Vater unser
Buy Now
By using these links, you support READO. We receive an affiliate commission without any additional costs to you.
Description
Book Information
Author Description
Angela Lehner, geboren 1987 in Klagenfurt, aufgewachsen in Osttirol, lebt in Berlin. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien, Maynooth und Erlangen. Für Vater unser, ihren ersten Roman, wurde sie mit dem Franz-Tumler-Literaturpreis, dem Literaturpreis Alpha, dem Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt 2019 sowie dem Rauriser Literaturpreis 2020 ausgezeichnet.
Posts
„Ich bin nicht verrückt. Ich bin aus Kärnten“
Dieses Buch stand sieben Jahre ungelesen in meinem Regal. Ich wusste immer genau, wo ich es gekauft hatte: in einer kleinen katholischen Buchhandlung in einer österreichischen Kleinstadt. Vielleicht war es genau diese Umgebung, die mich damals schon spüren ließ, dass VATER UNSER ein Thema berührt, das mir zu nah geht. Ich begann zu lesen, legte es aber schnell wieder weg – mein eigenes Leben war zu dieser Zeit ein Strudel, und ein Roman über emotionalen Missbrauch in einer streng katholischen Familie der 80er-Jahre war einfach zu viel. Mir viel schon vor Jahren auf dass ich immer zu Büchern griff - gleich ob Buchhandlung oder in meinem Regal - welche aktuell mein Leben streifen. Erst jetzt, nachdem mein Buddy-Reader Tom das Buch gelesen hat und ich zufällig auf READO gesehen habe, dass er mittendrin war, habe ich wieder dazu gegriffen. Und ich bin froh darüber. Angela Lehner schreibt in diesem typisch österreichischen Tonfall, den ich so liebe: rotzig, direkt, sarkastisch, manchmal zynisch. Diese Art zu erzählen zieht einen sofort in die Gedankenwelt der Figuren. Eva Gruber, die Protagonistin, hat mich von Anfang an polarisiert. Ich wollte sie gleichzeitig schütteln und in den Arm nehmen. Ihre emotional kalte Erziehung – empathielos, gefühlsarm – hat mich tief getroffen, weil ich vieles davon kenne. Die Klinik, in der ein Großteil der Handlung spielt, wirkt bewusst überzeichnet. Manchmal fast absurd. Doch im Spannungsfeld zwischen Realität und zurechtgerückter Wahrheit ergibt das letztlich Sinn. Auch wenn mir am Ende einiges offen blieb. Mein einziger Kritikpunkt betrifft das letzte Viertel: Es wirkt konstruiert, gehetzt, als hätte die Autorin plötzlich „fertig werden“ wollen. Da ging für mich etwas von der Kraft verloren, die der Roman zuvor aufgebaut hatte. Es ist Ein intensiver, rotziger, emotionaler Roman, der dorthin trifft, wo es weh tut. Trotz kleiner Schwächen am Ende bleibt VATER UNSER ein Buch, das nachhallt – und das ich nicht mehr so schnell aus dem Regal nehmen, aber auch nicht mehr vergessen werde, wundern tut es mich trotzdem dass dies in einer Katholischen Buchhandlung getauft habe- Der Titel war es wahrscheinlich

Na so a Schmäh
Eva Gruber wird in eine psychiatrischen Klinik in Wien gebracht, weil sie behauptet, eine Kindergartengruppe getötet zu haben. Dort angekommen, "erwartet" sie bereits ihr kleiner Bruder. Eva ist narzisstisch, manipulativ, aber gleichzeitig unglaublich unterhaltsam, mit einer ordentlichen Portion Wiener Schmäh. Ihre Dialoge haben mich von der ersten Seite an gepackt und es mir ehrlich gesagt ziemlich schwer gemacht, sie nicht zu mögen. Denn eines muss man sagen: Sie tut sich schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen oder einfach mal die Wahrheit zu sagen. Gleichzeitig hat sie aber eine Mission, nämlich sich um ihren Bruder und seine Essstörung zu kümmern. Das Buch ist ein wilder Ritt. Freche Dialoge in Therapiesitzungen, kleine Abenteuermomente und immer wieder diese bruchstückhaften Erinnerungen, die einem Hinweise darauf geben, wie die wahre Familiengeschichte aussieht. Bei all den Lügen versucht man ständig, Frau Gruber zu durchschauen, fast so, als wäre man selbst ihr Psychologe (Props to Dr. Horn, ihr Psychotherapeut im Spital, der sie ganz gut im Zaum hält - meistens 😉). Das ganze ist wie ein gemeines Puzzle: Was stimmt und was ist einfach nur eine ihrer Geschichten? Ich hatte wirklich großen Spaß beim Lesen und habe mich auch gefreut, mal wieder ein bisschen Österreich-Feeling zu bekommen (ich habe ja ein paar Jahre dort verbracht). Auch die Sprache und ihre Gedankengänge sind gleichzeitig provokant und ziemlich amüsant. Hier ein paar Beispiele: "In jemandes Arschabdruck zu sitzen ist eine intime Sache, ein wenig so, als würde man sich durch den Mensch hindurch auf das Möbelstück setzen und am Ende säße man gar nicht mehr in der eigenen Haut, sondern in einer fremden." "Vielleicht ist sie ja in ihrer Seele ein Regenwurm. Dann könnte man sie mit einem Spaten in zwei Teile stechen und so zur exponentiellen Dumbovermehrung beitragen." 🪱🪱🪱 "Warum sollte was für Lebensmittel gilt, nicht auch für Menschen gelten? Wer wollte nicht eine frische Familie haben, wenn die alte abgestanden war, ihr Ablaufdatum überschritten hatte?" Alles in allem ein gelungener, kurzweiliger Roman mit mehr Tiefe, als man auf den ersten Seiten vielleicht erwartet.
Komisches Buch was mit Wahrheit und Lüge spielt und dadurch sehr verwirrend ist.
Das Buch fängt richtig interessant an, da es aus der Sicht einer psychisch erkrankten Frau geschrieben ist. Man ist in ihrem Kopf und es ist aus der ich Perspektive geschrieben was es sehr interessant macht ihren gedanken zu folgen. Doch so ab dem 2. Teil wird es sehr sehr verwirrend und ich hatte zum Ende das Gefühl nicht mehr folgen zu können. Das Ende habe ich dann nicht mehr richtig verstanden denke ich. Es ist dennoch sehr interessant aber es ist schwer in Worte zu fassen.
Tolles Buch. Nie ist man sich sicher ob gerade passiert was passiert. Ob die Erinnerung so statt gefunden hat, oder ob sie der Phantasie von Eva entspringt.
