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Empathie und das Labyrinth des Lebens. Hashtag lesetipp
22. Feb. 2026
Empathie und das Labyrinth des Lebens. Hashtag lesetipp
22. Feb. 2026
Blick ins Buch
»Eine literarische Wundertüte.« Cicero
Der Erzähler von Georgi Gospodinovs Roman leidet an übergroßer Empathie: Er kann und muss sich in alles und jeden einfühlen und erlebt dann, was diese anderen erleben – ob das nun sein Großvater am Beginn des 20. Jahrhunderts ist, der in ein Labyrinth weggesperrte Minotauros oder eine Schnecke, die gerade verschluckt wird.
Aber auch, dass die Zeit unwiederbringlich vergeht, macht ihm zu schaffen – so birgt er Absurdes und Alltägliches von der Antike bis zur Apokalypse und wappnet sich damit gegen das Vergessen: Die Vergegenwärtigung altgriechischer Mythen ist ebenso denkwürdig wie seine Erinnerung an vierzig Jahre bulgarischen Kommunismus.
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22. Feb. 2026
22. Feb. 2026

154 Follower
Auch das Buch selbst könnte man in sich als Labyrinth sehen. Vergangenheit und Gegenwart, Vergessen und Erinnern, Quantenphysik und Poesie, Melancholie und Freude, Griechische Mythologie und Leben im sozialistischen Bulgarien. Auf alle diese Dinge und noch mehr findet man bei Gospodinov. Es ist kein Buch zum schnell mal zwischendurch Lesen (was der Titel evtl. bereits verrät) doch es lohnt sich allemal 🙂
5. Jan. 2024
Auch das Buch selbst könnte man in sich als Labyrinth sehen. Vergangenheit und Gegenwart, Vergessen und Erinnern, Quantenphysik und Poesie, Melancholie und Freude, Griechische Mythologie und Leben im sozialistischen Bulgarien. Auf alle diese Dinge und noch mehr findet man bei Gospodinov. Es ist kein Buch zum schnell mal zwischendurch Lesen (was der Titel evtl. bereits verrät) doch es lohnt sich allemal 🙂
5. Jan. 2024

98 Follower
Ein Erzähler von grenzenloser Empathie durchstreift die Zeiten und Existenzen: Er lauscht dem stummen Leid des im Labyrinth verbannten Minotaurus ebenso wie der stillen Beharrlichkeit einer Gartenschnecke oder den verblassenden Erinnerungen des eigenen Großvaters. Mit tastender Vorstellungskraft errichtet er ein Museum der inneren Bilder, ein Archiv imaginierter Erinnerungen, in dem sich das Vergangene und das Gegenwärtige unauflöslich verschränken. Was geschah mit den Namen, nachdem ihre Besitzer gestorben waren? Waren sie frei? Fuhren die Namen fort etwas zu bedeuten, oder zerfielen sie wie die Körper unter ihnen und blieben nur die Knochen der Konsonaten übrig. Seite 73 Sein Blick durchmisst Epochen wie ein aufziehendes Unwetter. Von den Mythen der griechischen Antike über die Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts bis hin zu den letzten Nachklängen des bulgarischen Kommunismus. In diesem fortwährenden Festhalten offenbart sich zugleich die Zerbrechlichkeit aller Dinge: Denn jedes Erinnern trägt bereits den Schatten des Vergessens in sich. Dinge, die nicht zum Sammeln taugen (Liste des Unbeständigen) Käse – beginnt zu miefen Äpfel – verschrumpeln, faulen Wolken – ändern des Aggregatzustand Quittenmarmelade – bekommt Schimmelhaut Geliebte – altern, verschrumpeln (siehe Äpfel) Kinder – wachsen Schneemänner – schmelzen Kaulquappen und Raupen – ändern die Körperform Seite 243 Und so stellt sich unausweichlich die Frage: Was bedeutet es zu leben, wenn nicht dies, das unermüdliche Sammeln von Erinnerungen, das Sich-Hineinversetzen in andere Leben, das behutsame Bewahren dessen, was unaufhaltsam vergeht? So tief die Melancholie den Roman durchzieht, wird sie doch immer wieder von leisen, oft überraschenden Momenten des Komischen durchbrochen. In diesem feinen Wechselspiel beginnen die Grenzen zwischen Schwermut und Leichtigkeit zu verschwimmen, als gehörten sie untrennbar zusammen. Ob es die alten Mythen sind, die bruchstückhaften Erinnerungen an den Großvater als Kind und Soldat oder die eigene Lebensgeschichte, die im kommunistischen Bulgarien beginnt und sich bis zu jenem Punkt entfaltet, an dem Erinnerungen wie in Zeitkapseln konserviert werden. Gospodinovs Roman hält auf jeder Seite etwas Eigenwilliges, etwas Unverwechselbares bereit. Melancholie und Humor stehen dabei nicht im Widerspruch, sondern nähren einander. Es dauert ein paar Kapitel, doch dann lässt sich nicht mehr leugnen, dass Physik der Schwermut in den Rang großer Literatur gehört. Mit einer seltenen Verbindung aus poetischer Zartheit und existenzieller Wucht entfaltet der Text Reflexionen über Leben und Tod, über Trauer und Erinnerung, über die Literatur selbst, so eindringlich und zugleich so anmutig, dass einem die Worte darüber beinahe entgleiten
