Bitch Hunt
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Description
Book Information
Author Description
VERONIKA KRACHER (geb. 1990) hat in Frankfurt und Mainz Soziologie und Literaturwissenschaften studiert. Sie ist als Autorin, Publizistin und Bindungsreferentin tätig. Seit 2015 beschäftigt sie sich mit den Themenfeldern digitale Misogynie, Antifeminismus, Online-Radikalisierung und Rechtsextremismus. 2020 veröffentlichte sie das breit besprochene Buch »Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults« im Ventil Verlag. Von 2021 bis 2024 war Kracher bei der Amadeu-Antonio-Stiftung tätig, um dort Recherche- und Monitoring-Arbeit zu misogynen und rechtsextremen Online-Communities zu leisten. »Bitch Hunt« ist ihr zweites Buch.
Posts
“Flooding the Zone with Shit”
Meine eigene Benachteiligung als Frau habe ich aufgrund meiner Sozialisation hauptsächlich mit dem religiösen Weltbild und der ideologischen Fehlinterpretation einer vermeintlich gottgewollten Stellung der Frau unterhalb des Mannes in Verbindung gebracht. Da ich diesen geistlichen Missbrauch überwunden hatte, glaubte ich mich in Sicherheit. Und in Freiheit. Denn außerhalb der religiösen Filterblase sind ja „alle längst gleichberechtigt“. Oder? Seit der Lesung von Christina Clemm am 17.10.24 bei kulturGRÜN in Siegen und durch ihr Buch „Gegen Frauenhass“ habe ich erstmals in aller Deutlichkeit verstanden, dass Frauenhass kein Problem einiger weniger abgedrehter Männer ist. Keine Emotion, die sich ab und zu in außergewöhnlich drastischen Bemerkungen oder sogar körperlicher Gewalt entlädt. Ich war so naiv zu glauben, dass, selbst in einem binär denkenden Weltbild, nicht eine Hälfte der Bevölkerung die andere so krass abwerten würde. Denn schließlich haben alle Cis-Männer auch Mütter, Großmütter, eventuell Schwestern oder Töchter. Wieso also sollte man Menschen hassen, nur weil sie Frauen sind? In meinem Kopf habe ich sexualisierte und geschlechtsbezogene psychische und physische Gewalt nicht automatisch mit Hass in Verbindung gebracht. Frauenfeindlichkeit – ja, individuell auf jeden Fall. Benachteiligung von Frauen – ja, strukturell überall. Doch nicht umsonst ist in Misogynie „misos“ (altgriechisch „Hass“) enthalten. Es gibt zwar sehr viele unangenehme Männer, „alte weiße Männer“, fiese Typen, hypermaskuline Machos und leider auch Vergewaltiger und Mörder. Aber die meisten Männer denken und empfinden doch nicht wirklich so über Frauen. Oder? Meine privilegierte und naive Weltsicht ist, spätestens seit ich Christina Clemm gelesen und gehört habe, zerstört. Ich habe angefangen, mich ernsthaft mit diesen strukturellen, systemischen, zielgerichteten und sehr bewussten Ressentiments gegenüber Frauen zu befassen. Patriarchaler Hass, Frauenhass, Frauenverachtung – egal wie man es nennt, ist so weit verbreitet und alltäglich, dass er kaum wahrgenommen wird. Dass selbst ich als Frau ihn nicht gesehen habe. Oder schlichtweg nicht wahrhaben wollte, dass im 21. Jahrhundert, in Deutschland und anderen aufgeklärten und demokratischen Ländern, Frauen einfach nur dafür gehasst, benachteiligt, gedemütigt, diffamiert, dehumanisiert, angegriffen, verletzt und getötet werden, bloß weil sie Frauen sind. Seit 2024 ist viel passiert und