In "Vater Unser" geht es um eine zerrüttete Familiengeschichte, psychisches Leid und die Frage nach der Konstruktion von Realität. Angela Lehner zeichnet dabei ein komplexes Porträt einer unzuverlässigen Erzählerin, deren Motive und Taten bis zum Schluss im Dunkeln bleiben. Eva wird in die psychiatrische Abteilung eines Wiener Krankenhauses eingeliefert weil sie behauptet einen Kindergarten-Gruppe erschossen zu haben. In ihren Gesprächen mit dem Chef-Psychiater Dr. Korb werden wir Teil ihrer Lebensgeschichte und Erfahren von einer erzkatholischen Kindheit in Kärnten und dem Zusammenleben mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will. Alles ist unterlegt mit wunderbar schwarzem Humor und dem Spiel mit der Wahrheit.
Ein bisschen zu viel gewollt
Ich verstehe ja, wenn man eine Form der Erzählung wählt, die nicht so konservativ und linear ist. Die auch ein bisschen mit dem Chaos arbeitet. Das kann auch gut was werden. Und zu einer (vermutlich) psychisch gestörten Person als Ich-Erzählerin passt es sicherlich auch gut. Aber wenn das Chaos wichtiger ist als die (auch in der Irre anwesenden) Logik, dann bleibe zumindest ich ziemlich ratlos zurück - und unerfüllt. Ich brauch kein Happy-End, aber ein Verstehen beim Leser / bei der Leserin wäre schon gut.
Eine durchgekramte Lektüre für zwischendurch!
Evas Einweisung und ihr Lebensabenteuer waren in einigen Momenten damit verbunden, dass ich einen Kloß im Hals hatte. Oft musste ich schlucken, so schrecklich, so geisteskrank war die Erzählung und genauso oft musste ich schmunzeln und mir eingestehen, wie humorvoll diese Geschichte gleicherweise ist. Leicht zu lesen, auf jeden Fall. Eine Abwechslung für die Liebeslektüren zwischendurch auch, vor allem, was die Beziehung zwischen Geschwistern betrifft, die ein Großteil der Geschichte von Eva Gruber ausmacht.
Eine unzuverlässige Erzählerin
Dass Eva Gruber gerne lügt, wird ihr bereits als Kind von Gleichaltrigen vorgeworfen. Und auch als Erwachsene ist selten eindeutig, was sich die Protagonistin zurechtspinnt, verdrängt oder wo sie die Wahrheit sagt. Eva Gruber ist dabei eine sehr vielschichtige Figur, die mit sich selbst und ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat, immer wieder von Erinnerungen an die höchst problematische Familienstruktur heimgesucht wird und alle Unsicherheiten auf ihr Umfeld projiziert. So provoziert Eva gern andere, ist hart und verletzlich zugleich, möchte angenommen werden und eckt doch nur immer an. Dass die Protagonistin höchst manipulativ handelt, zeigt sich vor allem in den Interaktionen mit den Figuren, auf welche sie während des Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik trifft. Unter den Patienten dort befindet sich auch ihr Bruder, Dreh- und Angelpunkt für Grubers teilweise höchst fragwürdigen Aktionen. Bis zum Schluss bleiben viele Fragen zum Wahrheitsgehalt des Erinnerten und Berichteten offen. Trotzdem ist es den Lesern möglich, eigene Schlüsse zu ziehen. Ein unterhaltsames und doch schmerzhaftes Buch, welches sich als Diskussionsgrundlage gut für Leserunden eignen dürfte.
Sie sitzt in der psychiatrischen Abteilung, weil sie eine ganze Kindergartenklasse erschossen hat. Behauptet sie. Weiß nur keiner was von. Sie ist traumatisiert, weil sie vom Vater vergewaltigt wurde. Oder auch nicht. Ihre Mutter ist tot, wie tragisch. Nur steht sie dann da und will ihre Tochter besuchen. Glauben, das merkt man schnell, sollte man Eva gar nichts; gewiss ist nur, das es mit ihr keine Gewissheit geben kann. Sie lügt, sie täuscht, sie blendet, sie manipuliert, mit dreister Mühelosigkeit und einem Hauch der Verzweiflung. Sie ist witzig, geradezu zum Schreien komisch, aber dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken – immer wieder. Warum sie so ist, wie sie ist, stellt sich als schwierige Frage heraus, deren Bedeutung sich immer weiter verästelt: Ist sie wahnsinnig oder tut sie nur so? Ist sie schwer traumatisiert oder einfach ein narzisstisches Miststück? Um von ihren eigenen Wunden abzulenken, kratzt sie den Schorf von den Wunden anderer Menschen, reibt Salz hinein und wartet auf das Blendwerk des Zorns. So entzieht sie sich der Analyse, kann es hinter all ihrem Bravado jedoch nicht gänzlich verbergen: das Leiden, das ihr stumm und stetig aus allen Poren blutet. Aber eigentlich geht es ihr ohnehin um etwas ganz anderes: Sie hat einen abstrusen, wahnwitzigen, folgerichtigen Plan, in den sie ihren magersüchtigen Bruder gegen dessen Willen mit hineinzieht. Um diesen zu retten und sich selbst damit zu verdammen, soll der Vater sterben, der sie beide verraten hat. Endlich, endlich. Neben Eva spielen vor allem ihre Mutter, ihr Bruder Bernhard und Chefpsychiater Dr. Korb wichtige Rollen. Die familiären Beziehungen sind geprägt von vielen Jahren gegenseitiger Verletzungen und empfundenen Verrats. Während Eva darauf mit ungezügelter Aggression reagiert und ihre Mutter mit einem selbstherrlichen Märtyrersyndrom, versucht Bernhard, sich heimlich, still und leise zu Tode zu hungern. Derweil erreichen Krug und Eva schon bald einen kuriosen Rapport, indem sie sich in freundschaftlicher Verbundenheit Beleidigungen um die Ohren hauen, die es in sich haben. Man spürt: das ist genau das, was beide brauchen – Patientin und Psychiater bieten sich ein dringend benötigtes Ventil für ihre Frustrationen, im unausgesprochenen gegenseitigen Einverständnis, die Schmähungen nicht für bare Münze zu nehmen. Und doch ist es für beide auch bitterer Ernst. Zitat: ____________________________________ »Ach, Frau Gruber«, sagt Korb und seufzt, »so klug sind Sie. Was hätte aus Ihnen bloß alles werden können, wenn sie nicht so verrückt wären.« Ich nicke. »Ja«, sag ich, »wenn ich einfach nur ein bisschen blöder wär, hätt ich zum Beispiel Psychiater werden können.« Wir lächeln uns an. »Jetzt muss ich Sie langsam einmal anzeigen, Korb«, sag ich. (…) »Sie sind sowas von unprofessionell. Welcher Psychiater nennt denn den eigenen Patienten verrückt?« (…) »Es tut mir leid, Frau Gruber«, sagt er, »man hat mir eh schon öfter kündigen wollen, aber bei Ihnen waren sich alle einig: Für die Gruber reicht’s grad noch.