Hadschi Murat
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Nachdem meine letzten gelesenen Bücher hauptsächlich angelsächsische Literatur waren, habe ich dringend mal wieder etwas russisches gebraucht. Tolstois Sprache ist einfach eine Wohltat. Die Handlung selbst ist relativ nüchtern erzählt, zeigt aber treffend die Sinnlosigkeit des Krieges und dass keine Seite "gut" oder "böse" ist. Die Machthaber aller Seiten in einem Krieg sind machtbesessen und auf ihren eigenen Vorteil bedacht, während sowohl Soldaten und Zivilisten unterschiedlicher Lager Freundschaften schließen können. Den Zar hat Tolstoi äußerst unvorteilhaft dargestellt, was damals wahrscheinlich nicht gern gesehen bzw. gelesen wurde. Andererseits hatte diese Darstellung auch schon wieder etwas komisches an sich, wie Tolstoi Führungspersönlichkeiten eben gerne mal lächerlich macht.
Literarisch bedeutsam und schriftstellerisch gekonnt, aber über weite Stellen langweilige Kriegsberichterstattung. Dieses Spätwerk von Tolstoi ist nicht leicht zu beurteilen für mich. Sehr wohlwollende drei Sterne, da ich gar nicht mal die Geschichte der Hauptperson so interessant fand, sondern weil sich in der Mitte des Buchs eine interessante Parallelität zwischen zwei Antagonisten ergab, die Tolstoi hervorragend herausarbeitet ohne plakativ zu werden. Diese Parallele betrifft das Machtsstreben von Zar Nikolai und dem Imam Schamil aus dem Kaukasus. Hadschi Murat ist der Stellvertreter Schamils. Es handelt sich dabei um keine Fiktion, sondern um eine akribische Aufarbeitung des Konflikts zwischen Russen und Tschetschenen im Jahr 1852. Da der Hass zwischen diesen beiden Völkern in den letzten 200 Jahren nicht abgenommen hat, ist das Buch weiterhin aktuell. Murat fühlt sich gekränkt durch Schamil und läuft zu den Russen über. Die wissen mit dem Exot nichts anzufangen und bleiben hinsichtlich seiner Loyalität gegenüber Russland skeptisch. Als Schamil droht, die Familie Murats zu zerschlagen und seinem Sohn die Augen auszustechen, wenn sich Murat nicht wieder in die Berge zurück begibt, kommt Hadschi Murat dem nach und fällt schließlich tragisch. Sein abgeschlagener Kopf wird an die Russen zurück geschickt. Keine schöne Geschichte, aber ein Sinnbild für Ehre, Widerstand und Grausamkeit im Kaukasus in den letzten Jahrzehnten, fern von jeder Karl May-Romantik. Wie gesagt, das Schicksal Murats ist relativ nüchtern heruntererzählt, aber wie Tolstoi den Zaren und den Iman in ihrer Verschiedenheit des materiellen Wohlstands und der Lebensumstände beschreibt, die aber beide dieses unnachgiebige Machtstreben besitzen, welches den Konflikt manifestiert, fand ich beeindruckend. Wenn man überlegt wie kriegsverliebt die frühen Erzählungen von Tolstoi sind, wenn er beschreibt, wie seine Einheit einen Überfall gegen ein kaukasisches Dorf vornimmt, dann ist diese Kriegsberichterstattung bei Hadschi Murat für mich schon ein große Wende im Leben Tolstois und ein Plädoyer gegen Gewalt. Tolstoi hat sich immer hinterfragt, ein Leben lang und sich immer wieder geändert. Das fasziniert mich so an ihm, auch wenn er für sein persönliches Umfeld dadurch sich ein sehr schwieriger Mitmensch war.
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Nachdem meine letzten gelesenen Bücher hauptsächlich angelsächsische Literatur waren, habe ich dringend mal wieder etwas russisches gebraucht. Tolstois Sprache ist einfach eine Wohltat. Die Handlung selbst ist relativ nüchtern erzählt, zeigt aber treffend die Sinnlosigkeit des Krieges und dass keine Seite "gut" oder "böse" ist. Die Machthaber aller Seiten in einem Krieg sind machtbesessen und auf ihren eigenen Vorteil bedacht, während sowohl Soldaten und Zivilisten unterschiedlicher Lager Freundschaften schließen können. Den Zar hat Tolstoi äußerst unvorteilhaft dargestellt, was damals wahrscheinlich nicht gern gesehen bzw. gelesen wurde. Andererseits hatte diese Darstellung auch schon wieder etwas komisches an sich, wie Tolstoi Führungspersönlichkeiten eben gerne mal lächerlich macht.
Literarisch bedeutsam und schriftstellerisch gekonnt, aber über weite Stellen langweilige Kriegsberichterstattung. Dieses Spätwerk von Tolstoi ist nicht leicht zu beurteilen für mich. Sehr wohlwollende drei Sterne, da ich gar nicht mal die Geschichte der Hauptperson so interessant fand, sondern weil sich in der Mitte des Buchs eine interessante Parallelität zwischen zwei Antagonisten ergab, die Tolstoi hervorragend herausarbeitet ohne plakativ zu werden. Diese Parallele betrifft das Machtsstreben von Zar Nikolai und dem Imam Schamil aus dem Kaukasus. Hadschi Murat ist der Stellvertreter Schamils. Es handelt sich dabei um keine Fiktion, sondern um eine akribische Aufarbeitung des Konflikts zwischen Russen und Tschetschenen im Jahr 1852. Da der Hass zwischen diesen beiden Völkern in den letzten 200 Jahren nicht abgenommen hat, ist das Buch weiterhin aktuell. Murat fühlt sich gekränkt durch Schamil und läuft zu den Russen über. Die wissen mit dem Exot nichts anzufangen und bleiben hinsichtlich seiner Loyalität gegenüber Russland skeptisch. Als Schamil droht, die Familie Murats zu zerschlagen und seinem Sohn die Augen auszustechen, wenn sich Murat nicht wieder in die Berge zurück begibt, kommt Hadschi Murat dem nach und fällt schließlich tragisch. Sein abgeschlagener Kopf wird an die Russen zurück geschickt. Keine schöne Geschichte, aber ein Sinnbild für Ehre, Widerstand und Grausamkeit im Kaukasus in den letzten Jahrzehnten, fern von jeder Karl May-Romantik. Wie gesagt, das Schicksal Murats ist relativ nüchtern heruntererzählt, aber wie Tolstoi den Zaren und den Iman in ihrer Verschiedenheit des materiellen Wohlstands und der Lebensumstände beschreibt, die aber beide dieses unnachgiebige Machtstreben besitzen, welches den Konflikt manifestiert, fand ich beeindruckend. Wenn man überlegt wie kriegsverliebt die frühen Erzählungen von Tolstoi sind, wenn er beschreibt, wie seine Einheit einen Überfall gegen ein kaukasisches Dorf vornimmt, dann ist diese Kriegsberichterstattung bei Hadschi Murat für mich schon ein große Wende im Leben Tolstois und ein Plädoyer gegen Gewalt. Tolstoi hat sich immer hinterfragt, ein Leben lang und sich immer wieder geändert. Das fasziniert mich so an ihm, auch wenn er für sein persönliches Umfeld dadurch sich ein sehr schwieriger Mitmensch war.





