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Maxim Biller ist mir schon immer etwas unheimlich. Positiv könnte man ihn als streitlustig und engagiert charakterisieren, aber ich empfand ihn stets als aggressiv, polemisch und anklagend. Daher hatte ich bislang um ihn einen Bogen gemacht, doch die Tatsache, dass sein neuestes Buch vom Feuilleton gefeiert und auf die Shortlist gehoben wurde, weckte meine Neugier. Ich war gespannt, wie ein Roman eines so scharfen Kritikers aussehen würde, der nicht zimperlich mit seinen Autorenkollegen umgeht. Also las ich meinen ersten Biller-Roman und kam auf den ersten Seiten überhaupt nicht in die Erzählung. Wie in einer Kurzgeschichte wird man in die Familienchronik an einem sehr warmen Maitag im Jahr 1965 in Prag hineingeworfen. Ich hatte bewusst nichts über den Roman im Vorfeld gelesen und daher dauerte es eine Zeitlang, bis mir klar wurde, dass das wohl eine Autobiografie ist. Da sind Vater, Mutter, Schwester und der Ich-Erzähler zu erkennen, aber es tauchen gleich eine Unmenge an weiteren Namen auf, die man als nicht zu den Billers gehörender Leser nicht zuordnen kann. Der Autor ist nun auch kein Romancier, der seine Geschichte langsam aufbaut und den Leser an die Hand nimmt. Nach dem ersten Drittel hatte ich dann den mir hingeworfenen Scherbenhaufen aus Szenen, Namen und nebensächlichen Handlungen und Dialogen aber langsam sortiert und das Gefallen am Buch stieg. Vermeintlich geht es um die Leiche im Keller, die wohl jede Familie zu verbergen hat. Bei den Billers ist es ein Verrat, der den Großvater 1960 das Leben in Moskau kostete. Der Ich-Erzähler versucht sein Leben lang die Wahrheit hinter diesem Verrät aufzuspüren. Folglich dachte, es wäre eine Art Kriminalroman, doch welche Überraschung am Ende: es gibt keine Auflösung. Folglich war ich auch überrascht, als ich Maxim Biller in einem Interview nach der Lektüre sagen hörte, dass es absoluter Quatsch sei, dieses Buch als autobiografisch zu bezeichnen. Die Hälfte davon wäre Fiktion und er "wolle die Leser mit dem Buch verrückt machen, in dem er alles durcheinander bringe. Dagegen ist ein Eintopf nix". Das strahlt ja schon eine gewisse Arroganz aus und letztlich fühlte ich mich ein wenig, na ja verarscht wäre zu viel gesagt, aber zumindest durchgequirlt. Das hat den Lesespaß zunächst getrübt. Ich hatte mich wie gesagt über das Buch nicht informiert im Vorfeld und auch keine Rezensionen gelesen. Daher war ich über das Ende erst überrascht, aber dann doch nach einigem Reflektieren ziemlich fasziniert. Es geht eigentlich gar nicht um die Frage, wer der Täter war. Wenn ich an Biller im Literarischen Quartett zurück denke, wie er sich über die gängigen Romanstrukturen im Mainstream echauffierte, dann wäre ein übliches Ende auch nicht wirklich authentisch für ihn gewesen. Nur wenn es nicht um den Verrat ging, um was ging es dann? Warum hat Biller mir seine Familiengeschichte (egal ob jetzt real oder fiktiv) erzählt? Mich hat dieser Mischmasch während des Lesens erst sehr geärgert, bis ich mich fragte, warum eigentlich? Ungewöhnliche Erzählformen sind normalerweise genau mein Geschmack. Warum rege ich mich darüber auf, dass die Figuren sich nur sehr langsam entwickeln, dass die Dialoge oft kurz und belanglos sind, dass ich nicht weiß, was real und was Fiktion ist? Ich interpretiere es so (gerade mit dem Brecht-Zitat zu Beginn, nachdem der Pass der edelste Teil des Menschen ist), dass eine entwurzelte