Blick ins Buch

Romane

Die bärtige Frau

3,9(41)
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Über das Buch

Die Leipziger Lehrerin Alex reist übers Wochenende zu ihrer Mutter ins bayerische Heimatdorf. Ihre Mutter hat sich das Bein gebrochen. Gemeinsam mit ihrer großen Schwester will sie das Schlafzimmer ins Erdgeschoss verlegen. Es ist das erste Mal seit der Geburt, dass Alex von ihrem einjährigen Kind getrennt ist. Sie vermisst ihre Tochter und merkt, wie sehr der kleine Körper ihres Kindes ihrem eigenen eingeschrieben ist. Dieses Gefühl bringt sie dazu, sich selbst näher zu betrachten, über ihre Lebensentscheidungen nachzudenken und das Begehren, den Körper, das Geschlecht sowie ihre Sozialisierung zu hinter fragen. »Die bärtige Frau« ist ein Roman über den weiblichen Körper, dessen Veränderung, über Schwangerschaft und Mutterschaft, darüber, wie es ist, Kinder zu kriegen und in eine neue Rolle hineinzuwachsen. Es geht um christliche Prägung, darum, dass wir unsere Familie nicht loswerden, selbst wenn wir wollen. Über Lebensrollen sowie Entscheidungen, über Wertvorstellungen, Coolness und Realität. Ist der Wunsch nach Sicherheit verwerflich? Wie haben wir zu sein? Wer bestimmt es außer uns selbst? Bettina Wilpert schafft mit ihrem neuen Roman eine radikale Körperliteratur. Sie zeigt den Leser*innen die verschiedenen Facetten von Coming-of-Age, Schwangerschaft und Muttersein, und wie diese sich am Körper abzeichnen.
ISBN9783957326089
VerlagVerbrecher
Erscheinungsdatum30.01.25
Seitenzahl192

Rezensionen & Bewertungen

41 Bewertungen

10 Rezensionen

3,9

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  • _erlesenes
    _erlesenes

