“Flooding the Zone with Shit”
Meine eigene Benachteiligung als Frau habe ich aufgrund meiner Sozialisation hauptsächlich mit dem religiösen Weltbild und der ideologischen Fehlinterpretation einer vermeintlich gottgewollten Stellung der Frau unterhalb des Mannes in Verbindung gebracht. Da ich diesen geistlichen Missbrauch überwunden hatte, glaubte ich mich in Sicherheit. Und in Freiheit. Denn außerhalb der religiösen Filterblase sind ja „alle längst gleichberechtigt“. Oder? Seit der Lesung von Christina Clemm am 17.10.24 bei kulturGRÜN in Siegen und durch ihr Buch „Gegen Frauenhass“ habe ich erstmals in aller Deutlichkeit verstanden, dass Frauenhass kein Problem einiger weniger abgedrehter Männer ist. Keine Emotion, die sich ab und zu in außergewöhnlich drastischen Bemerkungen oder sogar körperlicher Gewalt entlädt. Ich war so naiv zu glauben, dass, selbst in einem binär denkenden Weltbild, nicht eine Hälfte der Bevölkerung die andere so krass abwerten würde. Denn schließlich haben alle Cis-Männer auch Mütter, Großmütter, eventuell Schwestern oder Töchter. Wieso also sollte man Menschen hassen, nur weil sie Frauen sind? In meinem Kopf habe ich sexualisierte und geschlechtsbezogene psychische und physische Gewalt nicht automatisch mit Hass in Verbindung gebracht. Frauenfeindlichkeit – ja, individuell auf jeden Fall. Benachteiligung von Frauen – ja, strukturell überall. Doch nicht umsonst ist in Misogynie „misos“ (altgriechisch „Hass“) enthalten. Es gibt zwar sehr viele unangenehme Männer, „alte weiße Männer“, fiese Typen, hypermaskuline Machos und leider auch Vergewaltiger und Mörder. Aber die meisten Männer denken und empfinden doch nicht wirklich so über Frauen. Oder? Meine privilegierte und naive Weltsicht ist, spätestens seit ich Christina Clemm gelesen und gehört habe, zerstört. Ich habe angefangen, mich ernsthaft mit diesen strukturellen, systemischen, zielgerichteten und sehr bewussten Ressentiments gegenüber Frauen zu befassen. Patriarchaler Hass, Frauenhass, Frauenverachtung – egal wie man es nennt, ist so weit verbreitet und alltäglich, dass er kaum wahrgenommen wird. Dass selbst ich als Frau ihn nicht gesehen habe. Oder schlichtweg nicht wahrhaben wollte, dass im 21. Jahrhundert, in Deutschland und anderen aufgeklärten und demokratischen Ländern, Frauen einfach nur dafür gehasst, benachteiligt, gedemütigt, diffamiert, dehumanisiert, angegriffen, verletzt und getötet werden, bloß weil sie Frauen sind. Seit 2024 ist viel passiert und leider nicht zum Besseren. Es gibt die „alltägliche“ Gewalt an Frauen. Alle zwei bis drei Tage tötet in DEUTSCHLAND ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Fast jeden Tag gibt es einen Tötungsversuch. (BKA, Lagebild „Häusliche Gewalt“, Nov. 2025) 2024 gab es 558 registrierte frauenfeindliche Straftaten – dies ist ein Anstieg von 73,3 % zum Vorjahr. (BKA, Lagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“, Nov. 2025) Dabei wird der allergrößte Teil von Gewalterfahrungen in Deutschland gar nicht erst angezeigt, die Quote liegt bei unter zehn Prozent. Und innerhalb von (Ex-)Partnerschaften liegen die Anzeigequoten psychischer und körperlicher Gewalt sogar unter fünf Prozent. (https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/alle-meldungen/neue-dunkelfeldstudie-zu-gewalterfahrungen-veroeffentlicht-280248) Und davon werden noch weniger Straftäter verurteilt. Es gab die weltweit aufsehenerregenden „Fälle“ Pelicot, die Epstein-Files und in diesem Jahr dann Ulmen. Es war daher