
542 Followers
Im Aufzug auf dem Weg zu der Anwaltsparty spielte sie mit ihren offenen Sandalen immer noch mit dem Sand vom Hafen herum und dachte: Dann weiß ich Bescheid. Es wird nicht romantisch werden, aber wer will das schon? Es wird auch nicht leidenschaftlich werden, aber vielleicht ist das auch besser so. Wir werden Kinder haben. Er ist wirklich bemerkenswert, und ich werde ihn innig lieben lernen. Er hat nichts an sich, was nicht liebenswert wäre. - Zitat, Seite 40 In dem Roman "Ein untadeliger Mann" (Originaltitel "Old Filth") hatten wir den respektablen Juristen und Witwer kennengelernt, der sich nach seinem Berufsleben in Hongkong in England zur Ruhe setzt und nach dem plötzlichen Tod seiner geliebten Frau Betty (die beim Tulpenzwiebelsetzen verblich) von Erinnerungen aus der Vergangenheit eingeholt wird. Der vorliegende Nachfolgeband "Eine Treue Frau" (Originaltitel "The Man in the Wooden Hat") soll nun dem faszinierenden Portrait eines Engländers mit besonderer Geschichte andere Aspekte hinzufügen und vielleicht auch eine neue, weibliche Perspektive auf gewisse Teile der Geschichte hinzufügen. Wer jedoch etwas über die Kindheit von Betty, die wie der Protagonist in Asien geboren wurde, erfahren wollte, wird hier enttäuscht. Der Fokus liegt eher darauf, was an den Gerüchten über die Affäre der Ehefrau mit dem Erzfeind ihres Ehemannes tatsächlich dran ist und wie die wahre Geschichte die Beziehung der Protagonisten beeinflusst. Doch man braucht nicht zu fürchten mit Leidenschaft, Romantik oder dergleichen belastet zu werden. Hier ist der Stil wirklich fast zu englisch. Gefühle werden nur angedeutet und anders als im ersten Band hält die Autorin den Lesenden auf Distanz. Auch was den Schauplatz der Handlung betrifft ist das eher Thomas Hardy als W. Somerset Maugham. Die asiatische Note ist so englisch wie der Tee, der in zierlichen Porzellantassen serviert wird. Sehr schade. Natürlich ist der Schreibstil der Autorin trotz aller Kritik ausdrucksstark und präzise. Wenn es im Roman in London regnet, glaubt man im heimischen Wohnzimmer die Tropfen zu spüren und spannt in Gedanken den schützenden Schirm auf. Die Übersetzung wurde wieder hervorragend von Isabel Bogdan umgesetzt. FAZIT Obwohl die - zugegeben sehr hohen - Erwartungen an diesen Nachfolgeband nicht erfüllt wurden, bot die Lektüre gepflegte Unterhaltung auf die englische Art. Auf den Abschlussband der "Old Filth Trilogie" bin ich gespannt. Durchaus lesenswert.
Oct 14, 2024
Im Aufzug auf dem Weg zu der Anwaltsparty spielte sie mit ihren offenen Sandalen immer noch mit dem Sand vom Hafen herum und dachte: Dann weiß ich Bescheid. Es wird nicht romantisch werden, aber wer will das schon? Es wird auch nicht leidenschaftlich werden, aber vielleicht ist das auch besser so. Wir werden Kinder haben. Er ist wirklich bemerkenswert, und ich werde ihn innig lieben lernen. Er hat nichts an sich, was nicht liebenswert wäre. - Zitat, Seite 40 In dem Roman "Ein untadeliger Mann" (Originaltitel "Old Filth") hatten wir den respektablen Juristen und Witwer kennengelernt, der sich nach seinem Berufsleben in Hongkong in England zur Ruhe setzt und nach dem plötzlichen Tod seiner geliebten Frau Betty (die beim Tulpenzwiebelsetzen verblich) von Erinnerungen aus der Vergangenheit eingeholt wird. Der vorliegende Nachfolgeband "Eine Treue Frau" (Originaltitel "The Man in the Wooden Hat") soll nun dem faszinierenden Portrait eines Engländers mit besonderer Geschichte andere Aspekte hinzufügen und vielleicht auch eine neue, weibliche Perspektive auf gewisse Teile der Geschichte hinzufügen. Wer jedoch etwas über die Kindheit von Betty, die wie der Protagonist in Asien geboren wurde, erfahren wollte, wird hier enttäuscht. Der Fokus liegt eher darauf, was an den Gerüchten über die Affäre der Ehefrau mit dem Erzfeind ihres Ehemannes tatsächlich dran ist und wie die wahre Geschichte die Beziehung der Protagonisten beeinflusst. Doch man braucht nicht zu fürchten mit Leidenschaft, Romantik oder dergleichen belastet zu werden. Hier ist der Stil wirklich fast zu englisch. Gefühle werden nur angedeutet und anders als im ersten Band hält die Autorin den Lesenden auf Distanz. Auch was den Schauplatz der Handlung betrifft ist das eher Thomas Hardy als W. Somerset Maugham. Die asiatische Note ist so englisch wie der Tee, der in zierlichen Porzellantassen serviert wird. Sehr schade. Natürlich ist der Schreibstil der Autorin trotz aller Kritik ausdrucksstark und präzise. Wenn es im Roman in London regnet, glaubt man im heimischen Wohnzimmer die Tropfen zu spüren und spannt in Gedanken den schützenden Schirm auf. Die Übersetzung wurde wieder hervorragend von Isabel Bogdan umgesetzt. FAZIT Obwohl die - zugegeben sehr hohen - Erwartungen an diesen Nachfolgeband nicht erfüllt wurden, bot die Lektüre gepflegte Unterhaltung auf die englische Art. Auf den Abschlussband der "Old Filth Trilogie" bin ich gespannt. Durchaus lesenswert.
Oct 14, 2024






