Das Werk, das sich als erstes innerhalb der deutschen Literatur radikal vom realistischen Roman des 19. Jahrhunderts unterscheidet, kennt keinen Erzähler im herkömmlichen Sinn, besitzt keine kontinuierliche Handlung und besteht aus 71 Aufzeichnungen, die oftmals Prosagedichten ähneln und meist unverbunden aufeinander folgen. Rilke selbst nannte das Werk stets »Prosabuch« und niemals Roman. Dieser Umstand verweist auf die Sonderstellung des Werks in der deutschsprachigen Literatur. Seine äußere Form bildet das fingierte Tagebuch einer fingierten Figur namens Malte. Man begegnet ihm in der Gestalt des 28-jährigen Tagebuchschreibers aus einem mit ihm aussterbenden Adelsgeschlecht, der, nach dem frühen Tod der Eltern heimat- und besitzlos geworden, in Paris als Dichter zu leben versucht. Die fragmentarischen Aufzeichnungen bestehen aus einer assoziativen Folge meist eigenwertiger, teils schildernder, mitunter erzählender Abschnitte, die keinen durchgehenden Handlungsstrang besitzen, aber dennoch durch die inneren Konflikte Maltes verbunden sind und vom Dichter zu einem erkennbaren Daseinsentwurf verwoben werden, der sich grob in drei Teile zusammenfassen lässt: 1. Maltes Pariser Erlebnisse, 2. Maltes Kindheitserinnerungen und 3. Maltes Bearbeitung von historischen Begebenheiten und Geschichten. Die Übergänge zwischen diesen Teilen sind fließend und nicht genau definierbar. Rilke setzt des Weiteren äußerst dezent einen fiktiven Herausgeber ein, der sich nur dann und wann durch unscheinbare Randnotizen bemerkbar macht. Viele Eintragungen der Aufzeichnungen sind ihrer Form nach Prosagedichte, die jedoch nicht willkürlich aufeinander folgen, da ihre Anordnung und die Motive, übergreifenden Prinzipien gehorchend, miteinander verkettet sind: So kommt es etwa im ersten Teil zu einer Konfrontation der Pariser Eindrücke mit denen aus der Kindheit, wobei die motivischen Bindungen der subjektiven Darstellung von Tod, Angst und Krankheit teils antinomisch, teils analog verknüpft sind.
Rilke fordert den Leser:innen alles ab, was man an Geduld aufbringen kann ha ha ha. Dabei finde ich wirklich nicht alles schlecht, was ich seit Anfang Januar da gelesen habe. Und irgendwann (mit ein bisschen Abstand) werde ich mir das Buch noch einmal vorknöpfen (müssen) und mir dann viele großartige Zitate notieren. Zu einer ausführlichen Rezension fühle ich mich - verzeiht mir - nicht befähigt. 😎
18. März 2025
4,0
Rilke fordert den Leser:innen alles ab, was man an Geduld aufbringen kann ha ha ha. Dabei finde ich wirklich nicht alles schlecht, was ich seit Anfang Januar da gelesen habe. Und irgendwann (mit ein bisschen Abstand) werde ich mir das Buch noch einmal vorknöpfen (müssen) und mir dann viele großartige Zitate notieren. Zu einer ausführlichen Rezension fühle ich mich - verzeiht mir - nicht befähigt. 😎
Blüten und Früchte sind reif, wenn sie fallen; die Tiere fühlen sich und finden sich zueinander und sind es zufrieden. Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben, wir können nicht fertig werden. Wir rücken unsere Natur hinaus, wir brauchen noch Zeit.
Was ist uns ein Jahr? Was sind alle?
Zitat, Seite 165
Wer hierzulande zur Schule ging, wird höchstwahrscheinlich das eine oder andere Gedicht von Rainer Maria Rilke gelesen oder gar auswendig gelernt haben. Dieses Prosabuch, so betrachtete es der Verfasser selbst, ist vielleicht weniger bekannt.
Die Tagebuchaufzeichnungen einer fingierten Figur, eben von diesem Malte Laurids Brigge, berichten von den inneren Gedanken einer zerissenen Persönlichkeit. Der äußere Rahmen wird durch den Aufenthalt des Landeis Brigge in der lebhaften Metropole Paris, Anfang des 20. Jahrhunderts, bestimmt. Im Stile der damaligen Moderne erwachen Dinge zum Leben, die ganze Umgebung lärmt Tag und Nacht und lässt gequälte Seelen nicht zur Ruhe kommen.
Trotz der ruhelosen Stimmung seines Domizils wandert der Blick des Tagebuchschreibers nach innen und erweckt Bilder aus der Kindheit zum Leben. Die Aufzeichnungen sind geprägt durch Gegensätze: Leben und Tod, Liebe und Einsamkeit. Immer wieder offenbart sich der innere Konflikt, der alte Wunden öffnet und verdrängte Grundsatzfragen wieder in den Fokus rückt.
