Die Jahre
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Description
Nobelpreis für Literatur 2022
»Das Schwarz-Weiß-Foto eines Mädchens in dunklem Badeanzug auf einem Kieselstrand. Im Hintergrund eine Steilküste. Sie sitzt auf einem flachen Stein, die kräftigen Beine ausgestreckt, die Arme auf den Felsen gestützt, die Augen geschlossen, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Sie lächelt. Ein dicker brauner Zopf fällt ihr über die Schulter, der andere verschwindet hinter ihrem Rücken. Offensichtlich imitiert sie die Pose der Filmstars aus Cinémonde oder aus der Werbung für Ambre-Solaire-Sonnenmilch und will so ihrem demütigend unreifen Kleinmädchenkörper entfliehen. Auf ihren Schenkeln und Oberarmen zeichnet sich der helle Abdruck eines Kleides ab, ein Hinweis darauf, dass ein Ausflug ans Meer für dieses Kind eine Seltenheit ist. Der Strand ist menschenleer. Auf der Rückseite: August 1949, Sotteville-sur-Mer.«
Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, die Karriere an der Universität, das Schreiben, eine prekäre Ehe, die Mutterschaft, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die so genannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, die uneingelösten Verheißungen der Nullerjahre, das eigene Altern. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, von Wörtern, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die vergangen sind. Und dabei schreibt sie ihr Leben – unser Leben, das Leben – in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive, »unpersönliche Autobiographie«.
Geschichte ihrer selbst, Gesellschaftsporträt, universelle Chronik: Annie Ernaux hat ein melancholisches Meisterwerk der Gedächtnisliteratur geschrieben und einen schillernden roman total .
Book Information
Author Description
Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Romane sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden. Annie Ernaux hat für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Nobelpreis für Literatur.
Posts
Ein autobiografischer Roman mit einer ganz besonderen Erzählperspektive, wir blicken nämlich im Kollektiv auf das Leben einer Generation, geboren 1940. Wir betrachten mit Annie Ernaux die Fotos ihres Lebens und die Autorin berichtet von sich selbst in der dritten Person. Und worauf schauen wir? Wir erleben das Porträt einer Gesellschaft, die Entwicklung der Konsumgesellschaft, die Emanzipation der Frau, der Einfluss von Film, Fernsehen und Werbung. Mit politischem Scharfblick und Sinn für die Schwachstellen innerhalb der Entwicklung gelingt es Annie Erneaux auf faszinierende Art und Weise, sich selbst und ihre Generation, zu sezieren, Schicht für Schicht. Was muss es für eine Französin dieser Generation eine Leseerlebnis sein, sich mit der Autorin zu erinnern und Revue passieren zu lassen, schmerzhaft und wundervoll zugleich.
Auf S.188 reflektiert Annie Ernaux über das Schreiben des Buchs: “Wie kann sie das Vergehen der Zeit, die Veränderungen der Dinge, Ideen und Sitten und gleichzeitig das Innenleben dieser Frau schildern, wie kann sie ein Tableau über fünfundvierzig Jahre zeichnen und gleichzeitig nach einem Ich außerhalb der großen Geschichte suchen” .. Und tut genau das. Ich fand diesen Ansatz sehr inspirierend, ein bisschen auch fürs eigene Schreiben, und hab durch die Querverweise einiges dazu gelernt. Ich würde es nochmal lesen
Ein unglaublich gutes Buch. Mir hat es noch besser gefallen als „ Das Ereignis“ . Annie Ernaux schreibt über sich selbst in der 3. Person. Sie spürt anhand von eigenen Fotos-beginnend mit ihrer Geburt 1940 bis in das Jahr 2006 hinein- ihrer Vergangenheit nach. Dabei erzählt sie nicht nur Familiengeschichte, sondern bezieht auch politische Ereignisse mit ein und zeichnet den Wandel der Gesellschaft mit ab. Sie füllt diese Erinnerungen so sehr mit Leben. An vielen Stellen entdeckt man das eigene Leben, die eigene Familie. Durch Annie Ernaux Beschreibungen lassen sich gesamtheitlich so einige Parallelen erkennen. Ebenso haben mich ihre Gedanken zur eigenen Vergänglichkeit sehr berührt. Hier habe ich oft inne gehalten und selbst über meine eigene Geschichte, meine Gegenwart und über die eigene Zukunft nachgedacht. Ich freue mich darauf, mehr Lektüre von ihr entdecken zu können. Meines Erachtens hat sie den Literaturnobelpreis völlig zu Recht erhalten.
