Das opus magnum des Wortmagiers zum Wiederlesen
'Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge': ein Meilenstein moderner Prosakunst, in seiner Musikalität und gedanklichen Raffinesse Rilkes lyrischem Schaffen ebenbürtig. Die bibliophile Ausgabe mit einem exklusiven Nachwort des Rilke-Kenners Fritz J. Raddatz würdigt den einzigartigen Rang dieses legendären Klassikers.
Ein dänischer Adeliger, früh verwaist, streift durch das Paris des frühen 20. Jahrhunderts: eine Stadt des Glanzes, aber auch eine des Grauens, wie er alsbald feststellt. Denn Rilkes Protagonist liefert sich schonungslos und ohne romantischen Degout den mannigfaltigen Eindrücken aus, die auf ihn einstürmen, verschließt die Augen auch nicht vor dem Elend der Clochards oder Prostituierten. Der Moloch Großstadt wird für ihn nach und nach zum Katalysator einer neuartigen Wahrnehmung, die selbst dem Ekelhaften und Beklemmenden einen ästhetischen Reiz abgewinnt. Maltes Notate gleichen einer hohen Schule des Sehens, einem Exerzitium reiner, unvoreingenommener Welt-Anschauung …
Seit nunmehr einem Jahrhundert übt dieses 'Wunderwerk' (Fritz J. Raddatz) der modernen Literatur eine zauberische Faszination auf alle lesenden Menschen aus. Die vorliegende Ausgabe versammelt neben der Erstausgabe des 'Malte Laurids Brigge' von 1910 sämtliche zugehörigen Textpassagen aus Rilkes Nachlass und ist mit einem umfassenden Kommentar versehen. Die bibliophile Ausstattung lädt zur Wiederbegegnung mit dem legendären Klassiker ein und macht diese Ausgabe zu einem idealen Geschenk für jeden Buchliebhaber: Sie ist zweifarbig gedruckt und fadengeheftet, in seidig glänzendes Leinen gebunden und mit einem Lesebändchen versehen.
Rilke fordert den Leser:innen alles ab, was man an Geduld aufbringen kann ha ha ha. Dabei finde ich wirklich nicht alles schlecht, was ich seit Anfang Januar da gelesen habe. Und irgendwann (mit ein bisschen Abstand) werde ich mir das Buch noch einmal vorknöpfen (müssen) und mir dann viele großartige Zitate notieren. Zu einer ausführlichen Rezension fühle ich mich - verzeiht mir - nicht befähigt. 😎
18. März 2025
4,0
Rilke fordert den Leser:innen alles ab, was man an Geduld aufbringen kann ha ha ha. Dabei finde ich wirklich nicht alles schlecht, was ich seit Anfang Januar da gelesen habe. Und irgendwann (mit ein bisschen Abstand) werde ich mir das Buch noch einmal vorknöpfen (müssen) und mir dann viele großartige Zitate notieren. Zu einer ausführlichen Rezension fühle ich mich - verzeiht mir - nicht befähigt. 😎
Blüten und Früchte sind reif, wenn sie fallen; die Tiere fühlen sich und finden sich zueinander und sind es zufrieden. Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben, wir können nicht fertig werden. Wir rücken unsere Natur hinaus, wir brauchen noch Zeit.
Was ist uns ein Jahr? Was sind alle?
Zitat, Seite 165
Wer hierzulande zur Schule ging, wird höchstwahrscheinlich das eine oder andere Gedicht von Rainer Maria Rilke gelesen oder gar auswendig gelernt haben. Dieses Prosabuch, so betrachtete es der Verfasser selbst, ist vielleicht weniger bekannt.
Die Tagebuchaufzeichnungen einer fingierten Figur, eben von diesem Malte Laurids Brigge, berichten von den inneren Gedanken einer zerissenen Persönlichkeit. Der äußere Rahmen wird durch den Aufenthalt des Landeis Brigge in der lebhaften Metropole Paris, Anfang des 20. Jahrhunderts, bestimmt. Im Stile der damaligen Moderne erwachen Dinge zum Leben, die ganze Umgebung lärmt Tag und Nacht und lässt gequälte Seelen nicht zur Ruhe kommen.
Trotz der ruhelosen Stimmung seines Domizils wandert der Blick des Tagebuchschreibers nach innen und erweckt Bilder aus der Kindheit zum Leben. Die Aufzeichnungen sind geprägt durch Gegensätze: Leben und Tod, Liebe und Einsamkeit. Immer wieder offenbart sich der innere Konflikt, der alte Wunden öffnet und verdrängte Grundsatzfragen wieder in den Fokus rückt.
