Weltalltage
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Book Information
Author Description
Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987, wuchs in Potsdam auf und studierte am Schweizerischen Literaturinstitut sowie an der Humboldt-Universität. 2016 erschien ihr Debütroman »Familie der geflügelten Tiger«, 2024 ihr zweiter Roman »Weltalltage«. Für ihre Arbeit wurde sie mit zahlreichen Stipendien ausgezeichnet. Neben der Arbeit als Schriftstellerin ist sie auch als Kuratorin, Lehrende, Herausgeberin und in verschiedenen künstlerischen Kollektiven tätig. Aktuell ist sie Jurymitglied für den Internationalen Literaturpreis und tourt mit der literarischen Girlband No Scribes. Seit 2011 lebt Fürstenberg in Berlin und im Sommer auch in einer Datsche im Brandenburgischen.
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Kennst Du das Gefühl, kurz bevor man weinen muss? Es ist, als wäre immer dieser Moment, ohne das man je weint.
„Weltalltage“ von Paula Fürstenberg fällt durch eine besondere Erzählweise, den Wechsel der Perspektiven und durch Aufzählungen auf. Das hat das Buch für mich spannend gemacht, und ich habe es schnell durchgelesen. Es geht um Freundschaft und Familie, um Körper, Gesunde und Kranke und die Odyssee, die diese mit sich bringen. Das Buch regt zum Nachdenken an und ist trotz der oft schweren Themen nicht zu belastend. Das gilt natürlich nicht für jede Art von Erkrankung und für jeden Menschen: Aber Paula schaut aus einem anderen Blickwinkel auf das Leben mit einer Krankheit, der sicher gut tun kann. Das Buch ist in der 2. Person Singular geschrieben, und ich denke, ich verstehe die Absicht dahinter - trotzdem brauchte ich eine Weile, um mich daran zu gewöhnen. Stabile 3,75 Sterne und klare Leseempfehlung. P.S.: Wer jetzt endlich wieder Zeit zum Lesen hat, ist meine Freundin E. – schmeiß den Prüfungskram in die Ecke, Girl. 💪

"Alles was gesagt wurde, ist gesagt, und vor allem ist alles, was nicht gesagt wurde, nicht gesagt, das ist das Schrecklichste." "In der Zeit zwischen Nagelbettenzählung und vernichtender Textkritik jedenfalls bildete sich das Glatteis auf dem Boden eurer Wohnung, auf dem ihr seither umherschlittert, weil es nie wieder ganz abgetaut ist." "Du kennst diese morgendlichen Gefühlsausbrüche, morgens bist du wie eine undichte Milchtüte, es ist, als wäre dein Körper über Nacht löchrig geworden, sodass nun alles aus ihm herausquillt, was du tagsüber in ihm versteckst." Die namenlose Schriftstellerin und der Architekt Max beschließen, nach 20 Jahren Freundschaft zusammen zuziehen. Max ist ihr "Rettungsschwimmer", beschützt sie, wenn die "Weltalltage" kommen und die Endometriose und der Schwindel, der sie seit ihrer Kindheit begleitet, aus der Bahn werfen. Sie ist die Kranke und er der Gesunde, bis zu dem Tag als Max' Onkel sich das Leben nimmt. Die Freundschaft verändert sich durch Max' Depressionen, stellt sie auf die Probe. Ein Buch über Freundschaft, Krankheit, Veränderung und die eigene Verletzlichkeit das sich für mich schwer einordnen lässt und mich stellenweise verloren hat. Dann gab es aber auch Passagen, die mich absolut begeistert haben. Es ist in thematische Auflistungen verfasst, wodurch es manchmal zu Wiederholungen kommt. Den Sprachstil fand ich allerdings super, teilweise philosophisch mit vielen klugen Sätzen. Ich war selten bei einem Buch so zwiegespalten, kann aber auch nicht sagen, dass ich mich durchquälen musste. Vielleicht muss ich es einfach noch etwas sacken lassen
Zu viel Thema „Körper“
Dieses Buch ist schwer zu bewerten (und beschreiben), aber ich versuchs. Zunächst gefallen hat mir der Aufbau, das alles in Form von Stichwort-Listen gehalten ist. Mit der Dauer (und je nach Kapitel) wird das aber auch zäh. Als es irgendwann nur noch um Zitate anderer Autor*innen zum Thema Körper ging hat mich die Story ehrlicherweise verloren und da musste ich mich echt durchquälen. Auch das Manifest am Schluss hat sich gezogen… Ich verstehe, dass ein anderer Blickwinkel auf Krankheit und Körper eröffnet werden und zum Nachdenken angeregt werden sollte, aber mir wars too much. Sobald es um die Figuren ging, fand ich es flüssiger zu lesen und auch interessant, wie sich die Freundschaft mit den Themen Suizid und Depression entwickelt hat und wie die Autorin das rückblickend einordnet.
Kaufen, leihen, lesen, lieben.
Ich ärgere mich… … dass ich erst jetzt einen Beitrag über ‘Weltalltage’ von Paula Fürstenberg schreibe. … dass ich meine Gedanken dazu nicht unmittelbar nach dem Lesen festgehalten habe. … dass ich Dir dieses Buch erst jetzt, im grauen Dezember, auf dem goldenen, doch schon vergehenden Oktoberlaub präsentiere. Aber vielleicht passt das so auch besser. So muss ich Dir aus dem Gedächtnis erzählen… … dass Paula Fürstenberg eines dieser Bücher geschrieben hat, von denen ich noch in vielen Jahren erzählen werde. … dass das Konzept, ein Buch in Listen zu schreiben, ein ungewöhnliches ist, das von vorn bis hinten aufgeht und mich in einen Sog zieht. … dass dieser Roman seine eigene Entstehung reflektiert. Die Grenzen zwischen Werk, Autorin und Schöpfungsprozess sind aufgehoben. Das ist ein großes Spiel und macht Freude. … dass Paula Fürstenberg Worte gefunden hat, nach denen ich jetzt so sehr ringe. Für die Freude und Bürde von Freundschaft, (chronische) Krankheiten, Selbst- und Fremdwahrnehmung, den eigenen Körper, den anderen Körper, Misogynie, Normativität, Wandel, Alltag mit all dem. Und für das unsichtbare Netz, das all diese Themen miteinander verknüpft. Gut, für viele dieser Themen gibt es bereits Worte - aber keine Erzählung. Paula Fürstenberg hat all diese losen Fäden miteinander verknüpft und verdichtet. Die Geschichte der Erzählerin und ihres Freundes Max, ihrer Freundschaft und deren Grenzen ist berührend, mitfühlend und nahbar geschrieben. Es knüpft an meine Biographie an und bestimmt auch an deine. Es thematisiert Dinge, die uns betreffen und es öffnet uns die Augen dafür, was andere betrifft. Es fällt mir schwer, diesem von Menschlichkeit durchdrungenen Werk die verdiente Bühne zu geben. Kauft, leiht, verschenkt dieses Buch, denn es ist ein wichtiges und viel mehr als nur ein Jahreshighlight.

Listenroman über Alltagsbewältigung mit Krankheit, den Wert wahrer Freundschaft, Stigmatisierung psychischer Erkrankungen und (leider) so viel mehr
Max und die namenlose Protagonistin ( außergewöhnliche Erzählperspektive in der 2.Person Singular ! ) pflegen eine einzigartige Freundschaft seit Kindertagen. Sie leidet an medizinisch nicht erklärbaren Schwindelanfällen und wird nach einer langen Odyssee durch unzählige Arztpraxen mit Endometriose diagnostiert. Max übernimmt seit jeher die Rolle des (gesunden) omnipräsenten Beschützers, der u.a. 'den Rettungsschwimmer macht' und ein Lastenfahrrad konstruiert, um die körperlich schwache (platonische) Freundin vor jeglicher Gefahr zu bewahren. Als er an einer Depression/Angststörung erkrankt, gerät das feste System der Zweierkonstellation ins Wanken.... Viele wichtige und schwere Themen kommen zur Sprache. Was bedeutet es, wenn ein Körper nicht "normal" funktioniert, die Seele leidet und die/der Kranke gesellschaftliche Abwertung erfährt ("Wir neigen dazu, Kranken die Schuld an ihrer Krankheit zu geben") ?Es geht um chronische Schmerzen, Untersuchungsmarathons, Alltagsbewältigung mit gesundheitlichen Einschränkungen u.v.m. Viele andere Themen wie alleinerziehende Mütter, das Leben in der ehemaligen DDR, Unterschiede zwischen den Bevölkerungsschichten ( ...die studentischen Treffen auf der Dachterrasse! ), starke Frauen, Emanzipation, Feminismus ...Es wirbelt nur so von Themen. In vielen Rezensionen wird die außergewöhnliche Listenform des Romans (es werden Ziffern und auch Buchstaben zur Struktur der äußeren Form genutzt) das Durchbrechen der herkömmlichen Roman - Erzählform hochgelobt. Mich hat die damit einhergehende Sprunghaftigkeit genervt und mir das Lesen schwer gemacht. Es hatte etwas von willkürlichem Aneinanderreihen von Anregungen, Gedanken und Ideen - ähnlich wie Tagebucheinträge. Die lakonische Sprache und der Humor konnten es hier für mich auch nicht rausreißen. Eine Flut von Zitaten bekannter Persönlichkeiten wie Daniela Dröscher, Julia Schoch, Wolfgang Herndorf, Daniel Schreiber ...hätte es in der Häufung nicht gebraucht. Das Kapitel "Verzeichnis einiger Krawall- Barbies" erschließt sich mir im Zusammenhang auch nicht unbedingt, wenngleich die dort beschriebenen Ereignisse für sich interessant sind. Die für mich persönlich wichtigste Botschaft ist die Akzeptanz von psychischen Leiden als Krankheit, das Ende deren Stigmatisierung. Fazit : gute Themen, in für mich anstrengender äußerer Form.

Ein kluges und originelles Buch über Freundschaft, Krankheit, Depression und unseren Körper.
Besonders die vielen Reflexionen zum Thema Körper und Krankheit fand ich super. Das Buch ist voller augenöffnender Formulierungen und Denkanstöße. Allerdings blieb mir die Beziehung zwischen der Erzählerin und Max aufgrund der Erzählform eher fremd und die Listenform führte dazu, dass sich sehr viel wiederholt hat und ich einige Passagen eher überflogen habe.
Krankheit in Worte fassen
Krankheit hat viele Facetten, weiß die namenlose Erzählerin in Paula Fürstenbergs Roman. Ihr Körper spielt schon seit der Kindheit nicht mehr so mit, wie es die Leistungsgesellschaft erwartet. Doch als sie gerade das Schreiben als Ausweg entdeckt, wir auf einmal ihr Mitbewohner Max zum Kranken - und die Erzählerin muss sich selbst aus der eigenen Komfortzone begeben. Paula Fürstenberg hat mich vor allem durch die echten Emotionen beeindruckt, die der Roman auslöst. Die Freundschaft zwischen Max und der Erzählerin wird auf eine harte Probe gestellt und zahlreiche gesellschaftsrelevante Fragen aufgerufen. Wie sollte man sich einem „kranken“ Freund gegenüber verhalten? Muss man die eigene Krankheit immer wieder in Frage stellen? Und inwiefern darf man die Krankheit eines Freundes literarisch verarbeiten? Die Erzählerin bleibt dabei trotz der zahlreichen außertextlichen Bezüge nahbar und beleuchtet den Weg der Entfremdung sowie der Annäherung der beiden Freunde von vielen unterschiedlichen Standpunkten. Insbesondere der listenartige Aufbau des Textes stellt für mich in diesem Zusammenhang das Alleinstellungsmerkmal des Romans dar, zumal er nicht nur eine formale, sondern auch eine inhaltlich fesselnde Struktur ergibt.
