Eurotrash
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Beschreibung
»I’ll see you in twenty-five years.« Laura Palmer.
»Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Es war ganz schrecklich. Aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muss ich sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun nicht mehr einfällt, ›Faserland‹ genannt hatte. Es endet in Zürich, sozusagen auf dem Zürichsee, relativ traumatisch.«
Christian Krachts lange erwarteter neuer Roman beginnt mit einer Erinnerung: vor 25 Jahren irrte in »Faserland« ein namenloser Ich-Erzähler (war es Christian Kracht?) durch ein von allen Geistern verlassenes Deutschland, von Sylt bis über die Schweizer Grenze nach Zürich. In »Eurotrash« geht derselbe Erzähler erneut auf eine Reise – diesmal nicht nur ins Innere des eigenen Ichs, sondern in die Abgründe der eigenen Familie, deren Geschichte sich auf tragische, komische und bisweilen spektakuläre Weise immer wieder mit der Geschichte dieses Landes kreuzt. »Eurotrash« ist ein berührendes Meisterwerk von existentieller Wucht und sarkastischem Humor.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Christian Kracht, Schweizer, zählt zu den modernen deutschsprachigen Schriftstellern. Seine Romane »Faserland«, »1979«, »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«, »Imperium«, »Die Toten«, »Eurotrash« und »Air« sind in über 35 Sprachen übersetzt. Er lebt in Zürich.
Beiträge
Was war das? Selbstverliebter Protagonist versucht Licht in das Dunkel seiner Familiengeschichte zu bringen.
Grundsätzlich kann ich dem Plot einiges abgewinnen. Ein Sohn begibt sich mit seiner 80jährigen, alkoholkranken Mutter auf Reisen. Er versucht die Verstrickungen seines Großvaters mütterlicherseits in das NS-Regime in Gesprächen mit ihr zu thematisieren. Erfährt aber nicht viel Neues, weil sie sich mit Tabletten- und Alkoholkonsum entzieht. Unangenehm fand ich, wie Christian Kracht den Leser*innen seine Belesenheit um die Ohren haut. Auch wenn er sich selber nicht als intellektuell bezeichnet. Folgendes Zitat von S. 160 macht es vielleicht deutlich: Ich war vor einigen Tagen auf diese Filmveranstaltung in Zürich gegangen, weil ich so tun wollte, als interessiere mich so etwas, während ich in Wahrheit nur mit Bildung angeben wollte, so wie mein Vater mit seinem Vermögen. Ich hatte wirklich häufig das Gefühl, dass er mit Bildung angeben will. Mich hat es leider eher gelangweilt, obwohl ich die Dialoge mit seiner Mutter auch stellenweise witzig fand.
Literarisches Roadmovie in die Vergangenheit
In Eurotrash schickt Christian Kracht eine Version von sich selbst gemeinsam mit seiner dementen und alkoholkranken Mutter auf eine Reise durch die Schweiz und damit auch in seine eigene Biografie. Wie so häufig bei Kracht verschwimmen unterwegs Wahrheit und Fiktion mit Fragmenten der Gegenwart und der Erinnerung. Der Ton ist sarkastisch, manchmal melancholisch, und die vielen plastischen Beschreibungen fangen die Absurdität vieler Situationen perfekt ein. Als eigenständiges Werk hat mir das Buch gut gefallen. An die seltsame Faszination von Faserland kann es für mich aber nicht wirklich anknüpfen. Auch wenn der namenlose Erzähler nun Christian Kracht heißt und die Barbourjacke zugunsten eines Wollpullis abgelegt hat, funktioniert Eurotrash als Fortsetzung von Faserland für mich nur bedingt.
Ambivalente Vergangenheitsbewältigung
Christian Kracht ist Schweizer mit deutschen Wurzeln. Er sieht sich selbst als Kosmopolit. Nach eigener Aussage begreift er seine Romane eher „humoristisch“, löst mit seinem Werk und Leben allerdings häufig heftige Kontroversen aus. Ein Mensch und Autor, der nicht einzuordnen ist, und der in Eurotrash offensichtlich immer noch nach seinem eigenen Platz und Stellenwert in einem Leben sucht, dessen materielle Rahmenbedingungen andere bei einem flüchtigen Blick neidvoll als beste Vorraussetzungen für unbeschwertes Glück ansehen würden. Eigentlich besteht Eurotrash aus zwei stilistisch sehr unterschiedlichen Teilen. Einem ersten Teil, in dem der Autor sinnierend in einem Hotelzimmer in Zürich liegt und kurz vor dem Treffen mit seiner Mutter die familiäre Vergangenheit autobiographisch Revue passieren lässt. In diesen Passagen, die ohne Zweifel ein ungeschöntes Stück Vergangenheitsbewältigung sind, hat Christian Kracht seine literarischen Höhepunkte. Bewegende Gedanken, tiefe Einblicke, gut ausformulierte, emotionale Textpassagen, flüssiger Erzählstil mit nur sparsam eingestreuten Dialogen. Und zu verarbeiten gibt es mehr als genug. Ihm selbst blieb es immer unklar, wie er sich aus der „Misere und den Geisteskrankenheiten“ dieser „zutiefst gestörten Familie“ heraus halbwegs normal entwickeln konnte. Diese Entwicklung scheint nicht abgeschlossen, denn die Vergangenheit ist für ihn auch heute noch „realer und präsenter als das Jetzt“. Er gibt Einblicke in die Nazi-Vergangenheit der Familie, unter anderem am Beispiel des Großvaters mütterlicherseits, der es bis in die Reichspropaganda-Leitung in Berlin geschafft hatte und nach der Entnazifizierung wie so viele sowohl an seinen materiellen Gütern wie an seinem mentalen Gedankengut unbeirrt festhielt. Oder der Patenonkel, der viele Jahre versteckt hinter einem unbezahlbaren Gobelin eine sadomasochistische Folterkammer betrieb. In die Historie eingewoben ist immer auch der polarisierende und provozierende Kracht, der mit diesem Buch keine Bewerbung für den diplomatischen Dienst abgibt: „Zürich, diese Stadt der Angeber und der Aufschneider und der Erniedrigung“. Oder Deutschland, „wo das Blut der ermordeten Juden immer noch in den Gassen klebte und die Menschen kein bisschen schüchtern waren“. Er beschreibt den Aufstieg seines Vaters vom Volontär bei Axel Springer zum Generalbevollmächtigten des Verlagsmagnaten, wodurch dieser es schliesslich selbst zu einem millionenschweren Vermögen bringt. Gerade in diesem Zusammenhang strauchelt der Leser. Da beschreibt Kracht einerseits die familiäre Anhäufung von immensen Reichtümern mit illustren Immobilien in Gstaad („das einmal Aga Khan gehört hatte“), in Cap Ferrat, in London, auf Sylt, am Genfer See, die Sammlung deutscher Expressionisten und alle anderen Insignien des väterlichen Erfolgs. Imposant zu lesen und fast so beeindruckend wie die Exklusiv-Veröffentlichung der Illustrierten Bunte über die Reichen und Schönen dieser Welt. Jedoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kracht kokettiert. Oder lamentiert er wirklich glaubhaft, wenn er von „totem Geld“ spricht, durchdrungen von Angeberei und Übertreibung seines feudalistischen Vaters, zu dem er nie eine emotionale Bindung aufbauen konnte. Wieviel von allem war lange Zeit Grundlage seines sehr freien Lebensstils und wieviel ist wirklich Last? Im wesentlich längeren zweiten Teil reist Kracht mit seiner alkohol- und medikamentenabhängigen Mutter kreuz und quer durch die Schweiz. Hier wechselt Kracht zu einem völlig anderen Stil mit einem dominierenden Anteil an Dialogen zwischen Mutter und Sohn und nur kurzen Erinnerungspassagen. Offensichtlich ist auch das Verhältnis zu seiner Mutter, die einen Großteil der Zeit in psychiatrischen Kliniken verbringt, mehr als kompliziert. „Ein ständiges Verlieren, ein ständiges Kapitulieren.“ Die offensichtliche Dominanz der Mutter lässt den Road-Trip zu einem Ödipus-Komplex auf vier Rädern werden. Bis zum Ende des Buches ohne erkennbare Chance auf mentale Abnabelung und emotionale Ablösung. Zum Schluß sei noch etwas Wichtiges ergänzt, worüber der Autor seine Leser im Unklaren lässt, beziehungsweise das er vielleicht auch bewusst nicht definiert. Eurotrash ist in aussereuropäischen Ländern eine Bezeichnung für dort lebende, gehobene und wohlhabende Europäer. Eine weiter gefasste Definition impliziert verarmte oder „trashige“ Europäer oder sehr abwertend „weißen Müll“.
