt sich vieles davon auch als Geschichte eines hochsensiblen Menschen lesen, dessen Wahrnehmung sozialer Zwischentöne so fein geworden ist, dass ihm die gewöhnlichen Vereinfachungen des menschlichen Miteinanders kaum mehr möglich erscheinen. Seine Ehrfurcht vor Liebe etwa wirkt beinahe sakral. Banale oder vulgäre Redeweisen über Gefühle empfindet er als Entweihung. Seine Scham, seine Überreizung und seine Sprachlosigkeit erhalten dadurch eine zusätzliche Dimension, die über eine rein klinische Deutung hinausweist. Beim Lesen stellte sich für mich immer wieder die Frage, wie sehr Isolation diese innere Fremdheit verstärkt. Menschen halten ihre eigene Wahrnehmung oft erst dann für lebbar, wenn sie erfahren, dass andere ähnlich empfinden. Wer keine Sprache für seine Sensibilität besitzt und niemandem begegnet, der dieselben Zwischentöne, dieselben Abgründe und dieselbe Reizoffenheit kennt, erlebt die eigene Innenwelt schnell wie einen Fehler. In einer rigiden Gesellschaft, deren soziale Formen kaum Raum für Abweichung lassen, kann daraus ein inneres Exil entstehen. Man fragt sich unweigerlich, ob Yōzōs Einsamkeit in einer anderen Zeit, mit Zugang zu Menschen, die seine Wahrnehmung geteilt hätten, eine weniger zerstörerische Richtung genommen hätte. Hinzu kommt der kulturelle Hintergrund des Romans. Die japanische Gesellschaft jener Zeit war stark geprägt von Rolle, Pflichtgefühl, Scham und sozialer Form. Für einen Menschen wie Yōzō, dessen Identität ohnehin fragil erscheint, wird die Angst vor gesellschaftlichem Ausschluss existenziell. Dass familiäre Zurückweisung in diesem Kontext fast vernichtende Wucht entfalten kann, durchzieht den Roman wie ein dunkler Unterstrom. Dazai schreibt vieles nur in Andeutungen. Traumatische Erfahrungen bleiben verschattet, als könnten sie sprachlich nie vollständig erreicht werden. Gerade diese Unschärfen machen den Roman so offen für unterschiedliche Lesarten. Manche Szenen lassen sich psychologisch lesen, andere gesellschaftskritisch, philosophisch oder existenziell. Vermutlich liegt darin ein Teil seiner anhaltenden Wirkung. Bücher wie dieses verändern sich mit den Fragen, die ihre Leser an sie herantragen.

    15. Mai 2026

  • aygen_e
    aygen_e

    138 Follower

    5,0

    Sternebewertung fiktiv

    Osamu Dazai war einer der bedeutendsten Vertreter der japanischen Moderne. Er entstammte einer wohlhabenden, politisch einflussreichen Familie, rebellierte jedoch früh gegen deren konservative Werte. Der Autor führte ein hochgradig widersprüchliches Leben, intellektuell brillant, gleichzeitig zutiefst selbstzerstörerisch. Im Internet findet man sehr viel über den Autor. Zum Beispiel auch über seinen Tod. Osamu Dazai beging 1948 gemeinsam mit seiner Geliebten Selbstmord, indem sie sich in einem Fluss ertränkten. Er wurde nur 38 Jahre alt. Sein Leichnam wurde am 19. Juni gefunden, an seinem Geburtstag. Diese Tragik machte ihn zur Kultfigur in Japan. Das ist sein Hauptwerk und auch sein Vermächtnis. Er veröffentlichte es kurz vor seinem Tod. Das Buch ist als fiktionale Autobiografie eines Mannes namens Ōba Yōzō aufgebaut. Er wächst als sensibler, entfremdeter Mensch auf. Das Buch ist eine Art Notizbuch und in drei Teile aufgeteilt. Um sich auf irgendeine Art integrieren zu können, spielt er den Clown. So hat er das Gefühl wahrgenommen zu werden. Er lebt in ständiger Angst vor Ausgrenzung, entdeckt Alkohol, Frauen und Drogen stürzt letztlich in Selbstzerstörung ab. Der Autor seziert das menschliche Dasein auf eine brutale rohe Art. Die Erzählung ist beklemmend und man spürt Kälte, Einsamkeit und keine Spur von Liebe. Wenn man sich so wie ich viel mit dem Autor beschäftigt hat, hat man das Gefühl, es ist ein Teil seines Tagebuches. „Nicht länger ein Mensch“ ist ein Roman, den man aushalten können muss. Und wenn man das schafft, sieht man die eigene Zerbrechlichkeit klarer und begreift, dass Menschsein immer auch bedeutet, mit der eigenen Dunkelheit zu leben.