leider nicht zum Besseren. Es gibt die „alltägliche“ Gewalt an Frauen. Alle zwei bis drei Tage tötet in DEUTSCHLAND ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Fast jeden Tag gibt es einen Tötungsversuch. (BKA, Lagebild „Häusliche Gewalt“, Nov. 2025) 2024 gab es 558 registrierte frauenfeindliche Straftaten – dies ist ein Anstieg von 73,3 % zum Vorjahr. (BKA, Lagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“, Nov. 2025) Dabei wird der allergrößte Teil von Gewalterfahrungen in Deutschland gar nicht erst angezeigt, die Quote liegt bei unter zehn Prozent. Und innerhalb von (Ex-)Partnerschaften liegen die Anzeigequoten psychischer und körperlicher Gewalt sogar unter fünf Prozent. (https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/alle-meldungen/neue-dunkelfeldstudie-zu-gewalterfahrungen-veroeffentlicht-280248) Und davon werden noch weniger Straftäter verurteilt. Es gab die weltweit aufsehenerregenden „Fälle“ Pelicot, die Epstein-Files und in diesem Jahr dann Ulmen. Es war daher logisch für mich, das neueste Buch von Veronika Kracher zu lesen. Denn eigentlich kann ich immer noch nicht verstehen, warum Mann Frauen so sehr hasst. In Bitch Hunt analysiert Veronika Kracher die Funktion Misogynie, insbesondere digitale Misogynie – worunter u.a. Collien Fernandes zu leiden hat. Und jetzt habe ich annähernd verstanden, was das wiederum bedeutet. Wer und was dahintersteckt. Und wie perfide, völlig hemmungslos und von jeglichem Anstand und Moral entkoppelt Menschen (meistens Männer) ihr vermeintliches Anrecht auf Diskriminierung ausleben. Was früher der Stammtisch in der Dorfkneipe war, ist nun, unendlich viel gefährlicher, das Internet und vor allem Social Media. Einerseits aufgrund der möglichen Anonymität, andererseits, weil Social Media strukturell so angelegt ist, dass „Affekte wie Empörung, Wut, Angst oder Hass“ (S.14) den Algorithmus pushen und sich außerdem damit noch sehr viel Geld verdienen lässt. Warum also sollte Mann ein solch unterhaltsames, wie lukratives Game beenden? Veronika Kracher klärt weiterhin, was der Unterschied zwischen Kritik und Empörung eigentlich bedeutet, was mit dem „Misogynist Slop Ecosystem“ gemeint ist (ein Ökosystem von unendlichem frauenfeindlichem Content) und wie Cybermobbing und Hasskampagnen gezielt gesteuert ablaufen. Dafür bringt sie zahlreiche Beispiele, angefangen mit ihren eigenen Erfahrungen bis zu zahlreichen anderen Opfern, die prominentesten darunter: Amber Heard, Meghan Markle, Blake Lively. Das alles wäre schon schlimm genug, aber leider wird das antifeministische Playbook von der globalen Neuen Rechten für ihren Kulturkampf genutzt. „Antifeminismus und Antisemitismus sind kulturell und politisch miteinander verwoben“ (S.111) und eine ganze Generation junger Männer wird somit radikalisiert. „Wir leben in einem postfaktischen Zeitalter, in dem Menschen lieber eine ihnen bequeme Lüge über ihr Feindbild oder die Welt an sich Glauben schenken, anstatt die Wahrheit überhaupt in Betracht zu ziehen.