Familie wie die Billers, die sich über Russland, Tschechien und später nach Deutschland, Schweiz, Großbritannien und Brasilien verstreute, kein Heimatgefühl entwickeln kann. Es ist das Los der Vertriebenen, kein Vertrauen und keine Geborgenheit zu spüren und eine enorme physische und seelische Belastung auf sich zu nehmen. Und daher ist es auch völlig gleichgültig, wer den Großvater verraten hat. Die Tat als Solches hat die Familie in ihrer Zerrissenheit geprägt. Und dieses Misstrauen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern ist hervorragend sprachlich umgesetzt. Mal abgesehen davon, dass ich es nicht leiden kann, wenn ich erst Interviews mit einem Autor anschauen muss, um wesentliche Zusatzinformationen über sein Buch zu erhalten, muss ich sagen, dass ich seinen Erzählstil gerade in der zweiten Hälfte des Buchs sehr genossen habe. Das Buch ist dramaturgisch hervorragend aufgebaut und mit den sechs Koffern, die die sechs Blickwinkel von verschiedenen Familienmitgliedern symbolisieren, auch gut strukturiert. Ungewöhnlich ist auf jeden Fall die nicht chronologische Erzählweise, die aber für mich auch ein Beweis ist, dass es bei diesem Buch weniger um die fortlaufende Handlung geht. Absolut nervig war für mich nur die gezwungene Witzigkeit beim Vergessen des Namens des Freunds Miroslav oder Jaroslavs und die Sexbessenheit des Teenagers Maxim Biller, bei dem die Suche nach Indizien für die Verräterrolle des Onkels genauso einen großen Raum einnahm, wie die Suche nach den Pornoheften in dessen Wohnung in Zürich. Aufgrund der vielen Pros und Contras, schwankte ich zwischen 3-5 Sternen und entschied mich letztlich für den Mittelwert. Je länger ich über das Buch nachdenke umso besser hat es mir gefallen.
23. Feb. 2024
Maxim Biller ist mir schon immer etwas unheimlich. Positiv könnte man ihn als streitlustig und engagiert charakterisieren, aber ich empfand ihn stets als aggressiv, polemisch und anklagend. Daher hatte ich bislang um ihn einen Bogen gemacht, doch die Tatsache, dass sein neuestes Buch vom Feuilleton gefeiert und auf die Shortlist gehoben wurde, weckte meine Neugier. Ich war gespannt, wie ein Roman eines so scharfen Kritikers aussehen würde, der nicht zimperlich mit seinen Autorenkollegen umgeht. Also las ich meinen ersten Biller-Roman und kam auf den ersten Seiten überhaupt nicht in die Erzählung. Wie in einer Kurzgeschichte wird man in die Familienchronik an einem sehr warmen Maitag im Jahr 1965 in Prag hineingeworfen. Ich hatte bewusst nichts über den Roman im Vorfeld gelesen und daher dauerte es eine Zeitlang, bis mir klar wurde, dass das wohl eine Autobiografie ist. Da sind Vater, Mutter, Schwester und der Ich-Erzähler zu erkennen, aber es tauchen gleich eine Unmenge an weiteren Namen auf, die man als nicht zu den Billers gehörender Leser nicht zuordnen kann. Der Autor ist nun auch kein Romancier, der seine Geschichte langsam aufbaut und den Leser an die Hand nimmt. Nach dem ersten Drittel hatte ich dann den mir hingeworfenen Scherbenhaufen aus Szenen, Namen und nebensächlichen Handlungen und Dialogen aber langsam sortiert und das Gefallen am Buch stieg. Vermeintlich geht es um die Leiche im Keller, die wohl jede Familie zu verbergen hat. Bei den Billers ist es ein Verrat, der den Großvater 1960 das Leben in Moskau kostete. Der Ich-Erzähler versucht sein Leben lang die Wahrheit hinter diesem Verrät aufzuspüren. Folglich dachte, es wäre eine Art Kriminalroman, doch welche