Die JAHRE
Annie Ernaux, 1940 geboren, lässt in diesem Buch ihr Leben Revue passieren. Dabei fliegt sie in einem recht abgehackten kryptischen Schreibstil, der mehr andeutet als erzählt, nur so durch die Jahre (in einer anderen Rezension stand das Wort "Zeitschnipseljagd", das trifft es sehr gut). Sie beschreibt damit das Lebensgefühl ihrer Generation, einer im 2. Weltkrieg geborenen, der Mittelschicht zugehörigen Französin, in der jeweiligen Dekade. Vieles kann man nur verstehen, wenn man eben zu dieser Generation gehört, bzw. war es sehr auf die Geschichte Frankreichs bezogen. Ab den 1980ern kam ich dann so einigermaßen mit. Obwohl es so distanziert geschrieben ist, ist es auch ein sehr persönliches Buch, ein ungewöhnlicher Schreibstil, in den man erst reinfinden muss, am Ende bin ich dort angelangt und wurde eingesogen. Ein faszinierendes Buch, zu Recht ist Ernaux Literaturnobelpreisträgerin 2022.
Faktisch interessant, allerdings völlig emotionsarm.
Annie Ernaux' biografische Sammlung von Erinnerungsmomenten; unter anderem anhand von alten Fotografien - von ihr selbst geschrieben. Ganz ehrlich, hat es mich nicht erreicht. Es war sehr sachlich und politisch. Man erfährt zwar durchaus wissenswerte (geschichtliche) Fakten über Frankreich (ich hab mir auch einiges angemarkert), aber was die privaten Anekdoten angeht fand ich es ziemlich nüchtern und emotionslos (#sorrynotsorry aber Frau Ernaux ist aus meiner Sicht keine Sympathieträgerin) . Einfach eine Aneinanderreihung von Ereignissen, Jahreszahlen und den dazugehörigen Begebenheiten. Ernüchternd.

Eine "unpersönliche Autobiographie", so wie die Autorin selber zu diesem einmaligen Werk schreibt. Es ist kein Buch, welches man üblicherweise als Erinnerungsarbeit versteht, bei dem es darum geht, das Leben einer einzelnen Person nachzuerzählen und sich zu erklären. Es ist ein Hineinschauen in sie selbst, die Welt so wie sie zu den verschiedenen Zeiten war ( politisch, wie auch in der eigenen Familie), von welchen Träumen und Glaubenssätzen sowie Gefühlen Menschen geleitet waren, wie sie sich veränderten, wovon sie beeinflusst waren, wie sie darauf reagierten... Dadurch dass Annie Ernaux in dritter Person die Jahre seit 1940 bis 2008 beschreibt (es gibt kein ich), schafft sie es, dass der Leser sich u.a. auch mit sich selbst und der eigenen Vergangenheit beschäftigt und sich erinnert. Eine sehr gute Idee diesen etwas ungewöhnlichen, eher distanzierten Schreibstil zu wählen. Sie beobachtet und wirkt nie aufdringlich, noch wertet sie. Einfach eine gelungene Literatur
Wie Geschichtsunterricht, nur anders. Ein sehr persönliches Buch, ohne tief in das Gefühlsleben der Autorin einzusteigen. Die Distanz wird durch die 2. und 3. Person stets gewahrt, was auch das Ziel der Autorin war. Manchmal hätte ich etwas mehr zeitliche Einordnung gebraucht. Ich habe einige Zeit daran gelesen, da es sehr dicht war. Es war schon hier und da vergnüglich, aber so richtig gefesselt hat es mich nicht. Kleiner Fehler im Buch: Die Jugendlichen haben Anfang der 80er sicher nicht Playstation gespielt.
Zeitschnippseljagd durch eine Epoche mit ihren typischen Ereignissen, aber eben auch zahlreicher, im Vergleich, „typischer Belanglosigkeiten“ deren Aufzählungen dann doch bei mir immer wieder mal Aha-Erlebnisse auslösten. Am Ende kam mir die Frage, ob überhaupt noch viel Individualität übrig bleibt, nachdem wir doch alle mehr oder weniger Ausdruck/Abdruck unserer Zeit sind? Ich habe das Hörbuch genossen, dass fast einem Hörspiel gleichkommt. Die auf den Punkt gefassten, dennoch poetischen Wortgruppierungen sind mit charismatischen Stimmen und Musik unterlegt, so dass eine atmosphärische Eindringlichkeit entsteht, die aus einem Spaziergang mit Stöpsel in den Ohren, einen gefühlten Museumsbesuch mit lebhaften Bildern vor Augen zu inszenieren weiß.
Habe die Mischung aus Autobiographie , Soziologie und Geschichte anhand ihres Lebens sehr genossen.
Der Literaturnobelpreis 2022 ist verdient, allein für diese Erzählung über die Zeit von 1941 bis 2006 durch die Linse der Erinnerung, vergangener und gegenwärtiger Eindrücke und kultureller Gewohnheiten. Anhand von Sprachwendungen, Fotos, Büchern, Radio, Fernsehen, Werbung und Schlagzeilen schreibt Annie Ernaux eine kollektive Autobiografie, um den Lauf der Zeit festzuhalten. Ungewöhnlich, aber sehr lesenswert.
