Ich an meiner Seite
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Description
Arthur, 22, still und intelligent, hat über zwei Jahre im Gefängnis verbracht. Endlich wieder in Freiheit stellt er fest, dass er so leicht keine neue Chance bekommt. Ohne die passenden Papiere und Zeugnisse lässt man ihn nicht zurück ins richtige Leben. Gemeinsam mit seinem unkonventionellen Therapeuten Börd und seiner glamourösen Ersatzmutter Grazetta schmiedet er deshalb einen ausgefuchsten Plan. Eine kleine Lüge, die die große Freiheit bringen könnte ...
Humorvoll und empathisch erzählt Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher davon, wie einer wie Arthur überhaupt im Gefängnis landen kann, und geht der großen Frage nach, was ein nützliches Leben ausmacht – oder vielmehr ein solidarisches?
Book Information
Author Description
Birgit Birnbacher, geboren 1985, arbeitete als Sozialarbeiterin und Soziologin und lebt nun als freie Schriftstellerin in Salzburg. Ihr Debütroman »Wir ohne Wal« (2016) wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt sie zahlreiche Förderpreise und 2019 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Bei btb erschien zuletzt ihr Roman »Ich an meiner Seite« im Taschenbuch, welcher für den Deutschen Buchpreis nominiert war. »Wovon wir leben« stand auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises und erhielt den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch in der Sonderkategorie »Arbeitswelten – Bildungswelten«.
Posts
Ein Buch mit einem sehr interessanten und wichtigen Thema (Resozialisierung von Häftlingen). Ich habe den Protagonisten Arthur gern begleitet und fand sein Abdriften in die Kriminalität nachvollziehbar und realistisch. Auch die Probleme der Ex-Häftlinge auf ihrem Weg zurück ins „echte“ Leben waren sehr interessant. Hiervon hätte ich gern mehr gelesen. Letzteres zog sich für mich durch das Buch - es blieben für meinen Geschmack zu viele Leerstellen.
Das Buch habe ich von einer super lieben Freundin zu Weihnachten geschenkt bekommen. Inhalt: Arthur muss nach einer Haftstrafe seinen Weg in den Alltag wieder finden. Dabei erfährt über seine Höhen und Tiefen und seine Vergangenheit. Meinung: ich fand das Buch wirklich spannend, das hätte ich mir anfangs nicht gedacht, deswegen war ich wirklich überrascht. Der Schreibstil war schön und ich mochte vor allem die Zeitsprünge. So ist das Buch nicht langweilig geworden. Ich mochte die Story sehr, aber ich habe auch einiges ein bisschen überspitzt empfunden, vielleicht ist es mir aber auch nur so vorgekommen, da ich mich mit dem Thema vorher noch nicht wirklich auseinandergesetzt habe. Im Großen und Ganzen fand ich das Buch klasse, da es mir ein bisschen die Augen geöffnet zu dem Thema, das wirklich wichtig ist. Fazit: Eine Leseempfehlung von mir, da ich es gut geschrieben finde und es mir die Augen geöffnet hat.

Völlig zu Recht ausgezeichnete Autorin!
Bei diesem Schreibstil sind die Auszeichnungen und Preise völlig logisch. Sie hatte mich beim 1. Satz und nur, weil es eine Lektüre ist, die unmöglich nebenher lesbar ist, habe ich dafür 3 Tage gebraucht. Es passiert sehr viel zwischen den Zeilen, als Leserin wurde ich gefordert, selbst zu denken, einfach WUNDERBAR!!! Eine Milieustudie, weder pathetisch, schon gar nicht mit erhobenen Zeigefinger, sondern nüchtern. Doch mit einem Humor, der verrät, hier schreibt eine Autorin, die vom Fach ist. Wer Tiefgang möchte, vielleicht sogar sucht/ selbst denken mag beim lesen ist hier RICHTIG und für diejenigen gilt- ABSOLUTE LESE EMPFEHLUNG.