Reisen entpuppt sich als halbwegs getarnte Flucht, deren Wirkung ausbleibt. Zunächst scheinen Erinnerungen sicher verstaut und nur etwas für alte Menschen zu sein, doch im Verlauf werden die Bilder aus vergangenen Tagen immer lebhafter und neu ausgemalt.
Auch religiöse Motive fließen in die Texte mit ein und das Verhältnis des Menschen zu einem persönlichen Gott wird thematisiert. Gegen Ende interpretiert der fiktive Schreiber das Gleichnis vom verlorenen Sohn neu, indem er es auf seine Situation überträgt. Er schafft es sogar einen Hund in die Abschlussszene einzubauen, denn die Vierbeiner scheinen eine besondere Bedeutung für den Schreiber zu haben.
"Ach, hättet ihr müssen gestorben sein? - Das schafft wahrscheinlich auch nur Rilke, in ein zartes Frühlingsbild, die melancholische Stimmung des Winters und die Schwere des vergangenen Jahres hinein zu zeichnen. Aber wegen dieser starken Kontraste, die mit liebevoller Beharrlichkeit dem Lesesenden vor Augen geführt werden, ist das Werk des Poeten so wirkungsvoll.
FAZIT
Egal ob man das Werk als Prosabuch ansieht, oder wie einen Roman liest, kann man dem Wirbel der Worte, die wie Bilder am inneren Auge vorübergehen, nicht entziehen.
Manchmal scheint der Schreiber seinen Fokus zu verlieren, doch am Ende wird man mit Harmonie belohnt.
Lesenswerte Lektüre.
31. Juli 2024
4,0
Blüten und Früchte sind reif, wenn sie fallen; die Tiere fühlen sich und finden sich zueinander und sind es zufrieden. Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben, wir können nicht fertig werden. Wir rücken unsere Natur hinaus, wir brauchen noch Zeit.
Was ist uns ein Jahr? Was sind alle?
Zitat, Seite 165
Wer hierzulande zur Schule ging, wird höchstwahrscheinlich das eine oder andere Gedicht von Rainer Maria Rilke gelesen oder gar auswendig gelernt haben. Dieses Prosabuch, so betrachtete es der Verfasser selbst, ist vielleicht weniger bekannt.
Die Tagebuchaufzeichnungen einer fingierten Figur, eben von diesem Malte Laurids Brigge, berichten von den inneren Gedanken einer zerissenen Persönlichkeit. Der äußere Rahmen wird durch den Aufenthalt des Landeis Brigge in der lebhaften Metropole Paris, Anfang des 20. Jahrhunderts, bestimmt. Im Stile der damaligen Moderne erwachen Dinge zum Leben, die ganze Umgebung lärmt Tag und Nacht und lässt gequälte Seelen nicht zur Ruhe kommen.
Trotz der ruhelosen Stimmung seines Domizils wandert der Blick des Tagebuchschreibers nach innen und erweckt Bilder aus der Kindheit zum Leben. Die Aufzeichnungen sind geprägt durch Gegensätze: Leben und Tod, Liebe und Einsamkeit. Immer wieder offenbart sich der innere Konflikt, der alte Wunden öffnet und verdrängte Grundsatzfragen wieder in den Fokus rückt.
Reisen entpuppt sich als halbwegs getarnte Flucht, deren Wirkung ausbleibt. Zunächst scheinen Erinnerungen sicher verstaut und nur etwas für alte Menschen zu sein, doch im Verlauf werden die Bilder aus vergangenen Tagen immer lebhafter und neu ausgemalt.
Auch religiöse Motive fließen in die Texte mit ein und das Verhältnis des Menschen zu einem persönlichen Gott wird thematisiert. Gegen Ende interpretiert der fiktive Schreiber das Gleichnis vom verlorenen Sohn neu, indem er es auf seine Situation überträgt. Er schafft es sogar einen Hund in die Abschlussszene einzubauen, denn die Vierbeiner scheinen eine besondere Bedeutung für den Schreiber zu haben.
"Ach, hättet ihr müssen gestorben sein? - Das schafft wahrscheinlich auch nur Rilke, in ein zartes Frühlingsbild, die melancholische Stimmung des Winters und die Schwere des vergangenen Jahres hinein zu zeichnen. Aber wegen dieser starken Kontraste, die mit liebevoller Beharrlichkeit dem Lesesenden vor Augen geführt werden, ist das Werk des Poeten so wirkungsvoll.
FAZIT
Egal ob man das Werk als Prosabuch ansieht, oder wie einen Roman liest, kann man dem Wirbel der Worte, die wie Bilder am inneren Auge vorübergehen, nicht entziehen.
Manchmal scheint der Schreiber seinen Fokus zu verlieren, doch am Ende wird man mit Harmonie belohnt.
Lesenswerte Lektüre.