Die Schwestern
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Description
Book Information
Author Description
Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman »Der Süden« (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem IMPAC-Preis, dem David Cohen Prize for Literature und dem Würth-Preis für Europäische Literatur. Bei Hanser erschienen zuletzt «Long Island« (Roman, 2024) sowie »Vinegar Hill« (Gedichte, 2025). Er wurde für 2022–2024 zum Laureate for Irish Fiction ernannt.
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Drei Schwestern und alles, was zwischen ihnen verloren ging
Manchmal liest man ein Buch und merkt erst Stunden später, was es eigentlich mit einem gemacht hat. Genau so ein Fall hier. Die Schwestern schleicht sich rein, ganz leise, und plötzlich sitzt man da und denkt über Familie nach, über Distanz, über dieses komische Gefühl, wenn Nähe irgendwie verloren gegangen ist. Drei Schwestern, ein gemeinsamer Anfang und dann dieses langsame Auseinanderdriften. Kein Drama mit Türenknallen, eher dieses stille Entfernen, das fast noch mehr weh tut. Und genau das trifft. Diese kleinen Blicke, unausgesprochenen Dinge, Erinnerungen, die irgendwo zwischen schön und schmerzhaft hängen bleiben. Beim Lesen hatte ich öfter diesen Moment von das kenne ich doch irgendwoher. Dieses Gefühl, wenn man sich fragt, wann genau sich Beziehungen verändert haben. Ohne dass man es wirklich gemerkt hat. Tóibín schreibt das so ruhig runter, dass es fast beiläufig wirkt, aber genau da liegt die Wucht. Argentinien, die alte Heimat, das Haus in den Pyrenäen, alles wirkt wie so ein emotionaler Speicher. Orte, die mehr wissen als die Figuren selbst. Und plötzlich geht es gar nicht mehr nur um die Schwestern, sondern um dieses große Thema Zugehörigkeit. Kein Buch für nebenbei, eher eins für ruhige Abende, wenn man bereit ist, sich ein bisschen selbst zu begegnen. Hat mich nicht komplett umgehauen, aber ziemlich tief getroffen.

Obwohl das Cover dieses Buches mich nicht sehr ansprach, machte mich der Titel neugierig. Wer selbst eine oder mehrere Schwestern hat, wird dies verstehen. Und so entschied ich mich, auch auf Grund des Klappentextes, diesen relativ dünnen Roman zu lesen. Eigentlich fast eine Erzählung, aber vom Inhalt und der erzählten Zeitspanne, (ca. sechzig Jahre) doch eher romanmäßig. Drei Schwestern gehen mit ihrer Mutter nach dem Tod des Vaters von Katalanien nach Argentinien. Dort sind sie relativ mittellos und müssen zusehen, wie sie ihr Leben fristen. Das tut jede auf völlig andere Weise. Die Schwestern sind charakterlich völlig unterschiedlich, manipulierlich, verschlossen, eigensinnig, egoistisch, egozentisch, introvertiert. Es kommt zu Spaltungen, Rücksichtslosigkeit, Geheimnissen, Verleugnungen, Selbstsucht. Sie entfremden sich und jede lebt nach eigener Moral und Begabung. Trotzdem bleiben sie auf eigentümliche Weise verbunden und eineinder zugetan. Obwohl keine der drei mir sehr nahe kommt, haben mich ihre Leben interessiert und ich habe gehofft, dass es für alle gut ausgeht. Um eine engere Bindung zu einer Protagonistin aufzubauen, ist die Geschichte auch nicht lang genug, aber sie ist so aussagekräftig, dass man jederzeit gefesselt dran bleibt. Psychologisch tiefgründig erzählt, durch knappe Begebenheiten kann man sich ihre wirtschaftliche, gesellschaftliche und familiäre Stellung, sehr gut vorstellen. Das hat mich fasziniert. Mit wenigen Worten so viel zwischen den Zeilen zu schreiben. Mir hat dieser kurze Roman außerordentlich gut gefallen. Es hat mich erstaunt, was Menschen sich gegenseitig antun, ertragen und trotzdem einander gewogen bleiben, weil Familie sie eint. LESEEMPFEHLUNG. Vielen Dank an NetGalley und den Hanser Verlag für die Bereitstellung des eBooks. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.
