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Vom Moment der Störung im westlichen Tal ist die Veränderung, worin sie auch bestehen mag, für euch und mich eine zwanzig Jahre alte Tatsache. Es ist kein "neues" Ereignis, das in unser Leben tritt und uns erschreckt oder erfreut - es ist sehr wichtig, es sich nicht so vorzustellen. ... Diese Dinge sind nicht verschwunden - sie haben nie existiert. Was es nie gegeben hat, hinterlässt keine Spur. Keine schwache Erinnerung, kein störendes Gefühl, dass etwas nicht stimmt, kein Erschaudern, nichts. Das steht bei jedem Eingreifen auf dem Spiel. Deswegen ist das Conseil auch von so entscheidender Bedeutung. - Zitat, Seite 125 Ein überaus beeindruckendes Debüt hat Scott Alexander Howard mit diesem Roman vorgelegt. Es überrascht nicht, dass er sich als Postdoktorand in Harvard besonders mit der Beziehung zwischen Erinnerung, Emotionen und Literatur beschäftigte. Denn sein Werk lässt sich wahrscheinlich am ehesten als philosophischer Roman lesen, der sowohl dystopische, aber vor allem märchenhafte Elemente aufweist. Und mit seiner Protagonistin Odile hat er eine vielschichtige und faszinierende Figur geschaffen, deren Geschichte uns anregt, sich über existenzielle Fragen neue Gedanken zu machen. "Geschieht es jetzt, so geschieht es nicht in Zukunft; geschieht es nicht in Zukunft, so geschieht es jetzt; ..." Das Zitat aus Hamlet drängt sich beim Lesen gerade auf und es erscheint fast unmöglich, dass der Autor bei der Erfindung seiner Romanwelt nicht an Shakespeare gedacht hat. Aber wie dem auch sei, für die Protagonistin ist diese Welt real und sie gerät an einem Nachmittag in friedlicher Umgebung plötzlich in Bewegung. Denn durch Zufall erblickt sie ein seltsam gekleidetes Paar, das wie ein Fremdkörper in der Landschaft wirkt. Es handelt sich um Besucher aus einem anderen Tal. Als dir Frau ihre Maske zurecht rückt, erschrickt Odile, denn es handelt sich offenbar um die 20 Jahre ältere Version der Mutter eines Klassenkameraden. Da es sich offensichtlich um trauernde Eltern handelt, muss der Tod ihres Sohnes in naher Zukunft bevorstehen. Doch dieses tragische Ereignis tritt in den Gedanken der Schülerin erst einmal in den Hintergrund, den zunächst wird sich weisen, wie sich ihre (verbotene) Beobachtung auf ihr eigenes Schicksal auswirken wird, denn sie möchte dem Wunsch ihrer Mutter nachkommen und sich für die Ausbildung im Conseil bewerben, eine Behörde, die den Umgang mit Besuchern der verschiedenen Tälern streng reglementiert. Erst viel später, als sie sich in den musisch begabten Jungen verliebt, überlegt sie erstmals, ob es in ihrer Welt möglich ist, Regeln zu umgehen, um dem Schicksal zu entgehen... Wahrscheinlich hat jeder sich schon einmal gefragt, was er seinem jüngeren Ich sagen würde, wenn die Möglichkeit bestände. Und hätte das Leben möglicherweise einen anderen Verlauf genommen, wenn man jetziges Wissen früher gehabt hätte? Solche und andere Gedanken über das eigene Ich, aber auch über das menschliche Miteinander stößt diese Geschichte an, die einen märchenhaft-melancholischen Grundton hat. Es ist interessant, dass der Autor eine weibliche Person als Ich-Erzählerin gewählt hat. Odile ist ein eher pragmatisch geprägter Charakter und von den typischen Unsicherheiten eines Teenagers geplagt. Da wir sie intensiv begleiten, lernen wir durch ihre Augen die Welt kennen und können ihre Entwicklung gut nachvollziehen. Der Schreibstil ist prägnant und der Autor hat ein Händchen für besonders wohlgesetzte Worte in den Schlussätzen der Kapitel. Diese Cliffhanger führen zu einem gesteigerten Lesetempo. Seltsam ist, dass einzelne Ausdrücke nicht ganz stimmig sind, so heißt es z.B. die Sitzplätze seien alle "gefüllt", statt belegt - aber dies muss wohl an der Übersetzung liegen. FAZIT Nach der wenig erfreulichen Lektüre einer Dystopie, war ich zunächst skeptisch, ob ich gleich im Anschluss zu dieser Geschichte greifen sollte. Aber dieser Roman hat mich auf mehreren Ebenen überzeugt. Auch die Überlegungen zur Interpretation von Märchen und Mythen im Text, fand ich sehr interessant. Eine spannende und einfühlsam erzählte Geschichte und zum Welttag der Philosophie (21. November) die passende Lektüre. Unbedingt lesenswert.