    31. Okt. 2025

  • hecara
    hecara

    106 Follower

    4,5

    Beeindruckendes Buch

    ✧ 𝐙𝐢𝐭𝐚𝐭𝐞: „Unter keinen Umständen durfte ich ihnen ein Dorn im Auge sein. Ich bin ein Nichts. Der Wind bin ich. Der Himmel.“ „Es gibt unzählige, eindeutige Beispiele menschlicher Abtrünnigkeit: Tagein, tagaus belügen sich die Leute gegenseitig, und ihnen scheint es nicht einmal etwas auszumachen.“ ✧ 𝐌𝐞𝐢𝐧 𝐋𝐞𝐬𝐞𝐞𝐢𝐧𝐝𝐫𝐮𝐜𝐤: Dass mir ein Buch gefällt, merke ich meist sofort auf den ersten Seiten. Schon beim Prolog und im ersten Kapitel wollte ich so viele Stellen markieren, ich hätte Seitenweise abschreiben können. Es ist dem Autor wirklich gut gelungen, die Psyche des Protagonisten darzustellen. Seine inneren Kämpfe, seine Bestrebung, es anderen recht zu machen und Konflikte zu vermeiden… das Böse, das er in allen Menschen ahnt - was ihn wiederum dazu bewegt, sich so angepasst wie möglich zu verhalten. Und all das ist für ihn eine Qual. Bereits als Kind lernt er, seine wahre Gefühlswelt hinter einer Maske zu verstecken und auch als Ewachsener ist er unfähig, über seine Traumata und Gefühle zu sprechen. Puh. Es waren nur wenige Seiten… wenige, aber doch gezielte Worte, die einen treffen und die Verzweiflung des Protagonisten spürbar machen. Man muss sehr viel zwischen den Zeilen lesen. Dieses Buch ist im Original 1948 in Japan erschienen (wobei die Handlung in den 1930-ern spielt), daher werden hier Themen, die damals nicht offen benannt werden konnten, nur angedeutet. Allerdings ist es ganz offensichtlich, worum es geht, und gerade das Unausgesprochene hat mich mit einer umso größeren Wucht getroffen. „Nicht länger ein Mensch“ hat mich sehr bewegt. Ich kann es euch ans Herz legen, wenn ihr bereit seid, euch mit schweren Themen und Traumata sowie deren langfristigen Auswirkungen auf die Psyche zu befassen. Es geht hier unter anderem um emotionale Vernachlässigung, Missbrauch, Depressionen, suizidale Gedanken… Und doch wird die Geschichte absolut fesselnd erzählt und wird mich noch eine ganze Weile beschäftigen.

    Beeindruckendes Buch

    2. Apr. 2026

3 von 20 Rezensionen

SocialReads

Seitenbasierte Kommentare

Seite 6042%
ebru21
ebru2117. Jan. 2026

Zunächst dachte ich, dass die Clownmaskerade und die skurrilen sozialen Gedankenprozesse daraus resultiert, dass der Ich-Erzählers psychopathische Züge hat und quasi emotionslos ist und unter Empathie-Mangel leidet. Mittlerweile kristallisiert sich heraus, dass der eigentliche Ursprung eine tiefe Angst vor jeglichen sozialen Situationen ist. Die Verstellung des Ichs könnte zu Beginn als böswilliger Mechanismus eines gewieften Manipulators interpretiert werden, stellt sich aber schnell als Überlebensmechanismus einer gequälten Seele heraus. Sehr interessant!

Autorin / Autor

Über Osamu Dazai

Der japanische Schriftsteller Ozamu Dazai (eigentlich Tsushima Shūji; 1909–1948) wuchs als zehntes von elf Kindern auf. Er studierte französische Literatur an der Universität Tokio. 1933 veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte unter dem Pseudonym Ozamu Dazai. Der Freitod des Schriftstellers Akutagawa Ryūnosuke (1927), den er sehr verehrte, prägte ihn wesentlich. Nach zahlreichen gescheiterten Selbstmordversuchen ertränkte Dazai sich im Juni 1948. Trotz seines kurzen Lebens hinterließ er ein umfangreiches Werk; indem er tief in die menschliche Psyche, Emotionen und existenzielle Konflikte eintaucht, durchaus auch mit Witz und Ironie, und gleichzeitig soziale Themen behandelt, ist dieses zeitlos und universell.

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