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Hinaus aus dem hektischen Schlafzimmer, hinaus aus dem alten Haus, auf leisen, leichten Füßen. Gute Luft hier draußen, und ein fremdes Licht, das hinter dem Regen gelegen und gewartet hatte. Jetzt breitete es sich aus, würde die ganze Nacht über bleiben. Die hellen Nächte waren bald am hellsten, sie schienen von heißen, stillen Wangen erfüllt. - Zitat, Seite 76 Hört sich das obige Zitat nicht eher nach Lyrik, denn Prosa, an? - Das ist sicher kein Zufall, denn der norwegische Schriftsteller Tarjei Vesaas (1897-1970), der ursprünglich aus einer alteingesessenen Bauernfamilie stammte, schrieb auch Gedichte. Seine Romane schrieb er auf Nynorsk, einer norwegischen Sprache die, anders als das "Buch-Norwegisch", auf westnorwegischen Dialekten basiert. Sie zeichnen sich durch einen ganz speziellen lyrisch-präzisen Stil aus, der aus alltäglichen Situationen federleicht in mystisch-märchenhafte Sphären wechselt, jedoch ohne gänzlich die Erdenschwere abzustreifen. Worum geht es in dem 1954 erschienenen Werk "Frühlingsnacht"? "Das ganze Haus fühlte sich anders an, weil dieses Mal beide, Vater und Mutter, weggefahren waren. Sie waren früh heute weggefahren, und sie hatten ihr eigenes Gewicht mitgenommen." So beginnt die Geschichte. Die Geschwister, der 14jährige Hallstein und dessen ältere Schwester Sissel, haben das Haus für sich allein. Noch sitzt der Verehrer der Schwester im heimischen Wohnzimmer vor dem Radio und die beiden hören das Wunschkonzert, aber schon bald wird er sich verabschieden und Hallstein wird darüber sinnieren, wie er mit seiner Schwester vormals im Garten saß und die Schnecken beobachtete und sich fragen, was diese Nacht noch so mit sich bringen wird. Doch was sich dann ereignet, ist wirklich völlig überraschend. Ein Auto bleibt in unmittelbarer Nähe liegen und die Insassen überfallen die Geschwister regelrecht. Eine schwangere Frau hat Wehen und ist im Begriff, ihr Kind zur Welt zu bringen. Und die zwei Männer, Vater und Sohn, haben sich zudem noch um eine weitere Frau zu kümmern, die bewegungslos im Wagen sitzt. Dann kommt auch noch ein junges Mädchen ins Haus, deren Name bei Hallstein eine besondere Erinnerung frei setzt und mit Aufmerksamkeit betrachtet wird. Was wird diese Nacht für alle Menschen in diesem Haus bedeuten? Die Geschichte ist von einer erwartungsvollen Stimmung geprägt. Das ist natürlich einmal der besonderen Situation, aber auch der Position des heranwachsenden Hallstein geschuldet, dessen Sicht wir teilen - auch wenn der Roman nicht aus der Ich-Perspektive geschrieben ist. Hallstein ist ein wunderbarer Protagonist: aufmerksam und unsicher, aber auch voller Vertrauen - besonders, was seine Schwester betrifft. Man hat beim Lesen das Gefühl, dass der Schreiber den Figuren ihren Willen lässt und er sich von deren Gedanken und Handlungen gerne selbst überraschen lässt. Diese Grundhaltung trägt sehr zur Spannung bei und erhöht die Lesefreude. Sebastian Guggolz vom gleichnamigen Verlag und der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel haben dieses wunderschöne und in leinengebundene Buch auf der Leipziger Buchmesse 2025 vorgestellt. Herr Schmidt-Henkel ging dabei auf einige Details zum Werk und der Übersetzung ein. Im Anschluss las er selbst das gesamte erste Kapitel des Buches vor; und ganz ehrlich, kann man sich kaum vorstellen, wer danach noch der Lektüre des Buches widerstehen kann! FAZIT Mein Urgroßvater soll sich das ewige Leben so vorgestellt haben: wenn ein Mensch gehen muss, kommt an dessen Stelle ein neuer Mensch zur Welt. An dem Tag, an dem er starb, wurde meine jüngere Schwester geboren. An diese Geschichte musste ich bei der Lektüre denken. Der Roman ist wirklich eine besondere Leseerfahrung und obgleich er schon einige Jahre auf dem Buckel hat, spricht er existenzielle Themen mit einer gelassenen Zärtlichkeit und einer Herzenswärme an, die zeitlos erscheint. Eine unbedingte Leseempfehlung.