« Um mein Grinsen zu vertuschen, dreh ich mich wieder zum Fenster. ____________________________________ Die Autorin schreibt Charaktere, die gleichzeitig überlebensgroß und direkt aus dem Leben gegriffen scheinen – das ist ganz nahe dran am Klischee, vermeidet dies jedoch mit einer überraschenden emotionalen Tiefe, die nie rührselig wirkt. So etwas Rotzfreches, Witziges, Bitterböses und Tragisches liest man selten, nicht in dieser Kombination und geballten Konzentration. Das Buch macht enorm viel Spaß – wenn auch mit bitterem Beigeschmack! –, ist so grandios wie kurios, und doch verliert man die ernsthaften Aspekte nie aus dem Blick. Was Normalität ist und was Wahn, bleibt immer wieder offen, und auch, ob man Eva bemitleiden, lieben oder verachten sollte. Aber das tut der Spannung keinen Abbruch, und ich zumindest habe das Buch in kürzester Zeit verschlungen. Außerdem gibt es unerwartete Wendungen, die es an Überraschung und sogar Schockfaktor wirklich in sich haben und im Rückblick dennoch unvermeidlich sind: die Puzzleteilchen, deren Fehlens man sich gar nicht bewusst war, bis sie mit einem leisen Klicken ins Gesamtbild einrasten. Der Schreibstil, um es salopp zu sagen, ist einfach der Hammer. Und hier ist dieser Ausdruck so passend wie selten, denn die Autorin benutzt eine ausdrucksstarke, freche, intensive und kompromisslose Sprache, um dem Leser die Handlung quasi vor die Stirn zu knallen. Hab Spaß, aber schäm dich auch dafür. Lache, aber winde dich auch vor Unbehagen. „Man holt sich beim Lesen blaue Flecken“, sagt Spiegel Online, und das trifft es perfekt. FAZIT Eva wurde gerade in der Psychiatrie abgeliefert. Von der Polizei, in Handschellen. Weswegen? Sie behauptet, sie habe eine ganze Kindergartenklasse erschossen. Deswegen. Aber das ist nur eine von unzähligen Lügen, hinter denen sie sich versteckt – wobei man nie so genau weiß, was nicht vielleicht doch die Wahrheit ist. Fest steht: ihr Bruder sitzt ebenfalls in dieser Anstalt. Fest steht auch: sie ist besessen von der Idee, gemeinsam mit ihm auszubrechen und zusammen den Vater zu ermorden. Oder doch nicht? Während sie an ihrem Plan schmiedet, freundet Eva sich mit Chefpsychiater Korb an, indem sie krasse Unverschämtheiten mit ihm austauscht. Das Buch ist unglaublich witzig und unglaublich tragisch, oft beides gleichzeitig, so dass man sich am Lachen verschluckt. Für mich ist dieser Debütroman ein ganz heißer Kandidat für den Deutschen Buchpreis. Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-angela-lehner-vater-unser/
3,5 Sterne für gute Unterhaltung! Ich hab das Buch jetzt recht zügig beendet, da es mir schon ganz gut gefallen hat. Aber ich finde auch, das es an einigen Stellen etwas sehr gewollt verrückt ist. Zu übertrieben, damit auch ja gemerkt wird, hier handelt sich auf jeden Fall um eine Frau, die eine psychische Störung hat. Krankheitsbild würde ich normalerweise sagen, aber hier wird explizit genau darauf abgezielt, es als Störung wahrzunehmen. Was ich sehr spannend fand, war die Tatsache, das man der Erzählerin nicht trauen konnte. Das war manchmal auch etwas anstrengend, weil vieles doch ganz schön Absurd wurde. Anderes wirkte wiederum doch auch erstmal glaubwürdig. Aber so richtig sicher kann man hier nie sein. Im Grunde weiß man die ganze Handlung über nur so grob, was eigentlich Realität ist und was sich die gute Eva Gruber nur zusammen gesponnen hat. Vor allem ihre manipulative Seite ist echt auf Dauer anstrengend. Andererseits wird auch klar, das sie große Schwierigkeiten hat, sich überhaupt den Realitäten ihres Lebens zu stellen. Sie projiziert vieles auf ihren Bruder Bernhard und auch das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter. Nur der Vater wird ein klein wenig klarer, aber auch hier bin ich nicht ganz sicher, was er wirklich getan hat und was Eva nur erzählt. Ein Punkt den ich besonders gut fand. Eva wird nicht verklärt, aber auch nicht direkt komplett unsympathisch beschrieben. Es ist, wie es ist mit ihr. Manchmal sehr anstrengend, dann aber auch durchaus unterhaltsam. Ich könnte jetzt nicht genau sagen ob ich sie eigentlich mochte. Aber ich habe gerne weiter gelesen, weil ich wissen wollte, wie die Autorin das Ganze beenden würde. Nun ja... der Schluss war mir dann etwas zu verworren. So richtig herausgefunden habe ich nicht, was die Autorin hier noch erzählen wollte. Ich schätze das war Absicht, weil das auch nochmal Evas Person gut zusammenfasst. Der Roman hat mich vor allem gut unterhalten, aber als Jahreshighlight würde ich es nicht bezeichnen.
„Er (Bernhard) tat es (schreien) nie und zwang mich so Verantwortung zu übernehmen. Zumindest für ihn. Er war der erste Mensch außer mir selbst, um dessen Leben ich brüllte.“ Im Januar / Februar 2021 haben sich sechs „rebellische“ Leseverrückte zu einer Wanderbuchrunde zusammengeschlossen, bei der jede jeweils ein Buch auf die Reise quer durch Deutschland schickt, das alle zwei Monate an die Nächste in der Reihe weitergegeben wird, bis es dann nach einem knappen Jahr wieder am Ausgangspunkt ankommt. Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass ausgerechnet das von mir ausgesuchte Buch „Vater unser“ von Angela Lehner [b]so[/b] heftige Reaktionen hervorrufen könnte. Von absoluter Vollkatastrophe und Zeitverschwendung bis hin zu einem Highlight (mit der Meinung war ich allerdings allein auf weiter Flur) war alles dabei. Mein zuvor beendetetes Buch war ebenfalls ein Highlight, aber eins der ganz anderen Sorte, leise, zart, ruhig erzählt. „Vater unser“ hingegen kommt als krasses Gegenteil daher, laut und schrill, was man schon am Cover erahnen kann. Ein Cover, das auch wiederum die Geister scheidet. Ich fand das Cover grandios, ich mag dieses Colour-Blocking, andere schreckt allein das Cover schon total ab. Rosa oder Pink sind an sich auch nicht zwingend meine Farben, aber die Combi machts und es passt richtig gut zum Inhalt. Ja, „Vater unser“ ist strange, keine Frage. Kein Buch, an das man mit der Erwartung herangehen kann, dass man nach 50 Seiten schon weiß, wo das Buch mit einem hin will. Man muss sich darauf einlassen können und auch wollen und vermutlich hatte ich im Gegensatz zu den anderen Teilnehmerinnen in der Wanderbuchrunde den Vorteil, dass ich durch ein-zwei Rezensionen auf Youtube wusste, worauf ich