Mein Leben war nicht, wie es war
Buy Now
By using these links, you support READO. We receive an affiliate commission without any additional costs to you.
Description
Book Information
Author Description
Jutta Reichelt, * 1967, lebt als Schriftstellerin und Geschichtenanstifterin in Bremen. Ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet, bereits 2001 erhielt sie den Würth-Preis, zu dem Herta Müller die Laudatio hielt. 2015 erschien der Roman ›Wiederholte Verdächtigungen‹, 2020 der literarische Porträtband ›Blaumeier oder der Möglichkeitssinn‹. Jutta Reichelt ist 2024 erneut beteiligt an der Reihe »queer.lit!« des Bremer Literaturhauses, aktuell mit dem Werkstatt-Angebot »Queer Schreiben: Gegen die Norm!« Für die Arbeit am vorliegenden Text erhielt sie 2020 das Literatur-Projektstipendium des Bremer Senators für Kultur.
Posts
Gleich zu Beginn schreibt Jutta Reichelt in ihrem Essay „Mein Leben war nicht, wie es war“ von einer Aussage, die mich mit voller Wucht erwischt: „‚Ich muss meine Geschichte aufschreiben‘, sagte ich. ‚Oder richtiger: warum ich nicht über eine Lebensgeschichte verfüge. Nicht so wie andere.“ Selten habe ich etwas gelesen, das so treffend einen Mangel beschreibt, den ich selbst schon lange kenne. Im Zentrum des Textes stehen die Lückenhaftigkeit und Sprachlosigkeit, die Traumatisierung hinterlässt. Nicht nur deshalb, weil die richtigen Worte fehlen, um sie zu durchbrechen, sondern auch, weil man sich den Abgrund selbst nicht glaubt, an dem man lebt. Jutta Reichelt erlebt als Kind sexuelle Übergriffe durch ihren Vater, kann sich aber lange kaum daran erinnern. Da ist vielleicht ein Unbehagen, ein Widerwillen, ein dunkler Schatten in irgendeinem Winkel ihres Bewusstseins. Sie führt exzessiv und nahezu zwanghaft Selbstgespräche, die in ihr die Sorge wecken, verrückt zu sein. Viele Menschen sind, auch dank erfolgreicher Lobbyarbeit der False-Memory-Bewegung, der festen Überzeugung, man könne etwas so Schreckliches wie Missbrauch nicht „vergessen“. Aber das tut man eben auch nicht. Es ist komplizierter. Jutta Reichelt erzählt davon, wie das Unvorstellbare oft mit dem Unmöglichen verwechselt wird. Welche Anstrengungen man vor sich selbst unternehmen kann, um Spuren zu verwischen. Wie die Begründer:innen der False-Memory-Foundation sich mit ihrer Theorie letztlich selbst reinwaschen wollten. Der Essay zeigt auf grandiose Art, wie das Schreiben Räume eröffnen kann und wie die Worte anderer ein Anstoß sein können, sich auf die Suche nach den eigenen zu machen. Entgegen einer landläufigen Ansicht ist die Opferrolle nicht bequem, niemand sehnt sie herbei. Vielmehr wünschen sich Menschen, die Unrecht erlebt haben, heute deutlich hörbarer, dass dieses Unrecht als solches anerkannt wird. Ohne Rechtfertigungen, die eine „Mitverantwortung“ der Opfer am Unrecht imaginieren, damit man selbst weiterhin ruhig schlafen kann. Jutta Reichelt schreibt so klar, so unverstellt und gleichzeitig so elegant. Es ist unmöglich, nicht beeindruckt von ihrem Text zu sein.
Description
Book Information
Author Description
Jutta Reichelt, * 1967, lebt als Schriftstellerin und Geschichtenanstifterin in Bremen. Ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet, bereits 2001 erhielt sie den Würth-Preis, zu dem Herta Müller die Laudatio hielt. 2015 erschien der Roman ›Wiederholte Verdächtigungen‹, 2020 der literarische Porträtband ›Blaumeier oder der Möglichkeitssinn‹. Jutta Reichelt ist 2024 erneut beteiligt an der Reihe »queer.lit!« des Bremer Literaturhauses, aktuell mit dem Werkstatt-Angebot »Queer Schreiben: Gegen die Norm!« Für die Arbeit am vorliegenden Text erhielt sie 2020 das Literatur-Projektstipendium des Bremer Senators für Kultur.
Posts
Gleich zu Beginn schreibt Jutta Reichelt in ihrem Essay „Mein Leben war nicht, wie es war“ von einer Aussage, die mich mit voller Wucht erwischt: „‚Ich muss meine Geschichte aufschreiben‘, sagte ich. ‚Oder richtiger: warum ich nicht über eine Lebensgeschichte verfüge. Nicht so wie andere.“ Selten habe ich etwas gelesen, das so treffend einen Mangel beschreibt, den ich selbst schon lange kenne. Im Zentrum des Textes stehen die Lückenhaftigkeit und Sprachlosigkeit, die Traumatisierung hinterlässt. Nicht nur deshalb, weil die richtigen Worte fehlen, um sie zu durchbrechen, sondern auch, weil man sich den Abgrund selbst nicht glaubt, an dem man lebt. Jutta Reichelt erlebt als Kind sexuelle Übergriffe durch ihren Vater, kann sich aber lange kaum daran erinnern. Da ist vielleicht ein Unbehagen, ein Widerwillen, ein dunkler Schatten in irgendeinem Winkel ihres Bewusstseins. Sie führt exzessiv und nahezu zwanghaft Selbstgespräche, die in ihr die Sorge wecken, verrückt zu sein. Viele Menschen sind, auch dank erfolgreicher Lobbyarbeit der False-Memory-Bewegung, der festen Überzeugung, man könne etwas so Schreckliches wie Missbrauch nicht „vergessen“. Aber das tut man eben auch nicht. Es ist komplizierter. Jutta Reichelt erzählt davon, wie das Unvorstellbare oft mit dem Unmöglichen verwechselt wird. Welche Anstrengungen man vor sich selbst unternehmen kann, um Spuren zu verwischen. Wie die Begründer:innen der False-Memory-Foundation sich mit ihrer Theorie letztlich selbst reinwaschen wollten. Der Essay zeigt auf grandiose Art, wie das Schreiben Räume eröffnen kann und wie die Worte anderer ein Anstoß sein können, sich auf die Suche nach den eigenen zu machen. Entgegen einer landläufigen Ansicht ist die Opferrolle nicht bequem, niemand sehnt sie herbei. Vielmehr wünschen sich Menschen, die Unrecht erlebt haben, heute deutlich hörbarer, dass dieses Unrecht als solches anerkannt wird. Ohne Rechtfertigungen, die eine „Mitverantwortung“ der Opfer am Unrecht imaginieren, damit man selbst weiterhin ruhig schlafen kann. Jutta Reichelt schreibt so klar, so unverstellt und gleichzeitig so elegant. Es ist unmöglich, nicht beeindruckt von ihrem Text zu sein.