Man merkt, dass Birgit Birnbacher als Soziologin weiß, wovon sie spricht, wenn sie über diesen jungen Mann schreibt, der eigentlich kein schlechter Kerl und doch auf die schiefe Bahn geraten ist. Er ist kein Mörder, kein Vergewaltiger, von ihm geht keine Bedrohung aus, und daher ist man als Leser:in bereit, ihm erstmal einen moralischen Kredit einzuräumen._ _ Irgendwie muss Arthur nach 26 Monaten Gefängnisaufenthalt zurückkehren ins Leben, daher nimmt er die Hilfe eines Resozialisierungsheims in Anspruch, trottet brav zu seinen Therapiestunden – und die sind unkonventionell, um nicht zu sagen sonderbar. Eine “Hauptfigur” soll Arthur sich ausdenken: eine idealisierte Version seiner selbst, die sich überstülpen lässt wie eine Maske und in deren eingeübte Verhaltensmuster er sich in schwierigen Situationen flüchten kann._ _ “Also träumen Sie erst mal einen Entwurf von sich. Nicht, wer wir sein wollen, ist entscheidend, sondern wen wir darstellen können. Verstehen Sie den Unterschied?”_ _ Das soll Arthur Struktur geben, aber er ist intelligent genug, um zu wissen: schon die grundlegendsten Dinge, wie das Finden eines Jobs oder einer Wohnung werden in Zukunft aufgrund seiner Vorstrafen zur Sisyphosarbeit werden, Hauptfigur hin oder her. Man kann ihm eine gesunde Skepsis nicht verübeln, durch die er zum Schluss kommt:_ _ “Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig ich an meiner Seite.”_ _ Arthurs Hintergrundgeschichte klingt, als sei sie anfällig für Klischees:_ Der Vater ist früh verschwunden, schon davor war die Kindheit in der Arbeitersiedlung nicht allzu rosig für das stille Kind. Durch den neuen Lebensgefährten von Mutter Marianne wird “Georg sagt” zum neuen Diktat und die bisherige Struktur zum nur brüchig verbundenen Patchwork._ _ Der ersehnte gesellschaftliche Aufstieg verschlägt die Stieffamilie nach Andalusien, wo Marianne ein luxuriöses Hospiz leitet, so dass der Hochglanz-Tod für Arthur und seinen Bruder Klaus zum Alltag wird. Irgendwann flüchtet auch Klaus aus der Familie, Arthur findet neue Freunde und verstrickt sich in ein pubertäres Liebesdreieck. Dann geschieht ein tragisches Unglück, das sein Leben fortan überschattet._ _ Es wäre einfach, den Finger auf einen Punkt zu legen und zu sagen: Aha, hier liegen also die Ursachen für seinen späteren Abstieg! Nichts davon wird indes als Rechtfertigung oder schnöde 08/15-Erklärung für Arthurs Verhalten benutzt._ _ Die Autorin beschönigt Arthurs Lage und auch seine Schuld daran nicht, zeichnet ihn aber weder als bemitleidenswertes Opfer noch als mustergültig reformierten Heimkehrer, der sich wie Phönix aus der Asche erhebt. Sie sieht davon ab, die Erzählung zum moralinsauren Trauerspiel oder zum Klamauk verkommen zu lassen, sondern erzählt ruhig, durchaus mit Humor aber immer glaubhaft._ _ Der Schreibstil passt wunderbar zu dieser Mischung aus Sozialkritik, persönlicher (Anti-)Heldenreise und Unterhaltung. In letzter Zeit habe ich viele Romane mit lyrischer oder irgendwie außergewöhnlicher Sprache gelesen. Hier ist die Sprache an sich relativ nüchtern, schnörkellos und auf den Punkt, aber trotzdem überhaupt nicht langweilig oder emotional flach. Der Stil ist in seiner Klarheit eine willkommene Abwechslung – die Sprache nimmt sich zurück, dadurch kann man sich auf die Geschichte konzentrieren._ _ Mit knackigen Dialogen springen einem die Charaktere auch ohne poetische Metaphern geradezu aus dem Text entgegen. Besonders die Nebencharaktere wie die alte Schauspielerin Grazetta oder der Therapeut Konstantin Vogl, genannt “Börd”, sind großartig. Sie katapultieren sich direkt ins Langzeitgedächtnis