Ohne die Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis hätte ich um Annie Ernaux weiterhin einen grossen Bogen gemacht. Aber nun wurde ich doch neugierig und habe mir die Hörbuchversion von "Die Jahre" geholt. Diese Ausgabe war mein zweites Hörspiel innerhalb kurzer Zeit und ich glaube, ich muss meine negative Meinung dieses Genres langsam aber sicher über Bord werfen. Denn ich denke, ohne diese grossartig gemachte Fassung wäre Ernauxs Titel nichts für mich gewesen. Zu viel des Kulturpessimisuses. Auch wenn es eine interessante Art ist, Zeitgeschehnisse zu schildern. Das Hörbuch hat dem Text jedoch sehr gut getan. Mit unterschiedlichen Leserinnen und Geräuschen unterlegt, wird das Buch richtig lebendig. So machen wir uns auf eine Reise durch das 20. Jahrhundert und durch ein Menschenleben.
Eine Wucht von einem Buch. Anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte schreibt Annie Ernaux die Geschichte einer ganzen Gesellschaft über Jahrzehnte nieder, schafft es meisterhaft, längst vergangene Zeitgefühle aufleben zu lassen und aufzuzeigen, wie sich Menschen und Geschichte immer wiederholen - im Guten wie im Schlechten. Neben ihren "monothematischen" Werken (an die man sich natürlich hie und da erinnert fühlt) ein großer, gelungener Rundumschlag. Ich habe dieses Buch online geliehen und erwäge ernsthaft, es mir nun zu kaufen, allein schon um zahlreiche fantastische Sätze zu markieren - außerdem ist dieses Buch definitiv mindestens eine weitere Lektüre wert. Ganz großen Anteil an meinem Leseerlebnis hat außerdem die wahnsinnig gute Übersetzung von Sonja Finck, die an den Stellen, an denen (jeweils zeitgemäße) Begriffe/Phrasen/Allgemeinplätze auftauchen, immer Entsprechungen findet, die den Text wirklich ins Deutsche überträgt und ihn dabei nie ungelenk wirken lässt.
Annie Ernaux - ,,Die Jahre" lesen_mit_jonas instagram/reado Ernaux schreibt in diesem Buch über ihr Leben. Dies tut sie auf der Grundlage von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, die sich im Laufe des Lebens angesammelt haben. Schon lange hatte sie den Traum dieses Buch zu schreiben. Im hohen Alter hat sie dies getan. Und das Resultat ist wirklich sehr gelungen. Geboren im zweiten Weltkrieg im Norden Frankreichs wächst Ernaux in der Normandie als Einzelkind auf. Ihre Eltern wahren normale Arbeiter. Die ersten Jahre wahren noch vom Krieg geprägt. Es ist noch tief in den Köpfen der Erwachsenen verankert und wird immer wieder zum Thema gemacht. Sie besucht später das Gymnasium, studiert und wird Lehrerin an einem Gymnasium. Später wird sie, wie wir natürlich alle wissen, eine erfolgreiche Autorin werden. Dazwischen geschieht natürlich noch einiges. Sie wird heiraten, zwei Söhne bekommen, und sich später wieder scheiden lassen. Außerdem wird sie am Rande von Paris leben. In nüchterner Sprache wird das alles erzählt, die mir sehr gefallen hat. Großes Augenmerk wird auf die aktuelle Welt und deren Entwicklung genommen. Vom Mangel nach dem Krieg bis zum großen Wohlstandskapitalismus und Überfluss, wird alles behandelt. Die französische Politik und deren Wandel werden ebenso beleuchtet, wie der Wandel der Geselschaft zB durch die Emanzipation der Frau, Kriege oder auch die 68er Bewegung und der unaufhaltsame technische Fortschritt. Ein großartiges Buch. Mit klarer Sprache beschreibt ,,Annie Ernaux" in welcher Zeit wir leben. Vor allem der massive Wandel, im guten wie im schlechten, in gerade einmal 70 Jahren ist so unglaublich gut beschrieben, das man einfach immer weiterlesen muss. Ich bin gerade 26 und merke schon, wie schnelllebig die Zeit geworden ist. Nachrichten die man in zwei Tagen schon wieder vergessen hat, das neue Handy was in 6 Monaten schon wieder alt ist, unser unglaublicher Konsum oder die Krisen mit denen wir auf der Welt klarkommen müssen. Solche Gedanken kommen einem beim lesen dieses Buches. Man vergleicht automatisch sein Leben mit den Geschichten, die die Autorin schildert. Es entsteht wirklich eine großer Sog beim lesen. Die Seiten verfliegen einfach so, bis zum Schluss. Ein interessanter Blick auf das eigene Leben und die Welt. Eine uneingeschränkte Empfehlung von meiner Seite. Das war ein großes Leseerlebnis.