“ (S.136) oder wie Donald Trump es ausdrückt: Flooding the Zone with Shit! Dem Opfer wird die Glaubwürdigkeit und die Empathie entzogen, wenn genügend Halbwahrheiten, Verleumdungen und manipulierte Bilder im Umlauf sind. Dieses Buch ist herausfordernd, denn wer es nicht aus wissenschaftlichem Interesse liest, sondern wie ich als Küchenfeministin, Nichtakademikerin und aus der GenX stammend, also als „digital Immigrant“, dann bedarf es schon einiger Anstrengung. Die sich aber definitiv lohnt, denn ich habe sehr viel dazu gelernt und meinen Horizont erweitert. Ich brauche keine Gamerin sein und auch nicht in der Tiefe verstehen, was im digitalen Raum „kiwi farms“ oder „Sockenpuppen“ sind – das kann ich googeln. Was ich aber immer mehr verstehe, ist: „Das primäre Schlachtfeld der Zukunft wird wahrscheinlich das um die Wahrheit sein, und die Seite der Propaganda und Lüge hat mit durch KI generierten Deepfakes eine Waffe, deren Gefährlichkeit wir in all ihrem Ausmaß noch gar nicht erfassen können.“ (S.267) Und ich verstehe: Frauenhass ist real. (Transfeindlichkeit ist sogar noch stärker und natürlich gibt es unendlich viele weitere intersektionale Benachteiligungen.) Ich fühle mich davon erschlagen und es ist sehr beängstigend. Besonders für FLINTA und andere marginalisierte Gruppen. Aber „emanzipatorische Strukturen sind das effektivste Mittel gegen Entfremdung und Autoritarismus, weil sie uns die konkrete Erfahrung politischer Handlungsmacht und Solidarität vermitteln.“ (S. 270)
Dringende Empfehlung! Ich möchte gar nicht so viele Worte über den Inhalt von Veronika Krachers ‘Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen’ aus dem Verbrecher Verlag verlieren, denn das können andere, versiertere Menschen besser. Ich möchte stattdessen meine Möglichkeiten nutzen, um Menschen auf das Buch aufmerksam zu machen, denn ich halte es nicht nur aufgrund seiner Aktualität für ein ungemein wichtiges. Veronika Kracher analysiert die Funktionsweisen digitaler Misogynie, ordnet diese als Teil des rechten Kulturkampfes ein, erläutert die Rolle der Social-Media-Giganten in der Verstärkung misogyner Kampagnen und vermittelt, wie digitale Misogynie sich letztlich im analogen Alltag niederschlägt. Sie macht zudem deulich, dass Misogynie ein System ist, dessen Mechanismen auch in progressiven und feministischen Kreisen um sich greifen. Die vielen behandelten Fallbeispiele machen die Analysen der Autorin konkret fassbar, was für ein sehr gutes Verständnis sorgt und die eigene Wahrnehmung schärft. Grundlegende Begriffe werden definiert, der Text ist wissenschaftlich, ohne die nötige Emotionalität vermissen zu lassen. Dabei ist auffällig, wie viele Themen in der inhaltlichen Klammer des Buchs angesprochen werden, ohne auch nur eines davon oberflächlich zu behandeln. So gern ich das Buch gelesen habe, war es dennoch kein Lesevergnügen. Ich bin dankbar und froh, dass es Menschen wie Veronika Kracher gibt, die sich tief in jene Communities hinabbegeben, aus denen Leben zerstörende Hasskampagnen erwachsen, um uns davon berichten zu können. Ich finde es bewundernswert, wie es die Autorin trotz des deprimierenden Themas schafft, immer wieder auch motivierende Worte und Lichtblicke zu formulieren. Sinngemäß möchte ich daher mit den Appellen schließen: 👉 Reflektiert euren Wunsch nach moralischer Überhöhung durch die Abwertung anderer. 👉 Befasst euch mit euren Impulsen, Empörung nachzugehen. 👉 Tauscht Missgunst gegen Wohlwollen. 👉 Lest Bitch Hunt.