Die Erzählerin und Max sind seit der Schulzeit befreundet und wohnen jetzt zusammen in einer WG. Sie, von Kindheit an chronisch krank, sieht in Max immer den funktionierenden Menschen, der sie auch gern wäre. Er passt auf sie auf, macht sogar den Rettungsschwimmer, damit sie schwimmen gehen kann, bastelt einen Fahrradanhänger, um sie rumzukutschieren… Nach dem Suizid von Max Onkel, ziehen dunkle Wolken auf und verändern dieses jahrelang gut funktionierende Freundschaftsgefüge von jetzt auf gleich. Die Rollenverteilung wird umgekehrt und auf einmal ist Max auf Hilfe angewiesen, was alles irgendwie in Frage stellt. - Ich hab schon ein paar Mal dazu angesetzt diese Rezension zu schreiben, aber irgendwie fehlten mir immer die richtigen Worte. Auch jetzt tu ich mich noch sehr schwer damit. Warum? Weil „Weltalltage“ einfach so viel mehr ist als ein Roman über eine außergewöhnliche Freundschaft und die Angst, dem Geschriebenen nicht gerecht zu werden, mich begleitet. Während ich einen Satz ausformuliere drehen sich schon zehntausend andere Gedanken in meinem Kopf. Während des Lesens habe ich soviele Markierungen gesetzt, wie schon lange nicht mehr. Ich habe mich verstanden gefühlt, konnte mich sowohl in die Protagonistin, als auch in Max hineinversetzen und mitfühlen. Paula Fürstenberg schreibt über körperliche und seelische Krankheit, über Gesundheit, Familie, Aufwachsen, über die Tatsache, wenn man nicht weiß, was mit einem los ist, über Akzeptanz, über das Betroffene*r-Sein, ebenso wie darüber Angehörige*r zu sein. Sie schreibt über Suizid und dessen Auswirkungen auf das Umfeld, über Work-Live-Balance, Einsicht, Rücksichtnahme, familiären und gesellschaftlichen Druck, Aufopferung und Abgrenzung. Außerdem schreibt sie über Feminismus und vor allem die Rolle weiblicher Körper in der medizinischen Forschung. Eigentlich stört es mich meist, wenn Autor*innen versuchen möglichst viele Themen in einen Roman zu packen, hier fand ich es absolut passend. Alles spielt mit allem zusammen und Fürstenberg macht eine emotionsgeladene und einfühlsame Erzählung daraus. Auch der Stil hat mich angesprochen. Neben der tollen sprachlichen Umsetzung ist der Aufbau des Romans mehr oder weniger in Form von Listen gehalten (ich mag Listen…) und bildet auch irgendwie die Geschichte, wie es überhaupt zu dem Buch gekommen ist, quasi die Entstehungsgeschichte des Romans im Roman, ab. Um nichts vorweg zu nehmen, würde ich nicht im Einzelnen auf oben genannte Themen eingehen. Zu guter Letzt bleibt mir nur zu sagen: Lest das Buch unbedingt!
Depression ist wie ein Fascho im eigenen Körper
Dieses Buch ist einfach 10/10 und definitiv ein Kandidat für ein Lieblingsbuch! Fürstenberg findet Worte für Gefühle, die sich kaum beschreiben lassen. In einer wunderschönen Sprache macht die Autorin chronische Erkrankung und Depression sichtbar/greifbar, wie ich es sehr selten erlebt habe. Sie beschreibt auf eine sehr kluge Art und Weise, was Krankheit mit Freundschaft machen kann und wie damit umzugehen versucht wird. Auch der Schreibstil in Form von Listen und Aufzählungen, was letztlich auf einer Metaebene endet, ist spannend und hat mir wirklich viel Spaß gemacht. Klare Leseempfehlung für Betroffene und Nicht-Betroffene und Freund:Innen von smarten, besonderen Erzählungen.
Highlight
Weltalltage* Paula Fürstenberg Kennt ihr sie auch, die Weltalltage? Die Tage an denen euch der Boden unter den Füßen weggleitet? Weltalltage, das sind in diesem Roman die Tage, an denen der Körper nicht das macht, was er soll, sein Eigenleben führt. In einer Welt, in der Krankheit mit Schwäche - oder schlimmer noch - Faulheit verwechselt wird und unzuverlässige Körper eine persönliche Versagenserklärung, einen schwachen Charakter zu markieren scheinen. Um die Herkunft, um den unzuverlässigen Körper in unserer Gesellschaft, um die Widerstandsfähigkeit von Freundschaften, um das Leben in einstmals zwei deutschen Staaten dreht sich dieser Roman, der mir in seinem Aufbau, seiner Tiefsinnigkeit und Modernität selbst den Boden unter den Füßen schwanken ließ - Was für ein tolles Buch! Die wahnsinnig kluge und außergewöhnliche Erzählform, der Romanaufbau, die Tiefe der Betrachtungen und die Glaubhaftigkeit der Figuren haben mich schwer begeistert und dieses Buch zu einem ganz besonderen Erlebnis werden lassen. Ich entdeckte mich oft selbst wieder in dem steten Bemühen mein Körper solle gefälligst so funktionieren, wie es mir in den Kram passe - und blieb an einem Zitat von Ernaux hängen, das Paula Fürstenberg auf S. 76 anführt. Sinngemaß heißt es dort, dass die Feststellung jemand sei kränklich immer auch ein Vorwurf sei und man anderen grundsätzlich nur ungern eingestand ernsthaft und berechtigt krank zu sein, vielmehr verdächtige man die Kränkelnden sich anzustellen. Wenn dann auch noch die Diagnose fehlt, ist die Einsamkeit komplett. Es sei denn, man hat Freunde, die nicht zulassen, dass deine Krankheit als Charaktereigenschaft gewertet wird. Max und die Ich-Erzählerin lassen erahnen, wie die Welt funktionieren könnte. Ein Highlight und eine klare Leseempfehlung. 5 von 5 ⭐️
Ein phantastisches Buch über wichtige Themen - leicht, spielerisch und humorvoll erzählt. Es hat richtig Spaß gemacht, es zu lesen.
Hier werden wesentliche, schwerwiegende Themen behandelt: Freundschaft (ihre Größe und ihre Grenzen), Krankheit/Depression, Familie und Erziehung, Sprache und das Erzählen... aber hier ist nichts schwer... vielmehr lacht man viel, wundert sich, staunt, nickt, ist hin und wieder auch traurig, überrascht und wie gefesselt. Viel macht hier den Ton, das sprachliche Spiel und die formalen Kniffe... ich war restlos begeistert und neuer Fan von Fr. Fürstenberg 🥰
„Max sagt: Kennst du das Gefühl, kurz bevor man weinen muss? Es ist, als wäre immer dieser Moment, ohne dass man je weint.“ S. 87 „Weltalltage“, das sind die Tage, in denen ihr Schwindel die Kontrolle über ihren Körper übernimmt. In denen sie sich wie entkoppelt von sich selbst fühlt, als würde er durch das Weltall schweben und ihr Bewusstsein nur stolpernd hinterherkommen. „Weltalltage“, das sind zu viele Tage – so viele, dass sie sich manchmal nicht mehr als Ich erkennen kann und diese Geschichte deshalb, entkoppelt von diesem Ich, in der dritten Person Singular erzählt. Ich liebe Bücher wie „Weltalltage“ von Paula Fürstenberg. Geschichten, die sensible und wichtige Themen in den Vordergrund stellen und sie empathisch, tiefgründig, aber auch klar und auf den Punkt erzählen. Und die dabei nicht nur einen besonderen Schreibstil haben, sondern komplett aus dem Mainstream fallen. „Weltalltage“ ist keine Geschichte über eine Liebesbeziehung zwischen der namenlosen Erzählerin und Max, sondern über ihre jahrzehntelange Freundschaft. Beide sind gemeinsam im Osten aufgewachsen, beide mit alleinerziehenden Müttern. Zum Studium verlassen sie getrennt den Osten, um im Westen zu studieren, und werden später wieder Mitbewohner:innen. Sie ist schon seit jungen Jahren chronisch krank, meistens auf Hilfe angewiesen – meistens auf Max. Er war immer der Gesunde, bis er plötzlich in Dunkelheit fällt, ins Krankenhaus muss und sich alles ändert. „Weltalltage“ erzählt die unglaublich berührende Geschichte einer Freundschaft, die verbissen darum kämpft, bestehen zu bleiben, auch wenn sich das Leben nicht immer zum Guten wendet. Getragen wird diese Freundschaft von unglaublich reflektierten Protagonist:innen, die zu jeder Zeit zu verstehen scheinen, was passiert – auch wenn sie nicht immer handeln können. Besonders gefallen hat mir die Thematisierung der Krankheiten, einer der wichtigsten Punkte der Geschichte. Auf der einen Seite steht die namenlose Erzählerin – namenlos und ohne Ich, weil sie sich nicht mehr verbunden mit ihrem Körper fühlt. Ein Körper, der seit Jahren chronisch krank ist, mit medizinisch nicht erklärbarem Schwindel von Praxis zu Praxis weitergereicht wird. Nach Jahren, in denen ihr zahlreiche Ärzt:innen erklärt haben, ihre Periodenschmerzen seien völlig normal, obwohl sie regelmäßig das Gefühl hatte, vor Schmerzen sterben zu müssen, erhält sie schließlich die Diagnose Endometriose. Paula Fürstenberg zeigt, was im Gesundheitssystem schiefläuft, wenn Frauen es wagen, krank zu werden und dafür auch noch eine Diagnose haben wollen. Ein System, das das Patriarchat – wie so vieles – nie überwunden hat, das durch und durch auf den männlichen Körper ausgerichtet ist und den weiblichen außen vor lässt. Auf der anderen Seite erzählt Fürstenberg von der generationsübergreifenden Problematik, dass sich Männer bei psychischen Erkrankungen aus gesellschaftlichem Druck keine Hilfe suchen – weder bei der Diagnostik noch bei der Therapie. Schon kleinen Jungs wird eingetrichtert, dass sie nicht weinen dürfen. Warum, weiß niemand. „Weltalltage“ schildert eindrucksvoll, was passiert, wenn wir mit diesem absurden Denken nicht brechen. Das Buch setzt sich also mit schwierigen Themen auseinander, ohne dabei selbst schwierig zu sein. Eher fühlt es sich an wie Medizin – oder wie ein gemütlicher Nachmittag im Café mit Kaffee und Kuchen, mit guten Freund:innen oder allein mit einem Buch. Zum Lachen, Weinen und Weitererzählen. Bitte lest es. „Dann habt ihr kurz gelacht, in dem kurzen Zeitfenster, in dem die Nachricht noch nicht den ganzen Körper erreicht hatte. Ihr habt so heftig gelacht, als würdet ihr auf Vorrat lachen, weil es jetzt eine ganze Weile nichts zu lachen geben würde.“ S. 15

Meisterwerk in Listenform - Schmerz, chronische Krankheit, Depression und v.A. Freundschaft 🩷💚❤️
Etwas ganz besonderes ist dieser Roman Paula Fürstenbergs für mich, der Themen wie Freundschaft, Depressionen und Krankheit behandelt. Ich hoffe diesem Meisterwerk mit meinen folgenden Worten gerecht zu werden. Wir verfolgen in diesem Roman die Freundschaft zweier Kinder, die in der Nachwendezeit aufwachsen. Ihre alleinerziehenden Mütter müssen sich den existenziellen Grundlagen in dieser strukturlosen Gesellschaft zuwenden, was zu Überforderung in der Erziehung und Vernachlässigung führt. Das schweißt die Kinder, die sich in der Schule kennenlernen, eng zusammen. Denn sie sind nun die Familie füreinander, die ihnen zu Hause fehlt. Die Erzählerin spricht über sich selbst in der 2. Person, was eine gewisse Distanz zwischen sich selbst als Person, ihrem Körper und ihrer Krankheit führt. Sie leidet seit ihrer Kindheit unter Schwindel, welcher trotz ganzer Ärzteodyseen nicht diagnostiziert werden kann. Dies beeinflusst sie stark negativ, denn sie darf z.B. nicht am Sportunterricht teilnehmen, nicht alleine schwimmen gehen aufgrund von Lebensgefahr und auch als sie älter wird, keinen Führerschein machen. Ihr Freund Max fungiert in dieser Zeit immer in der Rolle des Helfenden, er macht u.A. einen Rettungsschwimmerkurs, um ihr das Schwimmen jede Woche zu ermöglichen. Er (Max) ist somit immer der Gesunde und sie die Kranke - bis Max im Verlauf, fast unmerklich, Depressionen entwickelt. Die Rollenverteilung in der Freundschaft funktioniert so plötzlich nicht mehr und wir erleben die Auswirkungen. Der Roman ist vollständig in Listen aufgeteilt und beginnt z.B. mit der „Liste aller möglichen Anfänge dieser Geschichte“. Die Erzählerin ist gleichzeitig Schriftstellerin und wir verfolgen dadurch die Entstehung dieses Romans auf einer Metaebene. Die Thematiken die hier behandelt werden reichen von misogyner Medizingeschichte, über die soziologische Rolle von Krankheit in der Gesellschaft, ganzen Ärztemarathons, bis zu Krankheit als Metapher in literarischen Texten, welche durch das ganze Buch Erwähnung finden in Form von Zitaten von Autorinnen wie Virginia Woolf, Susan Sontag oder Annie Ernaux. Für mich stellt dieses Werk Fürstenbergs ein ganz großes Highlight (wahrscheinlich sogar Jahreshighlight, aber ich möchte es noch etwas in mir arbeiten lassen, um das sagen zu können) dar. Es behandelt mit seinem kreativen Konstrukt Thematiken, die mir auf diese Weise noch nie vermittelt wurden. Jeder der mit chronischer Krankheit, Depressionen oder tiefer Freundschaft zu tun hat, wird von diesem Buch abgeholt. Ich würde dem Ganzen gerne noch mehr Ausdruck verleihen mit meinen Worten, aber da ich nicht weiß wie, schreibe ich: Lest es!