Quasi ein Best-Of der bisherigen Krachts. Er imitiert den Sound seiner Werke, immer wieder tauchen Artefakte auf. Spielt in Zürich und der Schweiz, schöner Lokalkolorit. Wieder ein Roadtrip wie in Faserland. Diesmal in Begleitung der durchgeknallten Mutter. Auf eigene Art wieder sehr zeitgenössisch. Der Protagonist stört sich an den «richtigen» Dingen, zu viel Geld zum Beispiel. Kracht wickelt damit seine Kritiker um die Finger, gibt vor, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Aber er denkt immer um vier Ecken, einfach zu schlau. Ein Roman, der mit der Zeit noch gewinnen wird.
Besser als gedacht!
Melancholische Geschichte über dysfunktionale Familienstrukturen und Erinnerungen aus der Vergangenheit. Der Autor schreibt sich in das eigene literarische Szenario ein wodurch eine Ambivalenz entsteht zwischen Selbstinszenierung und Fiktion. Für mich, inhaltlich nicht unbedingt die Fortsetzung von Faserland aber in sich eine emotionale, schräge und unterhaltsame Geschichte.
Vielfach besprochen und mit klugen Worten analysiert wurde der neue Roman von Christian Kracht bereits seit er im März dieses Jahres erschien. Ich habe mich, zugegebenermaßen leicht ehrfürchtig, nun daran getraut, nicht ohne mir vorher noch "Faserland" einverleibt zu haben. Beim Lesen von "Eurotrash" hat sich dies ausgezahlt, da auf den Debütroman des Autors aus 1995 mehrfach verwiesen wird. So outet sich der Ich-Erzähler von Eurotrash bereits auf der ersten Seite als Autor des Romans "Faserland", über den er später meint, er habe sich selbst und dem Leser vorgaukeln wollen, er käme aus gutem Hause und sei wohlstandsverwahrlost und hätte etwas von einem "autistischen Snob" (S. 64). Der Autor Christian Kracht, der "Faserland" geschrieben hat, wird hier sozusagen wiederum fiktionalisiert. Das Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit durchzieht das Buch als immer wiederkehrendes Muster und ließ mich teilweise verwirrt innehalten und trug dabei maßgeblich zum Lesespaß bei. Ebenso die teils spitzen, komischen, aber auch sanftmütigen Dialoge mit der 80-jährigen Mutter des Protagonisten. Mit dieser begibt er sich auf einen Roadtrip durch die Schweiz, welcher äußerlich mit skurrilen Slapstick-Szenen aufwartet, inhaltlich aber die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte und Kindheitstraumata thematisiert sowie die Annäherung an gemeinsame Erinnerungen und den Versuch, Verständnis für die eigene Mutter und ihre Lebenserfahrungen und -realitäten aufzubringen. Die Mutter empfand ich als beeindruckend starken Charakter, zwar tabletten- und alkoholabhängig und immer an der Grenze zum Wahn und zur Senilität, aber mit - in lichten Momenten - rasiermesserscharfem Verstand ungemütliche Wahrheiten aussprechend und für sich selbst und ihren Sohn einstehend. Dabei wirft sie immer einen kritischen Blick auf den fiktiven Christian Kracht und holt ihn mit sarkastischen Anspielungen auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein gut gelungener Kniff, sich selbstironisch zu beleuchten, den Leser immer im Ungewissen lassend, was nun überhaupt ernst gemeint ist. Schön fand ich auch die sanften Momente, in denen sich das Mutter-Sohn-Verhältnis umkehrt - wenn der Protagonist ihr beispielsweise den vollen Behälter ihres künstlichen Darmausgangs leeren muss oder wenn die Mutter ihn bittet, ihr etwas zu erzählen - das würde sie so beruhigen. Dadurch geht es im Buch vielleicht schlussendlich auch einfach nur darum: Um das Erzählen selbst. Ob sich die "Katharsis" zwischen Mutter und Sohn einstellt, kann man am Ende diskutieren. Ich fand "Eurotrash" intelligent geschrieben, durchzogen mit Anspielungen, denen man nachgehen kann oder auch nicht, emotional, komisch, mit Metaebenen spielend und doch nicht überfordernd. Dennoch hatte ich am Ende das leichte Gefühl, etwas verpasst zu haben. Vielleicht ist es das, was Daniel Kehlmann damit meint, wenn er sagt "[...] und sie verbergen allesamt ein Geheimnis, dem man nie ganz auf den Grund kommt."
Ich hatte bislang keinen Reiz verspürt, mich mit sogenannter aktueller Popliteratur oder Poetry-Slams zu beschäftigen. Insofern war dies mein erstes gelesenes Buch von Christian Kracht. Ich hatte mich auch vorher nicht informiert über Autor und Werke. Da ich seine Geschichte über den Schweizer Taxi-Roadtrip mit seiner dementen Mutter doch reichlich skurril fand, informierte ich mich während des Lesens dann doch über ihn. Ich mag es eigentlich, wenn man ein Buch ohne Sekundärliteratur verstehen kann, daher störte es mich bereits zu diesem Zeitpunkt, dass ich wohl ohne Wissen über Krachts wahre Vita, gar nicht beurteilen konnte, ob dies nun autobiographisch oder autofiktionell war. Bin ich daher überhaupt in der Lage, das Buch halbwegs sachgerecht beurteilen zu können? Kann man Eurotrash auch ohne Faserland verstehen? Ich hatte schon so etwas befürchtet bei dem Personenkult, der um Kracht, Stuckrad-Barre & Co. entstanden ist. Nun, ich hatte eine ganz andere Art von Buch erwartet. Ich dachte, es geht um einen Zustandsbericht einer Gesellschaft in der jetzigen Zeit mit Elementen, die für uns heutzutage typisch geworden sind: Europakrise, Corona, Selbstinszenierungswahn oder Kulturkampf. Was auch immer. Stattdessen steht die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit oder andere Traumata der Familie Kracht im Vordergrund. Und dies war mir zu oberflächlich oder besser gesagt zu viele unterschiedliche Krisen für so ein kleines Buch. Das zum Beispiel Mutter und Sohn beide im Alter von jeweils 11 Jahren vergewaltigt wurden, hätte für ein Buch als Thema ausgereicht. Stattdessen zieht die Karawane, typisch für einen Roadtrip, stetig weiter. Dabei sind sowohl Wegführung als auch auftretende Personen sehr ungewöhnlich. Der Spaß, den Andere beim Lesen dabei empfunden haben, trat bei mir nur sehr selten auf. Einzig Krachts Mutter mit ihrem dynamischen Selbstbewusstsein war die treibende Kraft, die mich zum Weiterlesen trieb. Ich schwankte zwischen Bewunderung und Bedauern für die alte Dame. Allerdings kann das Spotten über die Unzulänglichkeiten des Alters auch schnell nerven, wenn es die alleinige Humorschiene ist. Dann fühl ich mich mit Schrecken an Bücher über aus Fenster steigende Ü100-Senioren erinnert. Interessanterweise lese ich gerade parallel Thomas Glavinics autofiktionelles Buch aus dem Jahr 2007 „Das bin doch ich“, in dem er die Figur seines eigenen Ichs sich beklagen lässt, dass er stets mit Daniel Kehlmann verwechselt wird. Genau derselben Pointe bedient sich Kracht in Eurotrash nur mit Unterschied, dass ich Glavinics Buch deutlich humorvoller empfinde. Ich habe letztlich das Gefühl, dass ich erst andere Bücher von Kracht lesen müsste, um die Anspielungen in Eurotrash verstehen zu können. Als eigenständiges Werk betrachtet, fand ich es allenfalls okay, mehr aber auch nicht. Trotz des etwas unbefriedigenden Leseerlebnisses werde ich Christian Kracht weiter auf meiner Leseliste belassen. Wenn man einen zeitgenössischen Roman mit starkem Gegenwartsbezug lesen möchte, dann würde ich eher Leif Randts Allegro Pastell empfehlen, welches mir tatsächlich besser gefiel. Womöglich habe ich Kracht einfach nur in die falsche Schublade gesteckt. Die allgemeine Begeisterung über Autor und Werk konnte ich mit Eurotrash leider nicht nachvollziehen.