21. Nov. 2024
Vom Moment der Störung im westlichen Tal ist die Veränderung, worin sie auch bestehen mag, für euch und mich eine zwanzig Jahre alte Tatsache. Es ist kein "neues" Ereignis, das in unser Leben tritt und uns erschreckt oder erfreut - es ist sehr wichtig, es sich nicht so vorzustellen. ... Diese Dinge sind nicht verschwunden - sie haben nie existiert. Was es nie gegeben hat, hinterlässt keine Spur. Keine schwache Erinnerung, kein störendes Gefühl, dass etwas nicht stimmt, kein Erschaudern, nichts. Das steht bei jedem Eingreifen auf dem Spiel. Deswegen ist das Conseil auch von so entscheidender Bedeutung. - Zitat, Seite 125 Ein überaus beeindruckendes Debüt hat Scott Alexander Howard mit diesem Roman vorgelegt. Es überrascht nicht, dass er sich als Postdoktorand in Harvard besonders mit der Beziehung zwischen Erinnerung, Emotionen und Literatur beschäftigte. Denn sein Werk lässt sich wahrscheinlich am ehesten als philosophischer Roman lesen, der sowohl dystopische, aber vor allem märchenhafte Elemente aufweist. Und mit seiner Protagonistin Odile hat er eine vielschichtige und faszinierende Figur geschaffen, deren Geschichte uns anregt, sich über existenzielle Fragen neue Gedanken zu machen. "Geschieht es jetzt, so geschieht es nicht in Zukunft; geschieht es nicht in Zukunft, so geschieht es jetzt; ..." Das Zitat aus Hamlet drängt sich beim Lesen gerade auf und es erscheint fast unmöglich, dass der Autor bei der Erfindung seiner Romanwelt nicht an Shakespeare gedacht hat. Aber wie dem auch sei, für die Protagonistin ist diese Welt real und sie gerät an einem Nachmittag in friedlicher Umgebung plötzlich in Bewegung. Denn durch Zufall erblickt sie ein seltsam gekleidetes Paar, das wie ein Fremdkörper in der Landschaft wirkt. Es handelt sich um Besucher aus einem anderen Tal. Als dir Frau ihre Maske zurecht rückt, erschrickt Odile, denn es handelt sich offenbar um die 20 Jahre ältere Version der Mutter eines Klassenkameraden. Da es sich offensichtlich um trauernde Eltern handelt, muss der Tod ihres Sohnes in naher Zukunft bevorstehen. Doch dieses tragische Ereignis tritt in den Gedanken der Schülerin erst einmal in den Hintergrund, den zunächst wird sich weisen, wie sich ihre (verbotene) Beobachtung auf ihr eigenes Schicksal auswirken wird, denn sie möchte dem Wunsch ihrer Mutter nachkommen und sich für die Ausbildung im Conseil bewerben, eine Behörde, die den Umgang mit Besuchern der verschiedenen Tälern streng reglementiert. Erst viel später, als sie sich in den musisch begabten Jungen verliebt, überlegt sie erstmals, ob es in ihrer Welt möglich ist, Regeln zu umgehen, um dem Schicksal zu entgehen... Wahrscheinlich hat jeder sich schon einmal gefragt, was er seinem jüngeren Ich sagen würde, wenn die Möglichkeit bestände. Und hätte das Leben möglicherweise einen anderen Verlauf genommen, wenn man jetziges Wissen früher gehabt hätte? Solche und andere Gedanken über das eigene Ich, aber auch über das menschliche Miteinander stößt diese Geschichte an, die einen märchenhaft-melancholischen Grundton hat. Es ist interessant, dass der Autor eine weibliche Person als Ich-Erzählerin gewählt hat. Odile ist ein eher pragmatisch geprägter Charakter und von den typischen Unsicherheiten eines Teenagers geplagt. Da wir sie intensiv begleiten, lernen wir durch ihre Augen die Welt kennen und können ihre Entwicklung gut nachvollziehen. Der Schreibstil ist prägnant und der Autor hat ein Händchen für besonders wohlgesetzte Worte in den Schlussätzen der Kapitel. Diese Cliffhanger führen zu einem gesteigerten Lesetempo. Seltsam ist, dass einzelne Ausdrücke nicht ganz stimmig sind, so heißt es z.B. die Sitzplätze seien alle "gefüllt", statt belegt - aber dies muss wohl an der Übersetzung liegen. FAZIT Nach der wenig erfreulichen Lektüre einer Dystopie, war ich zunächst skeptisch, ob ich gleich im Anschluss zu dieser Geschichte greifen sollte. Aber dieser Roman hat mich auf mehreren Ebenen überzeugt. Auch die Überlegungen zur Interpretation von Märchen und Mythen im Text, fand ich sehr interessant. Eine spannende und einfühlsam erzählte Geschichte und zum Welttag der Philosophie (21. November) die passende Lektüre. Unbedingt lesenswert.
21. Nov. 2024