„Letztendlich geht es in diesem Buch um eine ganz simple Frage: Wieso verhalten wir uns im Internet Frauen gegenüber eigentlich so scheiße?" (S. 20) Mit dieser einfachen aber entlarvenden Frage öffnet Veronika Kracher den Denkraum, in dem sich "Bitch Hunt" bewegt. Und sie meint das nicht als provokante Überspitzung, sondern als ernstgemeinte Analyse einer (digitalen) Gegenwart, in der Frauenhass nicht nur Alltag, sondern oft Unterhaltung ist. Amber Heard, Meghan Markle, Shelby Lynn, Kasia Lenhardt. Sie sind prominente Beispiele für Opfer von Hasskampagnen gegen Frauen. Die zerstörerische Macht ihrer Hater steht dem institutionellen Rückhalt ihrer männlichen Kontrahenten in nichts nach. Sie dienen als Projektionsfläche für Misogynie und gekränkte Männlichkeit. Der öffentliche Pranger funktioniert digital effizienter denn je – millionenfach geteilt, kommentiert, verzerrt. Digitale Hetze und reale Macht greifen ineinander. Kracher zeigt, dass Frauenhass kein isoliertes Online-Phänomen ist, sondern Teil einer autoritären, antifeministischen Mobilisierung. Ziel solcher Kampagnen sind in der Regel marginalisierte Gruppen, deren Stimme man zurückdrängen und zum Schweigen bringen will. Anders als es der Untertitel dieses Buches vermuten lässt, beschränken sich die Hasskampagnen nicht auf Frauen. Den Hatern sind alle Opfer recht: queere Menschen, Migrant:innen, Jüdinnen und Juden, BlPoC. Der passende Mob ist schnell gefunden und massenpsychologisch gilt: Gemeinsamer Feind verbindet. In der digitalen Arena entsteht so eine Form der Gemeinschaft, die sich nicht über Solidarität, sondern über Abwertung definiert. Grund dafür ist meist die Angst um das eigene Weltbild, das man durch diese Personen bedroht sieht. (Spoiler: völlig zu Unrecht.) Hinter der Empörung steckt selten ein argumentatives Interesse, sondern vielmehr die Verteidigung tradierter Hierarchien. Viele scheinen moralische Empörung mit politischem Engagement zu verwechseln. Der Shitstorm ersetzt die Debatte, das Meme das Argument. Kracher legt die Dynamiken eines digitalen Mobs offen. Sie beschreibt, wie sich ein Shitstorm formiert, welche Mechanismen dazugehören und warum es so selten zur Selbstreflexion kommt. Stattdessen schlägt die Projektion der eigenen Sozialisation zu: Wer gelernt hat, Männlichkeit über Dominanz und Abwertung zu definieren, verteidigt dieses fragile Selbstbild mit erstaunlicher Aggressivität. Erschreckend ist dabei, wie schnell der Algorithmus nachhilft. Binnen weniger Klicks füllt sich die Timeline mit Hass, reaktionären Ideologien und „ironischen“ Memes. Die Filterblase verstärkt, was ohnehin da ist – Ressentiments, Kränkungen, Abstiegsängste – und verwandelt sie in kollektive Gewissheiten. Was in Internetforen vermeintlich fernab der analogen Welt beginnt, endet längst nicht mehr dort. Es setzt sich im großen Stil auf der politischen Weltbühne fort. Dort sitzt ein gekränkter Weißer Mann auf einer Position, die er ebenso gekränkten Weißen Männern zu verdanken hat. Ein verurteilter Sexualstraftäter und Faschist, der dafür sorgt, dass das Patriarchat nicht nur kulturell verteidigt, sondern politisch zementiert wird. Besonders eindrücklich arbeitet Kracher heraus, inwiefern Antifeminismus als „Türöffner nach Rechtsaußen“ fungiert. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, Gleichberechtigung als Bedrohung zu sehen, ist anfällig für weiterführende autoritäre und völkische Ideologien. Der Hass auf „die Feministinnen“ ist oft nur der Einstieg in ein geschlossenes Weltbild, das Diversität insgesamt als Verfall deutet. Auch die Gamer-Community nimmt Kracher unter die Lupe – als ein Raum, in dem sich toxische Männlichkeitsbilder, antifeministische Narrative und rechtsextreme Codes immer wieder überlagern. Zwischen vermeintlich harmlosen Insiderwitzen und offener Menschenverachtung verläuft oft nur ein schmaler Grat. Was ich Kracher besonders hoch anrechne, ist, dass sie sich für ihre Recherche selbst ins Moloch der rechtsgerichteten (Nicht-)Denkenden begibt. Mir wird schon übel beim Gedanken an die Kommentarspalten, in denen Incels, selbsternannte „Alpha-Männer“ und Verschwörungsideologen verbales Pingpong spielen. „Solidarität ist der Grundstein, das Gleiche im anderen zu sehen und einen Moment kollektiver Empathie zu etablieren." (S. 265) Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses Buches. Wenn Misogynie und Menschenfeindlichkeit von Projektion, Entmenschlichung und Angst leben, dann ist Solidarität der naheliegende Gegenentwurf.