»Das ist mein blind- und leer- und totgeweintes Jahrhundert.« Dieser Roman tat es mir schwer._ Zugegeben, das muss ich direkt relativieren: Es gibt durchaus unterhaltsame, scharfsinnige und gekonnt provozierende Momente, und auch solche, in denen die Geschichte eine scharfsichtige Prägnanz entwickelt. Doch mein verflixtes Bauchgefühl sagt: Aber. Aber was? Aber nein. Aha. Nein also. Aber nein warum?__ __ Fangen wir mal bei der Familie des Autors/Protagonisten an.__ __ Jetzt könnte ich wieder Tolstoi bemühen. „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Denn diese Familie ist kaputt, marode, unter dem schönen Schein verrottet – und dabei doch hervorragend vernetzte Oberschicht. Das hat viel Potenzial für prägnante Gesellschaftskritik oder auch nur für eine prägnante Abrechnung mit der eigenen Kindheit! Stattdessen fühlte ich mich erst von der schieren Anzahl der Themen erschlagen, dann ernüchtert.__ __ »Weißt Du, was das ist? Ein Armutszeugnis ist das.«__ __ Da kommt alles zusammen: überzeugter Nationalsozialismus, sexueller Missbrauch, Alkoholismus und Medikamentensucht, Sadomasochismus, Wohlstandsverdruss und übersättigtes Ennui – da wird Geld in absurden Summen wahllos verschenkt, einfach so, ohne echten Grund und ohne echte Wohltätigkeit. Nur weil es mal etwas anderes ist, wenigstens kurzfristig vom eigenen Stumpfsinn ablenkt. Die lächerliche Dekadenz wird dabei nur nebenher und nur vage anerkannt, zu sehr ekelt man sich anscheinend vor der eigenen Lebensmüdigkeit.__ __ Dazu kommt ein gewisses Namedropping – hier und dort hat der Protagonist/Autor oder ein Mitglied seiner Familie diesen oder jenen Prominenten der Bildungselite getroffen, sich ganz selbstverständlich in dessen Kreisen bewegt. Und? Warum ist das bedeutsam, was soll es mir sagen? Was immer der Autor damit beabsichtigt, in mir erweckte es dein Eindruck einer zermürbend selbstbezüglichen Banalität.___ __ Der Kern der Geschichte ist die gestörte Mutter-Sohn-Beziehung, die gleichzeitig als Liebeserklärung und Abrechnung erzählt wird. Da kommen zwei Menschen zusammen, die anscheinend schon lange verlernt haben, liebevoll miteinander umzugehen, und daher eher widerwillig versuchen, wieder zueinander zu finden. Die Dialoge in diesem Themenkomplex sind großartig geschrieben, bringen die Dinge in einer ganz eigenen Sprachmelodie auf den Punkt – dennoch sagen gerade die Leerstellen und die Momente des Schweigens mehr aus als jede Beschreibung.__ __ Dieses Element des Romans wirkt auf mich zwar erschütternd authentisch, für mein Empfinden wird es indes unter Belanglosigkeiten geradezu verschüttet.__ __ “Solche Sachen solltest Du mal schreiben, wie Marcel Beyer. Das ist ein guter Schriftsteller. Nicht so einen belanglosen Unsinn, wie Du ihn schreibst, den ohnehin keiner lesen will.”__ DIE MUTTER ÜBER DIE LITERATUR IHRES SOHNES__ __ Fazit: Nicht ganz überzeugt.__ __ Christian Kracht, Autor und Hauptfigur dieses autofiktionalen Romans, setzt sich desillusioniert und schonungslos mit seiner Familiengeschichte auseinander, während er mit seiner sterbenskranken Mutter, die scheinbar von Pillen und Wodka lebt, auf eine wahllose Reise geht. Vielleicht nach Afrika, vielleicht aber auch nur mit dem Taxi durch die Schweiz. Jedenfalls lässt es genug Zeit und Raum, angestaubte Scheuklappen endlich abzunehmen und Tacheles zu reden. Die Dialoge zwischen Mutter und Sohn sind für mich das Highlight des Buches.__ __ Interessant fand ich das Spiel mit Dichtung und biografischer Wahrheit: Inwiefern Autor und Protagonist deckungsgleich sind, ob die Erzählfiguren ihren realen Vorbildern entsprechen, das kann man als Leser:in nur erahnen. Aber davon abgesehen konnte der Roman mich im Endeffekt nicht vollends überzeugen, blieb mir in vielem zu wahllos, beliebig und unbestimmt. Denn zu viel der Handlung dreht sich im Umfeld der Familie im Kreis: Man ist reich, man ist gebildet, man ist gelangweilt. Da können nicht mal Nazivergangenheit und Sadomasochismus die Geschichte aus dem Trott reißen.__ __ Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-christian-kracht-eurotrash/
Nach Faserland eine tiefere Charakterstudie der Eltern des Protagonisten.
Der Fokus liegt hauptsächlich in der Fragenbrantwortung, wie der Protagonist aus Faserland so geworden ist und wie seine Emtwicklung nach dem offenen Ende in etwa ausgesehen hat. Klare Empfehlung für Interessierte des Werks Faserland.
Quite amusing. Quite irrelevant. Quite quite . An odd meta road trip with Christian Kracht’s autofictional meta self and his alcoholic mother that goes round and round in meta circles, with many many meta layers. Instead of a cathartic climax, there are only small gestures between them and they are quite lovely but don't resolve anything. I liked that. It's a conversation, a muted confrontation with his mother, their family history, and barely with himself. It’s the dialogue and the relationship between the two of them that carry the book and don't get really to a point, other than where they started. I liked that too. The character of the mother is really convincing, and you’re never sure if she is really insane or sane, and probably Kracht doesn’t even knows that. I know, he loves to play with the reader, but I never like to engage in that play too much. It’s great that you have so many references and that you are referencing these references and getting meta about referencing the references of the references about your first novel and your biographical self (he does those references to brag, says he… I believe him) but in the end, what’s left? Not so much. The main problem is his voice. He’s a lot quieter and not so forced provocative, but it doesn’t feel genuine. The endless name-dropping as in «American Psycho» and the indifference of the protagonist as in «Less than Zero», the meta-autofictional self as in «Lunar Park» or «The Shards». Got it, you love Bret Easton Ellis, but how about being Christian Kracht?! I can see his interest in history, politics, traveling, relationships, weird esoteric/spirituality, so why this boring superficiality and jerking off to aesthetics. It’s not even a strong stilistic element as in the books mentioned above… That said, I enjoyed the book and also liked how he played with the nature of fiction towards the end. I just know that I won‘t remember much of it in 2 months. There is one German expression that sums up Kracht’s work (and supposedly family perfectly): „Mehr Schein als Sein“ (More appearance than substance/reality).
Bei diesem Buch gehöre ich wohl zur Fraktion "Unpopular Opinion". Woher all diese 5 Stern-Bewertungen kommen, kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Wenn ich ehrlich bin, stände ein anderer Name auf dem Umschlag, hätte ich dem Buch bloss zwei Sterne gegeben. Aber Christian Kracht ist Christian Kracht und hat bei mir einen Stein im Brett, deshalb drei Sterne. Trotz allem. Aber Kracht hat definitiv bessere Bücher geschrieben. Nur schon "1979" ist ein ganzes Stück tiefer, bewegender. "Eurotrash" dagegen wirkt irgendwie erzwungen, den heutigen Erwartungen angepasst, im Gegensatz zu seinen anderen Werken fast schon fahl. Auch wurde mir Krachts Aussage nicht ganz klar. Es ist eine zynische Reise, ein Abgesang auf die grossen Kapitalisten. Doch irgendwie kam das bei mir nicht richtig an. Die Mutter-Sohn-Beziehung hätte Potential in sich geborgen, das aber nicht ganz ausgearbeitet wird. Es gibt ein paar gute Momente, aber dann fallen die Figuren wieder in ihr altes, nervtötendes Verhalten zurück. Und natürlich geht es nicht ohne Nazis. Vielleicht bin ich einfach nicht intellektuell genug und habe deshalb die Kernaussage bezüglich der Kritik an den Schönen und Reichen in der Schweiz nicht korrekt aufgenommen, oder mir fehlen Bezugspunkte in Krachts eigener Biographie, die ich mit dem Text hätte in Verbindung bringen sollen... Dennoch bleibt nach der Lektüre ein unangenehmer Nachgeschmack zurück. Und natürlich auch ein wenig die Enttäuschung. Auch ab mir selbst, da ich diesen Roman nicht so zu schätzen weiss, wie er angeblich geschätzt werden sollte.