Auch wenn Annie Ernaux in ihren autobiografischen Essays - zusammengefasst unter dem Titel „Die Jahre“ (aus dem Französischen übersetzt von Sonja Finck) - die ihr vorliegenden Fotografien so eindrücklich beschrieben hat, hätte ich nur zu gerne einmal Mäuschen gespielt und einen kurzen Blick auf die Fotos aus ihrem Leben geworfen. Ich denke, das Buch ist vielleicht ein bisschen mehr für Französinnen und Franzosen geschrieben - zumindest dürften die wohl so ziemlich jede historische Anspielung aus den Bereichen Kultur, Gesellschaft, Politik verstehen. Immerhin kannte ich Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Simone Veil, Roland Barthes und Édith Piaf, Jacquel Brel und Georges Brassens. Dunkel konnte ich mich auch an Erzählungen von Claude François und, wie er den Tod gefunden hat, erinnern. Aber auch Ereignisse aus dem Ausland wurden thematisiert wie beispielsweise der Selbstmord von Ulrike Meinhof. Über den Algerienkrieg und Vietnamkrieg weiß ich zu meiner Schande weniger als nichts. Ernauxs Erlebnisse und Gedanken zu Frauenrechte, Pille, Abtreibung und Jungfräulichkeit fand ich sehr interessant und ich kann gut nachvollziehen, weshalb sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Ein ganz, ganz großes Werk, das neben einem ganzen Leben auch eine gesamte Generation, im Grunde einen Teil der Menschheitsgeschichte abbildet.
Die Jahre - das sind nicht nur die Jahre der Erzählerin, das sind auch die Jahre der Welt und vor allem Frankreichs. Die Geschichte beginnt im zweiten Weltkrieg und beschreibt die Entwicklung bis zum Beginn der 21. Jahrhunderts. Die Handlung ist ganz klar autobiografisch, auch wenn die Erzählerin namenlos bleibt. Gleichzeitig bleibt sie auch auf Distanz: es ist nur von "sie" oder "ihr" die Rede, nur in manchen Momentan wird ein "wir" daraus. Anhand von Bildern oder später kurzen Videos wird gezeigt, in welcher Lebensphase die Erzählerin aktuell ist. All dies wird umrahmt vom jeweiligen Weltgeschehen. Dieses wird nicht nur dargestellt und dokumentiert, auch die Lebenseinstellungen der Menschen werden betrachtet. Und es wird auch versucht zu zeigen, wo sich die Erzählerin jeweils in Bezug auf die Ereignisse befindet. So heißt sie zwar die Proteste 1968 gut, ist aber selbst schon zu etabliert, um daran teilzuhaben. Ich fand das Buch äußerst faszinierend, ich wurde regelrecht hineingezogen. Gleichzeitig war ich auch froh, im Französischunterricht sehr viel über französische Geschichte und Politik gelernt zu haben, da mir sonst viele Themen und Problematiken nicht so klar gewesen wären. Jetzt hätte ich gerne ein ähnliches Buch aus einer deutschen Perspektive, natürlich auch aus der Sicht einer Frau.
Ein sehr französisches und ein sehr weibliches Buch. Gleichzeitig ein persönlich gehaltener Tour d'horizon (Distinktion: Ich kenne den Unterschied zwischen le tour und la tour – aber da Tour im Sinne von le tour auf deutsch weiblich ist, heißt es korrekterweise:) eine persönlich gehaltene Tour d'horizon durch die Zeit zwischen Kriegsende und 2006, die aber anschlußfähig ist. Die Namen der französischen Präsidenten kennt man aus den Nachrichten oder den Geschichtsbüchern, von der erwähnten Literatur hat man auch schon gehört, und ab den 70ern war man ja selbst dabei, die Welt aus einer anderen Perspektive, aber doch eine verwandte Welt, kennenzulernen. Ein Buch über die Stadien des Lebens, in denen alles seine Zeit hat aber doch zur Unzeit geschieht, und an deren Ende das Älterwerden und schließlich das Altsein steht, wenn man nicht nur für die Anderen, Jüngeren, sondern auch in den eigenen Augen alt ist.
Eine sehr interessante Reise einer französischen Frau durch ihr Leben, beginnend vor dem zweiten Wemtkrieg bis in die Anfänge der 21. Jahrhunderts. Quasi "fast forward" werden recht nüchtern und ohne viel Lametta die Jahre revue passiert - was war passiert, wie hat es die Gesellschaft beeinflusst, was ist rückblickend aus meinem Leben geworden? Ernaux ist ungefähr im Alter meiner Oma, was mich noch einmal ganz anders dieses Buch hat lesen lassen und über die "Zeit damals" hat nachdenken lassen. Wenn auch natürlich primär aus französischer Sicht, so natürlich auch doch mit internationalem Geschehen. Sehr lesenswert!
