Rumänien, Januar 1945. »Es war 3 Uhr in der Nacht, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15° C.« So beginnt der erschütternde Bericht eines jungen Mannes, der in ein russisches Straflager verschleppt wird – so wie 60000 andere Rumäniendeutsche, von deren Schicksal Herta Müller in diesem ungeheuren Buch erzählt. In Gesprächen mit dem verstorbenen Dichter Oskar Pastior und anderen Überlebenden der Lager hat sie den Stoff gesammelt – und zu überwältigender Literatur geformt.
Ein Buch, das nachhallt und das mir noch Jahre nachdem ich es las, im Gedächtnis ist. Herta Müllers Schreibstil ist einzigartig. Sie beschreibt so berührend und tiefgehend das Schicksal eines homosexuell Rumänen nach dem zweiten Weltkrieges und erinnert damit an einen Teil der verdrängten Geschichte. Das tut sie mit so außergewönlichen Worten, so dass man meint, die Ereignisse mit zu erleben. Ihre Art Geschichten zu erzählen ist etwas besonders.
25. Juni 2025
5,0
Ein Buch, das nachhallt und das mir noch Jahre nachdem ich es las, im Gedächtnis ist. Herta Müllers Schreibstil ist einzigartig. Sie beschreibt so berührend und tiefgehend das Schicksal eines homosexuell Rumänen nach dem zweiten Weltkrieges und erinnert damit an einen Teil der verdrängten Geschichte. Das tut sie mit so außergewönlichen Worten, so dass man meint, die Ereignisse mit zu erleben. Ihre Art Geschichten zu erzählen ist etwas besonders.
Siebenbürgen, Rumänien, 1945:
Leo Auberg, der der deutschen Minderheit in Rumänien angehört, wächst in Siebenbürgen auf. Der Krieg nähert sich seinem Ende, als Leo 17 Jahre alt ist. Die Deutschen in Rumänien lebten in ständiger Angst, von den Russen in die Arbeitslager deportiert zu werden, und so steht schließlich auch Leo auf einer Liste. Anfangs wünscht er sich nichts sehnlicher, als wegzukommen aus der Kleinstadt, "wo alle Steine Augen hatten", denn Leo bemerkt eine sexuelle Vorliebe für das eigene Geschlecht, was zu dieser Zeit mit furchtbaren Sanktionen geahndet wurde. Als schließlich um 3:00 Uhr nachts zum 15. Januar 1945 die Patrouille vor der Tür steht und Leo mitnimmt, prägt sich ihm der Satz "ich weiß, du kommst wieder" von seiner Großmutter ein, an den er sich während seiner fünf Jahre im sowjetischen Arbeitslager immer wieder erinnern wird und der in ihm ein Licht der Hoffnung auf eine Rückkehr entfacht. In vielen kurzen Kapiteln beschreibt Müller Leos Fahrt mit den andern Deportierten ins Lager sowie die Zeit dort. Spätestens hier wird Leo die missliche Lage, in der er sich befindet, bewusst. In "Atemschaukel" schildert Herta Müller fünf zähe und zermürbende Jahre, die Leo im Arbeitslager unter menschenunwürdigen Zuständen verbringt. Die Kälte und vor allem der permanente dauerhafte Hunger in Form des "Hungerengels" sind ständige Begleiter. Neben den Kontakten zu den anderen Lagergefangenen ist vor allem die Figur des Tur Prikulitsch, der mit Erniedrigungen und Gewalt ausübende Lagerkommandant, prägend für die dortige Zeit für Leo. Dabei beschränkt sich der Roman nicht nur auf die Zeit im Lager, sondern beschreibt auch die Jahre nach Leos Rückkehr, die Auswirkungen und den Umgang mit den traumatischen Erfahrungen, aber auch die Sprachlosigkeit der Familie untereinander. Ganz besonders hat mich hier die Situation mit Leos Bruder mitgenommen, dem als "Ersatzbruder" ein eigenes Kapitel gewidmet ist. In ihrem Nachwort beschreibt Herta Müller ihren persönlichen Zugang zu dem Thema und ihre Zusammenarbeit mit Oskar Pastior, um das Buch gemeinsam zu schreiben, bis dieser 2006 plötzlich verstarb.
