Von der namenlosen Menge

Von der namenlosen Menge

Hardback
4.714

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Description

Die Vermessung sozialer Wahrscheinlichkeiten Das Archiv meiner sozialen Wut Geschichten von der unteren Klasse, Literatur über soziale Herkunft – meist sind das Erzählungen von Aufbruch und Aufstieg. Olivier Davids Essays kreisen um diejenigen, die unten geblieben sind. Die, mit den schmerzenden Körpern, die Nachtarbeitenden, die Vergessenen – und um ihn selbst. Wie fühlt es sich an, mit dem eigenen Körper und der eigenen Gesundheit den Wohlstand höherer Klassen zu bezahlen? Was bedeutet es, unten zu bleiben, damit die oberen ihren Status, ihre Macht, ihre Privilegien behalten können? Wie selbstbestimmt kann die Entscheidung, allein zu bleiben sein, wenn soziale Beziehungen durch Vereinzelung, Geldmangel und eingeschränkte Teilhabe unter Druck stehen? Wie soll Geschichte weitergegeben werden, wenn es kein kollektives Gedächtnis armer Menschen gibt? „Es geht hier nicht um die Kulturalisierung von Armut, nach dem Motto: So sind sie, die Armen. Es geht um das Aufzeigen von Lebensrealitäten als Kausalketten.“ Olivier David beschäftigt sich anhand von Beobachtungen und Erfahrungen mit dem Einfluss von Klasse auf sein Leben – und die Leben derer, die er seine Leute nennt. In sprachgewaltigen, intimen, wütenden und dabei einfühlsamen Essays schreibt er über innere Migration, vom Fremdsein und einer blauen Angst. Und er ringt zugleich um eine Erzählweise, die den Geschichten von unten gerecht wird. „Von der namenlosen Menge“ ist ein Versuch, sich selbst in die Welt einzuschreiben, denn: „Für gewöhnlich liest unsereins nicht vor Publikum aus Büchern, unsereins trägt Sicherheitsschuhe beim Arbeiten, hat Kopfhörer auf den Ohren gegen den Lärm, hat Schmerzen irgendwo, lehnt, wo er kann, gähnt, so oft es geht …“

Book Information

Main Genre
Biographies
Sub Genre
Literary Essays
Format
Hardback
Pages
176
Price
22.90 €

Posts

3
All
5

Olivier David schafft mit seiner Essaysammlung Außergewöhnliches, indem er mit seinem Buch der namenlosen Menge einen Namen (zurück)geben will - ohne das sozialromantisch verklären zu wollen - und überzeugt damit auf ganzer Linie. Absolutes Jahreshighlight!

„Schreiben über Armut, das muss heißen, sein Schreiben in den Dienst der Beendigung der Gewalt zu stellen, was nichts anderes bedeutet als in den Dienst einer klassenlosen Gesellschaft.“ (David 2024, S. 157) Olivier Davids „Von der namenlosen Menge“ ist ein in neun Essays gegliedertes Werk, das zunächst induktiv versucht, anhand eigens erlebter Erfahrungen Wut, Zerrissenheit, Schmerzen und Verhalten in seiner Familie zu ergründen, um diese dann gleichzeitig deduktiv nachvollziehbar zu machen. Bürgerliche Politik gerichtet gegen jene, die von Armut betroffen sind, wird durch Davids Werk schonungslos als eine die untere Klasse hassende entmystifiziert. Das Buch liefert die Brille, um besser sehen zu können: Woher kommt die Wut der Vergessenen, der Nichtgesehenen, der Ausgebeuteten? Warum ist beispielsweise jede Diskussion um die Erhöhung des Renteneintrittsalters eine zutiefst Armen feindliche? Das Buch reiht sich in eine Literatur derjenigen ein, die sich aus ihrer Klasse entfremdeten - es ist aber noch mehr. So liest es sich nicht wie eine Präsentation der eigenen Biografie, auch nicht wie bloßes Sichtbarmachen der eigenen Klassenherkunft oder gar einer eigenen Klassenflucht. Olivier David versucht sich dem Automatismus des reinen, subjektiven Beschreibens eines Entfremdungsprozesses zu entziehen, indem er den nächsten, konsequenten Schritt geht. „Das Ich im Angesicht des Aufstiegs erzählen, wo er doch eine Ausnahme bleibt - mit welchem Recht?“ (S. 156). Er will an den Kern von einer Literatur der Armut, er will an die damit gekoppelte Verantwortung Schreibender und Kunstschaffender und meint damit: Menschen mit ihrer Literatur nicht „ihre Wut [...] abzusprechen“, sondern das „Recht auf Hoffnung zu verteidigen. [...] Da einzugreifen, wo nötig, und dabei den Schulterschluss zu wagen, um den eigenen Leuten zu signalisieren, dass man nicht gegen sie arbeitet, sondern für eine Welt, in der ihnen ein Leben in Würde möglich wird“ (S. 164f.). Denn tut sie das nicht, so verkommt sie zu einer reinen Produktion symbolischer Güter, wie David zurecht auf Geoffroy de Lagasnerie verweist. Mag die Literatur von Schreibenden, die in einer unteren Klasse geboren wurde, auf einer persönlichen Ebene ein Gefühl für die eigene Klassenherkunft vermitteln, so füllt sie der Autor mit politischem Gehalt und hebt sie auf eine überindividuelle Ebene. „Von der namenlosen Menge“ ist kein Buch, das ausschließlich gelesen werden will. Es berührt, es will wirken, es braucht Raum und letztendlich fordert es uns auf. Es ist die politische Aufforderung an uns alle, uns in den Dienst derjenigen zu stellen, die vom Neoliberalismus und unserer kapitalistischen Gesellschaft ausgebeutet werden, die körperlich und psychisch die Gewalt des Systems erfahren, ertragen und sichtbar tragen müssen - mit den systematisch Ausgegrenzten, Vergessenen, Entrechteten und mit Verachtung Angesehenen. Olivier David schafft Außergewöhnliches, indem er mit seinem Buch der namenlosen Menge einen Namen (zurück)geben will - ohne das sozialromantisch verklären zu wollen - und überzeugt damit auf ganzer Linie. Absolutes Jahreshighlight!

