Blick ins Buch

Romane

Muskeln aus Plastik

3,7(53)
Hardcover23,00 €E-Book14,99 €
Sofort lieferbarKostenloser Versand
Jetzt kaufen

Über das Buch

„Dieses Buch zu lesen ist wie Herzrasen in Slow Motion. Es tut weh, und das ist schön.“ Fatma Aydemir Kay ist schwer verknallt – und schwer erkrankt. Auf den Crush folgt jedes Mal ein Crash, auf starkes Herzklopfen Migräne, auf Knutschen Gliederschmerzen. Während Kay versucht, den Folgen von Long Covid zu entkommen, bringen nur die Sehnsucht nach Aron und der Wunsch nach einem starken, androgynen Körper Linderung. „Muskeln aus Plastik“ beschäftigt sich mit chronischer Erkrankung und Transness – und der Art und Weise, wie unsere Gesellschaft über „gesunde“ Körper nachdenkt und spricht. Gibt es überhaupt eine Sprache für Schmerz? Jenseits aller formalen und intellektuellen Traditionen untersucht Selma Kay Matter die dünne Linie zwischen Lust und Schmerz und erdenkt dabei neue Formen von Care, Intimität und queerem Widerstand – ein beeindruckendes, intuitives und bewegendes Debüt.

Editionen (1)

ISBN9783446280038
VerlagHanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Erscheinungsdatum01.10.24
Seitenzahl240

Rezensionen & Bewertungen

53 Bewertungen

11 Rezensionen

3,7

Tippen zum Filtern

  • zauberberggast
    zauberberggast

    80 Follower

    5,0

    “Ich hätte lieber Schmerzen gehabt, die positive Aufmerksamkeit brachten; einen Knochenbruch, eine Platzwunde; stattdessen wurde ich früh mit den Stigmata langsamer Erkrankungen versehen; Neurodermitis, Depression, Migräne, Allergien.” (S. 99) Wenn ein junger Mensch von einer nach außen nicht sichtbaren, chronischen Krankheit betroffen ist, dann wohnt dieser Tatsache eine besondere Tragik inne, die abgekoppelt existiert von der allgemeinen Tragik, die jede schwere Krankheit mit sich bringt. Selma Kay Matter (1998 geboren), Autor*in von “Muskeln aus Plastik”, ist von vielen solcher Krankheiten betroffen, die deren Leben bestimmen. Matter ist seit Kindheit chronisch krank, das Buch beginnt als dey nach einer Corona-Erkrankung auf das "Fatigue-Syndrom" und/oder auf Long Covid untersucht wird. “Muskeln aus Plastik” ist ein hoch intellektueller Text, gespickt mit Zitaten und Querverweisen, voller Fußnoten, Quellenangaben und spezieller Begrifflichkeiten, von denen ich viele erstmal nachschlagen musste. Die Kapitel haben unterschiedliche Schwerpunkte, manche sind surreal, manche sehr intellektuell-wissenschaftlich, oft erkennt man in den dialogisch geprägten Abschnitten deren Profession als Dramatiker*in. Der autobiografische Fokus: Das Aufwachsen in privilegierten Verhältnissen in der Schweiz, die Weiterentwicklung hin zu einem unabhängigen Leben in Berlin, das Bedürfnis nach Care und körperlicher Zuwendung, Transidentität. Ist es ein autofiktional-literarisches Sachbuch? Vielleicht am ehesten. Der Text inspiriert jedenfalls, er animiert mich dazu, weiter zu denken: Der Körper als Gefängnis, Schillers Aussage: “Es ist der Geist, der sich den Körper baut.” Dey setzt sich zum Beispiel mit dem Wesen des Schmerzes auseinander: "Alles ist im Verhältnis zum Schmerz” (S. 93). Selma Kay Matter macht sich komplett nackt vor uns Lesenden. Dey verhüllt sich selbst nicht, indem dey sich in eine literarische Persona zurückzieht und lediglich den Anschein eines autofiktionalen Einflusses geltend macht. Nein, dieses Buch ist - so nennt dey es in den Fußnoten - kein Roman, sondern ein “Essay”. Ich würde sagen, es ist ein experimenteller schriftstellender Versuch, sich die eigene Krankheit, die deren ganzes Wesen bestimmt, komplett zu erklären. Dey sagt zum Beispiel: “Seit ich Schmerz empfinde, sehne ich mich nach einer Sprache dafür.” (S. 94) Matter schreibt über die Einsamkeit des Schmerzes, über die Dramen, die sich im eigenen Inneren einer kranken Person abspielen. Dey schreibt über den Wunsch, sich mitzuteilen und die Unmöglichkeit, dies jemals komplett zu erreichen. Schmerzempfinden ist sprachlos. Und dennoch ist das vorliegende Buch ein Versuch, den Schmerz zu teilen, ihn sichtbar zu machen. Auch ist es eine Möglichkeit der Verweigerung des eigenen Daseins in der Schriftlichkeit, schließlich hadert Selma Kay an mehreren Stellen im Buch mit der eigenen Vergänglichkeit: “Vielleicht ist das auch, warum ich schreibe: um das Geschehen zu zwingen, bleibende Spuren zu hinterlassen, anstatt spurlos in der Ewigkeit zu verschwinden.” (S. 51) Natürlich sind Geschlechtsidentität und Sexualität auch immer auf den Körper bezogen und wichtige Themen in “Muskeln aus Plastik”. Matter bezeichnet sich selbst als “nicht binäre trans* Person” (S. 202) und wir dürfen dey etwas auf deren körperlicher Transformation begleiten. Auch deren trans*Freund*innen Aron und Ilay lernen wir kennen und die warmherzige Solidarität, die zwischen diesen Menschen herrscht. Das Konzept von “Care-Arbeit” und überhaupt Care als existenziell bedeutsamer Faktor, der gesucht und so selten in seiner Vollkommenheit gefunden wird, von denen, die der Care bedürfen. Das Buch hat einen großen Mehrwert und die lesende Person geht mit Sicherheit klüger raus als am Anfang. Ein philosophisches Buch mit schweren Themen, das dennoch eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlt. Eine Empfehlung für alle, die sich mit der Dichotomie von Krankheit und Gesundheit sowie dem Wesen des Schmerzes näher auseinandersetzen möchten.