"Atemschaukel" war für mich ein herausragendes Werk, das mich thematisch sehr ergriffen hat. Insbesondere viele Beschreibungen waren mir aus Erzählungen meiner Familie nicht unbekannt. Sprachlich jongliert Müller hier mit vielen Personifikationen und Metaphern, die ich sehr treffend fand. Neben dem "Hungerengel" ist hierbei "Herzschaufel" ein wiederkehrendes Motiv. Aber auch viele Sätze musste ich langsam und bewusst lesen, um sie zu greifen. Es ist also definitiv kein Buch, das man mal eben schnell weg liest. Der Roman hat mir inhaltlich und sprachlich einiges abverlangt, was ich sehr zu schätzen weiß. Andernfalls hätte ich es sicherlich nicht mit dieser Intensität und Bewusstheit gelesen.
Ich kann "Atemschaukel" allen empfehlen, die sich mit dem Thema der Deportation der Rumäniendeutschen auseinandersetzen möchten und anspruchsvolle Literatur nicht scheuen.
3 Tage vor
5,0
Siebenbürgen, Rumänien, 1945:
Leo Auberg, der der deutschen Minderheit in Rumänien angehört, wächst in Siebenbürgen auf. Der Krieg nähert sich seinem Ende, als Leo 17 Jahre alt ist. Die Deutschen in Rumänien lebten in ständiger Angst, von den Russen in die Arbeitslager deportiert zu werden, und so steht schließlich auch Leo auf einer Liste. Anfangs wünscht er sich nichts sehnlicher, als wegzukommen aus der Kleinstadt, "wo alle Steine Augen hatten", denn Leo bemerkt eine sexuelle Vorliebe für das eigene Geschlecht, was zu dieser Zeit mit furchtbaren Sanktionen geahndet wurde. Als schließlich um 3:00 Uhr nachts zum 15. Januar 1945 die Patrouille vor der Tür steht und Leo mitnimmt, prägt sich ihm der Satz "ich weiß, du kommst wieder" von seiner Großmutter ein, an den er sich während seiner fünf Jahre im sowjetischen Arbeitslager immer wieder erinnern wird und der in ihm ein Licht der Hoffnung auf eine Rückkehr entfacht. In vielen kurzen Kapiteln beschreibt Müller Leos Fahrt mit den andern Deportierten ins Lager sowie die Zeit dort. Spätestens hier wird Leo die missliche Lage, in der er sich befindet, bewusst. In "Atemschaukel" schildert Herta Müller fünf zähe und zermürbende Jahre, die Leo im Arbeitslager unter menschenunwürdigen Zuständen verbringt. Die Kälte und vor allem der permanente dauerhafte Hunger in Form des "Hungerengels" sind ständige Begleiter. Neben den Kontakten zu den anderen Lagergefangenen ist vor allem die Figur des Tur Prikulitsch, der mit Erniedrigungen und Gewalt ausübende Lagerkommandant, prägend für die dortige Zeit für Leo. Dabei beschränkt sich der Roman nicht nur auf die Zeit im Lager, sondern beschreibt auch die Jahre nach Leos Rückkehr, die Auswirkungen und den Umgang mit den traumatischen Erfahrungen, aber auch die Sprachlosigkeit der Familie untereinander. Ganz besonders hat mich hier die Situation mit Leos Bruder mitgenommen, dem als "Ersatzbruder" ein eigenes Kapitel gewidmet ist. In ihrem Nachwort beschreibt Herta Müller ihren persönlichen Zugang zu dem Thema und ihre Zusammenarbeit mit Oskar Pastior, um das Buch gemeinsam zu schreiben, bis dieser 2006 plötzlich verstarb.
