
Spannende Lebensgeschichte
Eine starke Frau die über ihre Vergangenheit erzählt. Zwischendurch ist spannende Literatur zum nachsehen vorhanden. Themen wie s*xuelle Gewalt, Trauerbewältigung, Familiendrama und Einsicht.

Spannende Lebensgeschichte
Eine starke Frau die über ihre Vergangenheit erzählt. Zwischendurch ist spannende Literatur zum nachsehen vorhanden. Themen wie s*xuelle Gewalt, Trauerbewältigung, Familiendrama und Einsicht.
Gleich zu Beginn schreibt Jutta Reichelt in ihrem Essay „Mein Leben war nicht, wie es war“ von einer Aussage, die mich mit voller Wucht erwischt: „‚Ich muss meine Geschichte aufschreiben‘, sagte ich. ‚Oder richtiger: warum ich nicht über eine Lebensgeschichte verfüge. Nicht so wie andere.“ Selten habe ich etwas gelesen, das so treffend einen Mangel beschreibt, den ich selbst schon lange kenne. Im Zentrum des Textes stehen die Lückenhaftigkeit und Sprachlosigkeit, die Traumatisierung hinterlässt. Nicht nur deshalb, weil die richtigen Worte fehlen, um sie zu durchbrechen, sondern auch, weil man sich den Abgrund selbst nicht glaubt, an dem man lebt. Jutta Reichelt erlebt als Kind sexuelle Übergriffe durch ihren Vater, kann sich aber lange kaum daran erinnern. Da ist vielleicht ein Unbehagen, ein Widerwillen, ein dunkler Schatten in irgendeinem Winkel ihres Bewusstseins. Sie führt exzessiv und nahezu zwanghaft Selbstgespräche, die in ihr die Sorge wecken, verrückt zu sein. Viele Menschen sind, auch dank erfolgreicher Lobbyarbeit der False-Memory-Bewegung, der festen Überzeugung, man könne etwas so Schreckliches wie Missbrauch nicht „vergessen“. Aber das tut man eben auch nicht. Es ist komplizierter. Jutta Reichelt erzählt davon, wie das Unvorstellbare oft mit dem Unmöglichen verwechselt wird. Welche Anstrengungen man vor sich selbst unternehmen kann, um Spuren zu verwischen. Wie die Begründer:innen der False-Memory-Foundation sich mit ihrer Theorie letztlich selbst reinwaschen wollten. Der Essay zeigt auf grandiose Art, wie das Schreiben Räume eröffnen kann und wie die Worte anderer ein Anstoß sein können, sich auf die Suche nach den eigenen zu machen. Entgegen einer landläufigen Ansicht ist die Opferrolle nicht bequem, niemand sehnt sie herbei. Vielmehr wünschen sich Menschen, die Unrecht erlebt haben, heute deutlich hörbarer, dass dieses Unrecht als solches anerkannt wird. Ohne Rechtfertigungen, die eine „Mitverantwortung“ der Opfer am Unrecht imaginieren, damit man selbst weiterhin ruhig schlafen kann. Jutta Reichelt schreibt so klar, so unverstellt und gleichzeitig so elegant. Es ist unmöglich, nicht beeindruckt von ihrem Text zu sein.