So ein starkes Buch. Die Charaktere wirken echt und greifbar. Beide springen manchmal fast aus den Seiten heraus. Ich will mit Max über seine Plörrarien sprechen und mit ihr über die Sprachlosigkeit. Darüber die engste Freundin / den engsten Freund mit einer Depression konfrontiert zu sehen und dabei das Gefühl zu haben nur das Falsche zu sagen oder es zu spät zu verstehen. Das Buch ist trotzdem voller Humor und Momenten, die auch in andere Richtungen zum Nachdenken anregen. Was machen Systeme mit einem? Was ist wirklich ein Verlierer, wer wird zum Verlierer gemacht? Was kann Freundschaft aushalten und was vielleicht auch nicht? Ich habe mir viele Stellen abgeschrieben. Große Empfehlung!
Ganz besonderes Highlight!
So ein kluges, besonderes Buch. Wer selbst oder in seinem Umfeld Krankheiten und besonders Depressionen hat, sollte dieses kluge Buch lesen. Mit der Geschichte der Protagonistin und Max lernt man verstehen. Noch nie habe ich dieses Thema so toll in Worte gefasst bekommen... Absolut lesenswert!
Über Körper, Freundschaft und wie man in der Welt lebt
Max und die Erzählerin sind beste Freunde seit Kindheitstagen. Sie wohnen zusammen und kümmern sich umeinander, vor allem Max um die Erzählerin. Es ändert sich als Max eine Depression bekommt. Das Buch hat einen interessanten Schreibstil, der mich anfangs verwirrt hat und ich brauchte etwas Zeit, um in das Buch zu finden, doch dann hat mich die Geschichte sehr gefesselt. Es geht um sehr wichtige und spannende Themen, die eigene Geschichte und Prägung, Freundschaft und wie Krankheit einen und die Beziehungen verändert. Paula schreibt sehr gut und die Charaktere kann ich mir sehr gut vorstellen und sie sind mir nahe gekommen
Paula ist stark darin, mit ihren Worten Gefühle zu transportieren, Stimmungen zu vermitteln und die Lesenden die beschriebenen Situationen fühlen zu lassen. Und auch Witz flicht sie mühelos mit ein. Es geht in erster Linie um Depression und "unsichtbare" Krankheiten. Der Autorin gelingt es, dem Thema seinen gebürtigen Raum zu geben, ohne dass es wie ein Dicker Klotz im Scheinwerferlicht eines jeden Abschnitts steht. Aber auch gesellschaftskritische Themen bekommen eine Bühne. Manche direkt, andere eher unterschwellig. Klassenunterschiede, kolonialistische Zuschreibungen, Rassismus im Gesundheitswesen, ... Einerseits hat mir das gut gefallen, da sich, wenn auch nur kurz, mit diesen Themen kritisch auseinander gesetzt wird, andererseits wirkte es teils platziert, um einfach ein weiteres Thema abhaken zu können. Dann muss ich noch ein Kapitel hervorheben, das mir persönlich nicht zugesagt hat: "Verzeichnis einiger Krawall Barbies". Die Passagen waren gut geschrieben und auch interessant, aber insgesamt hat es für mich weit weg von der Storyline angefühlt, auch wenn hier wieder gesellschaftskritische Themen angesprochen wurden. In Summe hat mir aber der eingangs bereits erwähnte Schreibstil richtig gut gefallen und bis auf das eine Kapitel fand ich die gewählte Erzählweise auch passend. Von daher würde ich das Buch mit gutem Gewissen weiterempfehlen.

Die Erzählerin lebt mit ihrem besten Freund Max in einer WG. Sie ist Schriftstellerin, er ist Architekt, sie hat eine chronische Erkrankung, er ist der Gesunde und ihr Fels in der Brandung - bis er es plötzlich nicht mehr ist. Denn als Max fünf Jahre nach dem Suizid seines Onkels eine Depression mit Angststörung entwickelt, droht die Freundschaft auseinander zu brechen. Die Schriftstellerin versucht, Max und ihre Geschichte in einem Roman festzuhalten, doch scheitert sie immer wieder an der Form. Außerdem ist Max immer weniger damit einverstanden, dass sie öffentlich von seinem Leben erzählt. Alles gipfelt in einem stationären Krankenhausaufenthalt von Max und dem Kontaktabbruch zu seiner besten Freundin. In "Weltalltage" schreibt Paula Fürstenberg in ganz ungewöhnlichem Format über Krankheit, Freundschaft und das Schreiben an sich. Im Buch finden sich Listen, verschiedene Romanansätze und unterschiedliche Perspektiven auf die gleichen Situationen. Ich fand diese Art zu erzählen sehr spannend, sie hat das Buch zu etwas besonderem für mich gemacht. Die Protagonistin und Max kennen sich seit ihrer Schulzeit, sie haben ähnliche soziale Hintergründe - beide werden von ihren alleinerziehenden Müttern in der Nachwendezeit großgezogen - und werden schnell beste Freund*innen. Die Freundschaft muss immer wieder Dämpfer aushalten, so sehr auf der Kippe wie bei Max Krankheit stand sie aber noch nie. Paula Fürstenberg beleuchtet in diesem Zug auch unseren gesellschaftlichen Umgang mit chronischen und psychischen Erkrankungen und unserem Drang, diese zu "verstecken". Nicht mit jedem literarischen Experiment im Roman konnte ich etwas anfangen, insgesamt fand ich "Weltalltage" aber sehr berührend und gelungen. Wenn ihr mit den genannten Themen gerade umgehen könnt, kann ich euch das Buch empfehlen!

Ein Buch, das Worte findet
...ein Buch in Listen, ein Buch, das in seiner Aufmachung so gänzlich anders ist als alle anderen, ein Buch, das Worte findet. Worte für chronische Erkrankungen. Körperlich wie psychisch. Worte für Freundschaft, für Trauer, für Therapie, ein Leben in Ostdeutschland, ein Leben in Armut, ein Leben ohne Geschwister, ein Leben mit nur einem Elternteil. Den Textmarker habe ich erstmals bei einem Roman rausgeholt, um die Worte zu markieren, die mir solange fehlten, die mir zeigen: es gibt noch andere Worte, um die Dinge zu beschreiben, als die, mit denen ich es jahrelang versuchte. 5 Sterne!
Der Roman „Weltalltage“ (2024) von Paula Fürstenberg erzählt die Geschichte der unbenannten Erzählerin und ihres besten Freundes Max. Die beiden verbindet neben einer langjährigen Freundschaft eine Reihe biographischer Aspekte: Beide sind Kinder alleinerziehender Mütter und im Nachwende-Ostdeutschland sozialisiert. Mit Anfang 30 leben sie in einer WG. Beide scheinen füreinander die wichtigsten Bezugspersonen zu sein. Während Max‘ Körper immer funktioniert hat, kämpft die Erzählerin seit ihrer Kindheit mit Schwindelanfällen unklaren Ursprungs, ihren „Weltalltagen“. Als Max eine Depression diagnostiziert wird, verschiebt sich das eingespielte Gefüge. Sehr gut hat mir gefallen, dass die zentrale Beziehung dieses Romans keine (romantische) Liebesbeziehung ist, sondern eine Freundschaft. Das Buch zeigt auf, dass wir für Konflikte in Freundschaften („Freundschaftskummer“) nicht annähernd so differenzierte Umgangsweisen haben wie für Konflikte in Liebesbeziehungen. Durch die Fokussierung auf Paarbeziehungen scheinen uns das Vokabular, die Fähigkeiten und die Empathie zu fehlen, um Freundschaft in ihrer Komplexität zu erfassen und zu leben. „Weltalltage“ stellt dagegen die Freundschaft in den Mittelpunkt. Sie wird hier nicht als weniger oder Ersatz für (romantische) Partnerschaft konstruiert. Darüber hinaus spricht das Buch sehr viele interessante Themen an, geht aber nicht unbedingt in die Tiefe. Wie wirken Strukturen - architektonische, ökonomische, soziale - auf den Körper ein? Wie körperfreundlich ist der öffentliche Raum? Was passiert, wenn Körper nicht mehr so funktionieren, wie sie sollen? Fehlt uns die Sprache, um über Körper und Krankheit zu sprechen? Warum sonst meinen „Was hast du?“ und „Was fehlt dir?“ dasselbe? Wie können sich (psychisch) kranke Menschen als handlungsfähig erleben, ohne sich selbst die Schuld an ihrer Krankheit zu geben? Wer darf sich wessen Geschichte literarisch aneignen? Diese Fragen wirft das Buch immer wieder auf, wenn auch oft eher schlaglichtartig. Dennoch fand ich „Weltalltage“ schön zu lesen und vor allem durch die Grundkonstellation der verbindlichen Freundschaftsbeziehung zukunftsweisend.