    131 Follower

    4,0

    BIOLOGISCHER REALISMUS Zwei Striche erscheinen auf einem Teststäbchen, auf das eine Frau uriniert hat. SCHNITT. 9 Monate später platzt – zumeist in einem Moment, der der Szene aufgrund seiner Unpassendheit ein gewisses Maß an Albernheit zuschreibt – die Fruchtblase der Frau. SCHNITT. Wenige Stunden später bringt jene Frau in der Rückenlage, in der sie die gesamte Geburt verharrt hat, ein nahezu sauberes, mit wachen Augen die Eltern anhimmelndes Kind zu Welt. SCHNITT. Überblende in das Leben nach der Geburt, in dem beide Elternteile eigentlich ihr pränatales weiterleben, ihr Sozialleben pflegen, Erledigungen nachgehen, Kultur genießen und mit Ausnahme der Mutter auch der Lohnarbeit unverändert nachgehen, was hier natürlich als völlig natürlich dargestellt wird. ABSPANN. So, oder zumindest in Teilen so müssen die Storyboards jener Serien und Filme aussehen, die uns auch heute noch in Endlosschleife mit einem eingängigen und zugleich falschen Schwangerschafts- und Elternschaftsnarrativ konfrontieren. Dass viele Versatzstücke schon fast auf lächerliche bis gefährliche Weise an der Realität vorbeigehen, erfahren viele (oder zumindest ich) in seiner ganzen Tragweite wohl auch erst, wenn sie dieses durchleben und daher bin ich Bettina Wilpert dankbar für ihren Roman „Die bärtige Frau“, der ein Gegennarrativ zum oben dargestellten liefert und unbedingt viele Leser*innen verdient. Alex, Protagonistin des dritten Romans der Leipzigerin, ist auf dem Weg zu ihrer Mutter in die bayrische Provinz, in der sie selbst aufgewachsen ist, bevor sie für das Studium erst nach Wien und dann nach Leipzig zog, wo sie mittlerweile als Lehrkraft für Deutsch und Englisch arbeitet und Mutter der einjährigen Paula ist. Alex‘ Mutter hatte einen Unfall und Alex will ihr mit ihrer Schwester Lena eines der Zimmer im Erdgeschoss herrichten, das bisher als Abstellraum genutzt wurde. Für die junge Mutter ist es das erste Mal seit der Geburt von Paula, dass länger von ihr getrennt ist und ihr Partner Oliver sich allein um das Kind kümmert und so wird die Reise in die eigene Kindheit und Jugend und zur eigenen Mutter zum Reflexionsanlass für Alex, auf das eigene Mutterwerden und -sein zu blicken. Dies realisiert Wilperts Roman, indem er zwischen der Zeitebene des Wochenendes in Bayern und der Erzählvergangenheit, die in Alex‘ Jugend einsetzt und sich mit großen Schritten dem Kinderwunsch, der Schwangerschaft und der Zeit nach der Geburt zuwendet. Kennt man das Debut „nichts, was uns passiert“ und dessen Nachfolger „Herumtreiberinnen“ so könnte man aufgrund der erzählerischen Anlage des neuen Texts auf den ersten Blick fast ein wenig enttäuscht sein, denn in beiden Vorgängern bediente sich die Autorin besonderer erzähltheoretischer Versatzstücke, um eine angemessene Form und Sprache für das zu finden, was die beiden verhandeln. So erzählte das Debut von einer Vergewaltigung und deren Auswirkungen auf die Überlebende und den Täter sowie ihr Umfeld und bediente sich dafür einer namenlosen Erzählinstanz, die indirekt die Erinnerungen der handelnden Figuren wiedergibt. „Herumtreiber*innen“ wiederrum spielte mit der Überlagerung von historischen Ereignissen an einem Ort und ging so der Frage nach Schuld und Verantwortung und unserem Umgang mit der Vergangenheit nach. Dem gegenüber erzählt „Die bärtige Frau“, wenn auch auf zwei Zeitebenen, sehr geradlinig und so nüchtern und sachlich, dass ich vor allem bei den Rückblenden, die im Roman den größten Raum einnehmen, das Gefühl hatte, essayistische Reflexionen über die verhandelten Themen zu lesen. So war es für mich einerseits diese beobachtende Sachlichkeit, die der oben beschriebenen, klischeehaften Vorstellung von Mutterschaft ein Korrektiv entgegenstellt; andererseits verlässt der Roman an verschiedenen Stellen diesen Pfad und kippt in eine fast spürbare Körperlichkeit, wenn es z.B. um die Geburt geht oder die Veränderungen von Alex‘ Körper. Auch dies trägt, ästhetisierte Vorstellungen von Elternschaft und allem, was damit zusammenhängt zu korrigieren. Bettina Wilpert hat mit „Die bärtige Frau“ aber nicht nur einen Roman für Mütter oder solche, die es werden wollen geschrieben. Vielmehr verhandelt sie auf den knapp 200 Seiten solch universelle Fragen, wie die nach sexueller und körperlicher Selbstbestimmung, nach gesellschaftlichen Werten und Normativitätsvorstellungen, nach Gendervorstellungen und Identitätsfindung, nach dem Zusammenhang von Care- und Lohnarbeit uvm. Somit ist „Die bärtige Frau“ erneut ein Roman, bei dem ich viel lernen durfte, der jedoch – anders als einige andere feministische Romane über Mutterschaft – nicht in den Modus eines Thesenromans verfällt. Dabei bezog sich der Erkenntnisgewinne keineswegs ausschließlich auf Dinge und Erfahrungen, die mich direkt nicht betreffen, da ich ein Mann bin, da der Roman immer auch die Perspektive von Alex‘ Partner und was Elternschaft für diesen bedeutet, so mitdenkt, dass ich mich hier einerseits wiederzufinden vermochte und andererseits zu Reflexion herausgefordert wurde. Danke @bettinawilpert für diesen Text, den ich allen Menschen jeglichen Geschlechts ans Herz legen möchte, die planen, ein Kind zu bekommen; die sich fragen, ob sie eines bekommen sollten; die definitiv keines haben wollen; jenen, die keine Kinder bekommen können und damit hadern; jenen, die ein Kind verloren haben; denen, die mit dem Thema bereits durch sind; all jenen, für die das vielleicht noch in einiger Ferne liegt und jenen, die vielleicht mit Befremdung auf das Elterndasein von Menschen aus ihrem Umfeld blicken. tl;dr: Lest es einfach alle! Danke an den @verbrecherverlag für das Rezensionsexemplar.