mich mit der Geschichte und vor allem auf wen ich mich mit Eva Gruber als Protagonistin einlasse. Außerdem konnte ich die wunderbaren Kommentare der anderen Teilnehmerinnen genießen und hatte letztlich keine großen Erwartungen mehr an das Buch, nachdem es teilweise echt in der Luft zerrissen wurde. Ein letzter wichtiger Vorteil war, dass ich das Buch in einem Buddyread gelesen habe und wenn es uns beiden nicht gefallen hätte, hätten wir wenigstens zusammen lästern können. Aber dem war nicht so, denn wie schon gesagt, ich fand das Buch großartig und war von Anfang an komplett fasziniert von der Geschichte und der Protagonistin Eva und wollte einfach nur weiterlesen, weiterlesen, weiterlesen und das, obwohl ich nicht ausschließen konnte, dass ich am Ende evtl. doch auch enttäuscht sein könnte oder das Buch nicht verstehen würde. Eva Gruber ist weiß Gott kein einfacher Charakter. Unsympathisch und keineswegs jemand, mit dem ich mich identifizieren kann oder möchte. Aber sie hat mich mehr als einmal laut auflachen lassen, dabei sind Humor in Büchern bzw. humoristische/ humorvolle Bücher eigentlich nicht mein Ding. Aber Eva habe ich mitunter echt gefeiert, weil sie wirklich intelligent und clever ist, sonst hätte sie niemals so viele Menschen so böse manipulieren können. Ich konnte auch nicht alles nachvollziehen, was sie sagt, denkt oder tut, zum einen weil es nicht meine Denke ist und zum anderen weil sie eine unzuverlässige Erzählerin der heftigsten Art ist. Aber gerade dieses Unzuverlässige, das Nicht-Wissen, woran man als Leser mit ihr ist, hat sie unfassbar faszinierend für mich gemacht. Auch ich hatte oft genug und lange genug Fragezeichen auf meine Stirn gepinselt, aber ich wusste von Anfang an, dass man ihr nicht alles glauben darf, was sie erzählt. Und das schöne dabei war, dass auch ich gehörig auf den Leim gegangen bin. Aber wenn man sich näher an Eva herantraut, sich mehr auf sie und ihre Familie einlässt und ihr Problem, ihre Krankheit (er)kennt, dann macht auch vieles Sinn, was sie erzählt. Ich war der Autorin sehr dankbar, dass sie bei ca. der Hälfte des Buches über Evas Psychiater klargestellt hat, was bei Eva nicht stimmt, denn so konnte ich Eva unter einem anderen Gesichtspunkt gesehen. Es hat sich für mich z.B. nicht immer so angefühlt, als ob Eva wirklich bewusst gelogen hat, bewusst entschieden hat, die Unwahrheit zu sagen. Gerade zum Ende hin hatte ich oft das Gefühl, als ob sie sich – wie in einem tiefen, dunklen Wald – in ihrer Lüge, in ihrer Version der Geschichte verloren hat und den Weg nicht mehr raus findet. Ich mochte auch die Sprache, den Erzählstil der Autorin richtig gern. Das war fetzig erzählt (was umso mehr auffällt, wenn die Bücher zuvor sehr ruhig erzählt waren), gut zu lesen und ich persönlich liebe des Österreicher-Dialekt!!! Ich hatte auch keine (oder kaum) Probleme zwischen den Passagen aus Evas Vergangenheit und denen in der Gegenwart zu unterscheiden. Und wenn ich mich dann doch kurz gefragt habe, wo wir gerade sind, dann habe ich es mit einem Schulterzucken abgetan, weil ich mir sicher war, dass wir das zeitnah erfahren würden. Und ich fand das Buch tatsächlich auch sehr klug erzählt. Für einige mag es ein Kritikpunkt sein, dass manche Themen nur angerissen werden. Für mich war das jedoch vollkommen in Ordnung, weil es um diese Sachen meiner Meinung nach in dem Buch nicht ging. Ich kam mir hier eher vor, als ob mich die Autorin auf eine falsche Fährte locken wollte. Dass sie mich bzgl. Evas Problemen, was ihr widerfahren ist auf die falsche Fährte locken will, wie ein*e Krimiautor*in mich auf die falsche Fährte locken will was den Täter angeht. Und das fand ich grandios gemacht von Angela Lehner. Nicht nur Eva manipuliert die Menschen, auch die Autorin manipuliert ihre Leser ;-) „Vater unser“ ist - wie unsere Wanderbuchrunde gezeigt hat – kein Buch für jede*n Leser*in und ich bin mir sicher, dass auch ich es nicht zu jeder Zeit hätte lesen können, aber irgendwie war die Zeit reif für die schrille, laute und verwirrende Eva und ich habe das Buch in vollen Zügen genossen.
Im Klappentext wird die Protagonistin als "Geistesgestörte wie es sie noch nie gegeben hat" vorgestellt, und dementsprechend voyeuristisch, unsensibel und stereotypisierend ist dann auch die Darstellung einer psychisch Kranken die nie mehr als ein stiltechnisches Werkzeug bleibt um den Gag der unzuverlässigen Erzählerin auf die Spitze zu treiben und nebenbei noch - wie es sich für intelligente "Geistesgestörte" gehört - Hollywood-klischeemäßig flotte Sprüche und philosophische tidbits abzuliefern.
Eva ist eine beeindruckende Erscheinung. Alles ist bei ihr ein bisschen zuviel. Ihr Gehirn flüstert ihr falsche Fakten ein und lässt sie verzweifeln. Als ich Erzählerin ist sie daher maximal unzuverlässig,. Ich habe trotzdem ihre Wut mitgespürt, ihren Mut bewundert und eine Auflösung herbeigesehnt, die nur in Teilen kommt. Ein absolut lesenswertes Buch.
Puh, was ist es mir schwer gefallen, dieses Buch zu beenden. Destruktiv, zerstörerisch, verwirrend. Keine symphatischen Charaktere und eine völlig verwirrende Protagonistin. Oder völlig verwirrte Protagonistin. So richtig weiß man es als Leser nie, was bei Eva nun Lüge oder Wahrheit ist, Realität oder Phantasien. Dadurch hat sie mir den Zugang zum Buch sehr schwer gemacht, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Vielleicht habe ich das Buch auch einfach nicht verstanden. Schreibtalent hat die Autorin, malt teilweise schöne Sätze, hat tolle Wortfindungen. Manchmal blitzt sogar so etwas wie Humor auf. Das Ende lässt mich genauso ratlos zurück wie der Rest des Buches. Tatsächlich erinnert mich das Buch an "Die Infantin trägt den Scheitel links", auch dort geht es um toxische Familienbeziehung, um den Verlust der Realität und auch das Buch habe ich einfach gar nicht verstanden. Es war schon fast schade um die Lesezeit
Toll geschrieben, gute Mischung aus ernsten Themen und Humor, wobei der Humor gegen Ende wegblieb. Ich mochte die Dreiteilung des Buches und die kurzen Kapitel. Das Ende kam für mich überraschend und leider auch nicht ganz nachvollziehbar. Da hätte ich mir noch ein Kapitel mehr gewünscht. Alles in allem aber sehr lesenswert.