Ich möchte ein Buch empfehlen, das sich mit den Themen Freundschaft und Krankheit auseinandersetzt. Es ist ein starkes und bewegendes Werk, das die Frage aufwirft, wer in einer der Kranke und wer der Gesunde ist. Wie kann eine Freundschaft diese Krankheiten überleben? Das Buch bietet wertvolle Einblicke und Denkanstöße für alle, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen.
"Es gibt bei Krankheit eine grundsätzliche Verwirrung, ob man etwas bekommt oder verliert: Was hast du? und Was fehlt dir? meinen dasselbe." (S. 9) Die namenlose Erzählerin, ist auf dem Weg, Schriftstellerin zu werden. Doch ihre Geschichte ist auch die ihres besten Freundes, Max. Sie kennen sich seit der siebten Klasse. Groß werden sie im Nachwende-Deutschland mit all den gesellschaftlichen Veränderungen. Doch zu ihrer Geschichte gehören auch zwei Krankheitsbilder: Sie ist chronisch-krank - Endometriose plus Schwindel ohne ursächliche Diagnose - und hat eine "Sisyphee" (Sisyphos + Odyssee = Irrfahrt, ohne ein Ziel zu erreichen) medizinischer Untersuchungen hinter sich. Max war immer der stabile Freund, bis er, nach dem Tod seines Onkels, in die dunklen Schatten der Depression gehüllt wird. Dass sie auch das in ihrem Buch unterbringen möchte, empört Max. Als er aufgrund seiner Erkrankung in eine Klinik geht, entsteht ein Bruch zwischen den beiden. Warum fällt es ihr, die sich auf diesem Terrain bestens auskennt, so schwer, Max' Zustand zu verstehen und ihn hilfreich zu begleiten? Wie zur Hölle ist sie zur schlechtesten besten Freundin aller Zeiten geworden?! In Prosa liefert Paula Fürstenberg uns Fachliteratur zu chronischen und psychischen Erkrankungen sowie über unseren Körper als Leistungsfaktor. Statistiken und Fakten verpackt sie in ihren Protagonist:innen, die eine Erkrankungsvita aufzeigen, wie sie der eine oder die andere selbst erlebt haben mag und stellt die Frage: Ist krank gleich wertlos? Es geht um den gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit im Allgemeinen und um das Dilemma der "unsichtbaren" Krankheiten im Besonderen. Es ist aber auch ein Roman über Klassenunterschiede und Chancengleichheit im wiedervereinigten Deutschland. Und "Weltalltage" erzählt davon, wie sehr wir Teil des kapitalistischen Denkens und Handelns (geworden) sind. "Dieses Buch ist heilsamer als so manche Arznei", resümiert Daniela Dröscher absolut treffend.
Freundschaft mit Krankheit
Die Form des Textes ist was besonderes und deshalb für mich ganz attraktiv gewesen. Ich weiß zu wertschätzen, wenn Autor*innen etwas probieren in ihrer Arbeit. Gleichzeitig konnte ich mich deshalb nicht so gut in die Figuren hineinfühlen - aber vielleicht war auch genau das das Ziel. Die dargestellte Freundschaft der Beiden ist speziell - so wie die Form des Buches. Jede Freundschaft ist auf ihre eigene Weise schön und die Schönheit dieser zeigt sich hoffentlich ihren Träger*innen.
Eine Auflistung
Obwohl das Thema sehr spannend ist und die Autorin einen unglaublich literarisch ansprechenden Stil verwendet, konnte ich nie ganz eintauchen in die Erzählung. Durch die verschiedenen Listen, war es jedes Mal auch eine Umstellung sodass der rote Faden etwas fehlte. Dennoch wurden ansprechende Details sehr schön aufgegriffen und die Themen Depression und Freundschaft neu betrachtet.
Das Buch hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Es ist mal etwas anderes als die typischen Romane, vor allem durch seinen besonderen Schreibstil. Die Sprache wirkt direkt, ehrlich und teilweise fast roh, was das Lesen sehr intensiv macht. Gerade diese Art zu schreiben hebt das Buch von vielen anderen ab. Die kurzen Texte und Gedanken lassen viel Raum für eigene Interpretationen. Viele Passagen haben mich nachdenklich gemacht. In einigen Situationen und Gefühlen konnte ich mich selbst wiederfinden. Das hat das Buch für mich sehr persönlich gemacht. Es spricht Themen an, die man sonst nicht immer so offen liest. Dabei wirkt nichts gekünstelt oder übertrieben. Stattdessen fühlt sich vieles sehr nahbar an. Man muss sich auf den Stil einlassen, aber dann entfaltet das Buch seine Wirkung. „Weltalltage“ ist kein Buch, das man einfach nur liest und wieder vergisst. Es bleibt im Kopf und teilweise auch im Gefühl. Für alle, die etwas anderes suchen und sich gerne auf Gedankenwelten einlassen, ist dieses Buch sehr empfehlenswert.
Mich hat dieser Roman zuerst etwas irritiert, da der Aufbau und der Schreibstil sicherlich außergewöhnlich sind. Der Roman selbst hat mir Trost gespendet, neue Perspektiven eröffnet, Hoffnung gemacht, mich Dankbarkeit spüren lassen und auch dazu beigetragen, sich nicht so alleine zu fühlen. Ich denke, dass es schwierig ist, hier eine möglichst „objektive“ Bewertung zu verfassen, da die Themen Körper und Krankheit so höchst persönliche sind. Danke an Paula Fürstenberg für dieses Buch, es hat mich zu genau der richtigen Zeit gefunden.
"Weltalltage" von Paula Fürstenberg ist ein Roman, der sich intensiv mit den Themen Gesundheit, Freundschaft, Körperwahrnehmung und Gesellschaft auseinandersetzt. Fürstenberg, Jahrgang 1987, ist eine preisgekrönte Autorin und hat mit ihrem Debütroman "Familie der geflügelten Tiger" bereits auf sich aufmerksam gemacht. Ihr zweiter Roman "Weltalltage" ist ebenso von tiefgründiger, reflektierender Literatur geprägt. Fürstenberg ist eine aktive Stimme in der deutschen Literaturszene und engagiert sich in verschiedenen sozialen und politischen Bereichen. Worum geht’s genau? Die Erzählerin und Max sind beste Freund:innen, die schon seit der Schulzeit eine enge Verbindung teilen. Sie leben gemeinsam in einer Wohnung, wobei sie aufgrund ihrer chronischen Krankheit immer wieder auf Max angewiesen ist. Max, der bisher gesunde Part, ist Architekt, während sie selbst als Schriftstellerin mit ihrer Krankheit kämpft, die sie körperlich und mental stark belastet. Als Max vom Tod seines Onkels erfährt, gerät ihr Alltag aus den Fugen und die Beziehung zwischen ihnen wird auf die Probe gestellt. Um mit den Veränderungen und den Gefühlen der Überforderung umzugehen, beginnt die Erzählerin, ihre Gedanken und Erinnerungen in Listen zu ordnen, die einen Weg finden, ihre Vergangenheit zu begreifen und sich der eigenen Erkrankung sowie den gesellschaftlichen Bedingungen zu stellen. Dabei hinterfragt sie nicht nur ihre persönliche Geschichte, sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen, die sie geprägt haben. Meine Meinung Der Roman behandelt viele interessante Themen – von Körperwahrnehmung über Gesundheit bis hin zu Freundschaft und Gesellschaft. Besonders die Art, wie Krankheit sowohl auf mentaler als auch auf körperlicher Ebene thematisiert wird, hat mich zum Nachdenken angeregt. Es wurde sehr anschaulich gezeigt, wie tief die Auswirkungen einer Depression auf den Körper, den Alltag und die Beziehungen einer Person sein können, was mir sehr gefallen hat. Diese Details, die sich wie aus dem Leben gegriffen anfühlten, haben mich emotional berührt. Allerdings war die Form des Buches für mich eine große Hürde. Der Verzicht auf eine klassische Kapitelstruktur zugunsten von Listen und Aufzählungen war anfangs interessant, aber nach einer Weile sehr ermüdend und es fiel mir schwer, dranzubleiben und den roten faden nicht zu verlieren. Durch die gewählte Form ist es mir nicht richtig gelungen, tief in die Geschichte einzutauchen. Die ständigen Wechsel zwischen reflektierenden Gedanken und Momenten aus der Vergangenheit gaben dem Roman eine gewisse Zerrissenheit, was zwar beabsichtigt sein mag, aber mich in meinem Lesefluss behindert hat. Trotzdem gibt es Passagen, die wirklich gut gelungen sind und die die schleichende Depression und die innere Zerrissenheit nachvollziehbar machten. Die Ich-Form und das Schreiben in der „Du-Form“ haben mich anfangs irritiert, auch wenn die Autorin dies später im Buch erklärte. Es ist eine ungewöhnliche Wahl, die jedoch einen gewissen intimen Zugang zur Geschichte und zu den Gefühlen der Erzählerin schafft. Was ich ebenfalls sehr gelungen fand, war die kritische Auseinandersetzung mit der Frage, wem Geschichten gehören und wer das Recht hat, sie zu erzählen. In Anbetracht der feministischen Perspektiven, die im Buch aufgegriffen werden, war es fast selbstverständlich, dass auch das Thema Gendern und das Bewusstsein für gesellschaftliche Diskurse über Geschlechterrollen und Rechte thematisiert wurde. Was mich jedoch an diesem Buch störte, war, dass die Erzählweise oft zu sehr in den inneren Monologen der Erzählerin verhaftet blieb. Hier hätte ich mir mehr Dialoge und eine stärkere Interaktion zwischen den Figuren gewünscht, um das Geschehen lebendiger zu gestalten. Viele Passagen schienen mir etwas zu abgehoben und verloren sich in der Selbstreflexion. Das war zwar teils interessant, aber an manchen Stellen fühlte es sich auch wie ein Zuviel an, was das Lesetempo ausbremste. Fazit "Weltalltage" von Paula Fürstenberg ist ein tiefgründiger Roman, der sich mit wichtigen gesellschaftlichen und persönlichen Themen auseinandersetzt. Die Sprache der Autorin ist eindrucksvoll und transportiert die emotionalen Tiefen der Geschichte. Dennoch war die Struktur des Buches für mich problematisch, da ich den Lesefluss durch die ungewohnte Form und die zahlreichen inneren Monologe gestört fand. Insgesamt ein wirklich lesenswerter Roman, der jedoch aufgrund seiner Form und des etwas zähen Erzählflusses nur 3,5 von 5 Sternen erhält.