Reisen entpuppt sich als halbwegs getarnte Flucht, deren Wirkung ausbleibt. Zunächst scheinen Erinnerungen sicher verstaut und nur etwas für alte Menschen zu sein, doch im Verlauf werden die Bilder aus vergangenen Tagen immer lebhafter und neu ausgemalt.
Auch religiöse Motive fließen in die Texte mit ein und das Verhältnis des Menschen zu einem persönlichen Gott wird thematisiert. Gegen Ende interpretiert der fiktive Schreiber das Gleichnis vom verlorenen Sohn neu, indem er es auf seine Situation überträgt. Er schafft es sogar einen Hund in die Abschlussszene einzubauen, denn die Vierbeiner scheinen eine besondere Bedeutung für den Schreiber zu haben.
"Ach, hättet ihr müssen gestorben sein? - Das schafft wahrscheinlich auch nur Rilke, in ein zartes Frühlingsbild, die melancholische Stimmung des Winters und die Schwere des vergangenen Jahres hinein zu zeichnen. Aber wegen dieser starken Kontraste, die mit liebevoller Beharrlichkeit dem Lesesenden vor Augen geführt werden, ist das Werk des Poeten so wirkungsvoll.
FAZIT
Egal ob man das Werk als Prosabuch ansieht, oder wie einen Roman liest, kann man dem Wirbel der Worte, die wie Bilder am inneren Auge vorübergehen, nicht entziehen.
Manchmal scheint der Schreiber seinen Fokus zu verlieren, doch am Ende wird man mit Harmonie belohnt.
Lesenswerte Lektüre.
31. Juli 2024
4,0
Blüten und Früchte sind reif, wenn sie fallen; die Tiere fühlen sich und finden sich zueinander und sind es zufrieden. Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben, wir können nicht fertig werden. Wir rücken unsere Natur hinaus, wir brauchen noch Zeit.
Was ist uns ein Jahr? Was sind alle?
Zitat, Seite 165
Wer hierzulande zur Schule ging, wird höchstwahrscheinlich das eine oder andere Gedicht von Rainer Maria Rilke gelesen oder gar auswendig gelernt haben. Dieses Prosabuch, so betrachtete es der Verfasser selbst, ist vielleicht weniger bekannt.
Die Tagebuchaufzeichnungen einer fingierten Figur, eben von diesem Malte Laurids Brigge, berichten von den inneren Gedanken einer zerissenen Persönlichkeit. Der äußere Rahmen wird durch den Aufenthalt des Landeis Brigge in der lebhaften Metropole Paris, Anfang des 20. Jahrhunderts, bestimmt. Im Stile der damaligen Moderne erwachen Dinge zum Leben, die ganze Umgebung lärmt Tag und Nacht und lässt gequälte Seelen nicht zur Ruhe kommen.
Trotz der ruhelosen Stimmung seines Domizils wandert der Blick des Tagebuchschreibers nach innen und erweckt Bilder aus der Kindheit zum Leben. Die Aufzeichnungen sind geprägt durch Gegensätze: Leben und Tod, Liebe und Einsamkeit. Immer wieder offenbart sich der innere Konflikt, der alte Wunden öffnet und verdrängte Grundsatzfragen wieder in den Fokus rückt.
Reisen entpuppt sich als halbwegs getarnte Flucht, deren Wirkung ausbleibt. Zunächst scheinen Erinnerungen sicher verstaut und nur etwas für alte Menschen zu sein, doch im Verlauf werden die Bilder aus vergangenen Tagen immer lebhafter und neu ausgemalt.
Auch religiöse Motive fließen in die Texte mit ein und das Verhältnis des Menschen zu einem persönlichen Gott wird thematisiert. Gegen Ende interpretiert der fiktive Schreiber das Gleichnis vom verlorenen Sohn neu, indem er es auf seine Situation überträgt. Er schafft es sogar einen Hund in die Abschlussszene einzubauen, denn die Vierbeiner scheinen eine besondere Bedeutung für den Schreiber zu haben.
"Ach, hättet ihr müssen gestorben sein? - Das schafft wahrscheinlich auch nur Rilke, in ein zartes Frühlingsbild, die melancholische Stimmung des Winters und die Schwere des vergangenen Jahres hinein zu zeichnen. Aber wegen dieser starken Kontraste, die mit liebevoller Beharrlichkeit dem Lesesenden vor Augen geführt werden, ist das Werk des Poeten so wirkungsvoll.
FAZIT
Egal ob man das Werk als Prosabuch ansieht, oder wie einen Roman liest, kann man dem Wirbel der Worte, die wie Bilder am inneren Auge vorübergehen, nicht entziehen.
Manchmal scheint der Schreiber seinen Fokus zu verlieren, doch am Ende wird man mit Harmonie belohnt.
Lesenswerte Lektüre.