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Schattenzeit. Deutschland 1943: Alltag und Abgründe

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Über das Buch

Das Unheil nimmt seinen Lauf bei Kaffee und Kuchen. Karlrobert Kreiten, 27 Jahre alt, ein hochbegabter Pianist, verliert im März 1943 ein unbedachtes Wort gegenüber einer Freundin seiner Mutter: »Der Führer ist krank«, der Krieg sei verloren. Sechs Monate später stirbt er am Galgen. Sein Schicksal steht im Mittelpunkt von Oliver Hilmes’ Buch über das einschneidende Jahr 1943. In dem immer noch getanzt wird, auch wenn bei Stalingrad eine ganze Armee vernichtet wird und die Städte schon in Trümmern liegen. In Porträts und Geschichten erzählt er von dem nahenden Ende des Zweiten Weltkrieges, das noch längst nicht jeder wahrhaben will. Ungekürzte Lesung mit Julian Mehne 1 mp3-CD | ca. 6 h 49 min

Editionen (4)

ISBN9783742426338
VerlagDer Audio Verlag
Erscheinungsdatum12.01.23

Rezensionen & Bewertungen

49 Bewertungen

11 Rezensionen

4,6

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  • rikwal
    rikwal

    357 Follower

    5,0

    Nationalsozialismus, Wehrkraftzersetzung, Volksgerichtshof, Pianist, Verfolgung, Denunziation, Höfer, späte Gerechtigkeit, Emigration, Drittes Reich

    6. Juli 2024

  • _erlesenes
    _erlesenes

    131 Follower

    4,0

    WECHSELSEITIGKEIT Impulsiv und unbedacht kann man es nennen, was der junge und erfolgreiche Pianist Karlrobert Kreiten im Frühjahr 1943 gegenüber der Vermieterin einer Übergangsbleibe und Jugendfreundin seiner Mutter äußert. Doch diese Unbedachtheit wird Folgen haben für den 27jährigen Berliner mit einem niederländischen Pass. Nachdem er, genervt vom Hitler-Wahn seiner Vermieterin, der sich u.a. in der Omnipräsenz von Hitlerbildern in der Wohnung äußert, ihr gegenüber Hitler als Wahnsinnigen und den Krieg als bereits verloren bezeichnet, reicht diese nach der Rücksprache mit Freundinnen und Nachbar*innen Anzeige bei der Gestapo ein. Kreiten wird verhaftet, monatelang verhört und schließlich wegen Feinbegünstigung und Wehrkraftzersetzung angeklagt und von Roland Freisler, einem berüchtigten Nazi-Richter des Volksgerichtshofes zum Tode verurteilt. Kreiten wird kaum sechs Monate nach seiner privaten Äußerung am 7. September 43 in Plötzensee an einem Fleischerhaken aufgehängt. An 250 Gefangenen wird in diesen Tagen, die als „Plötzenseer Blutnächte“ bezeichnet werden, ein beschleunigter Vollzug des Todesurteils durchgeführt – einige von ihnen waren nicht einmal zum Tod verurteilt worden. Die Nazis wollen ein Exempel an widerständigen Künstler*innen statuieren und zudem wurde ein Teil der Haftanstalt durch eine Bombe zerstört und es muss Platz geschaffen werden. Kreitens Eltern, selbst erfolgreiche Musiker*innen, und seine Anwälte, die unter Einbeziehung aller Kontakte zur Prominenz jener Zeit versucht hatten, eine Begnadigung zu erwirken, erfahren nicht nur zu spät vom Gerichtstermin ihres Sohnes, sondern auch erst im Nachhinein von dessen Tod. Oliver Hilmes nutzt den Fall des jungen Klaviergenies um die Dynamiken des Jahres 1943 zu illustrieren und verleiht diesem Schicksal dadurch zugleich besondere Tragik. Die Wehrmacht hat die Schlacht um Stalingrad verloren, dass der Krieg nicht mehr zum erhofften und beschworenen „Endsieg“ Deutschlands führen wird, ist ein offenes Geheimnis für alle, die es sehen wollen und doch peitscht Göbbels die Öffentlichkeit weiter an und schwört sie auf eine Radikalisierung der Kriegsführung ein. Eine Kriegsführung, die sich schon lange nicht mehr nur nach außen richtet, sondern ebenso radikal gegen Widerstand innerhalb der eigenen Grenzen vorgeht. In vignettenartigen, kurzen Absätzen zeigt Oliver Hilmes historische Kipppunkte dieses Jahres und verbindet diese zunehmend mit den Entwicklungen im Leben Karlrobert Kreitens. Dabei zeigt sich, dass die mörderische Ideologie, der Antiintellektualismus der Nazis und die Forderung nach einem „Totalen Krieg“ keine theoretischen Abstrakte waren, sondern dass diese zeitnah, deutlich spürbare Konsequenzen hatten für Kreiten und andere. Hilmes zeichnet das Bild eines jungen Mannes, der voller Hoffnung und mit alterstypischer Naivität auf sein Leben blickt und doch am Ende erhobenen Hauptes in den Tod geht. Dieser Gang in den Tod ist es, der die Beschäftigung mit den Opfern, die in Plötzensee hingerichtet wurden (z.B. auch Mildred Harnack und ihr Mann ebenso wie Harro Schulze-Boysen und seine Frau Libertas) für mich zu einer besonderen im Kontext der Beschäftigung mit den Opfern der Nazis macht, denn hier stellt sich die Quellenlage bisweilen so dar, dass in Form der Aussagen der Geistlichen des Gefängnisses Informationen über die letzten Aussagen und Minuten der Häftlinge vorliegen, die sich zwischen schwer erträglich und sehr berührend bewegen. Hilmes zeigt allerdings auf einer übergeordneten Ebene durch die Montage der Auszüge aus der allgemeinen Historie dieses Jahres mit denen aus einem individuellen Leben auch, wie Geschichtsschreibung funktioniert und dass diese immer gezwungenermaßen Re-Konstruktion ist. Durch Auslassungen und Fokussierungen zieht „Schattenzeit“ nachvollziehbare Verbindungen zwischen diesen beiden Ebenen, die aber eben doch der Wahl des Autors unterliegen und so eine Deutung der Fakten darstellen. So ist das erzählende Sachbuch nicht nur Erinnerungsbuch an ein Opfer der Nazis und Zeitdiagnose, sondern auch gelungene Illustration geschichtswissenschaftlichen Arbeitens und Denkens.