Description
Book Information
Author Description
Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987, wuchs in Potsdam auf und studierte am Schweizerischen Literaturinstitut sowie an der Humboldt-Universität. 2016 erschien ihr Debütroman »Familie der geflügelten Tiger«, 2024 ihr zweiter Roman »Weltalltage«. Für ihre Arbeit wurde sie mit zahlreichen Stipendien ausgezeichnet. Neben der Arbeit als Schriftstellerin ist sie auch als Kuratorin, Lehrende, Herausgeberin und in verschiedenen künstlerischen Kollektiven tätig. Aktuell ist sie Jurymitglied für den Internationalen Literaturpreis und tourt mit der literarischen Girlband No Scribes. Seit 2011 lebt Fürstenberg in Berlin und im Sommer auch in einer Datsche im Brandenburgischen.
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Kennst Du das Gefühl, kurz bevor man weinen muss? Es ist, als wäre immer dieser Moment, ohne das man je weint.
„Weltalltage“ von Paula Fürstenberg fällt durch eine besondere Erzählweise, den Wechsel der Perspektiven und durch Aufzählungen auf. Das hat das Buch für mich spannend gemacht, und ich habe es schnell durchgelesen. Es geht um Freundschaft und Familie, um Körper, Gesunde und Kranke und die Odyssee, die diese mit sich bringen. Das Buch regt zum Nachdenken an und ist trotz der oft schweren Themen nicht zu belastend. Das gilt natürlich nicht für jede Art von Erkrankung und für jeden Menschen: Aber Paula schaut aus einem anderen Blickwinkel auf das Leben mit einer Krankheit, der sicher gut tun kann. Das Buch ist in der 2. Person Singular geschrieben, und ich denke, ich verstehe die Absicht dahinter - trotzdem brauchte ich eine Weile, um mich daran zu gewöhnen. Stabile 3,75 Sterne und klare Leseempfehlung. P.S.: Wer jetzt endlich wieder Zeit zum Lesen hat, ist meine Freundin E. – schmeiß den Prüfungskram in die Ecke, Girl. 💪

"Alles was gesagt wurde, ist gesagt, und vor allem ist alles, was nicht gesagt wurde, nicht gesagt, das ist das Schrecklichste." "In der Zeit zwischen Nagelbettenzählung und vernichtender Textkritik jedenfalls bildete sich das Glatteis auf dem Boden eurer Wohnung, auf dem ihr seither umherschlittert, weil es nie wieder ganz abgetaut ist." "Du kennst diese morgendlichen Gefühlsausbrüche, morgens bist du wie eine undichte Milchtüte, es ist, als wäre dein Körper über Nacht löchrig geworden, sodass nun alles aus ihm herausquillt, was du tagsüber in ihm versteckst." Die namenlose Schriftstellerin und der Architekt Max beschließen, nach 20 Jahren Freundschaft zusammen zuziehen. Max ist ihr "Rettungsschwimmer", beschützt sie, wenn die "Weltalltage" kommen und die Endometriose und der Schwindel, der sie seit ihrer Kindheit begleitet, aus der Bahn werfen. Sie ist die Kranke und er der Gesunde, bis zu dem Tag als Max' Onkel sich das Leben nimmt. Die Freundschaft verändert sich durch Max' Depressionen, stellt sie auf die Probe. Ein Buch über Freundschaft, Krankheit, Veränderung und die eigene Verletzlichkeit das sich für mich schwer einordnen lässt und mich stellenweise verloren hat. Dann gab es aber auch Passagen, die mich absolut begeistert haben. Es ist in thematische Auflistungen verfasst, wodurch es manchmal zu Wiederholungen kommt. Den Sprachstil fand ich allerdings super, teilweise philosophisch mit vielen klugen Sätzen. Ich war selten bei einem Buch so zwiegespalten, kann aber auch nicht sagen, dass ich mich durchquälen musste. Vielleicht muss ich es einfach noch etwas sacken lassen
Zu viel Thema „Körper“
Dieses Buch ist schwer zu bewerten (und beschreiben), aber ich versuchs. Zunächst gefallen hat mir der Aufbau, das alles in Form von Stichwort-Listen gehalten ist. Mit der Dauer (und je nach Kapitel) wird das aber auch zäh. Als es irgendwann nur noch um Zitate anderer Autor*innen zum Thema Körper ging hat mich die Story ehrlicherweise verloren und da musste ich mich echt durchquälen. Auch das Manifest am Schluss hat sich gezogen… Ich verstehe, dass ein anderer Blickwinkel auf Krankheit und Körper eröffnet werden und zum Nachdenken angeregt werden sollte, aber mir wars too much. Sobald es um die Figuren ging, fand ich es flüssiger zu lesen und auch interessant, wie sich die Freundschaft mit den Themen Suizid und Depression entwickelt hat und wie die Autorin das rückblickend einordnet.
Kaufen, leihen, lesen, lieben.
Ich ärgere mich… … dass ich erst jetzt einen Beitrag über ‘Weltalltage’ von Paula Fürstenberg schreibe. … dass ich meine Gedanken dazu nicht unmittelbar nach dem Lesen festgehalten habe. … dass ich Dir dieses Buch erst jetzt, im grauen Dezember, auf dem goldenen, doch schon vergehenden Oktoberlaub präsentiere. Aber vielleicht passt das so auch besser. So muss ich Dir aus dem Gedächtnis erzählen… … dass Paula Fürstenberg eines dieser Bücher geschrieben hat, von denen ich noch in vielen Jahren erzählen werde. … dass das Konzept, ein Buch in Listen zu schreiben, ein ungewöhnliches ist, das von vorn bis hinten aufgeht und mich in einen Sog zieht. … dass dieser Roman seine eigene Entstehung reflektiert. Die Grenzen zwischen Werk, Autorin und Schöpfungsprozess sind aufgehoben. Das ist ein großes Spiel und macht Freude. … dass Paula Fürstenberg Worte gefunden hat, nach denen ich jetzt so sehr ringe. Für die Freude und Bürde von Freundschaft, (chronische) Krankheiten, Selbst- und Fremdwahrnehmung, den eigenen Körper, den anderen Körper, Misogynie, Normativität, Wandel, Alltag mit all dem. Und für das unsichtbare Netz, das all diese Themen miteinander verknüpft. Gut, für viele dieser Themen gibt es bereits Worte - aber keine Erzählung. Paula Fürstenberg hat all diese losen Fäden miteinander verknüpft und verdichtet. Die Geschichte der Erzählerin und ihres Freundes Max, ihrer Freundschaft und deren Grenzen ist berührend, mitfühlend und nahbar geschrieben. Es knüpft an meine Biographie an und bestimmt auch an deine. Es thematisiert Dinge, die uns betreffen und es öffnet uns die Augen dafür, was andere betrifft. Es fällt mir schwer, diesem von Menschlichkeit durchdrungenen Werk die verdiente Bühne zu geben. Kauft, leiht, verschenkt dieses Buch, denn es ist ein wichtiges und viel mehr als nur ein Jahreshighlight.

Listenroman über Alltagsbewältigung mit Krankheit, den Wert wahrer Freundschaft, Stigmatisierung psychischer Erkrankungen und (leider) so viel mehr
Max und die namenlose Protagonistin ( außergewöhnliche Erzählperspektive in der 2.Person Singular ! ) pflegen eine einzigartige Freundschaft seit Kindertagen. Sie leidet an medizinisch nicht erklärbaren Schwindelanfällen und wird nach einer langen Odyssee durch unzählige Arztpraxen mit Endometriose diagnostiert. Max übernimmt seit jeher die Rolle des (gesunden) omnipräsenten Beschützers, der u.a. 'den Rettungsschwimmer macht' und ein Lastenfahrrad konstruiert, um die körperlich schwache (platonische) Freundin vor jeglicher Gefahr zu bewahren. Als er an einer Depression/Angststörung erkrankt, gerät das feste System der Zweierkonstellation ins Wanken.... Viele wichtige und schwere Themen kommen zur Sprache. Was bedeutet es, wenn ein Körper nicht "normal" funktioniert, die Seele leidet und die/der Kranke gesellschaftliche Abwertung erfährt ("Wir neigen dazu, Kranken die Schuld an ihrer Krankheit zu geben") ?Es geht um chronische Schmerzen, Untersuchungsmarathons, Alltagsbewältigung mit gesundheitlichen Einschränkungen u.v.m. Viele andere Themen wie alleinerziehende Mütter, das Leben in der ehemaligen DDR, Unterschiede zwischen den Bevölkerungsschichten ( ...die studentischen Treffen auf der Dachterrasse! ), starke Frauen, Emanzipation, Feminismus ...Es wirbelt nur so von Themen. In vielen Rezensionen wird die außergewöhnliche Listenform des Romans (es werden Ziffern und auch Buchstaben zur Struktur der äußeren Form genutzt) das Durchbrechen der herkömmlichen Roman - Erzählform hochgelobt. Mich hat die damit einhergehende Sprunghaftigkeit genervt und mir das Lesen schwer gemacht. Es hatte etwas von willkürlichem Aneinanderreihen von Anregungen, Gedanken und Ideen - ähnlich wie Tagebucheinträge. Die lakonische Sprache und der Humor konnten es hier für mich auch nicht rausreißen. Eine Flut von Zitaten bekannter Persönlichkeiten wie Daniela Dröscher, Julia Schoch, Wolfgang Herndorf, Daniel Schreiber ...hätte es in der Häufung nicht gebraucht. Das Kapitel "Verzeichnis einiger Krawall- Barbies" erschließt sich mir im Zusammenhang auch nicht unbedingt, wenngleich die dort beschriebenen Ereignisse für sich interessant sind. Die für mich persönlich wichtigste Botschaft ist die Akzeptanz von psychischen Leiden als Krankheit, das Ende deren Stigmatisierung. Fazit : gute Themen, in für mich anstrengender äußerer Form.

Ein kluges und originelles Buch über Freundschaft, Krankheit, Depression und unseren Körper.
Besonders die vielen Reflexionen zum Thema Körper und Krankheit fand ich super. Das Buch ist voller augenöffnender Formulierungen und Denkanstöße. Allerdings blieb mir die Beziehung zwischen der Erzählerin und Max aufgrund der Erzählform eher fremd und die Listenform führte dazu, dass sich sehr viel wiederholt hat und ich einige Passagen eher überflogen habe.
Krankheit in Worte fassen
Krankheit hat viele Facetten, weiß die namenlose Erzählerin in Paula Fürstenbergs Roman. Ihr Körper spielt schon seit der Kindheit nicht mehr so mit, wie es die Leistungsgesellschaft erwartet. Doch als sie gerade das Schreiben als Ausweg entdeckt, wir auf einmal ihr Mitbewohner Max zum Kranken - und die Erzählerin muss sich selbst aus der eigenen Komfortzone begeben. Paula Fürstenberg hat mich vor allem durch die echten Emotionen beeindruckt, die der Roman auslöst. Die Freundschaft zwischen Max und der Erzählerin wird auf eine harte Probe gestellt und zahlreiche gesellschaftsrelevante Fragen aufgerufen. Wie sollte man sich einem „kranken“ Freund gegenüber verhalten? Muss man die eigene Krankheit immer wieder in Frage stellen? Und inwiefern darf man die Krankheit eines Freundes literarisch verarbeiten? Die Erzählerin bleibt dabei trotz der zahlreichen außertextlichen Bezüge nahbar und beleuchtet den Weg der Entfremdung sowie der Annäherung der beiden Freunde von vielen unterschiedlichen Standpunkten. Insbesondere der listenartige Aufbau des Textes stellt für mich in diesem Zusammenhang das Alleinstellungsmerkmal des Romans dar, zumal er nicht nur eine formale, sondern auch eine inhaltlich fesselnde Struktur ergibt.