Ich hatte bislang keinen Reiz verspürt, mich mit sogenannter aktueller Popliteratur oder Poetry-Slams zu beschäftigen. Insofern war dies mein erstes gelesenes Buch von Christian Kracht. Ich hatte mich auch vorher nicht informiert über Autor und Werke. Da ich seine Geschichte über den Schweizer Taxi-Roadtrip mit seiner dementen Mutter doch reichlich skurril fand, informierte ich mich während des Lesens dann doch über ihn. Ich mag es eigentlich, wenn man ein Buch ohne Sekundärliteratur verstehen kann, daher störte es mich bereits zu diesem Zeitpunkt, dass ich wohl ohne Wissen über Krachts wahre Vita, gar nicht beurteilen konnte, ob dies nun autobiographisch oder autofiktionell war. Bin ich daher überhaupt in der Lage, das Buch halbwegs sachgerecht beurteilen zu können? Kann man Eurotrash auch ohne Faserland verstehen? Ich hatte schon so etwas befürchtet bei dem Personenkult, der um Kracht, Stuckrad-Barre & Co. entstanden ist. Nun, ich hatte eine ganz andere Art von Buch erwartet. Ich dachte, es geht um einen Zustandsbericht einer Gesellschaft in der jetzigen Zeit mit Elementen, die für uns heutzutage typisch geworden sind: Europakrise, Corona, Selbstinszenierungswahn oder Kulturkampf. Was auch immer. Stattdessen steht die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit oder andere Traumata der Familie Kracht im Vordergrund. Und dies war mir zu oberflächlich oder besser gesagt zu viele unterschiedliche Krisen für so ein kleines Buch. Das zum Beispiel Mutter und Sohn beide im Alter von jeweils 11 Jahren vergewaltigt wurden, hätte für ein Buch als Thema ausgereicht. Stattdessen zieht die Karawane, typisch für einen Roadtrip, stetig weiter. Dabei sind sowohl Wegführung als auch auftretende Personen sehr ungewöhnlich. Der Spaß, den Andere beim Lesen dabei empfunden haben, trat bei mir nur sehr selten auf. Einzig Krachts Mutter mit ihrem dynamischen Selbstbewusstsein war die treibende Kraft, die mich zum Weiterlesen trieb. Ich schwankte zwischen Bewunderung und Bedauern für die alte Dame. Allerdings kann das Spotten über die Unzulänglichkeiten des Alters auch schnell nerven, wenn es die alleinige Humorschiene ist. Dann fühl ich mich mit Schrecken an Bücher über aus Fenster steigende Ü100-Senioren erinnert. Interessanterweise lese ich gerade parallel Thomas Glavinics autofiktionelles Buch aus dem Jahr 2007 „Das bin doch ich“, in dem er die Figur seines eigenen Ichs sich beklagen lässt, dass er stets mit Daniel Kehlmann verwechselt wird. Genau derselben Pointe bedient sich Kracht in Eurotrash nur mit Unterschied, dass ich Glavinics Buch deutlich humorvoller empfinde. Ich habe letztlich das Gefühl, dass ich erst andere Bücher von Kracht lesen müsste, um die Anspielungen in Eurotrash verstehen zu können. Als eigenständiges Werk betrachtet, fand ich es allenfalls okay, mehr aber auch nicht. Trotz des etwas unbefriedigenden Leseerlebnisses werde ich Christian Kracht weiter auf meiner Leseliste belassen. Wenn man einen zeitgenössischen Roman mit starkem Gegenwartsbezug lesen möchte, dann würde ich eher Leif Randts Allegro Pastell empfehlen, welches mir tatsächlich besser gefiel. Womöglich habe ich Kracht einfach nur in die falsche Schublade gesteckt. Die allgemeine Begeisterung über Autor und Werk konnte ich mit Eurotrash leider nicht nachvollziehen.
Rezenzion nach dem 2. Read: Eurotrash ist das Nichts und die Leere - eine Scheinrebellion, eine Illusion von Autonomie und Widerstand, ein symbolischer Ausbruch aus dem System. Eurotrash ist Identitätsverweigerung – man schwimmt im Becken der Geschichtsfetischierung, die unabhängig von menschlichem Handeln und Intentionen zu existieren scheint. Christian, der Icherzähler nimmt sich als Subjekt aus der Rechnung raus. Er ist Opfer der Geschichte, Opfer des Systems, der Normen und Werte. Man arrangierte sich mit dem feudalistischen Vater, gab ja Geld. Man reist Jahrzehnte durch die Welt und lebt ständig in der Vergangenheit. Man fügt sich dem System, das man verachtet, einen einengt und spielt in der Show der Masken, Angebereien und Unaufrichtigkeit mit - völlige Passivität. Er geht nur auf ein Borges-Festival um mit seiner Bildung anzugeben. Er fließt als Erzähler aus der Geschichte, ist überall und Niemand. Will dennoch den Kreis durchbrechen. Wünscht einen Bruch. Erkennt, man steckt fest. Also los! Die Mama, Rollator, Flasche Wodka und die Pillen geschnappt, rein ins Taxi und ab geht die wilde Fahrt durch die Schweiz. Munter, fröhlich, grotesk ziehen sie ihre Schleifen. Entsorgt den Müll Geld. Geschichten werden erzählt. Man bedient sich sämtlicher literarischer Referenzen, alles begegnet einem wieder. Die Literatur und Kultur als Flucht vor der Realität, das ewig Gleiche. Authentisch ist nur der künstliche Darmausgang. Der Roadtrip wird zur leeren Geste. Man stellt sich nicht sich selbst. Keine Konfrontation mit der Realität. Die Angst vor dem Schmerz des selbstbestimmten Handelns und der Begegnung mit dem Unaussprechlichen ist zu groß. Vielleicht ist das Problem auch schlicht weg, wie Christian selbst bemerkt, dass er nie Hegel gelesen hat. Da wir in dem Buch aber so viele doppelte Böden haben, gehe ich davon aus, dass er doch irgendwann in den Hegel gefallen ist und mit diesem Buch den Stinkefinger in Richtung dynamischen Prozess erhebt. Und so endet das Buch mit der Entscheidung in einem Zustand des imaginären Scheins zu bleiben. Der Durchbruch des Kreises war nie ernsthafte Intention. Was bleibt ist das Nichts, das bereits Haldor Laxness in [b:Am Gletscher|2988602|Am Gletscher|Halldór Laxness|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1481276668l/2988602._SY75_.jpg|3019063] beschreibt. Dieses Nichts hätten Christian und seine Mutter in der Schlüsselszene am Gletscher, auf der Suche nach dem Edelweiß füllen können. Katharsis. Nun bleibt es jedem überlassen wie er den Roman Haldor Laxness interpretiert und wie Christian Kracht diesen gelesen hat. Er entscheidet sich jedenfalls dagegen zu erzählen was zählt, was für ihn Wahrheit bedeutet.Er entscheidet sich dagegen in der Isolation eine einzigartige Dynamik mit eigenen Regeln zu schaffen. Er entscheidet sich gegen Öffnung, gegen Vielseitigkeit und Wandelbarkeit aus sich selbst heraus. Entscheidung gegen Liebe zur Freiheit, Unabhängigkeit und den Möglichkeiten die das Leben bietet. Er entscheidet sich gegen Verantwortung. Maske sitzt und weggeduckt. 2 Sterne, weil ich die Leere durchaus unterhaltsam fand. _____________________________________________________________ Rezension des ersten Reads: 4 Sterne Da hat mir Faserland doch einen Tacken besser gefallen. Diesen triefenden Sarkasmus Faserlands konnte ich in Eurotrash zwar wiederfinden, aber nicht in dieser göttlichen Konsequenz. Oh es war deprimierend schön und für mich völlig ok, dass der Roadtrip nur im Kreisverkehr, des Versuches der Aufarbeitung statt fand, das ewige Schweigen, schweigsam blieb. Familientraumata, das Leben im Schein und Sein- wie soll man da "Normal bleiben"? Gar nicht.... Deshalb nehmen wir diesen Surrealen Trip auf uns und landen immer wieder bei Borges. Was ist Wahr, was ist Fiktion, welche Geschichte dient einer weiteren Metaebene? Ja Christian, Du kannst so schön Geschichten erzählen- mich hat's dann gegen Ende ein bisschen eingelullt, als wäre Herr Kracht zu sehr von sich selbst gelangweilt oder von sich als fiktiver Person, die sich selbst in einen Roman geschrieben hat.