des Lesers, weil sie so glaubhaft sind und dennoch so originell, mit Ecken und Kanten. Daneben verblasst der stille, zurückhaltende Arthur manchmal fast ein bisschen._ _ Schubladen sucht man hier vergebens. Frau Birnbacher entsagt der Klischees oder des Sozialkitsches. Da kann ein Therapeut auch mal ein desillusionierter Alkoholiker sein, der frauenfeindliche Sprüche raushaut und einem dennoch ans Herz wächst, und die Menschen, die Arthur eigentlich den Weg bahnen sollten, können straucheln oder sogar scheitern._ _ Die Autorin schreibt stets mit großer Empathie. Humor existiert nie ohne den gelegentlichen Bruch, so dass die vielen Facetten der menschlichen Natur durch die Risse sichtbar werden._ _ Die schillernde Grazetta schwindet vor Arthurs Augen immer mehr dahin und bleibt doch unbeirrt Grande Dame und loyale Freundin. Leichter Witz und ernste Themen wie Krankheit, Sucht, Alter oder Tod schließen sich gegenseitig niemals aus – so ist halt das Leben. Auch was Arthur im Gefängnis erlebt, ist schrecklich, und das wird weder für den Schockfaktor ausgeschlachtet noch heruntergespielt._ _ Das Ende verzichtet auf erzwungen klare Lösungen, als Leser:in muss man sich wie Artur mit leiser Hoffnung zufrieden geben._ _ “Er denkt: schön eigentlich. Immer wieder geschieht etwas, und der Mensch macht weiter.”_ _ Fazit_ _ Ich musste den Roman ein paar Tage sacken lassen – aus irgendeinem Grund fühlte ich mich nicht hundertprozentig begeistert, obwohl mir die einzelnen Elemente der Geschichte doch sehr gefielen. Vielleicht hätte ihm in manchen Passagen etwas mehr Struktur gutgetan, vielleicht verblasste Protagonist Arthur manchmal zu sehr neben den Charakteren Grazetta und Börd._ _ Dennoch ist das Meckern auf hohem Niveau! Das Buch bietet viele lohnende Denkanstöße, eine interessante Sozialstudie, lebendige Charaktere und auch eine sehr unterhaltsame Geschichte mit feinem Humor. Daher kam ich zu dem Schluss, dass es die Longlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis in meinen Augen durchaus verdient hat. Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-birgit-birnbacher-ich-an-meiner-seite/
Birgit Birnbacher's 'Ich an meiner Seite' erzählt die Geschichte von Arthur der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Laut Danksagung basiert das Buch auf einer realen Person. Die Erzählung wechselt zwischen den Ereignissen nach der Entlassung und Rückblenden zu seiner Kindheit bis zu den Vorfällen die ihn ins Gefängnis brachten. Mit dem Schreibstil kam ich gut klar. Er ist leicht verständlich und liest sich flüssig. Emotional vermittelt die Autorin ein gutes Bild, aber ohne wirklich in die Tiefe zu gehen. Die Charaktere verfolgt man daher recht wechselhaft, denn obwohl sympathisch sind die emotionalen Eindrücke manchmal zu oberflächlich als das man wirklich mitfühlen kann. Das ist sehr schade denn Arthur's Geschichte ist beklemmend und regt eigentlich zum Nachdenken über einige Aspekte unserer Gesellschaft an. Mir gefiel das Buch aber dennoch bis kurz vor Ende wirklich gut. Dann wirkte die Handlung nur noch wirr und unzusammenhängend und das Ende bringt keinen befriedigenden Abschluss. Arthur's Aussichten sind weiterhin unklar und man wird mit dem Gefühl zurückgelassen das da noch gut ein paar Kapitel fehlen, die eine maßgebliche Richtung vorgeben würden. Vielleicht ist das von der Autorin so gewollt, mich als Leserin lässt das sehr unzufrieden zurück. Im Großen und Ganzen ein gutes Buch mit einem vielleicht gewollten unbefriedigenden Ende. Ich kann es also empfehlen, wenn man mit offenen Enden klarkommt und sich für das Thema weitestgehend interessiert.