Die Erzählerin und Max sind seit der Schulzeit befreundet und wohnen jetzt zusammen in einer WG. Sie, von Kindheit an chronisch krank, sieht in Max immer den funktionierenden Menschen, der sie auch gern wäre. Er passt auf sie auf, macht sogar den Rettungsschwimmer, damit sie schwimmen gehen kann, bastelt einen Fahrradanhänger, um sie rumzukutschieren… Nach dem Suizid von Max Onkel, ziehen dunkle Wolken auf und verändern dieses jahrelang gut funktionierende Freundschaftsgefüge von jetzt auf gleich. Die Rollenverteilung wird umgekehrt und auf einmal ist Max auf Hilfe angewiesen, was alles irgendwie in Frage stellt. - Ich hab schon ein paar Mal dazu angesetzt diese Rezension zu schreiben, aber irgendwie fehlten mir immer die richtigen Worte. Auch jetzt tu ich mich noch sehr schwer damit. Warum? Weil „Weltalltage“ einfach so viel mehr ist als ein Roman über eine außergewöhnliche Freundschaft und die Angst, dem Geschriebenen nicht gerecht zu werden, mich begleitet. Während ich einen Satz ausformuliere drehen sich schon zehntausend andere Gedanken in meinem Kopf. Während des Lesens habe ich soviele Markierungen gesetzt, wie schon lange nicht mehr. Ich habe mich verstanden gefühlt, konnte mich sowohl in die Protagonistin, als auch in Max hineinversetzen und mitfühlen. Paula Fürstenberg schreibt über körperliche und seelische Krankheit, über Gesundheit, Familie, Aufwachsen, über die Tatsache, wenn man nicht weiß, was mit einem los ist, über Akzeptanz, über das Betroffene*r-Sein, ebenso wie darüber Angehörige*r zu sein. Sie schreibt über Suizid und dessen Auswirkungen auf das Umfeld, über Work-Live-Balance, Einsicht, Rücksichtnahme, familiären und gesellschaftlichen Druck, Aufopferung und Abgrenzung. Außerdem schreibt sie über Feminismus und vor allem die Rolle weiblicher Körper in der medizinischen Forschung. Eigentlich stört es mich meist, wenn Autor*innen versuchen möglichst viele Themen in einen Roman zu packen, hier fand ich es absolut passend. Alles spielt mit allem zusammen und Fürstenberg macht eine emotionsgeladene und einfühlsame Erzählung daraus. Auch der Stil hat mich angesprochen. Neben der tollen sprachlichen Umsetzung ist der Aufbau des Romans mehr oder weniger in Form von Listen gehalten (ich mag Listen…) und bildet auch irgendwie die Geschichte, wie es überhaupt zu dem Buch gekommen ist, quasi die Entstehungsgeschichte des Romans im Roman, ab. Um nichts vorweg zu nehmen, würde ich nicht im Einzelnen auf oben genannte Themen eingehen. Zu guter Letzt bleibt mir nur zu sagen: Lest das Buch unbedingt!
Depression ist wie ein Fascho im eigenen Körper
Dieses Buch ist einfach 10/10 und definitiv ein Kandidat für ein Lieblingsbuch! Fürstenberg findet Worte für Gefühle, die sich kaum beschreiben lassen. In einer wunderschönen Sprache macht die Autorin chronische Erkrankung und Depression sichtbar/greifbar, wie ich es sehr selten erlebt habe. Sie beschreibt auf eine sehr kluge Art und Weise, was Krankheit mit Freundschaft machen kann und wie damit umzugehen versucht wird. Auch der Schreibstil in Form von Listen und Aufzählungen, was letztlich auf einer Metaebene endet, ist spannend und hat mir wirklich viel Spaß gemacht. Klare Leseempfehlung für Betroffene und Nicht-Betroffene und Freund:Innen von smarten, besonderen Erzählungen.
Highlight
Weltalltage* Paula Fürstenberg Kennt ihr sie auch, die Weltalltage? Die Tage an denen euch der Boden unter den Füßen weggleitet? Weltalltage, das sind in diesem Roman die Tage, an denen der Körper nicht das macht, was er soll, sein Eigenleben führt. In einer Welt, in der Krankheit mit Schwäche - oder schlimmer noch - Faulheit verwechselt wird und unzuverlässige Körper eine persönliche Versagenserklärung, einen schwachen Charakter zu markieren scheinen. Um die Herkunft, um den unzuverlässigen Körper in unserer Gesellschaft, um die Widerstandsfähigkeit von Freundschaften, um das Leben in einstmals zwei deutschen Staaten dreht sich dieser Roman, der mir in seinem Aufbau, seiner Tiefsinnigkeit und Modernität selbst den Boden unter den Füßen schwanken ließ - Was für ein tolles Buch! Die wahnsinnig kluge und außergewöhnliche Erzählform, der Romanaufbau, die Tiefe der Betrachtungen und die Glaubhaftigkeit der Figuren haben mich schwer begeistert und dieses Buch zu einem ganz besonderen Erlebnis werden lassen. Ich entdeckte mich oft selbst wieder in dem steten Bemühen mein Körper solle gefälligst so funktionieren, wie es mir in den Kram passe - und blieb an einem Zitat von Ernaux hängen, das Paula Fürstenberg auf S. 76 anführt. Sinngemaß heißt es dort, dass die Feststellung jemand sei kränklich immer auch ein Vorwurf sei und man anderen grundsätzlich nur ungern eingestand ernsthaft und berechtigt krank zu sein, vielmehr verdächtige man die Kränkelnden sich anzustellen. Wenn dann auch noch die Diagnose fehlt, ist die Einsamkeit komplett. Es sei denn, man hat Freunde, die nicht zulassen, dass deine Krankheit als Charaktereigenschaft gewertet wird. Max und die Ich-Erzählerin lassen erahnen, wie die Welt funktionieren könnte. Ein Highlight und eine klare Leseempfehlung. 5 von 5 ⭐️
Ein phantastisches Buch über wichtige Themen - leicht, spielerisch und humorvoll erzählt. Es hat richtig Spaß gemacht, es zu lesen.
Hier werden wesentliche, schwerwiegende Themen behandelt: Freundschaft (ihre Größe und ihre Grenzen), Krankheit/Depression, Familie und Erziehung, Sprache und das Erzählen... aber hier ist nichts schwer... vielmehr lacht man viel, wundert sich, staunt, nickt, ist hin und wieder auch traurig, überrascht und wie gefesselt. Viel macht hier den Ton, das sprachliche Spiel und die formalen Kniffe... ich war restlos begeistert und neuer Fan von Fr. Fürstenberg 🥰
„Max sagt: Kennst du das Gefühl, kurz bevor man weinen muss? Es ist, als wäre immer dieser Moment, ohne dass man je weint.“ S. 87 „Weltalltage“, das sind die Tage, in denen ihr Schwindel die Kontrolle über ihren Körper übernimmt. In denen sie sich wie entkoppelt von sich selbst fühlt, als würde er durch das Weltall schweben und ihr Bewusstsein nur stolpernd hinterherkommen. „Weltalltage“, das sind zu viele Tage – so viele, dass sie sich manchmal nicht mehr als Ich erkennen kann und diese Geschichte deshalb, entkoppelt von diesem Ich, in der dritten Person Singular erzählt. Ich liebe Bücher wie „Weltalltage“ von Paula Fürstenberg. Geschichten, die sensible und wichtige Themen in den Vordergrund stellen und sie empathisch, tiefgründig, aber auch klar und auf den Punkt erzählen. Und die dabei nicht nur einen besonderen Schreibstil haben, sondern komplett aus dem Mainstream fallen. „Weltalltage“ ist keine Geschichte über eine Liebesbeziehung zwischen der namenlosen Erzählerin und Max, sondern über ihre jahrzehntelange Freundschaft. Beide sind gemeinsam im Osten aufgewachsen, beide mit alleinerziehenden Müttern. Zum Studium verlassen sie getrennt den Osten, um im Westen zu studieren, und werden später wieder Mitbewohner:innen. Sie ist schon seit jungen Jahren chronisch krank, meistens auf Hilfe angewiesen – meistens auf Max. Er war immer der Gesunde, bis er plötzlich in Dunkelheit fällt, ins Krankenhaus muss und sich alles ändert. „Weltalltage“ erzählt die unglaublich berührende Geschichte einer Freundschaft, die verbissen darum kämpft, bestehen zu bleiben, auch wenn sich das Leben nicht immer zum Guten wendet. Getragen wird diese Freundschaft von unglaublich reflektierten Protagonist:innen, die zu jeder Zeit zu verstehen scheinen, was passiert – auch wenn sie nicht immer handeln können. Besonders gefallen hat mir die Thematisierung der Krankheiten, einer der wichtigsten Punkte der Geschichte. Auf der einen Seite steht die namenlose Erzählerin – namenlos und ohne Ich, weil sie sich nicht mehr verbunden mit ihrem Körper fühlt. Ein Körper, der seit Jahren chronisch krank ist, mit medizinisch nicht erklärbarem Schwindel von Praxis zu Praxis weitergereicht wird. Nach Jahren, in denen ihr zahlreiche Ärzt:innen erklärt haben, ihre Periodenschmerzen seien völlig normal, obwohl sie regelmäßig das Gefühl hatte, vor Schmerzen sterben zu müssen, erhält sie schließlich die Diagnose Endometriose. Paula Fürstenberg zeigt, was im Gesundheitssystem schiefläuft, wenn Frauen es wagen, krank zu werden und dafür auch noch eine Diagnose haben wollen. Ein System, das das Patriarchat – wie so vieles – nie überwunden hat, das durch und durch auf den männlichen Körper ausgerichtet ist und den weiblichen außen vor lässt. Auf der anderen Seite erzählt Fürstenberg von der generationsübergreifenden Problematik, dass sich Männer bei psychischen Erkrankungen aus gesellschaftlichem Druck keine Hilfe suchen – weder bei der Diagnostik noch bei der Therapie. Schon kleinen Jungs wird eingetrichtert, dass sie nicht weinen dürfen. Warum, weiß niemand. „Weltalltage“ schildert eindrucksvoll, was passiert, wenn wir mit diesem absurden Denken nicht brechen. Das Buch setzt sich also mit schwierigen Themen auseinander, ohne dabei selbst schwierig zu sein. Eher fühlt es sich an wie Medizin – oder wie ein gemütlicher Nachmittag im Café mit Kaffee und Kuchen, mit guten Freund:innen oder allein mit einem Buch. Zum Lachen, Weinen und Weitererzählen. Bitte lest es. „Dann habt ihr kurz gelacht, in dem kurzen Zeitfenster, in dem die Nachricht noch nicht den ganzen Körper erreicht hatte. Ihr habt so heftig gelacht, als würdet ihr auf Vorrat lachen, weil es jetzt eine ganze Weile nichts zu lachen geben würde.“ S. 15

Meisterwerk in Listenform - Schmerz, chronische Krankheit, Depression und v.A. Freundschaft 🩷💚❤️
Etwas ganz besonderes ist dieser Roman Paula Fürstenbergs für mich, der Themen wie Freundschaft, Depressionen und Krankheit behandelt. Ich hoffe diesem Meisterwerk mit meinen folgenden Worten gerecht zu werden. Wir verfolgen in diesem Roman die Freundschaft zweier Kinder, die in der Nachwendezeit aufwachsen. Ihre alleinerziehenden Mütter müssen sich den existenziellen Grundlagen in dieser strukturlosen Gesellschaft zuwenden, was zu Überforderung in der Erziehung und Vernachlässigung führt. Das schweißt die Kinder, die sich in der Schule kennenlernen, eng zusammen. Denn sie sind nun die Familie füreinander, die ihnen zu Hause fehlt. Die Erzählerin spricht über sich selbst in der 2. Person, was eine gewisse Distanz zwischen sich selbst als Person, ihrem Körper und ihrer Krankheit führt. Sie leidet seit ihrer Kindheit unter Schwindel, welcher trotz ganzer Ärzteodyseen nicht diagnostiziert werden kann. Dies beeinflusst sie stark negativ, denn sie darf z.B. nicht am Sportunterricht teilnehmen, nicht alleine schwimmen gehen aufgrund von Lebensgefahr und auch als sie älter wird, keinen Führerschein machen. Ihr Freund Max fungiert in dieser Zeit immer in der Rolle des Helfenden, er macht u.A. einen Rettungsschwimmerkurs, um ihr das Schwimmen jede Woche zu ermöglichen. Er (Max) ist somit immer der Gesunde und sie die Kranke - bis Max im Verlauf, fast unmerklich, Depressionen entwickelt. Die Rollenverteilung in der Freundschaft funktioniert so plötzlich nicht mehr und wir erleben die Auswirkungen. Der Roman ist vollständig in Listen aufgeteilt und beginnt z.B. mit der „Liste aller möglichen Anfänge dieser Geschichte“. Die Erzählerin ist gleichzeitig Schriftstellerin und wir verfolgen dadurch die Entstehung dieses Romans auf einer Metaebene. Die Thematiken die hier behandelt werden reichen von misogyner Medizingeschichte, über die soziologische Rolle von Krankheit in der Gesellschaft, ganzen Ärztemarathons, bis zu Krankheit als Metapher in literarischen Texten, welche durch das ganze Buch Erwähnung finden in Form von Zitaten von Autorinnen wie Virginia Woolf, Susan Sontag oder Annie Ernaux. Für mich stellt dieses Werk Fürstenbergs ein ganz großes Highlight (wahrscheinlich sogar Jahreshighlight, aber ich möchte es noch etwas in mir arbeiten lassen, um das sagen zu können) dar. Es behandelt mit seinem kreativen Konstrukt Thematiken, die mir auf diese Weise noch nie vermittelt wurden. Jeder der mit chronischer Krankheit, Depressionen oder tiefer Freundschaft zu tun hat, wird von diesem Buch abgeholt. Ich würde dem Ganzen gerne noch mehr Ausdruck verleihen mit meinen Worten, aber da ich nicht weiß wie, schreibe ich: Lest es!