Beschreibung
»I’ll see you in twenty-five years.« Laura Palmer.
»Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Es war ganz schrecklich. Aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muss ich sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun nicht mehr einfällt, ›Faserland‹ genannt hatte. Es endet in Zürich, sozusagen auf dem Zürichsee, relativ traumatisch.«
Christian Krachts lange erwarteter neuer Roman beginnt mit einer Erinnerung: vor 25 Jahren irrte in »Faserland« ein namenloser Ich-Erzähler (war es Christian Kracht?) durch ein von allen Geistern verlassenes Deutschland, von Sylt bis über die Schweizer Grenze nach Zürich. In »Eurotrash« geht derselbe Erzähler erneut auf eine Reise – diesmal nicht nur ins Innere des eigenen Ichs, sondern in die Abgründe der eigenen Familie, deren Geschichte sich auf tragische, komische und bisweilen spektakuläre Weise immer wieder mit der Geschichte dieses Landes kreuzt. »Eurotrash« ist ein berührendes Meisterwerk von existentieller Wucht und sarkastischem Humor.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Christian Kracht, Schweizer, zählt zu den modernen deutschsprachigen Schriftstellern. Seine Romane »Faserland«, »1979«, »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«, »Imperium«, »Die Toten«, »Eurotrash« und »Air« sind in über 35 Sprachen übersetzt. Er lebt in Zürich.
Beiträge
Was war das? Selbstverliebter Protagonist versucht Licht in das Dunkel seiner Familiengeschichte zu bringen.
Grundsätzlich kann ich dem Plot einiges abgewinnen. Ein Sohn begibt sich mit seiner 80jährigen, alkoholkranken Mutter auf Reisen. Er versucht die Verstrickungen seines Großvaters mütterlicherseits in das NS-Regime in Gesprächen mit ihr zu thematisieren. Erfährt aber nicht viel Neues, weil sie sich mit Tabletten- und Alkoholkonsum entzieht. Unangenehm fand ich, wie Christian Kracht den Leser*innen seine Belesenheit um die Ohren haut. Auch wenn er sich selber nicht als intellektuell bezeichnet. Folgendes Zitat von S. 160 macht es vielleicht deutlich: Ich war vor einigen Tagen auf diese Filmveranstaltung in Zürich gegangen, weil ich so tun wollte, als interessiere mich so etwas, während ich in Wahrheit nur mit Bildung angeben wollte, so wie mein Vater mit seinem Vermögen. Ich hatte wirklich häufig das Gefühl, dass er mit Bildung angeben will. Mich hat es leider eher gelangweilt, obwohl ich die Dialoge mit seiner Mutter auch stellenweise witzig fand.
Literarisches Roadmovie in die Vergangenheit
In Eurotrash schickt Christian Kracht eine Version von sich selbst gemeinsam mit seiner dementen und alkoholkranken Mutter auf eine Reise durch die Schweiz und damit auch in seine eigene Biografie. Wie so häufig bei Kracht verschwimmen unterwegs Wahrheit und Fiktion mit Fragmenten der Gegenwart und der Erinnerung. Der Ton ist sarkastisch, manchmal melancholisch, und die vielen plastischen Beschreibungen fangen die Absurdität vieler Situationen perfekt ein. Als eigenständiges Werk hat mir das Buch gut gefallen. An die seltsame Faszination von Faserland kann es für mich aber nicht wirklich anknüpfen. Auch wenn der namenlose Erzähler nun Christian Kracht heißt und die Barbourjacke zugunsten eines Wollpullis abgelegt hat, funktioniert Eurotrash als Fortsetzung von Faserland für mich nur bedingt.
Ambivalente Vergangenheitsbewältigung
Christian Kracht ist Schweizer mit deutschen Wurzeln. Er sieht sich selbst als Kosmopolit. Nach eigener Aussage begreift er seine Romane eher „humoristisch“, löst mit seinem Werk und Leben allerdings häufig heftige Kontroversen aus. Ein Mensch und Autor, der nicht einzuordnen ist, und der in Eurotrash offensichtlich immer noch nach seinem eigenen Platz und Stellenwert in einem Leben sucht, dessen materielle Rahmenbedingungen andere bei einem flüchtigen Blick neidvoll als beste Vorraussetzungen für unbeschwertes Glück ansehen würden. Eigentlich besteht Eurotrash aus zwei stilistisch sehr unterschiedlichen Teilen. Einem ersten Teil, in dem der Autor sinnierend in einem Hotelzimmer in Zürich liegt und kurz vor dem Treffen mit seiner Mutter die familiäre Vergangenheit autobiographisch Revue passieren lässt. In diesen Passagen, die ohne Zweifel ein ungeschöntes Stück Vergangenheitsbewältigung sind, hat Christian Kracht seine literarischen Höhepunkte. Bewegende Gedanken, tiefe Einblicke, gut ausformulierte, emotionale Textpassagen, flüssiger Erzählstil mit nur sparsam eingestreuten Dialogen. Und zu verarbeiten gibt es mehr als genug. Ihm selbst blieb es immer unklar, wie er sich aus der „Misere und den Geisteskrankenheiten“ dieser „zutiefst gestörten Familie“ heraus halbwegs normal entwickeln konnte. Diese Entwicklung scheint nicht abgeschlossen, denn die Vergangenheit ist für ihn auch heute noch „realer und präsenter als das Jetzt“. Er gibt Einblicke in die Nazi-Vergangenheit der Familie, unter anderem am Beispiel des Großvaters mütterlicherseits, der es bis in die Reichspropaganda-Leitung in Berlin geschafft hatte und nach der Entnazifizierung wie so viele sowohl an seinen materiellen Gütern wie an seinem mentalen Gedankengut unbeirrt festhielt. Oder der Patenonkel, der viele Jahre versteckt hinter einem unbezahlbaren Gobelin eine sadomasochistische Folterkammer betrieb. In die Historie eingewoben ist immer auch der polarisierende und provozierende Kracht, der mit diesem Buch keine Bewerbung für den diplomatischen Dienst abgibt: „Zürich, diese Stadt der Angeber und der Aufschneider und der Erniedrigung“. Oder Deutschland, „wo das Blut der ermordeten Juden immer noch in den Gassen klebte und die Menschen kein bisschen schüchtern waren“. Er beschreibt den Aufstieg seines Vaters vom Volontär bei Axel Springer zum Generalbevollmächtigten des Verlagsmagnaten, wodurch dieser es schliesslich selbst zu einem millionenschweren Vermögen bringt. Gerade in diesem Zusammenhang strauchelt der Leser. Da beschreibt Kracht einerseits die familiäre Anhäufung von immensen Reichtümern mit illustren Immobilien in Gstaad („das einmal Aga Khan gehört hatte“), in Cap Ferrat, in London, auf Sylt, am Genfer See, die Sammlung deutscher Expressionisten und alle anderen Insignien des väterlichen Erfolgs. Imposant zu lesen und fast so beeindruckend wie die Exklusiv-Veröffentlichung der Illustrierten Bunte über die Reichen und Schönen dieser Welt. Jedoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kracht kokettiert. Oder lamentiert er wirklich glaubhaft, wenn er von „totem Geld“ spricht, durchdrungen von Angeberei und Übertreibung seines feudalistischen Vaters, zu dem er nie eine emotionale Bindung aufbauen konnte. Wieviel von allem war lange Zeit Grundlage seines sehr freien Lebensstils und wieviel ist wirklich Last? Im wesentlich längeren zweiten Teil reist Kracht mit seiner alkohol- und medikamentenabhängigen Mutter kreuz und quer durch die Schweiz. Hier wechselt Kracht zu einem völlig anderen Stil mit einem dominierenden Anteil an Dialogen zwischen Mutter und Sohn und nur kurzen Erinnerungspassagen. Offensichtlich ist auch das Verhältnis zu seiner Mutter, die einen Großteil der Zeit in psychiatrischen Kliniken verbringt, mehr als kompliziert. „Ein ständiges Verlieren, ein ständiges Kapitulieren.“ Die offensichtliche Dominanz der Mutter lässt den Road-Trip zu einem Ödipus-Komplex auf vier Rädern werden. Bis zum Ende des Buches ohne erkennbare Chance auf mentale Abnabelung und emotionale Ablösung. Zum Schluß sei noch etwas Wichtiges ergänzt, worüber der Autor seine Leser im Unklaren lässt, beziehungsweise das er vielleicht auch bewusst nicht definiert. Eurotrash ist in aussereuropäischen Ländern eine Bezeichnung für dort lebende, gehobene und wohlhabende Europäer. Eine weiter gefasste Definition impliziert verarmte oder „trashige“ Europäer oder sehr abwertend „weißen Müll“.