    11. Dez. 2024

  • wiehar
    wiehar

    3 Follower

    2,5

    Ein Labyrith aus Theorie und Praxis, in welchem ich mich verirrt habe

    Muskeln aus Plastik von Selma Kay hat mich thematisch sehr abgeholt. Ein intersektionaler Roman über eine queere, chronisch kranke Hauptfigur ist so wichtig, und besonders das Schreiben über Queersein und Krankheit fand ich stark und eindringlich. Leider habe ich keinen richtigen Zugang zum Text gefunden. Die vielen Fußnoten und die wiederkehrenden wissenschaftlichen Passagen auf Englisch haben mich immer wieder aus dem Lesefluss gerissen und dafür gesorgt, dass die Form für mich vieles kaputt gemacht hat. Gerade deshalb finde ich es schade, dass mich die Erzählweise so auf Distanz gehalten hat, denn inhaltlich steckt in diesem Roman unglaublich viel, und seine Perspektive ist wichtig.

    Ein Labyrith aus Theorie und Praxis, in welchem ich mich verirrt habe

    16 Stunden vor

  • netfelix
    netfelix

    17 Follower

    4,0

    „Muskeln aus Plastik“ ist ein Roman, der fordert, der irritiert, der nachhallt.

    Der Debütroman „Muskeln aus Plastik“ von Autor*in und Theatermacher*in Selma Kay Matter ist ein vielschichtiges Werk, das intersektionale Perspektiven auf Themen wie chronische Erkrankung und Long Covid, Transition, Queerness und die Suche nach dem Selbst eröffnet. Wer eine klassische Autobiografie erwartet, wird rasch eines Besseren belehrt: Der Text oszilliert zwischen autobiografischen Elementen, Fiktion und essayistischen Reflexionen, durchzogen von Anklängen an Queer- und Crip-Theory, verknüpft mit gehaltvollen, inspirierenden Fußnoten. Besonders beeindruckend ist Matters tiefgehende Auseinandersetzung mit Krankheit und Schmerz – nicht nur mit dem leiblichen Erleben, sondern auch mit jenem zusätzlichen Schmerz, der aus der Gewissheit der eigenen Erkrankung und der fehlenden Sprache für diese Erfahrung erwächst. Der gesellschaftliche Umgang mit Schmerz wird kritisch beleuchtet: Akute, sichtbare Verletzungen rufen Mitgefühl und Care hervor, während chronische Erkrankungen häufig an den Rand der Wahrnehmung gedrängt werden. Matter schreibt: „Ich hätte lieber Schmerzen gehabt, die positive Aufmerksamkeit brachten; einen Knochenbruch, eine Platzwunde; stattdessen wurde ich früh mit den Stigmata langsamer Erkrankungen versehen.“ (S. 99) Damit verknüpft ist die Frage nach Heilung – jedoch nicht im engen, klinischen Sinne des Gesundwerdens, sondern als ein vielschichtiger, sozial-emotionaler und politischer Prozess. Matter verortet eine mögliche Antwort „irgendwo zwischen Wut und Community, zwischen Care und Politisierung, zwischen Durchhalten und einem Nachgeben, das jedoch kein Aufgeben ist.“ (S. 205) Zugegeben, es dauerte eine Weile, bis ich mich auf Matters Stil einlassen konnte – doch einmal eingetaucht, ließ mich der Text nicht mehr los. „Muskeln aus Plastik“ ist ein Roman, der fordert, der irritiert, der nachhallt. Bleibt zu hoffen, dass dieses Werk eines Tages auch eine szenische Inszenierung erfährt – ich wäre auf jeden Fall im Publikum.

    1. Apr. 2025

3 von 11 Rezensionen

SocialReads

Seitenbasierte Kommentare

Seite 5523%
wiehar
wiehar7 Tage vor

Ich werde so überhaupt nicht warm mit dem Buch. Ich finde es sehr schwierig zu folgen.

Seite 9238%

2 Kommentare verdeckt

2 weitere SocialReads-Kommentare in der App, sortiert nach deinem aktuellen Fortschritt.

Autorin / Autor

Über Kay Matter

Kay Matter, aufgewachsen in Zürich und Norditalien, studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Matter ist Autor*in der Stücke "Alice verschwindet", "Alias Anastasius" und "Grelle Tage". Letzteres erschien 2023 als Buch und wurde mit dem Hans-Gratzer-Preis 2022 und dem Nestroy-Preis 2023 ausgezeichnet. "Muskeln aus Plastik" (noch erschienen unter dem Namen Selma Kay Matter) ist Matters erstes Prosawerk.

Lesen ist schöner mit der READO App.

Bücher entdecken, tracken, gemeinsam lesen.

Bibliothek

Behalte den Überblick