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Nobelpreis für Literatur 2022
»Das Schwarz-Weiß-Foto eines Mädchens in dunklem Badeanzug auf einem Kieselstrand. Im Hintergrund eine Steilküste. Sie sitzt auf einem flachen Stein, die kräftigen Beine ausgestreckt, die Arme auf den Felsen gestützt, die Augen geschlossen, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Sie lächelt. Ein dicker brauner Zopf fällt ihr über die Schulter, der andere verschwindet hinter ihrem Rücken. Offensichtlich imitiert sie die Pose der Filmstars aus Cinémonde oder aus der Werbung für Ambre-Solaire-Sonnenmilch und will so ihrem demütigend unreifen Kleinmädchenkörper entfliehen. Auf ihren Schenkeln und Oberarmen zeichnet sich der helle Abdruck eines Kleides ab, ein Hinweis darauf, dass ein Ausflug ans Meer für dieses Kind eine Seltenheit ist. Der Strand ist menschenleer. Auf der Rückseite: August 1949, Sotteville-sur-Mer.«
Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, die Karriere an der Universität, das Schreiben, eine prekäre Ehe, die Mutterschaft, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die so genannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, die uneingelösten Verheißungen der Nullerjahre, das eigene Altern. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, von Wörtern, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die vergangen sind. Und dabei schreibt sie ihr Leben – unser Leben, das Leben – in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive, »unpersönliche Autobiographie«.
Geschichte ihrer selbst, Gesellschaftsporträt, universelle Chronik: Annie Ernaux hat ein melancholisches Meisterwerk der Gedächtnisliteratur geschrieben und einen schillernden roman total .
Book Information
Author Description
Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Romane sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden. Annie Ernaux hat für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Nobelpreis für Literatur.
Posts
Ein autobiografischer Roman mit einer ganz besonderen Erzählperspektive, wir blicken nämlich im Kollektiv auf das Leben einer Generation, geboren 1940. Wir betrachten mit Annie Ernaux die Fotos ihres Lebens und die Autorin berichtet von sich selbst in der dritten Person. Und worauf schauen wir? Wir erleben das Porträt einer Gesellschaft, die Entwicklung der Konsumgesellschaft, die Emanzipation der Frau, der Einfluss von Film, Fernsehen und Werbung. Mit politischem Scharfblick und Sinn für die Schwachstellen innerhalb der Entwicklung gelingt es Annie Erneaux auf faszinierende Art und Weise, sich selbst und ihre Generation, zu sezieren, Schicht für Schicht. Was muss es für eine Französin dieser Generation eine Leseerlebnis sein, sich mit der Autorin zu erinnern und Revue passieren zu lassen, schmerzhaft und wundervoll zugleich.
Auf S.188 reflektiert Annie Ernaux über das Schreiben des Buchs: “Wie kann sie das Vergehen der Zeit, die Veränderungen der Dinge, Ideen und Sitten und gleichzeitig das Innenleben dieser Frau schildern, wie kann sie ein Tableau über fünfundvierzig Jahre zeichnen und gleichzeitig nach einem Ich außerhalb der großen Geschichte suchen” .. Und tut genau das. Ich fand diesen Ansatz sehr inspirierend, ein bisschen auch fürs eigene Schreiben, und hab durch die Querverweise einiges dazu gelernt. Ich würde es nochmal lesen
Ein unglaublich gutes Buch. Mir hat es noch besser gefallen als „ Das Ereignis“ . Annie Ernaux schreibt über sich selbst in der 3. Person. Sie spürt anhand von eigenen Fotos-beginnend mit ihrer Geburt 1940 bis in das Jahr 2006 hinein- ihrer Vergangenheit nach. Dabei erzählt sie nicht nur Familiengeschichte, sondern bezieht auch politische Ereignisse mit ein und zeichnet den Wandel der Gesellschaft mit ab. Sie füllt diese Erinnerungen so sehr mit Leben. An vielen Stellen entdeckt man das eigene Leben, die eigene Familie. Durch Annie Ernaux Beschreibungen lassen sich gesamtheitlich so einige Parallelen erkennen. Ebenso haben mich ihre Gedanken zur eigenen Vergänglichkeit sehr berührt. Hier habe ich oft inne gehalten und selbst über meine eigene Geschichte, meine Gegenwart und über die eigene Zukunft nachgedacht. Ich freue mich darauf, mehr Lektüre von ihr entdecken zu können. Meines Erachtens hat sie den Literaturnobelpreis völlig zu Recht erhalten.