Olivier David schafft mit seiner Essaysammlung Außergewöhnliches, indem er mit seinem Buch der namenlosen Menge einen Namen (zurück)geben will - ohne das sozialromantisch verklären zu wollen - und überzeugt damit auf ganzer Linie. Absolutes Jahreshighlight!
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Olivier David liefert mit „von der namenlosen Menge“ einen sehr privaten, essayistischen Text über Klassismus, Herkunft und Ausschluss. Er erzählt persönlich und messerscharf von seinen Beobachtungen und Erfahrungen über sein Aufwachsen in der Unterschicht. Besonders berührt hat mich seine Analyse über seinen Vater Michel. David zeigt auf, wie tief sich soziale Herkunft in Körper und Biografie einschreibt und wie wenig Platz dafür im gesellschaftlichen Diskurs ist. Auch fand ich schön, im Buch Referenzen von Didier Eribon, Edouard Louis und Annie Ernaux zu finden. Der Text ist kompakt, wichtig und lesenswert. Einmal mehr muss ich einsehen, wie wichtig es ist, Klassenzugehörigkeiten- und Standpunkte mitzudenken, wenn wir wirklich über Gerechtigkeit sprechen wollen.

4

Klassismus, Identität und Zugehörigkeit

In „Von der namenlosen Menge“ setzt sich Oliver David mit den Erfahrungen und Gefühlen auseinander, die aus sozialer Ungleichheit resultieren. Er beleuchtet, wie Klassenzugehörigkeit nicht nur materielle, sondern auch emotionale Folgen hat: Von gesellschaftlicher Unsichtbarkeit über Ohnmacht bis hin zu Wut. Dabei verbindet er persönliche Reflexionen mit gesellschaftlicher Analyse und schafft ein vielschichtiges Bild davon, was es bedeutet, sich in einer Gesellschaft wiederzufinden, die bestimmte Klassenstrukturen als gegeben hinnimmt. Besonders eindrücklich ist Davids Fähigkeit, Klassenverhältnisse nicht nur abstrakt zu analysieren, sondern erfahrbar zu machen. Er beschreibt wie es ist, sich in einer Welt zu bewegen, die wenig Raum für diejenigen lässt, die nicht zu den Privilegierten gehören. Allerdings bleibt das Buch an manchen Stellen etwas unscharf. Während David eindrucksvoll beschreibt, was soziale Ungleichheit mit Menschen macht, bleibt die Analyse der dahinterliegenden Machtstrukturen gelegentlich vage. Einige Argumente hätten eine tiefere theoretische Untermauerung vertragen, um die Zusammenhänge noch klarer herauszuarbeiten. Trotzdem ist „Von der namenlosen Menge“ ein wichtiges und eindringliches Buch, das gesellschaftliche Missstände nicht nur aufzeigt, sondern auch emotional erfahrbar macht. Es schafft ein Bewusstsein für Perspektiven, die im gesellschaftlichen Diskurs oft übersehen werden. Mit einer Bewertung von 4/5 eine klare Leseempfehlung.

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