    9. Sept. 2025

  • dunis.lesefutter
    dunis.lesefutter

    420 Follower

    3,5

    Ein sehr reflektiertes Buch über Schwangerschaft und die erste Zeit mit Kind

    Man könnte ja meinen, dass das Thema Schwanger- und Mutterschaft bei mir schon ein paar Jährchen vorbei ist. Stimmt auch! Doch befinde ich mich tatsächlich schon in dem Alter, wo sich im Dunstkreis meiner eigenen Kinder gerade ziemlich viele Menschen fortpflanzen. Und plötzlich sind sie wieder präsent, die Erinnerungen, an diese doch so besondere Zeit. Bettina Wilpert hat Dieser einen ganzen Roman gewidmet. Alex ist Lehrerin und seit einem Jahr Mutter von Paula. Sie reist ohne Kind zu ihrer Mutter Margit, die sich ein Bein gebrochen hat und ein bisschen Unterstützung braucht. Dort wohnt sie wieder in ihrem Kinderzimmer und fühlt sofort die Abwesenheit ihres Kindes intensiv und schmerzhaft. Beginnend mit einer Brustentzündung aufgrund des Abstillens sind wir nah an Alex und ihrem Körper. In Rückblicken erzählt sie von der Zeit vor der Geburt, inklusive eines frühen Abgangs, bis hin zur Schwangerschaft und des ersten Jahres mit Baby. Wir lesen nicht nur, wie intensiv die physische Erfahrung ist, was während einer Schwangerschaft passiert und was das mit Alex macht, sondern auch, wie sich das Umfeld verändert und welche Gedanken einen einholen. Wilpert lässt auch mich nachdenken über meine Schwangerschaften und die Gefühle, fie diese mit sich brachten. Wie verändern sich Freundschaften? Wie reagiert Familie und was ist mit dem Partner? Alles wird sich ändern, wenn ein Kind da ist, sagen einem die Menschen und es stimmt. Das Bedürfnis nach Sicherheit wird größer, dann, wenn andere Party machen, liegt man im Bett und ist müde und ist das Baby mal woanders so fühlt man sich wie amputiert. Wir haben es hier mit einer sehr persönlichen Geschichte zu tun deswegen fehlt natürlich der Vergleich mit anderen. Nicht jede Frau hat die gleichen Gefühle. Trotz der großen Reflektionen wurde mir hier Schwangerschaft und die Zeit danach oft zu positiv dargestellt. Frauen, denen es anders erging und die mit ihren Gefühlen zu kämpfen haben, können sich hier vielleicht vielleicht nicht unbedingt wieder finden. Trotzdem ist der Blick ungeschönt und die Verunsicherung, die diese einschneidende Veränderung mit sich bringt, finde ich sehr gut getroffen. Ein Roman, der vielleicht eine bestimmte Phase im Leben braucht, um zu greifen. Für alle mit Kinderwunsch, in Schwangerschaft und für Mütter, die auch gerne einmal zurückblicken.

    30. Jan. 2025

  • tiefseezeilen
    tiefseezeilen

    40 Follower

    3,0

    Reflexion über Schwangerschaft und Muttersein - authentisch und bodenständig. Aber auch mehr nicht für mich. Autofiktionale Literatur, die sich sehr stark wie ein Tagebuch liest. Aber ich hätte gerne mehr über das Umfeld, tiefere Gespräche gelesen und einen Mehrwert für mich gehabt.

    30. März 2025

3 von 10 Rezensionen

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