Die JAHRE
Annie Ernaux, 1940 geboren, lässt in diesem Buch ihr Leben Revue passieren. Dabei fliegt sie in einem recht abgehackten kryptischen Schreibstil, der mehr andeutet als erzählt, nur so durch die Jahre (in einer anderen Rezension stand das Wort "Zeitschnipseljagd", das trifft es sehr gut). Sie beschreibt damit das Lebensgefühl ihrer Generation, einer im 2. Weltkrieg geborenen, der Mittelschicht zugehörigen Französin, in der jeweiligen Dekade. Vieles kann man nur verstehen, wenn man eben zu dieser Generation gehört, bzw. war es sehr auf die Geschichte Frankreichs bezogen. Ab den 1980ern kam ich dann so einigermaßen mit. Obwohl es so distanziert geschrieben ist, ist es auch ein sehr persönliches Buch, ein ungewöhnlicher Schreibstil, in den man erst reinfinden muss, am Ende bin ich dort angelangt und wurde eingesogen. Ein faszinierendes Buch, zu Recht ist Ernaux Literaturnobelpreisträgerin 2022.
Faktisch interessant, allerdings völlig emotionsarm.
Annie Ernaux' biografische Sammlung von Erinnerungsmomenten; unter anderem anhand von alten Fotografien - von ihr selbst geschrieben. Ganz ehrlich, hat es mich nicht erreicht. Es war sehr sachlich und politisch. Man erfährt zwar durchaus wissenswerte (geschichtliche) Fakten über Frankreich (ich hab mir auch einiges angemarkert), aber was die privaten Anekdoten angeht fand ich es ziemlich nüchtern und emotionslos (#sorrynotsorry aber Frau Ernaux ist aus meiner Sicht keine Sympathieträgerin) . Einfach eine Aneinanderreihung von Ereignissen, Jahreszahlen und den dazugehörigen Begebenheiten. Ernüchternd.

Eine "unpersönliche Autobiographie", so wie die Autorin selber zu diesem einmaligen Werk schreibt. Es ist kein Buch, welches man üblicherweise als Erinnerungsarbeit versteht, bei dem es darum geht, das Leben einer einzelnen Person nachzuerzählen und sich zu erklären. Es ist ein Hineinschauen in sie selbst, die Welt so wie sie zu den verschiedenen Zeiten war ( politisch, wie auch in der eigenen Familie), von welchen Träumen und Glaubenssätzen sowie Gefühlen Menschen geleitet waren, wie sie sich veränderten, wovon sie beeinflusst waren, wie sie darauf reagierten... Dadurch dass Annie Ernaux in dritter Person die Jahre seit 1940 bis 2008 beschreibt (es gibt kein ich), schafft sie es, dass der Leser sich u.a. auch mit sich selbst und der eigenen Vergangenheit beschäftigt und sich erinnert. Eine sehr gute Idee diesen etwas ungewöhnlichen, eher distanzierten Schreibstil zu wählen. Sie beobachtet und wirkt nie aufdringlich, noch wertet sie. Einfach eine gelungene Literatur
Wie Geschichtsunterricht, nur anders. Ein sehr persönliches Buch, ohne tief in das Gefühlsleben der Autorin einzusteigen. Die Distanz wird durch die 2. und 3. Person stets gewahrt, was auch das Ziel der Autorin war. Manchmal hätte ich etwas mehr zeitliche Einordnung gebraucht. Ich habe einige Zeit daran gelesen, da es sehr dicht war. Es war schon hier und da vergnüglich, aber so richtig gefesselt hat es mich nicht. Kleiner Fehler im Buch: Die Jugendlichen haben Anfang der 80er sicher nicht Playstation gespielt.
Zeitschnippseljagd durch eine Epoche mit ihren typischen Ereignissen, aber eben auch zahlreicher, im Vergleich, „typischer Belanglosigkeiten“ deren Aufzählungen dann doch bei mir immer wieder mal Aha-Erlebnisse auslösten. Am Ende kam mir die Frage, ob überhaupt noch viel Individualität übrig bleibt, nachdem wir doch alle mehr oder weniger Ausdruck/Abdruck unserer Zeit sind? Ich habe das Hörbuch genossen, dass fast einem Hörspiel gleichkommt. Die auf den Punkt gefassten, dennoch poetischen Wortgruppierungen sind mit charismatischen Stimmen und Musik unterlegt, so dass eine atmosphärische Eindringlichkeit entsteht, die aus einem Spaziergang mit Stöpsel in den Ohren, einen gefühlten Museumsbesuch mit lebhaften Bildern vor Augen zu inszenieren weiß.
Habe die Mischung aus Autobiographie , Soziologie und Geschichte anhand ihres Lebens sehr genossen.