    12. März 2024

  • amelialeonore
    amelialeonore

    8 Follower

    5,0

    Berührend, obwohl man alles schon weiß….

    Oliver Hilmes schafft es wieder einmal, Historisches literarisch zum Leben zu erwecken. Alltag und Abgründe verbindet meisterhaft mehrere Schicksale. Natürlich kennt man sie alle und trotzdem ist man noch mehr berührt, wenn es einem Autor gelingt Figuren so zum Leben zu erwecken, dass man sich mit ihnen tief verbunden fühlt. Und für mich immer wieder erschreckend, wie schmal derGrat ist auf dem man wandelt, wenn man in einer Diktatur lebt. Ein falsches Wort zur falschen Zeit am falschen Ort kann das Leben kosten. Wie schnell wird man unfreiwillig zum Helden, Opfer, Mitläufer, Täter?? Freuen wir uns über die Banalität unseres noch unbeschwerten Alltags.

    5. Nov. 2024

3 von 11 Rezensionen

Autorin / Autor

Über Oliver Hilmes

Oliver Hilmes, 1971 geboren, wurde in Zeitgeschichte promoviert und arbeitet als Kurator für die Stiftung Berliner Philharmoniker. Er ist für seine glänzend recherchierten und ebenso elegant wie mitreißend geschriebenen Biographien bekannt. Seine Bücher über Alma Mahler-Werfel und Cosima Wagner waren große Verkaufserfolge. Sein Bestseller »Berlin 1936. Sechzehn Tage im August« wurde in viele Sprachen übersetzt und mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Auch sein 2023 erschienenes Buch »Schattenzeit. Deutschland 1943: Alltag und Abgründe« wurde ein SPIEGEL-Bestseller.

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