Überraschung am Ende: es gibt keine Auflösung. Folglich war ich auch überrascht, als ich Maxim Biller in einem Interview nach der Lektüre sagen hörte, dass es absoluter Quatsch sei, dieses Buch als autobiografisch zu bezeichnen. Die Hälfte davon wäre Fiktion und er "wolle die Leser mit dem Buch verrückt machen, in dem er alles durcheinander bringe. Dagegen ist ein Eintopf nix". Das strahlt ja schon eine gewisse Arroganz aus und letztlich fühlte ich mich ein wenig, na ja verarscht wäre zu viel gesagt, aber zumindest durchgequirlt. Das hat den Lesespaß zunächst getrübt. Ich hatte mich wie gesagt über das Buch nicht informiert im Vorfeld und auch keine Rezensionen gelesen. Daher war ich über das Ende erst überrascht, aber dann doch nach einigem Reflektieren ziemlich fasziniert. Es geht eigentlich gar nicht um die Frage, wer der Täter war. Wenn ich an Biller im Literarischen Quartett zurück denke, wie er sich über die gängigen Romanstrukturen im Mainstream echauffierte, dann wäre ein übliches Ende auch nicht wirklich authentisch für ihn gewesen. Nur wenn es nicht um den Verrat ging, um was ging es dann? Warum hat Biller mir seine Familiengeschichte (egal ob jetzt real oder fiktiv) erzählt? Mich hat dieser Mischmasch während des Lesens erst sehr geärgert, bis ich mich fragte, warum eigentlich? Ungewöhnliche Erzählformen sind normalerweise genau mein Geschmack. Warum rege ich mich darüber auf, dass die Figuren sich nur sehr langsam entwickeln, dass die Dialoge oft kurz und belanglos sind, dass ich nicht weiß, was real und was Fiktion ist? Ich interpretiere es so (gerade mit dem Brecht-Zitat zu Beginn, nachdem der Pass der edelste Teil des Menschen ist), dass eine entwurzelte Familie wie die Billers, die sich über Russland, Tschechien und später nach Deutschland, Schweiz, Großbritannien und Brasilien verstreute, kein Heimatgefühl entwickeln kann. Es ist das Los der Vertriebenen, kein Vertrauen und keine Geborgenheit zu spüren und eine enorme physische und seelische Belastung auf sich zu nehmen. Und daher ist es auch völlig gleichgültig, wer den Großvater verraten hat. Die Tat als Solches hat die Familie in ihrer Zerrissenheit geprägt. Und dieses Misstrauen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern ist hervorragend sprachlich umgesetzt. Mal abgesehen davon, dass ich es nicht leiden kann, wenn ich erst Interviews mit einem Autor anschauen muss, um wesentliche Zusatzinformationen über sein Buch zu erhalten, muss ich sagen, dass ich seinen Erzählstil gerade in der zweiten Hälfte des Buchs sehr genossen habe. Das Buch ist dramaturgisch hervorragend aufgebaut und mit den sechs Koffern, die die sechs Blickwinkel von verschiedenen Familienmitgliedern symbolisieren, auch gut strukturiert. Ungewöhnlich ist auf jeden Fall die nicht chronologische Erzählweise, die aber für mich auch ein Beweis ist, dass es bei diesem Buch weniger um die fortlaufende Handlung geht. Absolut nervig war für mich nur die gezwungene Witzigkeit beim Vergessen des Namens des Freunds Miroslav oder Jaroslavs und die Sexbessenheit des Teenagers Maxim Biller, bei dem die Suche nach Indizien für die Verräterrolle des Onkels genauso einen großen Raum einnahm, wie die Suche nach den Pornoheften in dessen Wohnung in Zürich. Aufgrund der vielen Pros und Contras, schwankte ich zwischen 3-5 Sternen und entschied mich letztlich für den Mittelwert. Je länger ich über das Buch nachdenke umso besser hat es mir gefallen.
23. Feb. 2024