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VERONIKA KRACHER (geb. 1990) hat in Frankfurt und Mainz Soziologie und Literaturwissenschaften studiert. Sie ist als Autorin, Publizistin und Bindungsreferentin tätig. Seit 2015 beschäftigt sie sich mit den Themenfeldern digitale Misogynie, Antifeminismus, Online-Radikalisierung und Rechtsextremismus. 2020 veröffentlichte sie das breit besprochene Buch »Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults« im Ventil Verlag. Von 2021 bis 2024 war Kracher bei der Amadeu-Antonio-Stiftung tätig, um dort Recherche- und Monitoring-Arbeit zu misogynen und rechtsextremen Online-Communities zu leisten. »Bitch Hunt« ist ihr zweites Buch.
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“Flooding the Zone with Shit”
Meine eigene Benachteiligung als Frau habe ich aufgrund meiner Sozialisation hauptsächlich mit dem religiösen Weltbild und der ideologischen Fehlinterpretation einer vermeintlich gottgewollten Stellung der Frau unterhalb des Mannes in Verbindung gebracht. Da ich diesen geistlichen Missbrauch überwunden hatte, glaubte ich mich in Sicherheit. Und in Freiheit. Denn außerhalb der religiösen Filterblase sind ja „alle längst gleichberechtigt“. Oder? Seit der Lesung von Christina Clemm am 17.10.24 bei kulturGRÜN in Siegen und durch ihr Buch „Gegen Frauenhass“ habe ich erstmals in aller Deutlichkeit verstanden, dass Frauenhass kein Problem einiger weniger abgedrehter Männer ist. Keine Emotion, die sich ab und zu in außergewöhnlich drastischen Bemerkungen oder sogar körperlicher Gewalt entlädt. Ich war so naiv zu glauben, dass, selbst in einem binär denkenden Weltbild, nicht eine Hälfte der Bevölkerung die andere so krass abwerten würde. Denn schließlich haben alle Cis-Männer auch Mütter, Großmütter, eventuell Schwestern oder Töchter. Wieso also sollte man Menschen hassen, nur weil sie Frauen sind? In meinem Kopf habe ich sexualisierte und geschlechtsbezogene psychische und physische Gewalt nicht automatisch mit Hass in Verbindung gebracht. Frauenfeindlichkeit – ja, individuell auf jeden Fall. Benachteiligung von Frauen – ja, strukturell überall. Doch nicht umsonst ist in Misogynie „misos“ (altgriechisch „Hass“) enthalten. Es gibt zwar sehr viele unangenehme Männer, „alte weiße Männer“, fiese Typen, hypermaskuline Machos und leider auch Vergewaltiger und Mörder. Aber die meisten Männer denken und empfinden doch nicht wirklich so über Frauen. Oder? Meine privilegierte und naive Weltsicht ist, spätestens seit ich Christina Clemm gelesen und gehört habe, zerstört. Ich habe angefangen, mich ernsthaft mit diesen strukturellen, systemischen, zielgerichteten und sehr bewussten Ressentiments gegenüber Frauen zu befassen. Patriarchaler Hass, Frauenhass, Frauenverachtung – egal wie man es nennt, ist so weit verbreitet und alltäglich, dass er kaum wahrgenommen wird. Dass selbst ich als Frau ihn nicht gesehen habe. Oder schlichtweg nicht wahrhaben wollte, dass im 21. Jahrhundert, in Deutschland und anderen aufgeklärten und demokratischen Ländern, Frauen einfach nur dafür gehasst, benachteiligt, gedemütigt, diffamiert, dehumanisiert, angegriffen, verletzt und getötet werden, bloß weil sie Frauen sind. Seit 2024 ist viel passiert und leider