Aug 11, 2025
Hinaus aus dem hektischen Schlafzimmer, hinaus aus dem alten Haus, auf leisen, leichten Füßen. Gute Luft hier draußen, und ein fremdes Licht, das hinter dem Regen gelegen und gewartet hatte. Jetzt breitete es sich aus, würde die ganze Nacht über bleiben. Die hellen Nächte waren bald am hellsten, sie schienen von heißen, stillen Wangen erfüllt. - Zitat, Seite 76 Hört sich das obige Zitat nicht eher nach Lyrik, denn Prosa, an? - Das ist sicher kein Zufall, denn der norwegische Schriftsteller Tarjei Vesaas (1897-1970), der ursprünglich aus einer alteingesessenen Bauernfamilie stammte, schrieb auch Gedichte. Seine Romane schrieb er auf Nynorsk, einer norwegischen Sprache die, anders als das "Buch-Norwegisch", auf westnorwegischen Dialekten basiert. Sie zeichnen sich durch einen ganz speziellen lyrisch-präzisen Stil aus, der aus alltäglichen Situationen federleicht in mystisch-märchenhafte Sphären wechselt, jedoch ohne gänzlich die Erdenschwere abzustreifen. Worum geht es in dem 1954 erschienenen Werk "Frühlingsnacht"? "Das ganze Haus fühlte sich anders an, weil dieses Mal beide, Vater und Mutter, weggefahren waren. Sie waren früh heute weggefahren, und sie hatten ihr eigenes Gewicht mitgenommen." So beginnt die Geschichte. Die Geschwister, der 14jährige Hallstein und dessen ältere Schwester Sissel, haben das Haus für sich allein. Noch sitzt der Verehrer der Schwester im heimischen Wohnzimmer vor dem Radio und die beiden hören das Wunschkonzert, aber schon bald wird er sich verabschieden und Hallstein wird darüber sinnieren, wie er mit seiner Schwester vormals im Garten saß und die Schnecken beobachtete und sich fragen, was diese Nacht noch so mit sich bringen wird. Doch was sich dann ereignet, ist wirklich völlig überraschend. Ein Auto bleibt in unmittelbarer Nähe liegen und die Insassen überfallen die Geschwister regelrecht. Eine schwangere Frau hat Wehen und ist im Begriff, ihr Kind zur Welt zu bringen. Und die zwei Männer, Vater und Sohn, haben sich zudem noch um eine weitere Frau zu kümmern, die bewegungslos im Wagen sitzt. Dann kommt auch noch ein junges Mädchen ins Haus, deren Name bei Hallstein eine besondere Erinnerung frei setzt und mit Aufmerksamkeit betrachtet wird. Was wird diese Nacht für alle Menschen in diesem Haus bedeuten? Die Geschichte ist von einer erwartungsvollen Stimmung geprägt. Das ist natürlich einmal der besonderen Situation, aber auch der Position des heranwachsenden Hallstein geschuldet, dessen Sicht wir teilen - auch wenn der Roman nicht aus der Ich-Perspektive geschrieben ist. Hallstein ist ein wunderbarer Protagonist: aufmerksam und unsicher, aber auch voller Vertrauen - besonders, was seine Schwester betrifft. Man hat beim Lesen das Gefühl, dass der Schreiber den Figuren ihren Willen lässt und er sich von deren Gedanken und Handlungen gerne selbst überraschen lässt. Diese Grundhaltung trägt sehr zur Spannung bei und erhöht die Lesefreude. Sebastian Guggolz vom gleichnamigen Verlag und der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel haben dieses wunderschöne und in leinengebundene Buch auf der Leipziger Buchmesse 2025 vorgestellt. Herr Schmidt-Henkel ging dabei auf einige Details zum Werk und der Übersetzung ein. Im Anschluss las er selbst das gesamte erste Kapitel des Buches vor; und ganz ehrlich, kann man sich kaum vorstellen, wer danach noch der Lektüre des Buches widerstehen kann! FAZIT Mein Urgroßvater soll sich das ewige Leben so vorgestellt haben: wenn ein Mensch gehen muss, kommt an dessen Stelle ein neuer Mensch zur Welt. An dem Tag, an dem er starb, wurde meine jüngere Schwester geboren. An diese Geschichte musste ich bei der Lektüre denken. Der Roman ist wirklich eine besondere Leseerfahrung und obgleich er schon einige Jahre auf dem Buckel hat, spricht er existenzielle Themen mit einer gelassenen Zärtlichkeit und einer Herzenswärme an, die zeitlos erscheint. Eine unbedingte Leseempfehlung.
Aug 11, 2025