Der Literaturnobelpreis 2022 ist verdient, allein für diese Erzählung über die Zeit von 1941 bis 2006 durch die Linse der Erinnerung, vergangener und gegenwärtiger Eindrücke und kultureller Gewohnheiten. Anhand von Sprachwendungen, Fotos, Büchern, Radio, Fernsehen, Werbung und Schlagzeilen schreibt Annie Ernaux eine kollektive Autobiografie, um den Lauf der Zeit festzuhalten. Ungewöhnlich, aber sehr lesenswert.
Ohne die Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis hätte ich um Annie Ernaux weiterhin einen grossen Bogen gemacht. Aber nun wurde ich doch neugierig und habe mir die Hörbuchversion von "Die Jahre" geholt. Diese Ausgabe war mein zweites Hörspiel innerhalb kurzer Zeit und ich glaube, ich muss meine negative Meinung dieses Genres langsam aber sicher über Bord werfen. Denn ich denke, ohne diese grossartig gemachte Fassung wäre Ernauxs Titel nichts für mich gewesen. Zu viel des Kulturpessimisuses. Auch wenn es eine interessante Art ist, Zeitgeschehnisse zu schildern. Das Hörbuch hat dem Text jedoch sehr gut getan. Mit unterschiedlichen Leserinnen und Geräuschen unterlegt, wird das Buch richtig lebendig. So machen wir uns auf eine Reise durch das 20. Jahrhundert und durch ein Menschenleben.
Eine Wucht von einem Buch. Anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte schreibt Annie Ernaux die Geschichte einer ganzen Gesellschaft über Jahrzehnte nieder, schafft es meisterhaft, längst vergangene Zeitgefühle aufleben zu lassen und aufzuzeigen, wie sich Menschen und Geschichte immer wiederholen - im Guten wie im Schlechten. Neben ihren "monothematischen" Werken (an die man sich natürlich hie und da erinnert fühlt) ein großer, gelungener Rundumschlag. Ich habe dieses Buch online geliehen und erwäge ernsthaft, es mir nun zu kaufen, allein schon um zahlreiche fantastische Sätze zu markieren - außerdem ist dieses Buch definitiv mindestens eine weitere Lektüre wert. Ganz großen Anteil an meinem Leseerlebnis hat außerdem die wahnsinnig gute Übersetzung von Sonja Finck, die an den Stellen, an denen (jeweils zeitgemäße) Begriffe/Phrasen/Allgemeinplätze auftauchen, immer Entsprechungen findet, die den Text wirklich ins Deutsche überträgt und ihn dabei nie ungelenk wirken lässt.
Annie Ernaux - ,,Die Jahre" lesen_mit_jonas instagram/reado Ernaux schreibt in diesem Buch über ihr Leben. Dies tut sie auf der Grundlage von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, die sich im Laufe des Lebens angesammelt haben. Schon lange hatte sie den Traum dieses Buch zu schreiben. Im hohen Alter hat sie dies getan. Und das Resultat ist wirklich sehr gelungen. Geboren im zweiten Weltkrieg im Norden Frankreichs wächst Ernaux in der Normandie als Einzelkind auf. Ihre Eltern wahren normale Arbeiter. Die ersten Jahre wahren noch vom Krieg geprägt. Es ist noch tief in den Köpfen der Erwachsenen verankert und wird immer wieder zum Thema gemacht. Sie besucht später das Gymnasium, studiert und wird Lehrerin an einem Gymnasium. Später wird sie, wie wir natürlich alle wissen, eine erfolgreiche Autorin werden. Dazwischen geschieht natürlich noch einiges. Sie wird heiraten, zwei Söhne bekommen, und sich später wieder scheiden lassen. Außerdem wird sie am Rande von Paris leben. In nüchterner Sprache wird das alles erzählt, die mir sehr gefallen hat. Großes Augenmerk wird auf die aktuelle Welt und deren Entwicklung genommen. Vom Mangel nach dem Krieg bis zum großen Wohlstandskapitalismus und Überfluss, wird alles behandelt. Die französische Politik und deren Wandel werden ebenso beleuchtet, wie der Wandel der Geselschaft zB durch die Emanzipation der Frau, Kriege oder auch die 68er Bewegung und der unaufhaltsame technische Fortschritt. Ein großartiges Buch. Mit klarer Sprache beschreibt ,,Annie Ernaux" in welcher Zeit wir leben. Vor allem der massive Wandel, im guten wie im schlechten, in gerade einmal 70 Jahren ist so unglaublich gut beschrieben, das man einfach immer weiterlesen muss. Ich bin gerade 26 und merke schon, wie schnelllebig die Zeit geworden ist. Nachrichten die man in zwei Tagen schon wieder vergessen hat, das neue Handy was in 6 Monaten schon wieder alt ist, unser unglaublicher Konsum oder die Krisen mit denen wir auf der Welt klarkommen müssen. Solche Gedanken kommen einem beim lesen dieses Buches. Man vergleicht automatisch sein Leben mit den Geschichten, die die Autorin schildert. Es entsteht wirklich eine großer Sog beim lesen. Die Seiten verfliegen einfach so, bis zum Schluss. Ein interessanter Blick auf das eigene Leben und die Welt. Eine uneingeschränkte Empfehlung von meiner Seite. Das war ein großes Leseerlebnis.