nicht zum Besseren. Es gibt die „alltägliche“ Gewalt an Frauen. Alle zwei bis drei Tage tötet in DEUTSCHLAND ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Fast jeden Tag gibt es einen Tötungsversuch. (BKA, Lagebild „Häusliche Gewalt“, Nov. 2025) 2024 gab es 558 registrierte frauenfeindliche Straftaten – dies ist ein Anstieg von 73,3 % zum Vorjahr. (BKA, Lagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“, Nov. 2025) Dabei wird der allergrößte Teil von Gewalterfahrungen in Deutschland gar nicht erst angezeigt, die Quote liegt bei unter zehn Prozent. Und innerhalb von (Ex-)Partnerschaften liegen die Anzeigequoten psychischer und körperlicher Gewalt sogar unter fünf Prozent. (https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/alle-meldungen/neue-dunkelfeldstudie-zu-gewalterfahrungen-veroeffentlicht-280248) Und davon werden noch weniger Straftäter verurteilt. Es gab die weltweit aufsehenerregenden „Fälle“ Pelicot, die Epstein-Files und in diesem Jahr dann Ulmen. Es war daher logisch für mich, das neueste Buch von Veronika Kracher zu lesen. Denn eigentlich kann ich immer noch nicht verstehen, warum Mann Frauen so sehr hasst. In Bitch Hunt analysiert Veronika Kracher die Funktion Misogynie, insbesondere digitale Misogynie – worunter u.a. Collien Fernandes zu leiden hat. Und jetzt habe ich annähernd verstanden, was das wiederum bedeutet. Wer und was dahintersteckt. Und wie perfide, völlig hemmungslos und von jeglichem Anstand und Moral entkoppelt Menschen (meistens Männer) ihr vermeintliches Anrecht auf Diskriminierung ausleben. Was früher der Stammtisch in der Dorfkneipe war, ist nun, unendlich viel gefährlicher, das Internet und vor allem Social Media. Einerseits aufgrund der möglichen Anonymität, andererseits, weil Social Media strukturell so angelegt ist, dass „Affekte wie Empörung, Wut, Angst oder Hass“ (S.14) den Algorithmus pushen und sich außerdem damit noch sehr viel Geld verdienen lässt. Warum also sollte Mann ein solch unterhaltsames, wie lukratives Game beenden? Veronika Kracher klärt weiterhin, was der Unterschied zwischen Kritik und Empörung eigentlich bedeutet, was mit dem „Misogynist Slop Ecosystem“ gemeint ist (ein Ökosystem von unendlichem frauenfeindlichem Content) und wie Cybermobbing und Hasskampagnen gezielt gesteuert ablaufen. Dafür bringt sie zahlreiche Beispiele, angefangen mit ihren eigenen Erfahrungen bis zu zahlreichen anderen Opfern, die prominentesten darunter: Amber Heard, Meghan Markle, Blake Lively. Das alles wäre schon schlimm genug, aber leider wird das antifeministische Playbook von der globalen Neuen Rechten für ihren Kulturkampf genutzt. „Antifeminismus und Antisemitismus sind kulturell und politisch miteinander verwoben“ (S.111) und eine ganze Generation junger Männer wird somit radikalisiert. „Wir leben in einem postfaktischen Zeitalter, in dem Menschen lieber eine ihnen bequeme Lüge über ihr Feindbild oder die Welt an sich Glauben schenken, anstatt die Wahrheit überhaupt in Betracht zu ziehen.