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Ein kleines Buch mit großen Forderungen
Ferdinand von Schirach widmet sich in „Jeder Mensch“ einer Idee, die ebenso einfach wie radikal ist: die Erweiterung der Europäischen Grundrechtecharta um sechs neue Grundrechte. Sein schmales Buch liest sich wie ein leidenschaftliches Plädoyer für eine humanere und gerechtere Zukunft Europas, in der Würde, digitale Selbstbestimmung und Umweltschutz nicht bloß politische Ziele, sondern einklagbare Rechte sind. Diese klare Vision ist die große Stärke des Textes. Schirach schafft es, abstrakte juristische und gesellschaftliche Herausforderungen verständlich und eindringlich zu formulieren. Er legt den Finger in die Wunden unserer Zeit: Machtmissbrauch digitaler Konzerne, ökologische Zerstörung, politische Ohnmacht des Einzelnen. Indem er konkrete neue Rechte formuliert, weist er Wege aus dem schwer zugänglichen und oft überbürokratisierten Gefüge des EU-Rechts. Seine Forderungen wirken wie eine Befreiung aus dem komplizierten Normendschungel und zeigen ein Vorschlag auf, der Mut macht. Doch gerade diese Einfachheit hat auch ihre Schattenseiten. Die von Schirach entworfenen Rechte sind von einer utopischen Reinheit, die notwendige politische Aushandlungsprozesse und Interessenskonflikte fast gänzlich ausblendet. Ein Recht auf „Wahrheit“ oder „Umwelt“ klingt überzeugend, aber wer definiert Wahrheit, wer garantiert Umweltschutz und wer trägt am Ende die Verantwortung? Der Glaube daran, dass ein paar neue Artikel in der Grundrechtecharta die strukturellen Probleme Europas lösen könnten, ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu optimistisch gedacht. (Ich lasse mich gerne eines Besseren überzeugen.) So bleibt „Jeder Mensch“ ein gerade deshalb wichtiges Buch: Es provoziert Diskussionen, fordert heraus und ruft zur Mitgestaltung auf. Schirach erinnert uns daran, dass Demokratie und Menschenrechte nie fertig sind. Utopisch? Sicherlich. Aber manchmal braucht es Utopien, um die Realität in Bewegung zu bringen. Dieses Buch ist ein pointierter Denkanstoß, der idealistisch, streitbar und absolut notwendig ist, um über die Zukunft unserer gemeinsamen europäischen Werte ins Gespräch zu kommen. Und gleichzeitig geht es mit dem dahinterstehenden Projekt (man sollte sich darauf einlassen, den QR-Code zu scannen) einen ersten Schritt in eine neue EU.
23. Okt. 2025
Ein kleines Buch mit großen Forderungen
Ferdinand von Schirach widmet sich in „Jeder Mensch“ einer Idee, die ebenso einfach wie radikal ist: die Erweiterung der Europäischen Grundrechtecharta um sechs neue Grundrechte. Sein schmales Buch liest sich wie ein leidenschaftliches Plädoyer für eine humanere und gerechtere Zukunft Europas, in der Würde, digitale Selbstbestimmung und Umweltschutz nicht bloß politische Ziele, sondern einklagbare Rechte sind. Diese klare Vision ist die große Stärke des Textes. Schirach schafft es, abstrakte juristische und gesellschaftliche Herausforderungen verständlich und eindringlich zu formulieren. Er legt den Finger in die Wunden unserer Zeit: Machtmissbrauch digitaler Konzerne, ökologische Zerstörung, politische Ohnmacht des Einzelnen. Indem er konkrete neue Rechte formuliert, weist er Wege aus dem schwer zugänglichen und oft überbürokratisierten Gefüge des EU-Rechts. Seine Forderungen wirken wie eine Befreiung aus dem komplizierten Normendschungel und zeigen ein Vorschlag auf, der Mut macht. Doch gerade diese Einfachheit hat auch ihre Schattenseiten. Die von Schirach entworfenen Rechte sind von einer utopischen Reinheit, die notwendige politische Aushandlungsprozesse und Interessenskonflikte fast gänzlich ausblendet. Ein Recht auf „Wahrheit“ oder „Umwelt“ klingt überzeugend, aber wer definiert Wahrheit, wer garantiert Umweltschutz und wer trägt am Ende die Verantwortung? Der Glaube daran, dass ein paar neue Artikel in der Grundrechtecharta die strukturellen Probleme Europas lösen könnten, ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu optimistisch gedacht. (Ich lasse mich gerne eines Besseren überzeugen.) So bleibt „Jeder Mensch“ ein gerade deshalb wichtiges Buch: Es provoziert Diskussionen, fordert heraus und ruft zur Mitgestaltung auf. Schirach erinnert uns daran, dass Demokratie und Menschenrechte nie fertig sind. Utopisch? Sicherlich. Aber manchmal braucht es Utopien, um die Realität in Bewegung zu bringen. Dieses Buch ist ein pointierter Denkanstoß, der idealistisch, streitbar und absolut notwendig ist, um über die Zukunft unserer gemeinsamen europäischen Werte ins Gespräch zu kommen. Und gleichzeitig geht es mit dem dahinterstehenden Projekt (man sollte sich darauf einlassen, den QR-Code zu scannen) einen ersten Schritt in eine neue EU.
23. Okt. 2025