Description
Book Information
Author Description
Angela Lehner, geboren 1987 in Klagenfurt, aufgewachsen in Osttirol, lebt in Berlin. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien, Maynooth und Erlangen. Für Vater unser, ihren ersten Roman, wurde sie mit dem Franz-Tumler-Literaturpreis, dem Literaturpreis Alpha, dem Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt 2019 sowie dem Rauriser Literaturpreis 2020 ausgezeichnet.
Posts
„Ich bin nicht verrückt. Ich bin aus Kärnten“
Dieses Buch stand sieben Jahre ungelesen in meinem Regal. Ich wusste immer genau, wo ich es gekauft hatte: in einer kleinen katholischen Buchhandlung in einer österreichischen Kleinstadt. Vielleicht war es genau diese Umgebung, die mich damals schon spüren ließ, dass VATER UNSER ein Thema berührt, das mir zu nah geht. Ich begann zu lesen, legte es aber schnell wieder weg – mein eigenes Leben war zu dieser Zeit ein Strudel, und ein Roman über emotionalen Missbrauch in einer streng katholischen Familie der 80er-Jahre war einfach zu viel. Mir viel schon vor Jahren auf dass ich immer zu Büchern griff - gleich ob Buchhandlung oder in meinem Regal - welche aktuell mein Leben streifen. Erst jetzt, nachdem mein Buddy-Reader Tom das Buch gelesen hat und ich zufällig auf READO gesehen habe, dass er mittendrin war, habe ich wieder dazu gegriffen. Und ich bin froh darüber. Angela Lehner schreibt in diesem typisch österreichischen Tonfall, den ich so liebe: rotzig, direkt, sarkastisch, manchmal zynisch. Diese Art zu erzählen zieht einen sofort in die Gedankenwelt der Figuren. Eva Gruber, die Protagonistin, hat mich von Anfang an polarisiert. Ich wollte sie gleichzeitig schütteln und in den Arm nehmen. Ihre emotional kalte Erziehung – empathielos, gefühlsarm – hat mich tief getroffen, weil ich vieles davon kenne. Die Klinik, in der ein Großteil der Handlung spielt, wirkt bewusst überzeichnet. Manchmal fast absurd. Doch im Spannungsfeld zwischen Realität und zurechtgerückter Wahrheit ergibt das letztlich Sinn. Auch wenn mir am Ende einiges offen blieb. Mein einziger Kritikpunkt betrifft das letzte Viertel: Es wirkt konstruiert, gehetzt, als hätte die Autorin plötzlich „fertig werden“ wollen. Da ging für mich etwas von der Kraft verloren, die der Roman zuvor aufgebaut hatte. Es ist Ein intensiver, rotziger, emotionaler Roman, der dorthin trifft, wo es weh tut. Trotz kleiner Schwächen am Ende bleibt VATER UNSER ein Buch, das nachhallt – und das ich nicht mehr so schnell aus dem Regal nehmen, aber auch nicht mehr vergessen werde, wundern tut es mich trotzdem dass dies in einer Katholischen Buchhandlung getauft habe- Der Titel war es wahrscheinlich

Na so a Schmäh
Eva Gruber wird in eine psychiatrischen Klinik in Wien gebracht, weil sie behauptet, eine Kindergartengruppe getötet zu haben. Dort angekommen, "erwartet" sie bereits ihr kleiner Bruder. Eva ist narzisstisch, manipulativ, aber gleichzeitig unglaublich unterhaltsam, mit einer ordentlichen Portion Wiener Schmäh. Ihre Dialoge haben mich von der ersten Seite an gepackt und es mir ehrlich gesagt ziemlich schwer gemacht, sie nicht zu mögen. Denn eines muss man sagen: Sie tut sich schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen oder einfach mal die Wahrheit zu sagen. Gleichzeitig hat sie aber eine Mission, nämlich sich um ihren Bruder und seine Essstörung zu kümmern. Das Buch ist ein wilder Ritt. Freche Dialoge in Therapiesitzungen, kleine Abenteuermomente und immer wieder diese bruchstückhaften Erinnerungen, die einem Hinweise darauf geben, wie die wahre Familiengeschichte aussieht. Bei all den Lügen versucht man ständig, Frau Gruber zu durchschauen, fast so, als wäre man selbst ihr Psychologe (Props to Dr. Horn, ihr Psychotherapeut im Spital, der sie ganz gut im Zaum hält - meistens 😉). Das ganze ist wie ein gemeines Puzzle: Was stimmt und was ist einfach nur eine ihrer Geschichten? Ich hatte wirklich großen Spaß beim Lesen und habe mich auch gefreut, mal wieder ein bisschen Österreich-Feeling zu bekommen (ich habe ja ein paar Jahre dort verbracht). Auch die Sprache und ihre Gedankengänge sind gleichzeitig provokant und ziemlich amüsant. Hier ein paar Beispiele: "In jemandes Arschabdruck zu sitzen ist eine intime Sache, ein wenig so, als würde man sich durch den Mensch hindurch auf das Möbelstück setzen und am Ende säße man gar nicht mehr in der eigenen Haut, sondern in einer fremden." "Vielleicht ist sie ja in ihrer Seele ein Regenwurm. Dann könnte man sie mit einem Spaten in zwei Teile stechen und so zur exponentiellen Dumbovermehrung beitragen." 🪱🪱🪱 "Warum sollte was für Lebensmittel gilt, nicht auch für Menschen gelten? Wer wollte nicht eine frische Familie haben, wenn die alte abgestanden war, ihr Ablaufdatum überschritten hatte?" Alles in allem ein gelungener, kurzweiliger Roman mit mehr Tiefe, als man auf den ersten Seiten vielleicht erwartet.
Komisches Buch was mit Wahrheit und Lüge spielt und dadurch sehr verwirrend ist.
Das Buch fängt richtig interessant an, da es aus der Sicht einer psychisch erkrankten Frau geschrieben ist. Man ist in ihrem Kopf und es ist aus der ich Perspektive geschrieben was es sehr interessant macht ihren gedanken zu folgen. Doch so ab dem 2. Teil wird es sehr sehr verwirrend und ich hatte zum Ende das Gefühl nicht mehr folgen zu können. Das Ende habe ich dann nicht mehr richtig verstanden denke ich. Es ist dennoch sehr interessant aber es ist schwer in Worte zu fassen.
Tolles Buch. Nie ist man sich sicher ob gerade passiert was passiert. Ob die Erinnerung so statt gefunden hat, oder ob sie der Phantasie von Eva entspringt.
In "Vater Unser" geht es um eine zerrüttete Familiengeschichte, psychisches Leid und die Frage nach der Konstruktion von Realität. Angela Lehner zeichnet dabei ein komplexes Porträt einer unzuverlässigen Erzählerin, deren Motive und Taten bis zum Schluss im Dunkeln bleiben. Eva wird in die psychiatrische Abteilung eines Wiener Krankenhauses eingeliefert weil sie behauptet einen Kindergarten-Gruppe erschossen zu haben. In ihren Gesprächen mit dem Chef-Psychiater Dr. Korb werden wir Teil ihrer Lebensgeschichte und Erfahren von einer erzkatholischen Kindheit in Kärnten und dem Zusammenleben mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will. Alles ist unterlegt mit wunderbar schwarzem Humor und dem Spiel mit der Wahrheit.