logisch für mich, das neueste Buch von Veronika Kracher zu lesen. Denn eigentlich kann ich immer noch nicht verstehen, warum Mann Frauen so sehr hasst. In Bitch Hunt analysiert Veronika Kracher die Funktion Misogynie, insbesondere digitale Misogynie – worunter u.a. Collien Fernandes zu leiden hat. Und jetzt habe ich annähernd verstanden, was das wiederum bedeutet. Wer und was dahintersteckt. Und wie perfide, völlig hemmungslos und von jeglichem Anstand und Moral entkoppelt Menschen (meistens Männer) ihr vermeintliches Anrecht auf Diskriminierung ausleben. Was früher der Stammtisch in der Dorfkneipe war, ist nun, unendlich viel gefährlicher, das Internet und vor allem Social Media. Einerseits aufgrund der möglichen Anonymität, andererseits, weil Social Media strukturell so angelegt ist, dass „Affekte wie Empörung, Wut, Angst oder Hass“ (S.14) den Algorithmus pushen und sich außerdem damit noch sehr viel Geld verdienen lässt. Warum also sollte Mann ein solch unterhaltsames, wie lukratives Game beenden? Veronika Kracher klärt weiterhin, was der Unterschied zwischen Kritik und Empörung eigentlich bedeutet, was mit dem „Misogynist Slop Ecosystem“ gemeint ist (ein Ökosystem von unendlichem frauenfeindlichem Content) und wie Cybermobbing und Hasskampagnen gezielt gesteuert ablaufen. Dafür bringt sie zahlreiche Beispiele, angefangen mit ihren eigenen Erfahrungen bis zu zahlreichen anderen Opfern, die prominentesten darunter: Amber Heard, Meghan Markle, Blake Lively. Das alles wäre schon schlimm genug, aber leider wird das antifeministische Playbook von der globalen Neuen Rechten für ihren Kulturkampf genutzt. „Antifeminismus und Antisemitismus sind kulturell und politisch miteinander verwoben“ (S.111) und eine ganze Generation junger Männer wird somit radikalisiert. „Wir leben in einem postfaktischen Zeitalter, in dem Menschen lieber eine ihnen bequeme Lüge über ihr Feindbild oder die Welt an sich Glauben schenken, anstatt die Wahrheit überhaupt in Betracht zu ziehen.“ (S.136) oder wie Donald Trump es ausdrückt: Flooding the Zone with Shit! Dem Opfer wird die Glaubwürdigkeit und die Empathie entzogen, wenn genügend Halbwahrheiten, Verleumdungen und manipulierte Bilder im Umlauf sind. Dieses Buch ist herausfordernd, denn wer es nicht aus wissenschaftlichem Interesse liest, sondern wie ich als Küchenfeministin, Nichtakademikerin und aus der GenX stammend, also als „digital Immigrant“, dann bedarf es schon einiger Anstrengung. Die sich aber definitiv lohnt, denn ich habe sehr viel dazu gelernt und meinen Horizont erweitert. Ich brauche keine Gamerin sein und auch nicht in der Tiefe verstehen, was im digitalen Raum „kiwi farms“ oder „Sockenpuppen“ sind – das kann ich googeln. Was ich aber immer mehr verstehe, ist: „Das primäre Schlachtfeld der Zukunft wird wahrscheinlich das um die Wahrheit sein, und die Seite der Propaganda und Lüge hat mit durch KI generierten Deepfakes eine Waffe, deren Gefährlichkeit wir in all ihrem Ausmaß noch gar nicht erfassen können.“ (S.267) Und ich verstehe: Frauenhass ist real. (Transfeindlichkeit ist sogar noch stärker und natürlich gibt es unendlich viele weitere intersektionale Benachteiligungen.) Ich fühle mich davon erschlagen und es ist sehr beängstigend. Besonders für FLINTA und andere marginalisierte Gruppen. Aber „emanzipatorische Strukturen sind das effektivste Mittel gegen Entfremdung und Autoritarismus, weil sie uns die konkrete Erfahrung politischer Handlungsmacht und Solidarität vermitteln.“ (S. 270)