Quasi ein Best-Of der bisherigen Krachts. Er imitiert den Sound seiner Werke, immer wieder tauchen Artefakte auf. Spielt in Zürich und der Schweiz, schöner Lokalkolorit. Wieder ein Roadtrip wie in Faserland. Diesmal in Begleitung der durchgeknallten Mutter. Auf eigene Art wieder sehr zeitgenössisch. Der Protagonist stört sich an den «richtigen» Dingen, zu viel Geld zum Beispiel. Kracht wickelt damit seine Kritiker um die Finger, gibt vor, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Aber er denkt immer um vier Ecken, einfach zu schlau. Ein Roman, der mit der Zeit noch gewinnen wird.
Besser als gedacht!
Melancholische Geschichte über dysfunktionale Familienstrukturen und Erinnerungen aus der Vergangenheit. Der Autor schreibt sich in das eigene literarische Szenario ein wodurch eine Ambivalenz entsteht zwischen Selbstinszenierung und Fiktion. Für mich, inhaltlich nicht unbedingt die Fortsetzung von Faserland aber in sich eine emotionale, schräge und unterhaltsame Geschichte.
Vielfach besprochen und mit klugen Worten analysiert wurde der neue Roman von Christian Kracht bereits seit er im März dieses Jahres erschien. Ich habe mich, zugegebenermaßen leicht ehrfürchtig, nun daran getraut, nicht ohne mir vorher noch "Faserland" einverleibt zu haben. Beim Lesen von "Eurotrash" hat sich dies ausgezahlt, da auf den Debütroman des Autors aus 1995 mehrfach verwiesen wird. So outet sich der Ich-Erzähler von Eurotrash bereits auf der ersten Seite als Autor des Romans "Faserland", über den er später meint, er habe sich selbst und dem Leser vorgaukeln wollen, er käme aus gutem Hause und sei wohlstandsverwahrlost und hätte etwas von einem "autistischen Snob" (S. 64). Der Autor Christian Kracht, der "Faserland" geschrieben hat, wird hier sozusagen wiederum fiktionalisiert. Das Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit durchzieht das Buch als immer wiederkehrendes Muster und ließ mich teilweise verwirrt innehalten und trug dabei maßgeblich zum Lesespaß bei. Ebenso die teils spitzen, komischen, aber auch sanftmütigen Dialoge mit der 80-jährigen Mutter des Protagonisten. Mit dieser begibt er sich auf einen Roadtrip durch die Schweiz, welcher äußerlich mit skurrilen Slapstick-Szenen aufwartet, inhaltlich aber die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte und Kindheitstraumata thematisiert sowie die Annäherung an gemeinsame Erinnerungen und den Versuch, Verständnis für die eigene Mutter und ihre Lebenserfahrungen und -realitäten aufzubringen. Die Mutter empfand ich als beeindruckend starken Charakter, zwar tabletten- und alkoholabhängig und immer an der Grenze zum Wahn und zur Senilität, aber mit - in lichten Momenten - rasiermesserscharfem Verstand ungemütliche Wahrheiten aussprechend und für sich selbst und ihren Sohn einstehend. Dabei wirft sie immer einen kritischen Blick auf den fiktiven Christian Kracht und holt ihn mit sarkastischen Anspielungen auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein gut gelungener Kniff, sich selbstironisch zu beleuchten, den Leser immer im Ungewissen lassend, was nun überhaupt ernst gemeint ist. Schön fand ich auch die sanften Momente, in denen sich das Mutter-Sohn-Verhältnis umkehrt - wenn der Protagonist ihr beispielsweise den vollen Behälter ihres künstlichen Darmausgangs leeren muss oder wenn die Mutter ihn bittet, ihr etwas zu erzählen - das würde sie so beruhigen. Dadurch geht es im Buch vielleicht schlussendlich auch einfach nur darum: Um das Erzählen selbst. Ob sich die "Katharsis" zwischen Mutter und Sohn einstellt, kann man am Ende diskutieren. Ich fand "Eurotrash" intelligent geschrieben, durchzogen mit Anspielungen, denen man nachgehen kann oder auch nicht, emotional, komisch, mit Metaebenen spielend und doch nicht überfordernd. Dennoch hatte ich am Ende das leichte Gefühl, etwas verpasst zu haben. Vielleicht ist es das, was Daniel Kehlmann damit meint, wenn er sagt "[...] und sie verbergen allesamt ein Geheimnis, dem man nie ganz auf den Grund kommt."
Ich hatte bislang keinen Reiz verspürt, mich mit sogenannter aktueller Popliteratur oder Poetry-Slams zu beschäftigen. Insofern war dies mein erstes gelesenes Buch von Christian Kracht. Ich hatte mich auch vorher nicht informiert über Autor und Werke. Da ich seine Geschichte über den Schweizer Taxi-Roadtrip mit seiner dementen Mutter doch reichlich skurril fand, informierte ich mich während des Lesens dann doch über ihn. Ich mag es eigentlich, wenn man ein Buch ohne Sekundärliteratur verstehen kann, daher störte es mich bereits zu diesem Zeitpunkt, dass ich wohl ohne Wissen über Krachts wahre Vita, gar nicht beurteilen konnte, ob dies nun autobiographisch oder autofiktionell war. Bin ich daher überhaupt in der Lage, das Buch halbwegs sachgerecht beurteilen zu können? Kann man Eurotrash auch ohne Faserland verstehen? Ich hatte schon so etwas befürchtet bei dem Personenkult, der um Kracht, Stuckrad-Barre & Co. entstanden ist. Nun, ich hatte eine ganz andere Art von Buch erwartet. Ich dachte, es geht um einen Zustandsbericht einer Gesellschaft in der jetzigen Zeit mit Elementen, die für uns heutzutage typisch geworden sind: Europakrise, Corona, Selbstinszenierungswahn oder Kulturkampf. Was auch immer. Stattdessen steht die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit oder andere Traumata der Familie Kracht im Vordergrund. Und dies war mir zu oberflächlich oder besser gesagt zu viele unterschiedliche Krisen für so ein kleines Buch. Das zum Beispiel Mutter und Sohn beide im Alter von jeweils 11 Jahren vergewaltigt wurden, hätte für ein Buch als Thema ausgereicht. Stattdessen zieht die Karawane, typisch für einen Roadtrip, stetig weiter. Dabei sind sowohl Wegführung als auch auftretende Personen sehr ungewöhnlich. Der Spaß, den Andere beim Lesen dabei empfunden haben, trat bei mir nur sehr selten auf. Einzig Krachts Mutter mit ihrem dynamischen Selbstbewusstsein war die treibende Kraft, die mich zum Weiterlesen trieb. Ich schwankte zwischen Bewunderung und Bedauern für die alte Dame. Allerdings kann das Spotten über die Unzulänglichkeiten des Alters auch schnell nerven, wenn es die alleinige Humorschiene ist. Dann fühl ich mich mit Schrecken an Bücher über aus Fenster steigende Ü100-Senioren erinnert. Interessanterweise lese ich gerade parallel Thomas Glavinics autofiktionelles Buch aus dem Jahr 2007 „Das bin doch ich“, in dem er die Figur seines eigenen Ichs sich beklagen lässt, dass er stets mit Daniel Kehlmann verwechselt wird. Genau derselben Pointe bedient sich Kracht in Eurotrash nur mit Unterschied, dass ich Glavinics Buch deutlich humorvoller empfinde. Ich habe letztlich das Gefühl, dass ich erst andere Bücher von Kracht lesen müsste, um die Anspielungen in Eurotrash verstehen zu können. Als eigenständiges Werk betrachtet, fand ich es allenfalls okay, mehr aber auch nicht. Trotz des etwas unbefriedigenden Leseerlebnisses werde ich Christian Kracht weiter auf meiner Leseliste belassen. Wenn man einen zeitgenössischen Roman mit starkem Gegenwartsbezug lesen möchte, dann würde ich eher Leif Randts Allegro Pastell empfehlen, welches mir tatsächlich besser gefiel. Womöglich habe ich Kracht einfach nur in die falsche Schublade gesteckt. Die allgemeine Begeisterung über Autor und Werk konnte ich mit Eurotrash leider nicht nachvollziehen.
