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Romane

Der Vater eines Mörders

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Über das Buch

Eine Altgriechisch-Stunde in der achten Klasse, in einem Gymnasium, Ende der Zwanzigerjahre: Was für den Schüler Franz Kien wie eine normale Schulstunde beginnt, ufert aus, als Rektor Himmler das Klassenzimmer betritt und der Unterricht für Franz zur persönlichen Schikane und Erniedrigung wird. Andersch zeigt in seinem erschreckend aktuellen Text, wie das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte in den Klassenzimmern seinen Anfang nahm.

Editionen (9)

ISBN9783257261110
VerlagDiogenes
Erscheinungsdatum29.01.14
Seitenzahl160

Rezensionen & Bewertungen

34 Bewertungen

4 Rezensionen

3,4

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  • tausendlexi
    tausendlexi

    98 Follower

    Was als gewöhnliche Schulstunde beginnt, entwickelt sich in eine von Schikanen geprägte Altgriechischstunde am Münchner Wittelsbacher-Gymnasium im Jahr 1928. Mit dem unerwarteten Auftreten des strengen Oberstudiendirektors Himmler, des Vaters des späteren NS-Verbrechers Heinrich Himmler, verwandelt sich der Unterricht in eine Machtdemonstration. Unter dem Vorwand schulischer Disziplin nutzt der Direktor seine Autorität, um Angst zu verbreiten und die Schüler zu erniedrigen. Besonders der freiheitsliebende und aufmüpfige Franz Kien (das literarische Alter Ego des Autors) gerät ins Visier des autoritären Tyrannen und wird zum Opfer gezielter Demütigungen. In eindringlicher Sprache richtet Andersch den Blick nicht auf den berüchtigten Massenmörder, sondern auf dessen Vater und damit auf die Ursprünge von Gewalt, Autoritätsdenken und Menschenverachtung. Andersch legt nahe, dass die spätere Grausamkeit Heinrich Himmlers nicht im luftleeren Raum entstand, sondern in einem Erziehungsstil, der von Unterwerfung, Härte und blinder Disziplin geprägt war. So erweist sich der schmale Roman, dieses Kammerstück, als weit mehr als eine autobiografisch inspirierte Erinnerung: Er ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und pädagogischen Wurzeln totalitären Denkens. Der Vater eines Mörders ist keine Lektüre, die mich unberührt entlassen hat. Andersch erinnert eindringlich daran, dass Geschichte nicht plötzlich über eine Gesellschaft hereinbricht, sondern lange zuvor im Kleinen beginnt: in Klassenzimmern, in Akten der Demütigung, im einüben von Gehorsam und in der Gewöhnung an autoritäre Strukturen. Gerade diese Erkenntnis verleiht der Erzählung ihre bedrückende Aktualität und zeitlose Relevanz. Ausgesprochene Leseempfehlung

    2 Tage vor

  • buchpilot
    buchpilot

    14 Follower

    4,5

    Das Klassenzimmer als Mikrokosmos institutioneller Autorität

    Weshalb wird man zum Mörder? Alfred Andersch stellt diese Frage nicht direkt, aber sein letzter Roman kreist unablässig um sie. „Der Vater eines Mörders“ schildert eine einzige Griechischstunde am Münchner Wittelsbacher Gymnasium 1928, in der Direktor Franz Himmler – Vater des späteren SS-Reichsführers – als Vertretungslehrer auftritt und einen Schüler durch systematische Demütigung aus dem Unterricht treibt. Andersch verdichtet die gesamte Romanhandlung auf einen einzigen Vormittag – eine radikale Konzentration, die eine fast klaustrophobische Spannung erzeugt. Diese enge Fokussierung spiegelt unmittelbar, worum es inhaltlich geht: um Enge, Kontrolle und die Unmöglichkeit, sich zu entziehen. Gebannt folgt man dem Ich-Erzähler Franz Kien, der am eigenen Leib erfahren muss, wie institutionelle Autorität individuelle Würde systematisch aushöhlt. Die Schüler sind dem Direktor strukturell ausgeliefert – was Fragen nach Gehorsam und Widerstand aufwirft, die weit über den Schulalltag hinausweisen und unmittelbar in die Geschichte des 20. Jahrhunderts führen. Direktor Himmler verkörpert den autoritären Geist des wilhelminischen Bildungsbürgertums, der den Nährboden für den späteren Faschismus bereitete. Der Roman stellt implizit die Frage, inwiefern eine solche Erziehungshaltung einen Heinrich Himmler erst möglich gemacht hat – verweigert dabei jedoch simple Kausalitäten und lässt die historische Deutung bewusst offen. Der Titel ist programmatisch: Er lenkt den Blick weg vom bekannten Verbrecher hin zu dessen Vater und auf die Frage nach der Weitergabe von Gewalt und Menschenverachtung. Andersch impliziert, dass Himmlers spätere Grausamkeit nicht aus dem Nichts entstand, sondern in einem bestimmten Erziehungsklima wurzelt. Das macht diesen schmalen Roman zu mehr als einer literarischen Fingerübung: „Der Vater eines Mörders“ ist kein angenehmes Buch, aber ein notwendiges. Es erinnert daran, dass Geschichte nicht abstrakt beginnt, sondern in Klassenzimmern, in Gesten der Demütigung, im alltäglichen Gehorsam.

    Das Klassenzimmer als Mikrokosmos institutioneller Autorität

    27. Juni 2026

  • lumpi.lo7
    lumpi.lo7

    175 Follower

    3,0

    Zeitlos lesbar mit begrenzter Wirkung

    Trotz seines Alters von über 45 Jahren überzeugt der Roman durch eine klare Sprache und bleibt gut lesbar. Inhaltlich stehen Machtstrukturen und Auseinandersetzungen im schulischen Kontext im Zentrum, begleitet von Keimlingen des Antisemitismus und politischen Aufruhrs. Der Titel wirkt durch seine Zukunftsbezogenheit etwas reißerisch und weckt Erwartungen, die nur bedingt erfüllt. Besonders hervorzuheben ist das Nachwort von Andersch selbst, das zur inhaltlichen Einordnung wertvolle Impulse gibt. Auch wenn der Roman inhaltlich solide ist, hat er bei mir persönlich keine nachhaltige Wirkung hinterlassen. "Dabei könntest du, wenn du wolltest", sagte er. "Du willst nur nicht." [...] "warum fragt mich dann keiner, warum ich nicht will?"

    10. Mai 2025

3 von 4 Rezensionen

Autorin / Autor

Über Alfred Andersch

Alfred Andersch, geboren 1914 in München, wurde 1933 wegen seiner politischen Aktivität im Kommunistischen Jugendverband im KZ Dachau interniert. Nach seiner Desertion aus der Wehrmacht 1944 verbrachte er über ein Jahr in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Zurück in Deutschland, arbeitete er als Journalist und Publizist, namentlich beim Radio. Andersch zählt zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur, seine Bücher sind längst Schullektüre. Er starb 1980 in Berzona/Tessin.

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