Ein bisschen zu viel gewollt
Ich verstehe ja, wenn man eine Form der Erzählung wählt, die nicht so konservativ und linear ist. Die auch ein bisschen mit dem Chaos arbeitet. Das kann auch gut was werden. Und zu einer (vermutlich) psychisch gestörten Person als Ich-Erzählerin passt es sicherlich auch gut. Aber wenn das Chaos wichtiger ist als die (auch in der Irre anwesenden) Logik, dann bleibe zumindest ich ziemlich ratlos zurück - und unerfüllt. Ich brauch kein Happy-End, aber ein Verstehen beim Leser / bei der Leserin wäre schon gut.
Eine durchgekramte Lektüre für zwischendurch!
Evas Einweisung und ihr Lebensabenteuer waren in einigen Momenten damit verbunden, dass ich einen Kloß im Hals hatte. Oft musste ich schlucken, so schrecklich, so geisteskrank war die Erzählung und genauso oft musste ich schmunzeln und mir eingestehen, wie humorvoll diese Geschichte gleicherweise ist. Leicht zu lesen, auf jeden Fall. Eine Abwechslung für die Liebeslektüren zwischendurch auch, vor allem, was die Beziehung zwischen Geschwistern betrifft, die ein Großteil der Geschichte von Eva Gruber ausmacht.
Eine unzuverlässige Erzählerin
Dass Eva Gruber gerne lügt, wird ihr bereits als Kind von Gleichaltrigen vorgeworfen. Und auch als Erwachsene ist selten eindeutig, was sich die Protagonistin zurechtspinnt, verdrängt oder wo sie die Wahrheit sagt. Eva Gruber ist dabei eine sehr vielschichtige Figur, die mit sich selbst und ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat, immer wieder von Erinnerungen an die höchst problematische Familienstruktur heimgesucht wird und alle Unsicherheiten auf ihr Umfeld projiziert. So provoziert Eva gern andere, ist hart und verletzlich zugleich, möchte angenommen werden und eckt doch nur immer an. Dass die Protagonistin höchst manipulativ handelt, zeigt sich vor allem in den Interaktionen mit den Figuren, auf welche sie während des Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik trifft. Unter den Patienten dort befindet sich auch ihr Bruder, Dreh- und Angelpunkt für Grubers teilweise höchst fragwürdigen Aktionen. Bis zum Schluss bleiben viele Fragen zum Wahrheitsgehalt des Erinnerten und Berichteten offen. Trotzdem ist es den Lesern möglich, eigene Schlüsse zu ziehen. Ein unterhaltsames und doch schmerzhaftes Buch, welches sich als Diskussionsgrundlage gut für Leserunden eignen dürfte.
Sie sitzt in der psychiatrischen Abteilung, weil sie eine ganze Kindergartenklasse erschossen hat. Behauptet sie. Weiß nur keiner was von. Sie ist traumatisiert, weil sie vom Vater vergewaltigt wurde. Oder auch nicht. Ihre Mutter ist tot, wie tragisch. Nur steht sie dann da und will ihre Tochter besuchen. Glauben, das merkt man schnell, sollte man Eva gar nichts; gewiss ist nur, das es mit ihr keine Gewissheit geben kann. Sie lügt, sie täuscht, sie blendet, sie manipuliert, mit dreister Mühelosigkeit und einem Hauch der Verzweiflung. Sie ist witzig, geradezu zum Schreien komisch, aber dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken – immer wieder. Warum sie so ist, wie sie ist, stellt sich als schwierige Frage heraus, deren Bedeutung sich immer weiter verästelt: Ist sie wahnsinnig oder tut sie nur so? Ist sie schwer traumatisiert oder einfach ein narzisstisches Miststück? Um von ihren eigenen Wunden abzulenken, kratzt sie den Schorf von den Wunden anderer Menschen, reibt Salz hinein und wartet auf das Blendwerk des Zorns. So entzieht sie sich der Analyse, kann es hinter all ihrem Bravado jedoch nicht gänzlich verbergen: das Leiden, das ihr stumm und stetig aus allen Poren blutet. Aber eigentlich geht es ihr ohnehin um etwas ganz anderes: Sie hat einen abstrusen, wahnwitzigen, folgerichtigen Plan, in den sie ihren magersüchtigen Bruder gegen dessen Willen mit hineinzieht. Um diesen zu retten und sich selbst damit zu verdammen, soll der Vater sterben, der sie beide verraten hat. Endlich, endlich. Neben Eva spielen vor allem ihre Mutter, ihr Bruder Bernhard und Chefpsychiater Dr. Korb wichtige Rollen. Die familiären Beziehungen sind geprägt von vielen Jahren gegenseitiger Verletzungen und empfundenen Verrats. Während Eva darauf mit ungezügelter Aggression reagiert und ihre Mutter mit einem selbstherrlichen Märtyrersyndrom, versucht Bernhard, sich heimlich, still und leise zu Tode zu hungern. Derweil erreichen Krug und Eva schon bald einen kuriosen Rapport, indem sie sich in freundschaftlicher Verbundenheit Beleidigungen um die Ohren hauen, die es in sich haben. Man spürt: das ist genau das, was beide brauchen – Patientin und Psychiater bieten sich ein dringend benötigtes Ventil für ihre Frustrationen, im unausgesprochenen gegenseitigen Einverständnis, die Schmähungen nicht für bare Münze zu nehmen. Und doch ist es für beide auch bitterer Ernst. Zitat: ____________________________________ »Ach, Frau Gruber«, sagt Korb und seufzt, »so klug sind Sie. Was hätte aus Ihnen bloß alles werden können, wenn sie nicht so verrückt wären.« Ich nicke. »Ja«, sag ich, »wenn ich einfach nur ein bisschen blöder wär, hätt ich zum Beispiel Psychiater werden können.« Wir lächeln uns an. »Jetzt muss ich Sie langsam einmal anzeigen, Korb«, sag ich. (…) »Sie sind sowas von unprofessionell. Welcher Psychiater nennt denn den eigenen Patienten verrückt?« (…) »Es tut mir leid, Frau Gruber«, sagt er, »man hat mir eh schon öfter kündigen wollen, aber bei Ihnen waren sich alle einig: Für die Gruber reicht’s grad noch.