“ (S.136) oder wie Donald Trump es ausdrückt: Flooding the Zone with Shit! Dem Opfer wird die Glaubwürdigkeit und die Empathie entzogen, wenn genügend Halbwahrheiten, Verleumdungen und manipulierte Bilder im Umlauf sind. Dieses Buch ist herausfordernd, denn wer es nicht aus wissenschaftlichem Interesse liest, sondern wie ich als Küchenfeministin, Nichtakademikerin und aus der GenX stammend, also als „digital Immigrant“, dann bedarf es schon einiger Anstrengung. Die sich aber definitiv lohnt, denn ich habe sehr viel dazu gelernt und meinen Horizont erweitert. Ich brauche keine Gamerin sein und auch nicht in der Tiefe verstehen, was im digitalen Raum „kiwi farms“ oder „Sockenpuppen“ sind – das kann ich googeln. Was ich aber immer mehr verstehe, ist: „Das primäre Schlachtfeld der Zukunft wird wahrscheinlich das um die Wahrheit sein, und die Seite der Propaganda und Lüge hat mit durch KI generierten Deepfakes eine Waffe, deren Gefährlichkeit wir in all ihrem Ausmaß noch gar nicht erfassen können.“ (S.267) Und ich verstehe: Frauenhass ist real. (Transfeindlichkeit ist sogar noch stärker und natürlich gibt es unendlich viele weitere intersektionale Benachteiligungen.) Ich fühle mich davon erschlagen und es ist sehr beängstigend. Besonders für FLINTA und andere marginalisierte Gruppen. Aber „emanzipatorische Strukturen sind das effektivste Mittel gegen Entfremdung und Autoritarismus, weil sie uns die konkrete Erfahrung politischer Handlungsmacht und Solidarität vermitteln.“ (S. 270)
Dringende Empfehlung! Ich möchte gar nicht so viele Worte über den Inhalt von Veronika Krachers ‘Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen’ aus dem Verbrecher Verlag verlieren, denn das können andere, versiertere Menschen besser. Ich möchte stattdessen meine Möglichkeiten nutzen, um Menschen auf das Buch aufmerksam zu machen, denn ich halte es nicht nur aufgrund seiner Aktualität für ein ungemein wichtiges. Veronika Kracher analysiert die Funktionsweisen digitaler Misogynie, ordnet diese als Teil des rechten Kulturkampfes ein, erläutert die Rolle der Social-Media-Giganten in der Verstärkung misogyner Kampagnen und vermittelt, wie digitale Misogynie sich letztlich im analogen Alltag niederschlägt. Sie macht zudem deulich, dass Misogynie ein System ist, dessen Mechanismen auch in progressiven und feministischen Kreisen um sich greifen. Die vielen behandelten Fallbeispiele machen die Analysen der Autorin konkret fassbar, was für ein sehr gutes Verständnis sorgt und die eigene Wahrnehmung schärft. Grundlegende Begriffe werden definiert, der Text ist wissenschaftlich, ohne die nötige Emotionalität vermissen zu lassen. Dabei ist auffällig, wie viele Themen in der inhaltlichen Klammer des Buchs angesprochen werden, ohne auch nur eines davon oberflächlich zu behandeln. So gern ich das Buch gelesen habe, war es dennoch kein Lesevergnügen. Ich bin dankbar und froh, dass es Menschen wie Veronika Kracher gibt, die sich tief in jene Communities hinabbegeben, aus denen Leben zerstörende Hasskampagnen erwachsen, um uns davon berichten zu können. Ich finde es bewundernswert, wie es die Autorin trotz des deprimierenden Themas schafft, immer wieder auch motivierende Worte und Lichtblicke zu formulieren. Sinngemäß möchte ich daher mit den Appellen schließen: 👉 Reflektiert euren Wunsch nach moralischer Überhöhung durch die Abwertung anderer. 👉 Befasst euch mit euren Impulsen, Empörung nachzugehen. 👉 Tauscht Missgunst gegen Wohlwollen. 👉 Lest Bitch Hunt.

