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BIOLOGISCHER REALISMUS Zwei Striche erscheinen auf einem Teststäbchen, auf das eine Frau uriniert hat. SCHNITT. 9 Monate später platzt – zumeist in einem Moment, der der Szene aufgrund seiner Unpassendheit ein gewisses Maß an Albernheit zuschreibt – die Fruchtblase der Frau. SCHNITT. Wenige Stunden später bringt jene Frau in der Rückenlage, in der sie die gesamte Geburt verharrt hat, ein nahezu sauberes, mit wachen Augen die Eltern anhimmelndes Kind zu Welt. SCHNITT. Überblende in das Leben nach der Geburt, in dem beide Elternteile eigentlich ihr pränatales weiterleben, ihr Sozialleben pflegen, Erledigungen nachgehen, Kultur genießen und mit Ausnahme der Mutter auch der Lohnarbeit unverändert nachgehen, was hier natürlich als völlig natürlich dargestellt wird. ABSPANN. So, oder zumindest in Teilen so müssen die Storyboards jener Serien und Filme aussehen, die uns auch heute noch in Endlosschleife mit einem eingängigen und zugleich falschen Schwangerschafts- und Elternschaftsnarrativ konfrontieren. Dass viele Versatzstücke schon fast auf lächerliche bis gefährliche Weise an der Realität vorbeigehen, erfahren viele (oder zumindest ich) in seiner ganzen Tragweite wohl auch erst, wenn sie dieses durchleben und daher bin ich Bettina Wilpert dankbar für ihren Roman „Die bärtige Frau“, der ein Gegennarrativ zum oben dargestellten liefert und unbedingt viele Leser*innen verdient. Alex, Protagonistin des dritten Romans der Leipzigerin, ist auf dem Weg zu ihrer Mutter in die bayrische Provinz, in der sie selbst aufgewachsen ist, bevor sie für das Studium erst nach Wien und dann nach Leipzig zog, wo sie mittlerweile als Lehrkraft für Deutsch und Englisch arbeitet und Mutter der einjährigen Paula ist. Alex‘ Mutter hatte einen Unfall und Alex will ihr mit ihrer Schwester Lena eines der Zimmer im Erdgeschoss herrichten, das bisher als Abstellraum genutzt wurde. Für die junge Mutter ist es das erste Mal seit der Geburt von Paula, dass länger von ihr getrennt ist und ihr Partner Oliver sich allein um das Kind kümmert und so wird die Reise in die eigene Kindheit und Jugend und zur eigenen Mutter zum Reflexionsanlass für Alex, auf das eigene Mutterwerden und -sein zu blicken. Dies realisiert Wilperts Roman, indem er zwischen der Zeitebene des Wochenendes in Bayern und der Erzählvergangenheit, die in Alex‘ Jugend einsetzt und sich mit großen Schritten dem Kinderwunsch, der Schwangerschaft und der Zeit nach der Geburt zuwendet. Kennt man das Debut „nichts, was uns passiert“ und dessen Nachfolger „Herumtreiberinnen“ so könnte man aufgrund der erzählerischen Anlage des neuen Texts auf den ersten Blick fast ein wenig enttäuscht sein, denn in beiden Vorgängern bediente sich die Autorin besonderer erzähltheoretischer Versatzstücke, um eine angemessene Form und Sprache für das zu finden, was die beiden verhandeln. So erzählte das Debut von einer Vergewaltigung und deren Auswirkungen auf die Überlebende und den Täter sowie ihr Umfeld und bediente sich dafür einer namenlosen Erzählinstanz, die indirekt die Erinnerungen der handelnden Figuren wiedergibt. „Herumtreiber*innen“ wiederrum spielte mit der Überlagerung von historischen Ereignissen an einem Ort und ging so der Frage nach Schuld und Verantwortung und unserem Umgang mit der Vergangenheit nach. Dem gegenüber erzählt „Die bärtige Frau“, wenn auch auf zwei Zeitebenen, sehr geradlinig und so nüchtern und sachlich, dass ich vor allem bei den Rückblenden, die im Roman den größten Raum einnehmen, das Gefühl hatte, essayistische Reflexionen über die verhandelten Themen zu lesen. So war es für mich einerseits diese beobachtende Sachlichkeit, die der oben beschriebenen, klischeehaften Vorstellung von Mutterschaft ein Korrektiv entgegenstellt; andererseits