« Um mein Grinsen zu vertuschen, dreh ich mich wieder zum Fenster. ____________________________________ Die Autorin schreibt Charaktere, die gleichzeitig überlebensgroß und direkt aus dem Leben gegriffen scheinen – das ist ganz nahe dran am Klischee, vermeidet dies jedoch mit einer überraschenden emotionalen Tiefe, die nie rührselig wirkt. So etwas Rotzfreches, Witziges, Bitterböses und Tragisches liest man selten, nicht in dieser Kombination und geballten Konzentration. Das Buch macht enorm viel Spaß – wenn auch mit bitterem Beigeschmack! –, ist so grandios wie kurios, und doch verliert man die ernsthaften Aspekte nie aus dem Blick. Was Normalität ist und was Wahn, bleibt immer wieder offen, und auch, ob man Eva bemitleiden, lieben oder verachten sollte. Aber das tut der Spannung keinen Abbruch, und ich zumindest habe das Buch in kürzester Zeit verschlungen. Außerdem gibt es unerwartete Wendungen, die es an Überraschung und sogar Schockfaktor wirklich in sich haben und im Rückblick dennoch unvermeidlich sind: die Puzzleteilchen, deren Fehlens man sich gar nicht bewusst war, bis sie mit einem leisen Klicken ins Gesamtbild einrasten. Der Schreibstil, um es salopp zu sagen, ist einfach der Hammer. Und hier ist dieser Ausdruck so passend wie selten, denn die Autorin benutzt eine ausdrucksstarke, freche, intensive und kompromisslose Sprache, um dem Leser die Handlung quasi vor die Stirn zu knallen. Hab Spaß, aber schäm dich auch dafür. Lache, aber winde dich auch vor Unbehagen. „Man holt sich beim Lesen blaue Flecken“, sagt Spiegel Online, und das trifft es perfekt. FAZIT Eva wurde gerade in der Psychiatrie abgeliefert. Von der Polizei, in Handschellen. Weswegen? Sie behauptet, sie habe eine ganze Kindergartenklasse erschossen. Deswegen. Aber das ist nur eine von unzähligen Lügen, hinter denen sie sich versteckt – wobei man nie so genau weiß, was nicht vielleicht doch die Wahrheit ist. Fest steht: ihr Bruder sitzt ebenfalls in dieser Anstalt. Fest steht auch: sie ist besessen von der Idee, gemeinsam mit ihm auszubrechen und zusammen den Vater zu ermorden. Oder doch nicht? Während sie an ihrem Plan schmiedet, freundet Eva sich mit Chefpsychiater Korb an, indem sie krasse Unverschämtheiten mit ihm austauscht. Das Buch ist unglaublich witzig und unglaublich tragisch, oft beides gleichzeitig, so dass man sich am Lachen verschluckt. Für mich ist dieser Debütroman ein ganz heißer Kandidat für den Deutschen Buchpreis. Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-angela-lehner-vater-unser/
3,5 Sterne für gute Unterhaltung! Ich hab das Buch jetzt recht zügig beendet, da es mir schon ganz gut gefallen hat. Aber ich finde auch, das es an einigen Stellen etwas sehr gewollt verrückt ist. Zu übertrieben, damit auch ja gemerkt wird, hier handelt sich auf jeden Fall um eine Frau, die eine psychische Störung hat. Krankheitsbild würde ich normalerweise sagen, aber hier wird explizit genau darauf abgezielt, es als Störung wahrzunehmen. Was ich sehr spannend fand, war die Tatsache, das man der Erzählerin nicht trauen konnte. Das war manchmal auch etwas anstrengend, weil vieles doch ganz schön Absurd wurde. Anderes wirkte wiederum doch auch erstmal glaubwürdig. Aber so richtig sicher kann man hier nie sein. Im Grunde weiß man die ganze Handlung über nur so grob, was eigentlich Realität ist und was sich die gute Eva Gruber nur zusammen gesponnen hat. Vor allem ihre manipulative Seite ist echt auf Dauer anstrengend. Andererseits wird auch klar, das sie große Schwierigkeiten hat, sich überhaupt den Realitäten ihres Lebens zu stellen. Sie projiziert vieles auf ihren Bruder Bernhard und auch das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter. Nur der Vater wird ein klein wenig klarer, aber auch hier bin ich nicht ganz sicher, was er wirklich getan hat und was Eva nur erzählt. Ein Punkt den ich besonders gut fand. Eva wird nicht verklärt, aber auch nicht direkt komplett unsympathisch beschrieben. Es ist, wie es ist mit ihr. Manchmal sehr anstrengend, dann aber auch durchaus unterhaltsam. Ich könnte jetzt nicht genau sagen ob ich sie eigentlich mochte. Aber ich habe gerne weiter gelesen, weil ich wissen wollte, wie die Autorin das Ganze beenden würde. Nun ja... der Schluss war mir dann etwas zu verworren. So richtig herausgefunden habe ich nicht, was die Autorin hier noch erzählen wollte. Ich schätze das war Absicht, weil das auch nochmal Evas Person gut zusammenfasst. Der Roman hat mich vor allem gut unterhalten, aber als Jahreshighlight würde ich es nicht bezeichnen.
„Er (Bernhard) tat es (schreien) nie und zwang mich so Verantwortung zu übernehmen. Zumindest für ihn. Er war der erste Mensch außer mir selbst, um dessen Leben ich brüllte.“ Im Januar / Februar 2021 haben sich sechs „rebellische“ Leseverrückte zu einer Wanderbuchrunde zusammengeschlossen, bei der jede jeweils ein Buch auf die Reise quer durch Deutschland schickt, das alle zwei Monate an die Nächste in der Reihe weitergegeben wird, bis es dann nach einem knappen Jahr wieder am Ausgangspunkt ankommt. Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass ausgerechnet das von mir ausgesuchte Buch „Vater unser“ von Angela Lehner [b]so[/b] heftige Reaktionen hervorrufen könnte. Von absoluter Vollkatastrophe und Zeitverschwendung bis hin zu einem Highlight (mit der Meinung war ich allerdings allein auf weiter Flur) war alles dabei. Mein zuvor beendetetes Buch war ebenfalls ein Highlight, aber eins der ganz anderen Sorte, leise, zart, ruhig erzählt. „Vater unser“ hingegen kommt als krasses Gegenteil daher, laut und schrill, was man schon am Cover erahnen kann. Ein Cover, das auch wiederum die Geister scheidet. Ich fand das Cover grandios, ich mag dieses Colour-Blocking, andere schreckt allein das Cover schon total ab. Rosa oder Pink sind an sich auch nicht zwingend meine Farben, aber die Combi machts und es passt richtig gut zum Inhalt. Ja, „Vater unser“ ist strange, keine Frage. Kein Buch, an das man mit der Erwartung herangehen kann, dass man nach 50 Seiten schon weiß, wo das Buch mit einem hin will. Man muss sich darauf einlassen können und auch wollen und vermutlich hatte ich im Gegensatz zu den anderen Teilnehmerinnen in der Wanderbuchrunde den Vorteil, dass ich durch ein-zwei Rezensionen auf Youtube wusste, worauf ich mich mit der Geschichte und vor allem auf wen ich mich mit Eva Gruber als Protagonistin einlasse. Außerdem konnte ich die wunderbaren Kommentare der anderen Teilnehmerinnen genießen und hatte letztlich keine großen Erwartungen mehr an das Buch, nachdem es teilweise