Description
Arthur, 22, still und intelligent, hat über zwei Jahre im Gefängnis verbracht. Endlich wieder in Freiheit stellt er fest, dass er so leicht keine neue Chance bekommt. Ohne die passenden Papiere und Zeugnisse lässt man ihn nicht zurück ins richtige Leben. Gemeinsam mit seinem unkonventionellen Therapeuten Börd und seiner glamourösen Ersatzmutter Grazetta schmiedet er deshalb einen ausgefuchsten Plan. Eine kleine Lüge, die die große Freiheit bringen könnte ...
Humorvoll und empathisch erzählt Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher davon, wie einer wie Arthur überhaupt im Gefängnis landen kann, und geht der großen Frage nach, was ein nützliches Leben ausmacht – oder vielmehr ein solidarisches?
Book Information
Author Description
Birgit Birnbacher, geboren 1985, arbeitete als Sozialarbeiterin und Soziologin und lebt nun als freie Schriftstellerin in Salzburg. Ihr Debütroman »Wir ohne Wal« (2016) wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt sie zahlreiche Förderpreise und 2019 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Bei btb erschien zuletzt ihr Roman »Ich an meiner Seite« im Taschenbuch, welcher für den Deutschen Buchpreis nominiert war. »Wovon wir leben« stand auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises und erhielt den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch in der Sonderkategorie »Arbeitswelten – Bildungswelten«.
Posts
Ein Buch mit einem sehr interessanten und wichtigen Thema (Resozialisierung von Häftlingen). Ich habe den Protagonisten Arthur gern begleitet und fand sein Abdriften in die Kriminalität nachvollziehbar und realistisch. Auch die Probleme der Ex-Häftlinge auf ihrem Weg zurück ins „echte“ Leben waren sehr interessant. Hiervon hätte ich gern mehr gelesen. Letzteres zog sich für mich durch das Buch - es blieben für meinen Geschmack zu viele Leerstellen.
Das Buch habe ich von einer super lieben Freundin zu Weihnachten geschenkt bekommen. Inhalt: Arthur muss nach einer Haftstrafe seinen Weg in den Alltag wieder finden. Dabei erfährt über seine Höhen und Tiefen und seine Vergangenheit. Meinung: ich fand das Buch wirklich spannend, das hätte ich mir anfangs nicht gedacht, deswegen war ich wirklich überrascht. Der Schreibstil war schön und ich mochte vor allem die Zeitsprünge. So ist das Buch nicht langweilig geworden. Ich mochte die Story sehr, aber ich habe auch einiges ein bisschen überspitzt empfunden, vielleicht ist es mir aber auch nur so vorgekommen, da ich mich mit dem Thema vorher noch nicht wirklich auseinandergesetzt habe. Im Großen und Ganzen fand ich das Buch klasse, da es mir ein bisschen die Augen geöffnet zu dem Thema, das wirklich wichtig ist. Fazit: Eine Leseempfehlung von mir, da ich es gut geschrieben finde und es mir die Augen geöffnet hat.

Völlig zu Recht ausgezeichnete Autorin!
Bei diesem Schreibstil sind die Auszeichnungen und Preise völlig logisch. Sie hatte mich beim 1. Satz und nur, weil es eine Lektüre ist, die unmöglich nebenher lesbar ist, habe ich dafür 3 Tage gebraucht. Es passiert sehr viel zwischen den Zeilen, als Leserin wurde ich gefordert, selbst zu denken, einfach WUNDERBAR!!! Eine Milieustudie, weder pathetisch, schon gar nicht mit erhobenen Zeigefinger, sondern nüchtern. Doch mit einem Humor, der verrät, hier schreibt eine Autorin, die vom Fach ist. Wer Tiefgang möchte, vielleicht sogar sucht/ selbst denken mag beim lesen ist hier RICHTIG und für diejenigen gilt- ABSOLUTE LESE EMPFEHLUNG.