„Die Schwestern“ von Colm Tóibín Verlag : Hanser In „Die Schwestern“ von Colm Tóibín geht es um drei Schwestern, die nach dem Tod ihres Vaters ihre Heimat verlassen und gemeinsam mit ihrer Mutter nach Argentinien zurückkehren. Eine Nonne hilft schließlich, die drei Mädchen in einer Schule unterzubringen; zunächst aus Fürsorge, später jedoch von Zweifeln geplagt, als sie erkennt, dass die Mutter nicht in der Lage ist, das Schulgeld zu bezahlen. Doch da ist es längst zu spät. Die Mädchen lernen schnell, sich anzupassen: Sie verleugnen einander, ihre Herkunft, ja alles, was sie als Familie einst ausmachte. Núria, die Älteste, mittlerweile Witwe und einst Unternehmersgattin; Conxita, die mittlere Schwester, angestellt bei einer wohlhabenden Tochter, in deren Haushalt sie arbeitet; und Montse, die Jüngste, die nun in einer Autowerkstatt ihren Lebensunterhalt verdient. Montse war 20 Jahre die Geliebte eines älteren Herren und hat die Vorzüge genossen. Der Kontakt zwischen den Schwestern ist lose geworden; bereits vor langer Zeit haben sie sich voneinander entfernt. Die Mutter, stark im Einfluss der wohlhabenden und dominanten Núria, vernachlässigt die beiden anderen Töchter und drängt sie früh in die Selbständigkeit. Mit bewundernswerter Präzision gelingt es dem Autor, auf wenigen Seiten die fragile Beziehung zwischen den Schwestern und auch zur Mutter eindringlich zu zeichnen. Leise und von stiller Intensität erzählt er von ihrem Leben in der Fremde, damals wie heute. Damals als arme Familie ohne Halt in Buenos Aires, heute, nach dem Erbe ihrer Tante in den Pyrenäen, als sie gemeinsam in die Vergangenheit zurückkehren. Zart und von melancholischer Schönheit durchzogen, entwirft der Autor das Leben der Geschwister. Die Distanz und Entfremdung werden ungeschönt dargestellt; zugleich beschreibt er mit feinem Gespür die vorsichtige Annäherung während ihres Aufenthalts im kleinen Haus der Tante. Nach all den Jahren kommen sie sich wieder näher und doch bleibt das Band zwischen ihnen von einer fast schmerzhaften Zerbrechlichkeit. Colm Tóibín überzeugt durch seinen ruhigen, fließenden und zugleich ungemein präzisen Schreibstil. Mit wenigen Worten erschafft er ein intensives, atmosphärisch dichtes Familienporträt. Er macht die Distanz spürbar und lässt zugleich in späteren Jahren Vertrautheit und Verbundenheit wieder aufscheinen; leise, behutsam und von großer literarischer Eleganz. Was für ein Werk, was für ein zutiefst poetisches, berührendes literarisches Highlight.

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Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman »Der Süden« (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem IMPAC-Preis, dem David Cohen Prize for Literature und dem Würth-Preis für Europäische Literatur. Bei Hanser erschienen zuletzt «Long Island« (Roman, 2024) sowie »Vinegar Hill« (Gedichte, 2025). Er wurde für 2022–2024 zum Laureate for Irish Fiction ernannt.
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Drei Schwestern und alles, was zwischen ihnen verloren ging
Manchmal liest man ein Buch und merkt erst Stunden später, was es eigentlich mit einem gemacht hat. Genau so ein Fall hier. Die Schwestern schleicht sich rein, ganz leise, und plötzlich sitzt man da und denkt über Familie nach, über Distanz, über dieses komische Gefühl, wenn Nähe irgendwie verloren gegangen ist. Drei Schwestern, ein gemeinsamer Anfang und dann dieses langsame Auseinanderdriften. Kein Drama mit Türenknallen, eher dieses stille Entfernen, das fast noch mehr weh tut. Und genau das trifft. Diese kleinen Blicke, unausgesprochenen Dinge, Erinnerungen, die irgendwo zwischen schön und schmerzhaft hängen bleiben. Beim Lesen hatte ich öfter diesen Moment von das kenne ich doch irgendwoher. Dieses Gefühl, wenn man sich fragt, wann genau sich Beziehungen verändert haben. Ohne dass man es wirklich gemerkt hat. Tóibín schreibt das so ruhig runter, dass es fast beiläufig wirkt, aber genau da liegt die Wucht. Argentinien, die alte Heimat, das Haus in den Pyrenäen, alles wirkt wie so ein emotionaler Speicher. Orte, die mehr wissen als die Figuren selbst. Und plötzlich geht es gar nicht mehr nur um die Schwestern, sondern um dieses große Thema Zugehörigkeit. Kein Buch für nebenbei, eher eins für ruhige Abende, wenn man bereit ist, sich ein bisschen selbst zu begegnen. Hat mich nicht komplett umgehauen, aber ziemlich tief getroffen.