verlässt der Roman an verschiedenen Stellen diesen Pfad und kippt in eine fast spürbare Körperlichkeit, wenn es z.B. um die Geburt geht oder die Veränderungen von Alex‘ Körper. Auch dies trägt, ästhetisierte Vorstellungen von Elternschaft und allem, was damit zusammenhängt zu korrigieren. Bettina Wilpert hat mit „Die bärtige Frau“ aber nicht nur einen Roman für Mütter oder solche, die es werden wollen geschrieben. Vielmehr verhandelt sie auf den knapp 200 Seiten solch universelle Fragen, wie die nach sexueller und körperlicher Selbstbestimmung, nach gesellschaftlichen Werten und Normativitätsvorstellungen, nach Gendervorstellungen und Identitätsfindung, nach dem Zusammenhang von Care- und Lohnarbeit uvm. Somit ist „Die bärtige Frau“ erneut ein Roman, bei dem ich viel lernen durfte, der jedoch – anders als einige andere feministische Romane über Mutterschaft – nicht in den Modus eines Thesenromans verfällt. Dabei bezog sich der Erkenntnisgewinne keineswegs ausschließlich auf Dinge und Erfahrungen, die mich direkt nicht betreffen, da ich ein Mann bin, da der Roman immer auch die Perspektive von Alex‘ Partner und was Elternschaft für diesen bedeutet, so mitdenkt, dass ich mich hier einerseits wiederzufinden vermochte und andererseits zu Reflexion herausgefordert wurde. Danke @bettinawilpert für diesen Text, den ich allen Menschen jeglichen Geschlechts ans Herz legen möchte, die planen, ein Kind zu bekommen; die sich fragen, ob sie eines bekommen sollten; die definitiv keines haben wollen; jenen, die keine Kinder bekommen können und damit hadern; jenen, die ein Kind verloren haben; denen, die mit dem Thema bereits durch sind; all jenen, für die das vielleicht noch in einiger Ferne liegt und jenen, die vielleicht mit Befremdung auf das Elterndasein von Menschen aus ihrem Umfeld blicken. tl;dr: Lest es einfach alle! Danke an den @verbrecherverlag für das Rezensionsexemplar.
9. Sept. 2025
BIOLOGISCHER REALISMUS Zwei Striche erscheinen auf einem Teststäbchen, auf das eine Frau uriniert hat. SCHNITT. 9 Monate später platzt – zumeist in einem Moment, der der Szene aufgrund seiner Unpassendheit ein gewisses Maß an Albernheit zuschreibt – die Fruchtblase der Frau. SCHNITT. Wenige Stunden später bringt jene Frau in der Rückenlage, in der sie die gesamte Geburt verharrt hat, ein nahezu sauberes, mit wachen Augen die Eltern anhimmelndes Kind zu Welt. SCHNITT. Überblende in das Leben nach der Geburt, in dem beide Elternteile eigentlich ihr pränatales weiterleben, ihr Sozialleben pflegen, Erledigungen nachgehen, Kultur genießen und mit Ausnahme der Mutter auch der Lohnarbeit unverändert nachgehen, was hier natürlich als völlig natürlich dargestellt wird. ABSPANN. So, oder zumindest in Teilen so müssen die Storyboards jener Serien und Filme aussehen, die uns auch heute noch in Endlosschleife mit einem eingängigen und zugleich falschen Schwangerschafts- und Elternschaftsnarrativ konfrontieren. Dass viele Versatzstücke schon fast auf lächerliche bis gefährliche Weise an der Realität vorbeigehen, erfahren viele (oder zumindest ich) in seiner ganzen Tragweite wohl auch erst, wenn sie dieses durchleben und daher bin ich Bettina Wilpert dankbar für ihren Roman „Die bärtige Frau“, der ein Gegennarrativ zum oben dargestellten liefert und unbedingt viele Leser*innen verdient. Alex, Protagonistin des dritten Romans der Leipzigerin, ist auf dem Weg zu ihrer Mutter in die bayrische Provinz, in der sie selbst aufgewachsen ist, bevor sie für das Studium erst nach Wien und dann nach Leipzig zog, wo sie mittlerweile als Lehrkraft für Deutsch und Englisch arbeitet und Mutter der einjährigen Paula ist. Alex‘ Mutter hatte einen Unfall und Alex will ihr mit ihrer Schwester Lena eines der Zimmer im Erdgeschoss herrichten, das bisher als Abstellraum genutzt