Man merkt, dass Birgit Birnbacher als Soziologin weiß, wovon sie spricht, wenn sie über diesen jungen Mann schreibt, der eigentlich kein schlechter Kerl und doch auf die schiefe Bahn geraten ist. Er ist kein Mörder, kein Vergewaltiger, von ihm geht keine Bedrohung aus, und daher ist man als Leser:in bereit, ihm erstmal einen moralischen Kredit einzuräumen._ _ Irgendwie muss Arthur nach 26 Monaten Gefängnisaufenthalt zurückkehren ins Leben, daher nimmt er die Hilfe eines Resozialisierungsheims in Anspruch, trottet brav zu seinen Therapiestunden – und die sind unkonventionell, um nicht zu sagen sonderbar. Eine “Hauptfigur” soll Arthur sich ausdenken: eine idealisierte Version seiner selbst, die sich überstülpen lässt wie eine Maske und in deren eingeübte Verhaltensmuster er sich in schwierigen Situationen flüchten kann._ _ “Also träumen Sie erst mal einen Entwurf von sich. Nicht, wer wir sein wollen, ist entscheidend, sondern wen wir darstellen können. Verstehen Sie den Unterschied?”_ _ Das soll Arthur Struktur geben, aber er ist intelligent genug, um zu wissen: schon die grundlegendsten Dinge, wie das Finden eines Jobs oder einer Wohnung werden in Zukunft aufgrund seiner Vorstrafen zur Sisyphosarbeit werden, Hauptfigur hin oder her. Man kann ihm eine gesunde Skepsis nicht verübeln, durch die er zum Schluss kommt:_ _ “Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig ich an meiner Seite.”_ _ Arthurs Hintergrundgeschichte klingt, als sei sie anfällig für Klischees:_ Der Vater ist früh verschwunden, schon davor war die Kindheit in der Arbeitersiedlung nicht allzu rosig für das stille Kind. Durch den neuen Lebensgefährten von Mutter Marianne wird “Georg sagt” zum neuen Diktat und die bisherige Struktur zum nur brüchig verbundenen Patchwork._ _ Der ersehnte gesellschaftliche Aufstieg verschlägt die Stieffamilie nach Andalusien, wo Marianne ein luxuriöses Hospiz leitet, so dass der Hochglanz-Tod für Arthur und seinen Bruder Klaus zum Alltag wird. Irgendwann flüchtet auch Klaus aus der Familie, Arthur findet neue Freunde und verstrickt sich in ein pubertäres Liebesdreieck. Dann geschieht ein tragisches Unglück, das sein Leben fortan überschattet._ _ Es wäre einfach, den Finger auf einen Punkt zu legen und zu sagen: Aha, hier liegen also die Ursachen für seinen späteren Abstieg! Nichts davon wird indes als Rechtfertigung oder schnöde 08/15-Erklärung für Arthurs Verhalten benutzt._ _ Die Autorin beschönigt Arthurs Lage und auch seine Schuld daran nicht, zeichnet ihn aber weder als bemitleidenswertes Opfer noch als mustergültig reformierten Heimkehrer, der sich wie Phönix aus der Asche erhebt. Sie sieht davon ab, die Erzählung zum moralinsauren Trauerspiel oder zum Klamauk verkommen zu lassen, sondern erzählt ruhig, durchaus mit Humor aber immer glaubhaft._ _ Der Schreibstil passt wunderbar zu dieser Mischung aus Sozialkritik, persönlicher (Anti-)Heldenreise und Unterhaltung. In letzter Zeit habe ich viele Romane mit lyrischer oder irgendwie außergewöhnlicher Sprache gelesen. Hier ist die Sprache an sich relativ nüchtern, schnörkellos und auf den Punkt, aber trotzdem überhaupt nicht langweilig oder emotional flach. Der Stil ist in seiner Klarheit eine willkommene Abwechslung – die Sprache nimmt sich zurück, dadurch kann man sich auf die Geschichte konzentrieren._ _ Mit knackigen Dialogen springen einem die Charaktere auch ohne poetische Metaphern geradezu aus dem Text entgegen. Besonders die Nebencharaktere wie die alte Schauspielerin Grazetta oder der Therapeut Konstantin Vogl, genannt “Börd”, sind großartig. Sie katapultieren sich direkt ins Langzeitgedächtnis des