echt in der Luft zerrissen wurde. Ein letzter wichtiger Vorteil war, dass ich das Buch in einem Buddyread gelesen habe und wenn es uns beiden nicht gefallen hätte, hätten wir wenigstens zusammen lästern können. Aber dem war nicht so, denn wie schon gesagt, ich fand das Buch großartig und war von Anfang an komplett fasziniert von der Geschichte und der Protagonistin Eva und wollte einfach nur weiterlesen, weiterlesen, weiterlesen und das, obwohl ich nicht ausschließen konnte, dass ich am Ende evtl. doch auch enttäuscht sein könnte oder das Buch nicht verstehen würde. Eva Gruber ist weiß Gott kein einfacher Charakter. Unsympathisch und keineswegs jemand, mit dem ich mich identifizieren kann oder möchte. Aber sie hat mich mehr als einmal laut auflachen lassen, dabei sind Humor in Büchern bzw. humoristische/ humorvolle Bücher eigentlich nicht mein Ding. Aber Eva habe ich mitunter echt gefeiert, weil sie wirklich intelligent und clever ist, sonst hätte sie niemals so viele Menschen so böse manipulieren können. Ich konnte auch nicht alles nachvollziehen, was sie sagt, denkt oder tut, zum einen weil es nicht meine Denke ist und zum anderen weil sie eine unzuverlässige Erzählerin der heftigsten Art ist. Aber gerade dieses Unzuverlässige, das Nicht-Wissen, woran man als Leser mit ihr ist, hat sie unfassbar faszinierend für mich gemacht. Auch ich hatte oft genug und lange genug Fragezeichen auf meine Stirn gepinselt, aber ich wusste von Anfang an, dass man ihr nicht alles glauben darf, was sie erzählt. Und das schöne dabei war, dass auch ich gehörig auf den Leim gegangen bin. Aber wenn man sich näher an Eva herantraut, sich mehr auf sie und ihre Familie einlässt und ihr Problem, ihre Krankheit (er)kennt, dann macht auch vieles Sinn, was sie erzählt. Ich war der Autorin sehr dankbar, dass sie bei ca. der Hälfte des Buches über Evas Psychiater klargestellt hat, was bei Eva nicht stimmt, denn so konnte ich Eva unter einem anderen Gesichtspunkt gesehen. Es hat sich für mich z.B. nicht immer so angefühlt, als ob Eva wirklich bewusst gelogen hat, bewusst entschieden hat, die Unwahrheit zu sagen. Gerade zum Ende hin hatte ich oft das Gefühl, als ob sie sich – wie in einem tiefen, dunklen Wald – in ihrer Lüge, in ihrer Version der Geschichte verloren hat und den Weg nicht mehr raus findet. Ich mochte auch die Sprache, den Erzählstil der Autorin richtig gern. Das war fetzig erzählt (was umso mehr auffällt, wenn die Bücher zuvor sehr ruhig erzählt waren), gut zu lesen und ich persönlich liebe des Österreicher-Dialekt!!! Ich hatte auch keine (oder kaum) Probleme zwischen den Passagen aus Evas Vergangenheit und denen in der Gegenwart zu unterscheiden. Und wenn ich mich dann doch kurz gefragt habe, wo wir gerade sind, dann habe ich es mit einem Schulterzucken abgetan, weil ich mir sicher war, dass wir das zeitnah erfahren würden. Und ich fand das Buch tatsächlich auch sehr klug erzählt. Für einige mag es ein Kritikpunkt sein, dass manche Themen nur angerissen werden. Für mich war das jedoch vollkommen in Ordnung, weil es um diese Sachen meiner Meinung nach in dem Buch nicht ging. Ich kam mir hier eher vor, als ob mich die Autorin auf eine falsche Fährte locken wollte. Dass sie mich bzgl. Evas Problemen, was ihr widerfahren ist auf die falsche Fährte locken will, wie ein*e Krimiautor*in mich auf die falsche Fährte locken will was den Täter angeht. Und das fand ich grandios gemacht von Angela Lehner. Nicht nur Eva manipuliert die Menschen, auch die Autorin manipuliert ihre Leser ;-) „Vater unser“ ist - wie unsere Wanderbuchrunde gezeigt hat – kein Buch für jede*n Leser*in und ich bin mir sicher, dass auch ich es nicht zu jeder Zeit hätte lesen können, aber irgendwie war die Zeit reif für die schrille, laute und verwirrende Eva und ich habe das Buch in vollen Zügen genossen.
Im Klappentext wird die Protagonistin als "Geistesgestörte wie es sie noch nie gegeben hat" vorgestellt, und dementsprechend voyeuristisch, unsensibel und stereotypisierend ist dann auch die Darstellung einer psychisch Kranken die nie mehr als ein stiltechnisches Werkzeug bleibt um den Gag der unzuverlässigen Erzählerin auf die Spitze zu treiben und nebenbei noch - wie es sich für intelligente "Geistesgestörte" gehört - Hollywood-klischeemäßig flotte Sprüche und philosophische tidbits abzuliefern.
Eva ist eine beeindruckende Erscheinung. Alles ist bei ihr ein bisschen zuviel. Ihr Gehirn flüstert ihr falsche Fakten ein und lässt sie verzweifeln. Als ich Erzählerin ist sie daher maximal unzuverlässig,. Ich habe trotzdem ihre Wut mitgespürt, ihren Mut bewundert und eine Auflösung herbeigesehnt, die nur in Teilen kommt. Ein absolut lesenswertes Buch.
Puh, was ist es mir schwer gefallen, dieses Buch zu beenden. Destruktiv, zerstörerisch, verwirrend. Keine symphatischen Charaktere und eine völlig verwirrende Protagonistin. Oder völlig verwirrte Protagonistin. So richtig weiß man es als Leser nie, was bei Eva nun Lüge oder Wahrheit ist, Realität oder Phantasien. Dadurch hat sie mir den Zugang zum Buch sehr schwer gemacht, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Vielleicht habe ich das Buch auch einfach nicht verstanden. Schreibtalent hat die Autorin, malt teilweise schöne Sätze, hat tolle Wortfindungen. Manchmal blitzt sogar so etwas wie Humor auf. Das Ende lässt mich genauso ratlos zurück wie der Rest des Buches. Tatsächlich erinnert mich das Buch an "Die Infantin trägt den Scheitel links", auch dort geht es um toxische Familienbeziehung, um den Verlust der Realität und auch das Buch habe ich einfach gar nicht verstanden. Es war schon fast schade um die Lesezeit
Toll geschrieben, gute Mischung aus ernsten Themen und Humor, wobei der Humor gegen Ende wegblieb. Ich mochte die Dreiteilung des Buches und die kurzen Kapitel. Das Ende kam für mich überraschend und leider auch nicht ganz nachvollziehbar. Da hätte ich mir noch ein Kapitel mehr gewünscht. Alles in allem aber sehr lesenswert.



