wurde. Für die junge Mutter ist es das erste Mal seit der Geburt von Paula, dass länger von ihr getrennt ist und ihr Partner Oliver sich allein um das Kind kümmert und so wird die Reise in die eigene Kindheit und Jugend und zur eigenen Mutter zum Reflexionsanlass für Alex, auf das eigene Mutterwerden und -sein zu blicken. Dies realisiert Wilperts Roman, indem er zwischen der Zeitebene des Wochenendes in Bayern und der Erzählvergangenheit, die in Alex‘ Jugend einsetzt und sich mit großen Schritten dem Kinderwunsch, der Schwangerschaft und der Zeit nach der Geburt zuwendet. Kennt man das Debut „nichts, was uns passiert“ und dessen Nachfolger „Herumtreiberinnen“ so könnte man aufgrund der erzählerischen Anlage des neuen Texts auf den ersten Blick fast ein wenig enttäuscht sein, denn in beiden Vorgängern bediente sich die Autorin besonderer erzähltheoretischer Versatzstücke, um eine angemessene Form und Sprache für das zu finden, was die beiden verhandeln. So erzählte das Debut von einer Vergewaltigung und deren Auswirkungen auf die Überlebende und den Täter sowie ihr Umfeld und bediente sich dafür einer namenlosen Erzählinstanz, die indirekt die Erinnerungen der handelnden Figuren wiedergibt. „Herumtreiber*innen“ wiederrum spielte mit der Überlagerung von historischen Ereignissen an einem Ort und ging so der Frage nach Schuld und Verantwortung und unserem Umgang mit der Vergangenheit nach. Dem gegenüber erzählt „Die bärtige Frau“, wenn auch auf zwei Zeitebenen, sehr geradlinig und so nüchtern und sachlich, dass ich vor allem bei den Rückblenden, die im Roman den größten Raum einnehmen, das Gefühl hatte, essayistische Reflexionen über die verhandelten Themen zu lesen. So war es für mich einerseits diese beobachtende Sachlichkeit, die der oben beschriebenen, klischeehaften Vorstellung von Mutterschaft ein Korrektiv entgegenstellt; andererseits verlässt der Roman an verschiedenen Stellen diesen Pfad und kippt in eine fast spürbare Körperlichkeit, wenn es z.B. um die Geburt geht oder die Veränderungen von Alex‘ Körper. Auch dies trägt, ästhetisierte Vorstellungen von Elternschaft und allem, was damit zusammenhängt zu korrigieren. Bettina Wilpert hat mit „Die bärtige Frau“ aber nicht nur einen Roman für Mütter oder solche, die es werden wollen geschrieben. Vielmehr verhandelt sie auf den knapp 200 Seiten solch universelle Fragen, wie die nach sexueller und körperlicher Selbstbestimmung, nach gesellschaftlichen Werten und Normativitätsvorstellungen, nach Gendervorstellungen und Identitätsfindung, nach dem Zusammenhang von Care- und Lohnarbeit uvm. Somit ist „Die bärtige Frau“ erneut ein Roman, bei dem ich viel lernen durfte, der jedoch – anders als einige andere feministische Romane über Mutterschaft – nicht in den Modus eines Thesenromans verfällt. Dabei bezog sich der Erkenntnisgewinne keineswegs ausschließlich auf Dinge und Erfahrungen, die mich direkt nicht betreffen, da ich ein Mann bin, da der Roman immer auch die Perspektive von Alex‘ Partner und was Elternschaft für diesen bedeutet, so mitdenkt, dass ich mich hier einerseits wiederzufinden vermochte und andererseits zu Reflexion herausgefordert wurde. Danke @bettinawilpert für diesen Text, den ich allen Menschen jeglichen Geschlechts ans Herz legen möchte, die planen, ein Kind zu bekommen; die sich fragen, ob sie eines bekommen sollten; die definitiv keines haben wollen; jenen, die keine Kinder bekommen können und damit hadern; jenen, die ein Kind verloren haben; denen, die mit dem Thema bereits durch sind; all jenen, für die das vielleicht noch in einiger Ferne liegt und jenen, die vielleicht mit Befremdung auf das Elterndasein von Menschen aus ihrem Umfeld blicken. tl;dr: Lest es einfach alle! Danke an den @verbrecherverlag für das Rezensionsexemplar.
9. Sept. 2025