"Atemschaukel" war für mich ein herausragendes Werk, das mich thematisch sehr ergriffen hat. Insbesondere viele Beschreibungen waren mir aus Erzählungen meiner Familie nicht unbekannt. Sprachlich jongliert Müller hier mit vielen Personifikationen und Metaphern, die ich sehr treffend fand. Neben dem "Hungerengel" ist hierbei "Herzschaufel" ein wiederkehrendes Motiv. Aber auch viele Sätze musste ich langsam und bewusst lesen, um sie zu greifen. Es ist also definitiv kein Buch, das man mal eben schnell weg liest. Der Roman hat mir inhaltlich und sprachlich einiges abverlangt, was ich sehr zu schätzen weiß. Andernfalls hätte ich es sicherlich nicht mit dieser Intensität und Bewusstheit gelesen.
Ich kann "Atemschaukel" allen empfehlen, die sich mit dem Thema der Deportation der Rumäniendeutschen auseinandersetzen möchten und anspruchsvolle Literatur nicht scheuen.
In ihrem Roman "Atemschaukel" beschreibt Herta Müller die Geschichte des 17-Jährigen Rumäniendeutschen Leo, der im Februar 1945 von den Sowjetrussen in ein Straflager in die Ukraine deportiert wird. Der Roman ist aus der Ich-Perspektive geschrieben, in poetisch-lyrischer Sprache werden sehr plastisch die Qualen des Arbeitslagers beschrieben. Dabei erfindet die Autorin Wörter wie Herzschaufel, Hungerengel und Atemschaukel, die den Wahn, der durch Hunger, Erniedrigung, Kälte, Hitze, Läuse und Krankheiten entsteht, verbildlichen. Das Trauma der 5 Jahre dauernden Zwangsarbeit wird Leo ein Leben lang nicht loslassen.
Ein sehr eindringliches und intensives Buch über einen den meisten wahrscheinlich unbekannten Teil der Geschichte.
2009 wurde Herta Müller mit dem höchsten aller Buchpreise, dem Literaturnobelpreis, ausgezeichnet.
23. Juni 2025
5,0
In ihrem Roman "Atemschaukel" beschreibt Herta Müller die Geschichte des 17-Jährigen Rumäniendeutschen Leo, der im Februar 1945 von den Sowjetrussen in ein Straflager in die Ukraine deportiert wird. Der Roman ist aus der Ich-Perspektive geschrieben, in poetisch-lyrischer Sprache werden sehr plastisch die Qualen des Arbeitslagers beschrieben. Dabei erfindet die Autorin Wörter wie Herzschaufel, Hungerengel und Atemschaukel, die den Wahn, der durch Hunger, Erniedrigung, Kälte, Hitze, Läuse und Krankheiten entsteht, verbildlichen. Das Trauma der 5 Jahre dauernden Zwangsarbeit wird Leo ein Leben lang nicht loslassen.
Ein sehr eindringliches und intensives Buch über einen den meisten wahrscheinlich unbekannten Teil der Geschichte.
2009 wurde Herta Müller mit dem höchsten aller Buchpreise, dem Literaturnobelpreis, ausgezeichnet.
23. Juni 2025
3 von 28 Rezensionen
Autorin / Autor
Über Herta Müller
Herta Müller wurde 1953 in einem deutschsprachigen Dorf im Banat/Rumänien geboren. Nach einem Publikationsverbot und Repressionen durch den Geheimdienst Securitate konnte sie 1987 nach Berlin ausreisen, wo sie auch heute lebt. Zu ihren bekanntesten Werken gehören die Romane »Atemschaukel« und »Der Fuchs war damals schon der Jäger«, die Prosabände »Niederungen« und »Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt«, der Essayband »Der König verneigt sich und tötet«. Ihre berühmten Gedicht-Collagen sind u. a. gesammelt in »Die blassen Herren mit den Mokkatassen«, »Vater telefoniert mit den Fliegen« und »Im Heimweh ist ein blauer Saal«. Für ihren Roman »Herztier‹ wurde sie 1998 mit dem Impac Dublin Literary Award ausgezeichnet, dem weltweit höchstdotierten Literaturpreis für ein einzelnes Werk. Nach zahlreichen weiteren Ehrungen erhielt sie 2009 den Nobelpreis für Literatur.