Blick ins Buch

Romane

An das Wilde glauben

3,9(62)
Nicht lieferbarKostenloser Versand
Jetzt kaufen

Über das Buch

Auf einer Forschungsreise wird Nastassja Martin von einem Bären gebissen und schwer verletzt. In aufwühlenden Worten erzählt sie von der Geschichte dieses Kampfes und von ihrer Genesung. Die Anthropologin Nastassja Martin teilt in dieser packenden autobiografischen Erzählung die Geschichte einer tiefen Verletzung und ihrer Heilung. Auf einer ihrer oft monatelangen Forschungsreisen auf die von Vulkanstümpfen durchzogene russische Halbinsel Kamtschatka, wo sie die Bräuche und Kosmologien der Ewenen studiert, taucht sie tief in deren Kultur ein und beginnt intensiv zu träumen. Nach einer Bergtour begegnet sie einem Bären: Es kommt zum Kampf, er beißt sie ins Gesicht und die 29-Jährige gerät in einen Zustand versehrter Identität. Was sie zuvor als Wissenschaftlerin beschrieben hat – die animistische Durchmischung von allem – erfährt sie nun am eigenen Leib. Die Grenzen zwischen dem Bären und ihrer selbst, oder dem, was früher sie selbst war, verschwimmen. Träume und Erinnerungen lassen Nastassja Martin umfassende Heilung in sich selbst und der Wildnis finden, in die sie nach einer qualvollen Genesungsgeschichte in russischen und französischen Krankenhäusern zurückkehrt.

Editionen (4)

ISBN9783751800174
VerlagMatthes & Seitz Berlin
Erscheinungsdatum18.03.21
Seitenzahl144

Rezensionen & Bewertungen

62 Bewertungen

13 Rezensionen

3,9

Tippen zum Filtern

  • readingjane
    readingjane

    380 Follower

    4,0

    Die Anthropologin Nastassja Martin hat in Kamtschatka eine folgenschwere Begegnung mit einem Bär. Er verletzt sie schwer, beißt ihr in den Kopf, ins Gesicht. Dieser Text ist ihr Versuch, uns mitzunehmen, in eine Situation, die sie eigentlich nicht hätte überleben sollen, und zu allem, was danach kommt: die Schmerzen, die Operationen, die Hilflosigkeit, die Angst, das Gesicht zu verlieren, eine Sensation zu sein, aufeinander prallende Welten, ihre Notwendigkeit, all dem einen Sinn, eine Bedeutung zu geben. Irgendwann kreist sie nur noch um die Sinnsuche und das Verstehen, das liest sich manchmal nicht sehr sympathisch. Sie gerät (mit sich selbst) ins Straucheln und weiß selbst nicht mehr, ihre Gedanken, Gefühle, Ängste und Überzeugungen zu ordnen. So bleibt es ein Versuch. Martin schreibt immer wieder, dass es ihr schwer fällt, anderen Menschen im Gespräch zu vermitteln, wie es ihr geht oder was sie denkt. Und das merkt man diesem ganzen Text an, dass sie einfach keine Worte für diese Erfahrungen findet, die sie fremden Menschen erklären könnten. So bleibt es auch für mich nicht greifbar. Ich kann nur ahnen, warum sie so denkt. Aber ich finde das nicht weiter schlimm. Ich hoffe, ihr hat es  geholfen, das alles aufzuschreiben. Mir muss es nicht helfen. Mir reicht mal wieder die Erkenntnis, dass in Extremsituationen Theorie und Praxis stark voneinander abweichen können, und dass es einfach schwierig ist, sein Innerstes anderen Menschen begreiflich zu machen, weil Menschen so völlig verschieden empfinden. Zum Glück gibt es ja meistens jemanden, mit dem man sich auch ohne Worte versteht. Beim Hörbuch war es für mich noch schwieriger ihren verschlungenen Gedankengängen zu folgen, ich würde das Buch auf jeden Fall vorrangig empfehlen.