»Das ist mein blind- und leer- und totgeweintes Jahrhundert.« Dieser Roman tat es mir schwer._ Zugegeben, das muss ich direkt relativieren: Es gibt durchaus unterhaltsame, scharfsinnige und gekonnt provozierende Momente, und auch solche, in denen die Geschichte eine scharfsichtige Prägnanz entwickelt. Doch mein verflixtes Bauchgefühl sagt: Aber. Aber was? Aber nein. Aha. Nein also. Aber nein warum?__ __ Fangen wir mal bei der Familie des Autors/Protagonisten an.__ __ Jetzt könnte ich wieder Tolstoi bemühen. „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Denn diese Familie ist kaputt, marode, unter dem schönen Schein verrottet – und dabei doch hervorragend vernetzte Oberschicht. Das hat viel Potenzial für prägnante Gesellschaftskritik oder auch nur für eine prägnante Abrechnung mit der eigenen Kindheit! Stattdessen fühlte ich mich erst von der schieren Anzahl der Themen erschlagen, dann ernüchtert.__ __ »Weißt Du, was das ist? Ein Armutszeugnis ist das.«__ __ Da kommt alles zusammen: überzeugter Nationalsozialismus, sexueller Missbrauch, Alkoholismus und Medikamentensucht, Sadomasochismus, Wohlstandsverdruss und übersättigtes Ennui – da wird Geld in absurden Summen wahllos verschenkt, einfach so, ohne echten Grund und ohne echte Wohltätigkeit. Nur weil es mal etwas anderes ist, wenigstens kurzfristig vom eigenen Stumpfsinn ablenkt. Die lächerliche Dekadenz wird dabei nur nebenher und nur vage anerkannt, zu sehr ekelt man sich anscheinend vor der eigenen Lebensmüdigkeit.__ __ Dazu kommt ein gewisses Namedropping – hier und dort hat der Protagonist/Autor oder ein Mitglied seiner Familie diesen oder jenen Prominenten der Bildungselite getroffen, sich ganz selbstverständlich in dessen Kreisen bewegt. Und? Warum ist das bedeutsam, was soll es mir sagen? Was immer der Autor damit beabsichtigt, in mir erweckte es dein Eindruck einer zermürbend selbstbezüglichen Banalität.___ __ Der Kern der Geschichte ist die gestörte Mutter-Sohn-Beziehung, die gleichzeitig als Liebeserklärung und Abrechnung erzählt wird. Da kommen zwei Menschen zusammen, die anscheinend schon lange verlernt haben, liebevoll miteinander umzugehen, und daher eher widerwillig versuchen, wieder zueinander zu finden. Die Dialoge in diesem Themenkomplex sind großartig geschrieben, bringen die Dinge in einer ganz eigenen Sprachmelodie auf den Punkt – dennoch sagen gerade die Leerstellen und die Momente des Schweigens mehr aus als jede Beschreibung.__ __ Dieses Element des Romans wirkt auf mich zwar erschütternd authentisch, für mein Empfinden wird es indes unter Belanglosigkeiten geradezu verschüttet.__ __ “Solche Sachen solltest Du mal schreiben, wie Marcel Beyer. Das ist ein guter Schriftsteller. Nicht so einen belanglosen Unsinn, wie Du ihn schreibst, den ohnehin keiner lesen will.”__ DIE MUTTER ÜBER DIE LITERATUR IHRES SOHNES__ __ Fazit: Nicht ganz überzeugt.__ __ Christian Kracht, Autor und Hauptfigur dieses autofiktionalen Romans, setzt sich desillusioniert und schonungslos mit seiner Familiengeschichte auseinander, während er mit seiner sterbenskranken Mutter, die scheinbar von Pillen und Wodka lebt, auf eine wahllose Reise geht. Vielleicht nach Afrika, vielleicht aber auch nur mit dem Taxi durch die Schweiz. Jedenfalls lässt es genug Zeit und Raum, angestaubte Scheuklappen endlich abzunehmen und Tacheles zu reden. Die Dialoge zwischen Mutter und Sohn sind für mich das Highlight des Buches.__ __ Interessant fand ich das Spiel mit Dichtung und biografischer Wahrheit: Inwiefern Autor und Protagonist deckungsgleich sind, ob die Erzählfiguren ihren realen Vorbildern entsprechen, das kann man als Leser:in nur erahnen. Aber davon abgesehen konnte der Roman mich im Endeffekt nicht vollends überzeugen, blieb mir in vielem zu wahllos, beliebig und unbestimmt. Denn zu viel der Handlung dreht sich im Umfeld der Familie im Kreis: Man ist reich, man ist gebildet, man ist gelangweilt. Da können nicht mal Nazivergangenheit und Sadomasochismus die Geschichte aus dem Trott reißen.__ __ Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-christian-kracht-eurotrash/
Nach Faserland eine tiefere Charakterstudie der Eltern des Protagonisten.
Der Fokus liegt hauptsächlich in der Fragenbrantwortung, wie der Protagonist aus Faserland so geworden ist und wie seine Emtwicklung nach dem offenen Ende in etwa ausgesehen hat. Klare Empfehlung für Interessierte des Werks Faserland.
Quite amusing. Quite irrelevant. Quite quite . An odd meta road trip with Christian Kracht’s autofictional meta self and his alcoholic mother that goes round and round in meta circles, with many many meta layers. Instead of a cathartic climax, there are only small gestures between them and they are quite lovely but don't resolve anything. I liked that. It's a conversation, a muted confrontation with his mother, their family history, and barely with himself. It’s the dialogue and the relationship between the two of them that carry the book and don't get really to a point, other than where they started. I liked that too. The character of the mother is really convincing, and you’re never sure if she is really insane or sane, and probably Kracht doesn’t even knows that. I know, he loves to play with the reader, but I never like to engage in that play too much. It’s great that you have so many references and that you are referencing these references and getting meta about referencing the references of the references about your first novel and your biographical self (he does those references to brag, says he… I believe him) but in the end, what’s left? Not so much. The main problem is his voice. He’s a lot quieter and not so forced provocative, but it doesn’t feel genuine. The endless name-dropping as in «American Psycho» and the indifference of the protagonist as in «Less than Zero», the meta-autofictional self as in «Lunar Park» or «The Shards». Got it, you love Bret Easton Ellis, but how about being Christian Kracht?! I can see his interest in history, politics, traveling, relationships, weird esoteric/spirituality, so why this boring superficiality and jerking off to aesthetics. It’s not even a strong stilistic element as in the books mentioned above… That said, I enjoyed the book and also liked how he played with the nature of fiction towards the end. I just know that I won‘t remember much of it in 2 months. There is one German expression that sums up Kracht’s work (and supposedly family perfectly): „Mehr Schein als Sein“ (More appearance than substance/reality).
Bei diesem Buch gehöre ich wohl zur Fraktion "Unpopular Opinion". Woher all diese 5 Stern-Bewertungen kommen, kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Wenn ich ehrlich bin, stände ein anderer Name auf dem Umschlag, hätte ich dem Buch bloss zwei Sterne gegeben. Aber Christian Kracht ist Christian Kracht und hat bei mir einen Stein im Brett, deshalb drei Sterne. Trotz allem. Aber Kracht hat definitiv bessere Bücher geschrieben. Nur schon "1979" ist ein ganzes Stück tiefer, bewegender. "Eurotrash" dagegen wirkt irgendwie erzwungen, den heutigen Erwartungen angepasst, im Gegensatz zu seinen anderen Werken fast schon fahl. Auch wurde mir Krachts Aussage nicht ganz klar. Es ist eine zynische Reise, ein Abgesang auf die grossen Kapitalisten. Doch irgendwie kam das bei mir nicht richtig an. Die Mutter-Sohn-Beziehung hätte Potential in sich geborgen, das aber nicht ganz ausgearbeitet wird. Es gibt ein paar gute Momente, aber dann fallen die Figuren wieder in ihr altes, nervtötendes Verhalten zurück. Und natürlich geht es nicht ohne Nazis. Vielleicht bin ich einfach nicht intellektuell genug und habe deshalb die Kernaussage bezüglich der Kritik an den Schönen und Reichen in der Schweiz nicht korrekt aufgenommen, oder mir fehlen Bezugspunkte in Krachts eigener Biographie, die ich mit dem Text hätte in Verbindung bringen sollen... Dennoch bleibt nach der Lektüre ein unangenehmer Nachgeschmack zurück. Und natürlich auch ein wenig die Enttäuschung. Auch ab mir selbst, da ich diesen Roman nicht so zu schätzen weiss, wie er angeblich geschätzt werden sollte.