3. Juni 2026
Ein Erzähler von grenzenloser Empathie durchstreift die Zeiten und Existenzen: Er lauscht dem stummen Leid des im Labyrinth verbannten Minotaurus ebenso wie der stillen Beharrlichkeit einer Gartenschnecke oder den verblassenden Erinnerungen des eigenen Großvaters. Mit tastender Vorstellungskraft errichtet er ein Museum der inneren Bilder, ein Archiv imaginierter Erinnerungen, in dem sich das Vergangene und das Gegenwärtige unauflöslich verschränken. Was geschah mit den Namen, nachdem ihre Besitzer gestorben waren? Waren sie frei? Fuhren die Namen fort etwas zu bedeuten, oder zerfielen sie wie die Körper unter ihnen und blieben nur die Knochen der Konsonaten übrig. Seite 73 Sein Blick durchmisst Epochen wie ein aufziehendes Unwetter. Von den Mythen der griechischen Antike über die Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts bis hin zu den letzten Nachklängen des bulgarischen Kommunismus. In diesem fortwährenden Festhalten offenbart sich zugleich die Zerbrechlichkeit aller Dinge: Denn jedes Erinnern trägt bereits den Schatten des Vergessens in sich. Dinge, die nicht zum Sammeln taugen (Liste des Unbeständigen) Käse – beginnt zu miefen Äpfel – verschrumpeln, faulen Wolken – ändern des Aggregatzustand Quittenmarmelade – bekommt Schimmelhaut Geliebte – altern, verschrumpeln (siehe Äpfel) Kinder – wachsen Schneemänner – schmelzen Kaulquappen und Raupen – ändern die Körperform Seite 243 Und so stellt sich unausweichlich die Frage: Was bedeutet es zu leben, wenn nicht dies, das unermüdliche Sammeln von Erinnerungen, das Sich-Hineinversetzen in andere Leben, das behutsame Bewahren dessen, was unaufhaltsam vergeht? So tief die Melancholie den Roman durchzieht, wird sie doch immer wieder von leisen, oft überraschenden Momenten des Komischen durchbrochen. In diesem feinen Wechselspiel beginnen die Grenzen zwischen Schwermut und Leichtigkeit zu verschwimmen, als gehörten sie untrennbar zusammen. Ob es die alten Mythen sind, die bruchstückhaften Erinnerungen an den Großvater als Kind und Soldat oder die eigene Lebensgeschichte, die im kommunistischen Bulgarien beginnt und sich bis zu jenem Punkt entfaltet, an dem Erinnerungen wie in Zeitkapseln konserviert werden. Gospodinovs Roman hält auf jeder Seite etwas Eigenwilliges, etwas Unverwechselbares bereit. Melancholie und Humor stehen dabei nicht im Widerspruch, sondern nähren einander. Es dauert ein paar Kapitel, doch dann lässt sich nicht mehr leugnen, dass Physik der Schwermut in den Rang großer Literatur gehört. Mit einer seltenen Verbindung aus poetischer Zartheit und existenzieller Wucht entfaltet der Text Reflexionen über Leben und Tod, über Trauer und Erinnerung, über die Literatur selbst, so eindringlich und zugleich so anmutig, dass einem die Worte darüber beinahe entgleiten
3. Juni 2026
Autorin / Autor
Georgi Gospodinov, geboren 1968 in Jambol im Südosten Bulgariens, studierte Bulgarische Philologie in Sofia. Gospodinov verfasst regelmäßig Kolumnen für die bulgarische Tageszeitung ›Dnevnik‹ sowie für die ›Deutsche Welle‹ und ist als Redakteur einer Literaturzeitschrift tätig. Er ist ein vielseitiger Autor, schreibt Romane, Erzählungen und Lyrik ebenso wie Drehbücher und Theaterstücke. Internationales Ansehen erlangte er mit seinem Debütroman ›Natürlicher Roman‹, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und Gospodinov damit zu einem der meistübersetzten bulgarischen Autoren seit 1989 macht. Sein Erzählband ›Und andere Geschichten‹ stand auf der Longlist für den Frank O'Connor Award. Sein zweiter Roman, ›Physik der Schwermut‹, war für verschiedene internationale Preise nominiert, darunter der Internationale Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt, der Brücke Berlin Preis, der Premio Strega Europeo sowie der American Pen Translation Prize. Zuletzt wurde Gospodinov für ›Physik der Schwermut‹ mit dem Prix Jan Michalski ausgezeichnet. Im Sommersemester 2015 hatte er die Siegfried-Unseld-Gastprofessur an der Humboldt-Universität Berlin inne. Georgi Gospodinov lebt und arbeitet in Sofia.
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