    5. Mai 2026

  • 5,0

    Ein wahres Wunderwerk der Literatur 🤩🫶📚🐻🌳🌲🏕️

    Nastassja Martins „An das Wilde glauben“ erschienen im Matthes & Seitz Verlag, ist ein Buch, das in Frankreich wirklich für Furore gesorgt hat. Nastassja Martin hat ein literarisch essayistisches Buch geschrieben, das von einem Dasein zwischen den Welten, zwischen den Kulturen, zwischen Körpern und Existenzen, handelt. Eigentlich schlägt es so eine Bresche in diese feste Grenze zwischen Natur und Kultur, die wir zu denken gelernt haben. In den Bergen von Kamtschatka greift ein Bär eine französische Anthropologin an, das, heißt es im Buch ist aber nicht das Ereignis, das Ereignis ist, dass ein Bär und eine Frau sich begegnen und die Grenzen zwischen den Welten quasi implodieren. Martin, selber Anthropologin, hält sich zur Feldforschung in Kamtschatka auf, bei den Even, einem der letzten indigenen Völker Sibiriens, und eines Tages bricht sie zu einer Expedition mit zwei Begleitern in das vulkanische Hochgebirge auf, es ist kein Spaziergang, alles ziemlich gefährlich und als sie schon auf dem Weg nach unten sind steht sie eben diesem Bären gegenüber. Sie wird angegriffen und entkommt aber, weil sie sich mit einem Eispickel verteidigt, schwer verletzt natürlich. Und dann geht für mich das los, was das Buch eigentlich erzählt, nämlich eine ziemlich groteske und schmerzhafte Heilungsgeschichte die gleichzeitig eine innere und äußere Verwandlung erzählt. Sie wird nach Pedro Pavlovs geflogen mit ihren schweren Kopfverletzungen und der Bär hat auch ins Bein gebissen, wird dann vom einem sehr skurrilen, Goldkettchen tragenden, Chirurgen behandelt, liegt ans Bett gefesselt, wird zwangsernährt . Dann wird sie von Pedro Pavlovs nach Paris überführt, da lässt man ihr die in Russland eingesetzte Kieferplatte, die sie haben muss, weil der halbe Kiefer weg ist, wieder entfernen, weil die Ostplatte schlechter ist, als die bessere Westplatte. Es gibt die Formulierung: „ Jedenfalls war die Folge, dass mein Kiefer sich langsam, aber unerbittlich zu einem Schauplatz eines medizinischen kalten Krieges zwischen Frankreich und Russland entwickelte“. Der Witz ist natürlich, dass diese bessere Westplatte mit einem Keim versehen ist und dann alles nochmal von vorne beginnt. Die ganze Zeit reflektiert sie über das, was mit ihr passiert und über diesen Transformationsprozess, beschreibt sie ihren Körper als Gebiet des kalten Krieges, also die Grenze zwischen Ost und West, die da verläuft. Andererseits wird dieser Körper, aber auch zum Gebiet des Dialogs zwischen westlichen Ärzt*innen und Chirurg*innen und diesem sibirischen Bären, denn der hat, so versteht sie das, sich leibhaftig in ihren Körper eingeschrieben. Also da ist etwas animistisches in diesen menschlichen Körper gedrungen und damit setzt sie sich auseinander und das versteht sie dann als ein hybrides „Ich“: ein hybrider Körper, eine hybride Identität, die sich da herausbildet. Im Grunde ist das so ein Versuch gegen diese einheitliche Identität, die wir uns immer vorstellen, anzudenken. Also auch gegen jede Art von Grenzziehung, von Kategorisierung könnte man sagen, anzudenken und darüber hinauszugehen. Und sie selber gibt eine Grenze, die sie in ihrem Schreiben hat, am Ende auf. Das ist für mich das, worauf das Buch hinausläuft. Sie hat immer ein Nachtheft, wo sie ihre Träume und poetischen Gedanken einträgt und sie hat Taghefte, wo sie ihre wissenschaftlichen Forschungen einträgt und sie gibt am Ende eins ihrer Hefte auf und führt sozusagen ihr Denken zusammen. Diesen ganzen Prozess des Nachdenkens über eine andere Vorstellung von Identität, finde ich sehr beeindruckend. Dieses Wunderwerk hat nur 138 Seiten und ist meiner Meinung nach absolute Weltliteratur. Ich habe mich selten so berührt gefühlt und so intellektuell bereichert, aber auch emotional, wie von diesem für mich total überraschenden Buch.

    28. Mai 2024

  • 4,0

    "....es ist eine Geburt, da es offensichtlich kein Tod ist." So beschreibt die Autorin ihren Zusammenstoß mit einem Bären von dem sie nur stichwortartig berichtet. Es ist ein autobiographischen Bericht aus ihrer Zeit bei dem Volk der Ewan, die ihr auch die mystischen, naturverbundenen Gepflogenheiten näher bringen. Träume deuten um das Geschehen zu verarbeiten. "Du bist das Geschenk, das die Bären uns gemacht haben, in dem sie dich am Leben gelassen haben. " Ein beeindruckendes Buch!

    28. Sept. 2023

3 von 13 Rezensionen

Autorin / Autor

Über Nastassja Martin

Nastassja Martin, 1986 in Grenoble geboren, ist Anthropologin und Schriftstellerin. Die Schülerin Philippe Descolas ist Spezialistin für die Kosmologien und Animismen der Völker Alaskas und veröffentlichte vor ihrem ersten Roman, der großes Aufsehen erregte, u. a. mit Les âmes sauvages, ein Buch über die Widerständigkeit der Inuit gegen die Zivilisation.

Lesen ist schöner mit der READO App.

Bücher entdecken, tracken, gemeinsam lesen.

Bibliothek

Behalte den Überblick