Ich hatte bislang keinen Reiz verspürt, mich mit sogenannter aktueller Popliteratur oder Poetry-Slams zu beschäftigen. Insofern war dies mein erstes gelesenes Buch von Christian Kracht. Ich hatte mich auch vorher nicht informiert über Autor und Werke. Da ich seine Geschichte über den Schweizer Taxi-Roadtrip mit seiner dementen Mutter doch reichlich skurril fand, informierte ich mich während des Lesens dann doch über ihn. Ich mag es eigentlich, wenn man ein Buch ohne Sekundärliteratur verstehen kann, daher störte es mich bereits zu diesem Zeitpunkt, dass ich wohl ohne Wissen über Krachts wahre Vita, gar nicht beurteilen konnte, ob dies nun autobiographisch oder autofiktionell war. Bin ich daher überhaupt in der Lage, das Buch halbwegs sachgerecht beurteilen zu können? Kann man Eurotrash auch ohne Faserland verstehen? Ich hatte schon so etwas befürchtet bei dem Personenkult, der um Kracht, Stuckrad-Barre & Co. entstanden ist. Nun, ich hatte eine ganz andere Art von Buch erwartet. Ich dachte, es geht um einen Zustandsbericht einer Gesellschaft in der jetzigen Zeit mit Elementen, die für uns heutzutage typisch geworden sind: Europakrise, Corona, Selbstinszenierungswahn oder Kulturkampf. Was auch immer. Stattdessen steht die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit oder andere Traumata der Familie Kracht im Vordergrund. Und dies war mir zu oberflächlich oder besser gesagt zu viele unterschiedliche Krisen für so ein kleines Buch. Das zum Beispiel Mutter und Sohn beide im Alter von jeweils 11 Jahren vergewaltigt wurden, hätte für ein Buch als Thema ausgereicht. Stattdessen zieht die Karawane, typisch für einen Roadtrip, stetig weiter. Dabei sind sowohl Wegführung als auch auftretende Personen sehr ungewöhnlich. Der Spaß, den Andere beim Lesen dabei empfunden haben, trat bei mir nur sehr selten auf. Einzig Krachts Mutter mit ihrem dynamischen Selbstbewusstsein war die treibende Kraft, die mich zum Weiterlesen trieb. Ich schwankte zwischen Bewunderung und Bedauern für die alte Dame. Allerdings kann das Spotten über die Unzulänglichkeiten des Alters auch schnell nerven, wenn es die alleinige Humorschiene ist. Dann fühl ich mich mit Schrecken an Bücher über aus Fenster steigende Ü100-Senioren erinnert. Interessanterweise lese ich gerade parallel Thomas Glavinics autofiktionelles Buch aus dem Jahr 2007 „Das bin doch ich“, in dem er die Figur seines eigenen Ichs sich beklagen lässt, dass er stets mit Daniel Kehlmann verwechselt wird. Genau derselben Pointe bedient sich Kracht in Eurotrash nur mit Unterschied, dass ich Glavinics Buch deutlich humorvoller empfinde. Ich habe letztlich das Gefühl, dass ich erst andere Bücher von Kracht lesen müsste, um die Anspielungen in Eurotrash verstehen zu können. Als eigenständiges Werk betrachtet, fand ich es allenfalls okay, mehr aber auch nicht. Trotz des etwas unbefriedigenden Leseerlebnisses werde ich Christian Kracht weiter auf meiner Leseliste belassen. Wenn man einen zeitgenössischen Roman mit starkem Gegenwartsbezug lesen möchte, dann würde ich eher Leif Randts Allegro Pastell empfehlen, welches mir tatsächlich besser gefiel. Womöglich habe ich Kracht einfach nur in die falsche Schublade gesteckt. Die allgemeine Begeisterung über Autor und Werk konnte ich mit Eurotrash leider nicht nachvollziehen.
Rezenzion nach dem 2. Read: Eurotrash ist das Nichts und die Leere - eine Scheinrebellion, eine Illusion von Autonomie und Widerstand, ein symbolischer Ausbruch aus dem System. Eurotrash ist Identitätsverweigerung – man schwimmt im Becken der Geschichtsfetischierung, die unabhängig von menschlichem Handeln und Intentionen zu existieren scheint. Christian, der Icherzähler nimmt sich als Subjekt aus der Rechnung raus. Er ist Opfer der Geschichte, Opfer des Systems, der Normen und Werte. Man arrangierte sich mit dem feudalistischen Vater, gab ja Geld. Man reist Jahrzehnte durch die Welt und lebt ständig in der Vergangenheit. Man fügt sich dem System, das man verachtet, einen einengt und spielt in der Show der Masken, Angebereien und Unaufrichtigkeit mit - völlige Passivität. Er geht nur auf ein Borges-Festival um mit seiner Bildung anzugeben. Er fließt als Erzähler aus der Geschichte, ist überall und Niemand. Will dennoch den Kreis durchbrechen. Wünscht einen Bruch. Erkennt, man steckt fest. Also los! Die Mama, Rollator, Flasche Wodka und die Pillen geschnappt, rein ins Taxi und ab geht die wilde Fahrt durch die Schweiz. Munter, fröhlich, grotesk ziehen sie ihre Schleifen. Entsorgt den Müll Geld. Geschichten werden erzählt. Man bedient sich sämtlicher literarischer Referenzen, alles begegnet einem wieder. Die Literatur und Kultur als Flucht vor der Realität, das ewig Gleiche. Authentisch ist nur der künstliche Darmausgang. Der Roadtrip wird zur leeren Geste. Man stellt sich nicht sich selbst. Keine Konfrontation mit der Realität. Die Angst vor dem Schmerz des selbstbestimmten Handelns und der Begegnung mit dem Unaussprechlichen ist zu groß. Vielleicht ist das Problem auch schlicht weg, wie Christian selbst bemerkt, dass er nie Hegel gelesen hat. Da wir in dem Buch aber so viele doppelte Böden haben, gehe ich davon aus, dass er doch irgendwann in den Hegel gefallen ist und mit diesem Buch den Stinkefinger in Richtung dynamischen Prozess erhebt. Und so endet das Buch mit der Entscheidung in einem Zustand des imaginären Scheins zu bleiben. Der Durchbruch des Kreises war nie ernsthafte Intention. Was bleibt ist das Nichts, das bereits Haldor Laxness in [b:Am Gletscher|2988602|Am Gletscher|Halldór Laxness|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1481276668l/2988602._SY75_.jpg|3019063] beschreibt. Dieses Nichts hätten Christian und seine Mutter in der Schlüsselszene am Gletscher, auf der Suche nach dem Edelweiß füllen können. Katharsis. Nun bleibt es jedem überlassen wie er den Roman Haldor Laxness interpretiert und wie Christian Kracht diesen gelesen hat. Er entscheidet sich jedenfalls dagegen zu erzählen was zählt, was für ihn Wahrheit bedeutet.Er entscheidet sich dagegen in der Isolation eine einzigartige Dynamik mit eigenen Regeln zu schaffen. Er entscheidet sich gegen Öffnung, gegen Vielseitigkeit und Wandelbarkeit aus sich selbst heraus. Entscheidung gegen Liebe zur Freiheit, Unabhängigkeit und den Möglichkeiten die das Leben bietet. Er entscheidet sich gegen Verantwortung. Maske sitzt und weggeduckt. 2 Sterne, weil ich die Leere durchaus unterhaltsam fand. _____________________________________________________________ Rezension des ersten Reads: 4 Sterne Da hat mir Faserland doch einen Tacken besser gefallen. Diesen triefenden Sarkasmus Faserlands konnte ich in Eurotrash zwar wiederfinden, aber nicht in dieser göttlichen Konsequenz. Oh es war deprimierend schön und für mich völlig ok, dass der Roadtrip nur im Kreisverkehr, des Versuches der Aufarbeitung statt fand, das ewige Schweigen, schweigsam blieb. Familientraumata, das Leben im Schein und Sein- wie soll man da "Normal bleiben"? Gar nicht.... Deshalb nehmen wir diesen Surrealen Trip auf uns und landen immer wieder bei Borges. Was ist Wahr, was ist Fiktion, welche Geschichte dient einer weiteren Metaebene? Ja Christian, Du kannst so schön Geschichten erzählen- mich hat's dann gegen Ende ein bisschen eingelullt, als wäre Herr Kracht zu sehr von sich selbst gelangweilt oder von sich als fiktiver Person, die sich selbst in einen Roman geschrieben hat.


