So ein starkes Buch. Die Charaktere wirken echt und greifbar. Beide springen manchmal fast aus den Seiten heraus. Ich will mit Max über seine Plörrarien sprechen und mit ihr über die Sprachlosigkeit. Darüber die engste Freundin / den engsten Freund mit einer Depression konfrontiert zu sehen und dabei das Gefühl zu haben nur das Falsche zu sagen oder es zu spät zu verstehen. Das Buch ist trotzdem voller Humor und Momenten, die auch in andere Richtungen zum Nachdenken anregen. Was machen Systeme mit einem? Was ist wirklich ein Verlierer, wer wird zum Verlierer gemacht? Was kann Freundschaft aushalten und was vielleicht auch nicht? Ich habe mir viele Stellen abgeschrieben. Große Empfehlung!
Ganz besonderes Highlight!
So ein kluges, besonderes Buch. Wer selbst oder in seinem Umfeld Krankheiten und besonders Depressionen hat, sollte dieses kluge Buch lesen. Mit der Geschichte der Protagonistin und Max lernt man verstehen. Noch nie habe ich dieses Thema so toll in Worte gefasst bekommen... Absolut lesenswert!
Über Körper, Freundschaft und wie man in der Welt lebt
Max und die Erzählerin sind beste Freunde seit Kindheitstagen. Sie wohnen zusammen und kümmern sich umeinander, vor allem Max um die Erzählerin. Es ändert sich als Max eine Depression bekommt. Das Buch hat einen interessanten Schreibstil, der mich anfangs verwirrt hat und ich brauchte etwas Zeit, um in das Buch zu finden, doch dann hat mich die Geschichte sehr gefesselt. Es geht um sehr wichtige und spannende Themen, die eigene Geschichte und Prägung, Freundschaft und wie Krankheit einen und die Beziehungen verändert. Paula schreibt sehr gut und die Charaktere kann ich mir sehr gut vorstellen und sie sind mir nahe gekommen
Paula ist stark darin, mit ihren Worten Gefühle zu transportieren, Stimmungen zu vermitteln und die Lesenden die beschriebenen Situationen fühlen zu lassen. Und auch Witz flicht sie mühelos mit ein. Es geht in erster Linie um Depression und "unsichtbare" Krankheiten. Der Autorin gelingt es, dem Thema seinen gebürtigen Raum zu geben, ohne dass es wie ein Dicker Klotz im Scheinwerferlicht eines jeden Abschnitts steht. Aber auch gesellschaftskritische Themen bekommen eine Bühne. Manche direkt, andere eher unterschwellig. Klassenunterschiede, kolonialistische Zuschreibungen, Rassismus im Gesundheitswesen, ... Einerseits hat mir das gut gefallen, da sich, wenn auch nur kurz, mit diesen Themen kritisch auseinander gesetzt wird, andererseits wirkte es teils platziert, um einfach ein weiteres Thema abhaken zu können. Dann muss ich noch ein Kapitel hervorheben, das mir persönlich nicht zugesagt hat: "Verzeichnis einiger Krawall Barbies". Die Passagen waren gut geschrieben und auch interessant, aber insgesamt hat es für mich weit weg von der Storyline angefühlt, auch wenn hier wieder gesellschaftskritische Themen angesprochen wurden. In Summe hat mir aber der eingangs bereits erwähnte Schreibstil richtig gut gefallen und bis auf das eine Kapitel fand ich die gewählte Erzählweise auch passend. Von daher würde ich das Buch mit gutem Gewissen weiterempfehlen.

Die Erzählerin lebt mit ihrem besten Freund Max in einer WG. Sie ist Schriftstellerin, er ist Architekt, sie hat eine chronische Erkrankung, er ist der Gesunde und ihr Fels in der Brandung - bis er es plötzlich nicht mehr ist. Denn als Max fünf Jahre nach dem Suizid seines Onkels eine Depression mit Angststörung entwickelt, droht die Freundschaft auseinander zu brechen. Die Schriftstellerin versucht, Max und ihre Geschichte in einem Roman festzuhalten, doch scheitert sie immer wieder an der Form. Außerdem ist Max immer weniger damit einverstanden, dass sie öffentlich von seinem Leben erzählt. Alles gipfelt in einem stationären Krankenhausaufenthalt von Max und dem Kontaktabbruch zu seiner besten Freundin. In "Weltalltage" schreibt Paula Fürstenberg in ganz ungewöhnlichem Format über Krankheit, Freundschaft und das Schreiben an sich. Im Buch finden sich Listen, verschiedene Romanansätze und unterschiedliche Perspektiven auf die gleichen Situationen. Ich fand diese Art zu erzählen sehr spannend, sie hat das Buch zu etwas besonderem für mich gemacht. Die Protagonistin und Max kennen sich seit ihrer Schulzeit, sie haben ähnliche soziale Hintergründe - beide werden von ihren alleinerziehenden Müttern in der Nachwendezeit großgezogen - und werden schnell beste Freund*innen. Die Freundschaft muss immer wieder Dämpfer aushalten, so sehr auf der Kippe wie bei Max Krankheit stand sie aber noch nie. Paula Fürstenberg beleuchtet in diesem Zug auch unseren gesellschaftlichen Umgang mit chronischen und psychischen Erkrankungen und unserem Drang, diese zu "verstecken". Nicht mit jedem literarischen Experiment im Roman konnte ich etwas anfangen, insgesamt fand ich "Weltalltage" aber sehr berührend und gelungen. Wenn ihr mit den genannten Themen gerade umgehen könnt, kann ich euch das Buch empfehlen!

Ein Buch, das Worte findet
...ein Buch in Listen, ein Buch, das in seiner Aufmachung so gänzlich anders ist als alle anderen, ein Buch, das Worte findet. Worte für chronische Erkrankungen. Körperlich wie psychisch. Worte für Freundschaft, für Trauer, für Therapie, ein Leben in Ostdeutschland, ein Leben in Armut, ein Leben ohne Geschwister, ein Leben mit nur einem Elternteil. Den Textmarker habe ich erstmals bei einem Roman rausgeholt, um die Worte zu markieren, die mir solange fehlten, die mir zeigen: es gibt noch andere Worte, um die Dinge zu beschreiben, als die, mit denen ich es jahrelang versuchte. 5 Sterne!
Der Roman „Weltalltage“ (2024) von Paula Fürstenberg erzählt die Geschichte der unbenannten Erzählerin und ihres besten Freundes Max. Die beiden verbindet neben einer langjährigen Freundschaft eine Reihe biographischer Aspekte: Beide sind Kinder alleinerziehender Mütter und im Nachwende-Ostdeutschland sozialisiert. Mit Anfang 30 leben sie in einer WG. Beide scheinen füreinander die wichtigsten Bezugspersonen zu sein. Während Max‘ Körper immer funktioniert hat, kämpft die Erzählerin seit ihrer Kindheit mit Schwindelanfällen unklaren Ursprungs, ihren „Weltalltagen“. Als Max eine Depression diagnostiziert wird, verschiebt sich das eingespielte Gefüge. Sehr gut hat mir gefallen, dass die zentrale Beziehung dieses Romans keine (romantische) Liebesbeziehung ist, sondern eine Freundschaft. Das Buch zeigt auf, dass wir für Konflikte in Freundschaften („Freundschaftskummer“) nicht annähernd so differenzierte Umgangsweisen haben wie für Konflikte in Liebesbeziehungen. Durch die Fokussierung auf Paarbeziehungen scheinen uns das Vokabular, die Fähigkeiten und die Empathie zu fehlen, um Freundschaft in ihrer Komplexität zu erfassen und zu leben. „Weltalltage“ stellt dagegen die Freundschaft in den Mittelpunkt. Sie wird hier nicht als weniger oder Ersatz für (romantische) Partnerschaft konstruiert. Darüber hinaus spricht das Buch sehr viele interessante Themen an, geht aber nicht unbedingt in die Tiefe. Wie wirken Strukturen - architektonische, ökonomische, soziale - auf den Körper ein? Wie körperfreundlich ist der öffentliche Raum? Was passiert, wenn Körper nicht mehr so funktionieren, wie sie sollen? Fehlt uns die Sprache, um über Körper und Krankheit zu sprechen? Warum sonst meinen „Was hast du?“ und „Was fehlt dir?“ dasselbe? Wie können sich (psychisch) kranke Menschen als handlungsfähig erleben, ohne sich selbst die Schuld an ihrer Krankheit zu geben? Wer darf sich wessen Geschichte literarisch aneignen? Diese Fragen wirft das Buch immer wieder auf, wenn auch oft eher schlaglichtartig. Dennoch fand ich „Weltalltage“ schön zu lesen und vor allem durch die Grundkonstellation der verbindlichen Freundschaftsbeziehung zukunftsweisend.