Auch wenn Annie Ernaux in ihren autobiografischen Essays - zusammengefasst unter dem Titel „Die Jahre“ (aus dem Französischen übersetzt von Sonja Finck) - die ihr vorliegenden Fotografien so eindrücklich beschrieben hat, hätte ich nur zu gerne einmal Mäuschen gespielt und einen kurzen Blick auf die Fotos aus ihrem Leben geworfen. Ich denke, das Buch ist vielleicht ein bisschen mehr für Französinnen und Franzosen geschrieben - zumindest dürften die wohl so ziemlich jede historische Anspielung aus den Bereichen Kultur, Gesellschaft, Politik verstehen. Immerhin kannte ich Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Simone Veil, Roland Barthes und Édith Piaf, Jacquel Brel und Georges Brassens. Dunkel konnte ich mich auch an Erzählungen von Claude François und, wie er den Tod gefunden hat, erinnern. Aber auch Ereignisse aus dem Ausland wurden thematisiert wie beispielsweise der Selbstmord von Ulrike Meinhof. Über den Algerienkrieg und Vietnamkrieg weiß ich zu meiner Schande weniger als nichts. Ernauxs Erlebnisse und Gedanken zu Frauenrechte, Pille, Abtreibung und Jungfräulichkeit fand ich sehr interessant und ich kann gut nachvollziehen, weshalb sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Ein ganz, ganz großes Werk, das neben einem ganzen Leben auch eine gesamte Generation, im Grunde einen Teil der Menschheitsgeschichte abbildet.
Die Jahre - das sind nicht nur die Jahre der Erzählerin, das sind auch die Jahre der Welt und vor allem Frankreichs. Die Geschichte beginnt im zweiten Weltkrieg und beschreibt die Entwicklung bis zum Beginn der 21. Jahrhunderts. Die Handlung ist ganz klar autobiografisch, auch wenn die Erzählerin namenlos bleibt. Gleichzeitig bleibt sie auch auf Distanz: es ist nur von "sie" oder "ihr" die Rede, nur in manchen Momentan wird ein "wir" daraus. Anhand von Bildern oder später kurzen Videos wird gezeigt, in welcher Lebensphase die Erzählerin aktuell ist. All dies wird umrahmt vom jeweiligen Weltgeschehen. Dieses wird nicht nur dargestellt und dokumentiert, auch die Lebenseinstellungen der Menschen werden betrachtet. Und es wird auch versucht zu zeigen, wo sich die Erzählerin jeweils in Bezug auf die Ereignisse befindet. So heißt sie zwar die Proteste 1968 gut, ist aber selbst schon zu etabliert, um daran teilzuhaben. Ich fand das Buch äußerst faszinierend, ich wurde regelrecht hineingezogen. Gleichzeitig war ich auch froh, im Französischunterricht sehr viel über französische Geschichte und Politik gelernt zu haben, da mir sonst viele Themen und Problematiken nicht so klar gewesen wären. Jetzt hätte ich gerne ein ähnliches Buch aus einer deutschen Perspektive, natürlich auch aus der Sicht einer Frau.
Ein sehr französisches und ein sehr weibliches Buch. Gleichzeitig ein persönlich gehaltener Tour d'horizon (Distinktion: Ich kenne den Unterschied zwischen le tour und la tour – aber da Tour im Sinne von le tour auf deutsch weiblich ist, heißt es korrekterweise:) eine persönlich gehaltene Tour d'horizon durch die Zeit zwischen Kriegsende und 2006, die aber anschlußfähig ist. Die Namen der französischen Präsidenten kennt man aus den Nachrichten oder den Geschichtsbüchern, von der erwähnten Literatur hat man auch schon gehört, und ab den 70ern war man ja selbst dabei, die Welt aus einer anderen Perspektive, aber doch eine verwandte Welt, kennenzulernen. Ein Buch über die Stadien des Lebens, in denen alles seine Zeit hat aber doch zur Unzeit geschieht, und an deren Ende das Älterwerden und schließlich das Altsein steht, wenn man nicht nur für die Anderen, Jüngeren, sondern auch in den eigenen Augen alt ist.


































