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Romane

Physik der Schwermut

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Über das Buch

Der Erzähler von Georgi Gospodinovs zweitem Roman leidet an übergroßer Empathie: er kann und muss sich in alles und jeden einfühlen und erlebt dann, was diese anderen erleben – ob das nun sein Großvater am Beginn des 20. Jahrhunderts war, der kleine in ein Labyrinth weggesperrte Minotauros oder eine Schnecke, die gerade verschluckt wird. Aber auch, dass die Zeit unwiederbringlich vergeht, macht ihm zu schaffen; und er geht mit Zeitkapseln dagegen vor: Behälter, in die alles hineinkommt, was für die Gegenwart wichtig ist. Aber was ist wichtig? Zu diesem Zweck wiederum müssen Listen angelegt werden, eine im alten Ostblock bei Kindern und Jugendlichen ohnehin beliebte Praxis … Aus zahlreichen kurzen poetischen Kapiteln komponiert Gospodinov einen melancholischen Roman, der – wie oft bei Melancholikern – amüsiert und überrascht, und unterstreicht damit nachhaltig seinen weltliterarischen Rang. Seine Vergegenwärtigung altgriechischer Mythen ist ebenso denkwürdig wie seine Erinnerung an 40 Jahre bulgarischen Kommunismus. Und dass das Festhalten des gegenwärtigen Augenblicks eine vergebliche Aufgabe ist: es hindert ihn nicht daran, sich dieser Aufgabe von Seite zu Seite immer wieder neu zu stellen.

Editionen (3)

ISBN9783854208495
VerlagLiteraturverlag Droschl
Erscheinungsdatum03.02.14
Seitenzahl336

Rezensionen & Bewertungen

9 Bewertungen

3 Rezensionen

3,9

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  • carsten
    carsten

    95 Follower

    4,0

    Empathie und das Labyrinth des Lebens. Hashtag lesetipp

    22. Feb. 2026

  • laura1mue
    laura1mue

    154 Follower

    4,5

    Das Leben, ein Labyrinth

    Auch das Buch selbst könnte man in sich als Labyrinth sehen. Vergangenheit und Gegenwart, Vergessen und Erinnern, Quantenphysik und Poesie, Melancholie und Freude, Griechische Mythologie und Leben im sozialistischen Bulgarien. Auf alle diese Dinge und noch mehr findet man bei Gospodinov. Es ist kein Buch zum schnell mal zwischendurch Lesen (was der Titel evtl. bereits verrät) doch es lohnt sich allemal 🙂

    5. Jan. 2024

  • tausendlexi
    tausendlexi

    98 Follower

    Ein Erzähler von grenzenloser Empathie durchstreift die Zeiten und Existenzen: Er lauscht dem stummen Leid des im Labyrinth verbannten Minotaurus ebenso wie der stillen Beharrlichkeit einer Gartenschnecke oder den verblassenden Erinnerungen des eigenen Großvaters. Mit tastender Vorstellungskraft errichtet er ein Museum der inneren Bilder, ein Archiv imaginierter Erinnerungen, in dem sich das Vergangene und das Gegenwärtige unauflöslich verschränken. Was geschah mit den Namen, nachdem ihre Besitzer gestorben waren? Waren sie frei? Fuhren die Namen fort etwas zu bedeuten, oder zerfielen sie wie die Körper unter ihnen und blieben nur die Knochen der Konsonaten übrig. Seite 73 Sein Blick durchmisst Epochen wie ein aufziehendes Unwetter. Von den Mythen der griechischen Antike über die Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts bis hin zu den letzten Nachklängen des bulgarischen Kommunismus. In diesem fortwährenden Festhalten offenbart sich zugleich die Zerbrechlichkeit aller Dinge: Denn jedes Erinnern trägt bereits den Schatten des Vergessens in sich. Dinge, die nicht zum Sammeln taugen (Liste des Unbeständigen) Käse – beginnt zu miefen Äpfel – verschrumpeln, faulen Wolken – ändern des Aggregatzustand Quittenmarmelade – bekommt Schimmelhaut Geliebte – altern, verschrumpeln (siehe Äpfel) Kinder – wachsen Schneemänner – schmelzen Kaulquappen und Raupen – ändern die Körperform Seite 243 Und so stellt sich unausweichlich die Frage: Was bedeutet es zu leben, wenn nicht dies, das unermüdliche Sammeln von Erinnerungen, das Sich-Hineinversetzen in andere Leben, das behutsame Bewahren dessen, was unaufhaltsam vergeht? So tief die Melancholie den Roman durchzieht, wird sie doch immer wieder von leisen, oft überraschenden Momenten des Komischen durchbrochen. In diesem feinen Wechselspiel beginnen die Grenzen zwischen Schwermut und Leichtigkeit zu verschwimmen, als gehörten sie untrennbar zusammen. Ob es die alten Mythen sind, die bruchstückhaften Erinnerungen an den Großvater als Kind und Soldat oder die eigene Lebensgeschichte, die im kommunistischen Bulgarien beginnt und sich bis zu jenem Punkt entfaltet, an dem Erinnerungen wie in Zeitkapseln konserviert werden. Gospodinovs Roman hält auf jeder Seite etwas Eigenwilliges, etwas Unverwechselbares bereit. Melancholie und Humor stehen dabei nicht im Widerspruch, sondern nähren einander. Es dauert ein paar Kapitel, doch dann lässt sich nicht mehr leugnen, dass Physik der Schwermut in den Rang großer Literatur gehört. Mit einer seltenen Verbindung aus poetischer Zartheit und existenzieller Wucht entfaltet der Text Reflexionen über Leben und Tod, über Trauer und Erinnerung, über die Literatur selbst, so eindringlich und zugleich so anmutig, dass einem die Worte darüber beinahe entgleiten

    3. Juni 2026

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