Ich möchte ein Buch empfehlen, das sich mit den Themen Freundschaft und Krankheit auseinandersetzt. Es ist ein starkes und bewegendes Werk, das die Frage aufwirft, wer in einer der Kranke und wer der Gesunde ist. Wie kann eine Freundschaft diese Krankheiten überleben? Das Buch bietet wertvolle Einblicke und Denkanstöße für alle, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen.
"Es gibt bei Krankheit eine grundsätzliche Verwirrung, ob man etwas bekommt oder verliert: Was hast du? und Was fehlt dir? meinen dasselbe." (S. 9) Die namenlose Erzählerin, ist auf dem Weg, Schriftstellerin zu werden. Doch ihre Geschichte ist auch die ihres besten Freundes, Max. Sie kennen sich seit der siebten Klasse. Groß werden sie im Nachwende-Deutschland mit all den gesellschaftlichen Veränderungen. Doch zu ihrer Geschichte gehören auch zwei Krankheitsbilder: Sie ist chronisch-krank - Endometriose plus Schwindel ohne ursächliche Diagnose - und hat eine "Sisyphee" (Sisyphos + Odyssee = Irrfahrt, ohne ein Ziel zu erreichen) medizinischer Untersuchungen hinter sich. Max war immer der stabile Freund, bis er, nach dem Tod seines Onkels, in die dunklen Schatten der Depression gehüllt wird. Dass sie auch das in ihrem Buch unterbringen möchte, empört Max. Als er aufgrund seiner Erkrankung in eine Klinik geht, entsteht ein Bruch zwischen den beiden. Warum fällt es ihr, die sich auf diesem Terrain bestens auskennt, so schwer, Max' Zustand zu verstehen und ihn hilfreich zu begleiten? Wie zur Hölle ist sie zur schlechtesten besten Freundin aller Zeiten geworden?! In Prosa liefert Paula Fürstenberg uns Fachliteratur zu chronischen und psychischen Erkrankungen sowie über unseren Körper als Leistungsfaktor. Statistiken und Fakten verpackt sie in ihren Protagonist:innen, die eine Erkrankungsvita aufzeigen, wie sie der eine oder die andere selbst erlebt haben mag und stellt die Frage: Ist krank gleich wertlos? Es geht um den gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit im Allgemeinen und um das Dilemma der "unsichtbaren" Krankheiten im Besonderen. Es ist aber auch ein Roman über Klassenunterschiede und Chancengleichheit im wiedervereinigten Deutschland. Und "Weltalltage" erzählt davon, wie sehr wir Teil des kapitalistischen Denkens und Handelns (geworden) sind. "Dieses Buch ist heilsamer als so manche Arznei", resümiert Daniela Dröscher absolut treffend.
Freundschaft mit Krankheit
Die Form des Textes ist was besonderes und deshalb für mich ganz attraktiv gewesen. Ich weiß zu wertschätzen, wenn Autor*innen etwas probieren in ihrer Arbeit. Gleichzeitig konnte ich mich deshalb nicht so gut in die Figuren hineinfühlen - aber vielleicht war auch genau das das Ziel. Die dargestellte Freundschaft der Beiden ist speziell - so wie die Form des Buches. Jede Freundschaft ist auf ihre eigene Weise schön und die Schönheit dieser zeigt sich hoffentlich ihren Träger*innen.
Eine Auflistung
Obwohl das Thema sehr spannend ist und die Autorin einen unglaublich literarisch ansprechenden Stil verwendet, konnte ich nie ganz eintauchen in die Erzählung. Durch die verschiedenen Listen, war es jedes Mal auch eine Umstellung sodass der rote Faden etwas fehlte. Dennoch wurden ansprechende Details sehr schön aufgegriffen und die Themen Depression und Freundschaft neu betrachtet.
Das Buch hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Es ist mal etwas anderes als die typischen Romane, vor allem durch seinen besonderen Schreibstil. Die Sprache wirkt direkt, ehrlich und teilweise fast roh, was das Lesen sehr intensiv macht. Gerade diese Art zu schreiben hebt das Buch von vielen anderen ab. Die kurzen Texte und Gedanken lassen viel Raum für eigene Interpretationen. Viele Passagen haben mich nachdenklich gemacht. In einigen Situationen und Gefühlen konnte ich mich selbst wiederfinden. Das hat das Buch für mich sehr persönlich gemacht. Es spricht Themen an, die man sonst nicht immer so offen liest. Dabei wirkt nichts gekünstelt oder übertrieben. Stattdessen fühlt sich vieles sehr nahbar an. Man muss sich auf den Stil einlassen, aber dann entfaltet das Buch seine Wirkung. „Weltalltage“ ist kein Buch, das man einfach nur liest und wieder vergisst. Es bleibt im Kopf und teilweise auch im Gefühl. Für alle, die etwas anderes suchen und sich gerne auf Gedankenwelten einlassen, ist dieses Buch sehr empfehlenswert.
Mich hat dieser Roman zuerst etwas irritiert, da der Aufbau und der Schreibstil sicherlich außergewöhnlich sind. Der Roman selbst hat mir Trost gespendet, neue Perspektiven eröffnet, Hoffnung gemacht, mich Dankbarkeit spüren lassen und auch dazu beigetragen, sich nicht so alleine zu fühlen. Ich denke, dass es schwierig ist, hier eine möglichst „objektive“ Bewertung zu verfassen, da die Themen Körper und Krankheit so höchst persönliche sind. Danke an Paula Fürstenberg für dieses Buch, es hat mich zu genau der richtigen Zeit gefunden.
"Weltalltage" von Paula Fürstenberg ist ein Roman, der sich intensiv mit den Themen Gesundheit, Freundschaft, Körperwahrnehmung und Gesellschaft auseinandersetzt. Fürstenberg, Jahrgang 1987, ist eine preisgekrönte Autorin und hat mit ihrem Debütroman "Familie der geflügelten Tiger" bereits auf sich aufmerksam gemacht. Ihr zweiter Roman "Weltalltage" ist ebenso von tiefgründiger, reflektierender Literatur geprägt. Fürstenberg ist eine aktive Stimme in der deutschen Literaturszene und engagiert sich in verschiedenen sozialen und politischen Bereichen. Worum geht’s genau? Die Erzählerin und Max sind beste Freund:innen, die schon seit der Schulzeit eine enge Verbindung teilen. Sie leben gemeinsam in einer Wohnung, wobei sie aufgrund ihrer chronischen Krankheit immer wieder auf Max angewiesen ist. Max, der bisher gesunde Part, ist Architekt, während sie selbst als Schriftstellerin mit ihrer Krankheit kämpft, die sie körperlich und mental stark belastet. Als Max vom Tod seines Onkels erfährt, gerät ihr Alltag aus den Fugen und die Beziehung zwischen ihnen wird auf die Probe gestellt. Um mit den Veränderungen und den Gefühlen der Überforderung umzugehen, beginnt die Erzählerin, ihre Gedanken und Erinnerungen in Listen zu ordnen, die einen Weg finden, ihre Vergangenheit zu begreifen und sich der eigenen Erkrankung sowie den gesellschaftlichen Bedingungen zu stellen. Dabei hinterfragt sie nicht nur ihre persönliche Geschichte, sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen, die sie geprägt haben. Meine Meinung Der Roman behandelt viele interessante Themen – von Körperwahrnehmung über Gesundheit bis hin zu Freundschaft und Gesellschaft. Besonders die Art, wie Krankheit sowohl auf mentaler als auch auf körperlicher Ebene thematisiert wird, hat mich zum Nachdenken angeregt. Es wurde sehr anschaulich gezeigt, wie tief die Auswirkungen einer Depression auf den Körper, den Alltag und die Beziehungen einer Person sein können, was mir sehr gefallen hat. Diese Details, die sich wie aus dem Leben gegriffen anfühlten, haben mich emotional berührt. Allerdings war die Form des Buches für mich eine große Hürde. Der Verzicht auf eine klassische Kapitelstruktur zugunsten von Listen und Aufzählungen war anfangs interessant, aber nach einer Weile sehr ermüdend und es fiel mir schwer, dranzubleiben und den roten faden nicht zu verlieren. Durch die gewählte Form ist es mir nicht richtig gelungen, tief in die Geschichte einzutauchen. Die ständigen Wechsel zwischen reflektierenden Gedanken und Momenten aus der Vergangenheit gaben dem Roman eine gewisse Zerrissenheit, was zwar beabsichtigt sein mag, aber mich in meinem Lesefluss behindert hat. Trotzdem gibt es Passagen, die wirklich gut gelungen sind und die die schleichende Depression und die innere Zerrissenheit nachvollziehbar machten. Die Ich-Form und das Schreiben in der „Du-Form“ haben mich anfangs irritiert, auch wenn die Autorin dies später im Buch erklärte. Es ist eine ungewöhnliche Wahl, die jedoch einen gewissen intimen Zugang zur Geschichte und zu den Gefühlen der Erzählerin schafft. Was ich ebenfalls sehr gelungen fand, war die kritische Auseinandersetzung mit der Frage, wem Geschichten gehören und wer das Recht hat, sie zu erzählen. In Anbetracht der feministischen Perspektiven, die im Buch aufgegriffen werden, war es fast selbstverständlich, dass auch das Thema Gendern und das Bewusstsein für gesellschaftliche Diskurse über Geschlechterrollen und Rechte thematisiert wurde. Was mich jedoch an diesem Buch störte, war, dass die Erzählweise oft zu sehr in den inneren Monologen der Erzählerin verhaftet blieb. Hier hätte ich mir mehr Dialoge und eine stärkere Interaktion zwischen den Figuren gewünscht, um das Geschehen lebendiger zu gestalten. Viele Passagen schienen mir etwas zu abgehoben und verloren sich in der Selbstreflexion. Das war zwar teils interessant, aber an manchen Stellen fühlte es sich auch wie ein Zuviel an, was das Lesetempo ausbremste. Fazit "Weltalltage" von Paula Fürstenberg ist ein tiefgründiger Roman, der sich mit wichtigen gesellschaftlichen und persönlichen Themen auseinandersetzt. Die Sprache der Autorin ist eindrucksvoll und transportiert die emotionalen Tiefen der Geschichte. Dennoch war die Struktur des Buches für mich problematisch, da ich den Lesefluss durch die ungewohnte Form und die zahlreichen inneren Monologe gestört fand. Insgesamt ein wirklich lesenswerter Roman, der jedoch aufgrund seiner Form und des etwas zähen Erzählflusses nur 3,5 von 5 Sternen erhält.












