Lesers, weil sie so glaubhaft sind und dennoch so originell, mit Ecken und Kanten. Daneben verblasst der stille, zurückhaltende Arthur manchmal fast ein bisschen._ _ Schubladen sucht man hier vergebens. Frau Birnbacher entsagt der Klischees oder des Sozialkitsches. Da kann ein Therapeut auch mal ein desillusionierter Alkoholiker sein, der frauenfeindliche Sprüche raushaut und einem dennoch ans Herz wächst, und die Menschen, die Arthur eigentlich den Weg bahnen sollten, können straucheln oder sogar scheitern._ _ Die Autorin schreibt stets mit großer Empathie. Humor existiert nie ohne den gelegentlichen Bruch, so dass die vielen Facetten der menschlichen Natur durch die Risse sichtbar werden._ _ Die schillernde Grazetta schwindet vor Arthurs Augen immer mehr dahin und bleibt doch unbeirrt Grande Dame und loyale Freundin. Leichter Witz und ernste Themen wie Krankheit, Sucht, Alter oder Tod schließen sich gegenseitig niemals aus – so ist halt das Leben. Auch was Arthur im Gefängnis erlebt, ist schrecklich, und das wird weder für den Schockfaktor ausgeschlachtet noch heruntergespielt._ _ Das Ende verzichtet auf erzwungen klare Lösungen, als Leser:in muss man sich wie Artur mit leiser Hoffnung zufrieden geben._ _ “Er denkt: schön eigentlich. Immer wieder geschieht etwas, und der Mensch macht weiter.”_ _ Fazit_ _ Ich musste den Roman ein paar Tage sacken lassen – aus irgendeinem Grund fühlte ich mich nicht hundertprozentig begeistert, obwohl mir die einzelnen Elemente der Geschichte doch sehr gefielen. Vielleicht hätte ihm in manchen Passagen etwas mehr Struktur gutgetan, vielleicht verblasste Protagonist Arthur manchmal zu sehr neben den Charakteren Grazetta und Börd._ _ Dennoch ist das Meckern auf hohem Niveau! Das Buch bietet viele lohnende Denkanstöße, eine interessante Sozialstudie, lebendige Charaktere und auch eine sehr unterhaltsame Geschichte mit feinem Humor. Daher kam ich zu dem Schluss, dass es die Longlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis in meinen Augen durchaus verdient hat. Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-birgit-birnbacher-ich-an-meiner-seite/
Birgit Birnbacher's 'Ich an meiner Seite' erzählt die Geschichte von Arthur der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Laut Danksagung basiert das Buch auf einer realen Person. Die Erzählung wechselt zwischen den Ereignissen nach der Entlassung und Rückblenden zu seiner Kindheit bis zu den Vorfällen die ihn ins Gefängnis brachten. Mit dem Schreibstil kam ich gut klar. Er ist leicht verständlich und liest sich flüssig. Emotional vermittelt die Autorin ein gutes Bild, aber ohne wirklich in die Tiefe zu gehen. Die Charaktere verfolgt man daher recht wechselhaft, denn obwohl sympathisch sind die emotionalen Eindrücke manchmal zu oberflächlich als das man wirklich mitfühlen kann. Das ist sehr schade denn Arthur's Geschichte ist beklemmend und regt eigentlich zum Nachdenken über einige Aspekte unserer Gesellschaft an. Mir gefiel das Buch aber dennoch bis kurz vor Ende wirklich gut. Dann wirkte die Handlung nur noch wirr und unzusammenhängend und das Ende bringt keinen befriedigenden Abschluss. Arthur's Aussichten sind weiterhin unklar und man wird mit dem Gefühl zurückgelassen das da noch gut ein paar Kapitel fehlen, die eine maßgebliche Richtung vorgeben würden. Vielleicht ist das von der Autorin so gewollt, mich als Leserin lässt das sehr unzufrieden zurück. Im Großen und Ganzen ein gutes Buch mit einem vielleicht gewollten unbefriedigenden Ende. Ich kann es also empfehlen, wenn man mit offenen Enden klarkommt und sich für das Thema weitestgehend interessiert.