„Letztendlich geht es in diesem Buch um eine ganz simple Frage: Wieso verhalten wir uns im Internet Frauen gegenüber eigentlich so scheiße?" (S. 20) Mit dieser einfachen aber entlarvenden Frage öffnet Veronika Kracher den Denkraum, in dem sich "Bitch Hunt" bewegt. Und sie meint das nicht als provokante Überspitzung, sondern als ernstgemeinte Analyse einer (digitalen) Gegenwart, in der Frauenhass nicht nur Alltag, sondern oft Unterhaltung ist. Amber Heard, Meghan Markle, Shelby Lynn, Kasia Lenhardt. Sie sind prominente Beispiele für Opfer von Hasskampagnen gegen Frauen. Die zerstörerische Macht ihrer Hater steht dem institutionellen Rückhalt ihrer männlichen Kontrahenten in nichts nach. Sie dienen als Projektionsfläche für Misogynie und gekränkte Männlichkeit. Der öffentliche Pranger funktioniert digital effizienter denn je – millionenfach geteilt, kommentiert, verzerrt. Digitale Hetze und reale Macht greifen ineinander. Kracher zeigt, dass Frauenhass kein isoliertes Online-Phänomen ist, sondern Teil einer autoritären, antifeministischen Mobilisierung. Ziel solcher Kampagnen sind in der Regel marginalisierte Gruppen, deren Stimme man zurückdrängen und zum Schweigen bringen will. Anders als es der Untertitel dieses Buches vermuten lässt, beschränken sich die Hasskampagnen nicht auf Frauen. Den Hatern sind alle Opfer recht: queere Menschen, Migrant:innen, Jüdinnen und Juden, BlPoC. Der passende Mob ist schnell gefunden und massenpsychologisch gilt: Gemeinsamer Feind verbindet. In der digitalen Arena entsteht so eine Form der Gemeinschaft, die sich nicht über Solidarität, sondern über Abwertung definiert. Grund dafür ist meist die Angst um das eigene Weltbild, das man durch diese Personen bedroht sieht. (Spoiler: völlig zu Unrecht.) Hinter der Empörung steckt selten ein argumentatives Interesse, sondern vielmehr die Verteidigung tradierter Hierarchien. Viele scheinen moralische Empörung mit politischem Engagement zu verwechseln. Der Shitstorm ersetzt die Debatte, das Meme das Argument. Kracher legt die Dynamiken eines digitalen Mobs offen. Sie beschreibt, wie sich ein Shitstorm formiert, welche Mechanismen dazugehören und warum es so selten zur Selbstreflexion kommt. Stattdessen schlägt die Projektion der eigenen Sozialisation zu: Wer gelernt hat, Männlichkeit über Dominanz und Abwertung zu definieren, verteidigt dieses fragile Selbstbild mit erstaunlicher Aggressivität. Erschreckend ist dabei, wie schnell der Algorithmus nachhilft. Binnen weniger Klicks füllt sich die Timeline mit Hass, reaktionären Ideologien und „ironischen“ Memes. Die Filterblase verstärkt, was ohnehin da ist – Ressentiments, Kränkungen, Abstiegsängste – und verwandelt sie in kollektive Gewissheiten. Was in Internetforen vermeintlich fernab der analogen Welt beginnt, endet längst nicht mehr dort. Es setzt sich im großen Stil auf der politischen Weltbühne fort. Dort sitzt ein gekränkter Weißer Mann auf einer Position, die er ebenso gekränkten Weißen Männern zu verdanken hat. Ein verurteilter Sexualstraftäter und Faschist, der dafür sorgt, dass das Patriarchat nicht nur kulturell verteidigt, sondern politisch zementiert wird. Besonders eindrücklich arbeitet Kracher heraus, inwiefern Antifeminismus als „Türöffner nach Rechtsaußen“ fungiert. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, Gleichberechtigung als Bedrohung zu sehen, ist anfällig für weiterführende autoritäre und völkische Ideologien. Der Hass auf „die Feministinnen“ ist oft nur der Einstieg in ein geschlossenes Weltbild, das Diversität insgesamt als Verfall deutet. Auch die Gamer-Community nimmt Kracher unter die Lupe – als ein Raum, in dem sich toxische Männlichkeitsbilder, antifeministische Narrative und rechtsextreme Codes immer wieder überlagern. Zwischen vermeintlich harmlosen Insiderwitzen und offener Menschenverachtung verläuft oft nur ein schmaler Grat. Was ich Kracher besonders hoch anrechne, ist, dass sie sich für ihre Recherche selbst ins Moloch der rechtsgerichteten (Nicht-)Denkenden begibt. Mir wird schon übel beim Gedanken an die Kommentarspalten, in denen Incels, selbsternannte „Alpha-Männer“ und Verschwörungsideologen verbales Pingpong spielen. „Solidarität ist der Grundstein, das Gleiche im anderen zu sehen und einen Moment kollektiver Empathie zu etablieren." (S. 265) Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses Buches. Wenn Misogynie und Menschenfeindlichkeit von Projektion, Entmenschlichung und Angst leben, dann ist Solidarität der naheliegende Gegenentwurf.