Obwohl das Cover dieses Buches mich nicht sehr ansprach, machte mich der Titel neugierig. Wer selbst eine oder mehrere Schwestern hat, wird dies verstehen. Und so entschied ich mich, auch auf Grund des Klappentextes, diesen relativ dünnen Roman zu lesen. Eigentlich fast eine Erzählung, aber vom Inhalt und der erzählten Zeitspanne, (ca. sechzig Jahre) doch eher romanmäßig. Drei Schwestern gehen mit ihrer Mutter nach dem Tod des Vaters von Katalanien nach Argentinien. Dort sind sie relativ mittellos und müssen zusehen, wie sie ihr Leben fristen. Das tut jede auf völlig andere Weise. Die Schwestern sind charakterlich völlig unterschiedlich, manipulierlich, verschlossen, eigensinnig, egoistisch, egozentisch, introvertiert. Es kommt zu Spaltungen, Rücksichtslosigkeit, Geheimnissen, Verleugnungen, Selbstsucht. Sie entfremden sich und jede lebt nach eigener Moral und Begabung. Trotzdem bleiben sie auf eigentümliche Weise verbunden und eineinder zugetan. Obwohl keine der drei mir sehr nahe kommt, haben mich ihre Leben interessiert und ich habe gehofft, dass es für alle gut ausgeht. Um eine engere Bindung zu einer Protagonistin aufzubauen, ist die Geschichte auch nicht lang genug, aber sie ist so aussagekräftig, dass man jederzeit gefesselt dran bleibt. Psychologisch tiefgründig erzählt, durch knappe Begebenheiten kann man sich ihre wirtschaftliche, gesellschaftliche und familiäre Stellung, sehr gut vorstellen. Das hat mich fasziniert. Mit wenigen Worten so viel zwischen den Zeilen zu schreiben. Mir hat dieser kurze Roman außerordentlich gut gefallen. Es hat mich erstaunt, was Menschen sich gegenseitig antun, ertragen und trotzdem einander gewogen bleiben, weil Familie sie eint. LESEEMPFEHLUNG. Vielen Dank an NetGalley und den Hanser Verlag für die Bereitstellung des eBooks. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.
„Die Schwestern“ von Colm Tóibín Verlag : Hanser In „Die Schwestern“ von Colm Tóibín geht es um drei Schwestern, die nach dem Tod ihres Vaters ihre Heimat verlassen und gemeinsam mit ihrer Mutter nach Argentinien zurückkehren. Eine Nonne hilft schließlich, die drei Mädchen in einer Schule unterzubringen; zunächst aus Fürsorge, später jedoch von Zweifeln geplagt, als sie erkennt, dass die Mutter nicht in der Lage ist, das Schulgeld zu bezahlen. Doch da ist es längst zu spät. Die Mädchen lernen schnell, sich anzupassen: Sie verleugnen einander, ihre Herkunft, ja alles, was sie als Familie einst ausmachte. Núria, die Älteste, mittlerweile Witwe und einst Unternehmersgattin; Conxita, die mittlere Schwester, angestellt bei einer wohlhabenden Tochter, in deren Haushalt sie arbeitet; und Montse, die Jüngste, die nun in einer Autowerkstatt ihren Lebensunterhalt verdient. Montse war 20 Jahre die Geliebte eines älteren Herren und hat die Vorzüge genossen. Der Kontakt zwischen den Schwestern ist lose geworden; bereits vor langer Zeit haben sie sich voneinander entfernt. Die Mutter, stark im Einfluss der wohlhabenden und dominanten Núria, vernachlässigt die beiden anderen Töchter und drängt sie früh in die Selbständigkeit. Mit bewundernswerter Präzision gelingt es dem Autor, auf wenigen Seiten die fragile Beziehung zwischen den Schwestern und auch zur Mutter eindringlich zu zeichnen. Leise und von stiller Intensität erzählt er von ihrem Leben in der Fremde, damals wie heute. Damals als arme Familie ohne Halt in Buenos Aires, heute, nach dem Erbe ihrer Tante in den Pyrenäen, als sie gemeinsam in die Vergangenheit zurückkehren. Zart und von melancholischer Schönheit durchzogen, entwirft der Autor das Leben der Geschwister. Die Distanz und Entfremdung werden ungeschönt dargestellt; zugleich beschreibt er mit feinem Gespür die vorsichtige Annäherung während ihres Aufenthalts im kleinen Haus der Tante. Nach all den Jahren kommen sie sich wieder näher und doch bleibt das Band zwischen ihnen von einer fast schmerzhaften Zerbrechlichkeit. Colm Tóibín überzeugt durch seinen ruhigen, fließenden und zugleich ungemein präzisen Schreibstil. Mit wenigen Worten erschafft er ein intensives, atmosphärisch dichtes Familienporträt. Er macht die Distanz spürbar und lässt zugleich in späteren Jahren Vertrautheit und Verbundenheit wieder aufscheinen; leise, behutsam und von großer literarischer Eleganz. Was für ein Werk, was für ein zutiefst poetisches, berührendes literarisches Highlight.








