Selbst schuld!
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Description
Book Information
Author Description
Wolfgang M. Schmitt, geboren 1988, ist Youtuber, Podcaster und Kritiker. Seit 2011 betreibt er den ideologiekritischen Youtube-Kanal »Die Filmanalyse«, seit 2018 mit Ole Nymoen den Podcast „Wohlstand für alle“, seit 2020 mit Stefan Schulz den Podcast „Die neuen Zwanziger“. Bei Suhrkamp erschien von ihm 2021 gemeinsam mit Ole Nymoen „Influencer. Die Ideologie der Werbekörper“.
Posts
Ich bin ehrlich: ich konnte mit einigen Essays nichts oder fast nichts anfangen und habe sie dann nur so überflogen, aber es hat mich dann nicht genug interessiert, um nochmal nachzulesen und den Punkt der Schuld zu erkennen. Andere wiederum fand ich mega aufschlussreich und z.T. auch humorvoll, sodass ich über die menschliche (Un-)Vernunft lachen musste, weil es so manchmal einfacher ist Dinge zu ertragen, die schlecht laufen.🫣 Alles in allem eine gute Mischung, die nicht allzu leicht zu lesen war für mich, aber dennoch empfehlenswert, weil aus vielen Perspektiven auf das Thema Schuld geschaut wird.
Selbst schuld, wenn du’s nicht liest
„Selbst schuld!“ ist ein Essayband, der mit klarem Blick und sprachlicher Vielfalt das Thema Schuld im Kontext unserer Gesellschaft beleuchtet. Die zentrale Frage lautet: Warum wird dem Individuum so oft Verantwortung für Probleme zugeschrieben, die in Wahrheit strukturell bedingt sind/ warum schreiben wir uns sie selbst zu? Die Autor:innen nehmen in ihren Texten gängige Erzählungen der Leistungsgesellschaft auseinander und zeigen auf, wie gesellschaftliche Missstände systematisch personalisiert werden. Ob Armut, Krankheit, Scheitern oder Wut – schnell heißt es: „Selbst schuld.“ Doch was passiert, wenn man genauer hinsieht? Wenn man erkennt, dass viele dieser Zuschreibungen lediglich Symptome eines größeren, tief verwurzelten Problems sind? Als Liebhaberin von Essaybänden, besonders dann, wenn sie gesellschaftskritische und aktuelle Themen behandeln, hat mich das Buch direkt angesprochen. Manche Kapitel haben sich für mich etwas gezogen – was weniger am Buch selbst als an meinen eigenen thematischen Vorlieben lag. Einige Essays haben mich direkt gepackt, andere wirkten auf einer sachlicheren Ebene. Besonders gelungen fand ich die abwechslungsreiche Struktur: Die Beiträge wechseln zwischen analytischer Schärfe und autobiografischer Tiefe, was den Zugang enorm erleichtert und die Lektüre vielseitig macht. Die behandelten Themen im Überblick: – AUFSTIEGSGESCHICHTEN – GENERATIONEN – ARMUT – FAULHEIT – SOZIALE UNGLEICHHEIT – RECHT – SEXUALISIERTE GEWALT – FAMILIE – INSTAGRAM – KLIMA – NATIONALSTAAT – GESUNDHEIT – ALLTAGSTHEOLOGIE Wer in prägnanten, kraftvollen Essays über unsere sogenannte „Leistungsgesellschaft“ nachdenken möchte und darüber, warum man eben NICHT „selbst schuld“ ist, sollte zu diesem Buch greifen. Es bietet keine einfachen Antworten, aber viele kluge Fragen. Und vielleicht auch ein wenig Trost für all jene, die diesen Vorwurf schon einmal gehört, geglaubt oder innerlich getragen haben.

Hat mich überzeugt
Das Buch „Selbst schuld“ hat mich zu Beginn sehr überzeugt – die ersten Beiträge waren inhaltlich stark und gut auf den Punkt. Gegen Ende wirkten die Texte für mich jedoch deutlich schwächer. Insgesamt sind die Themen aber breit gefächert, und ich konnte trotzdem einige neue Perspektiven und Erkenntnisse mitnehmen.

Ich störe mich daran, dass Menschen keine Empathie oder Unterstützung zuteil wird, sobald man selbst Schuld sei. Das Buch beleuchtet, wie weit unsere Entscheidungen aber von den (meist politischen) Umständen abhängen. Die Themenauswahl finde ich gut getroffen. Nicht alle Essays sind leicht zugänglich, ich konnte aber aus jedem Essay für mich etwas mitnehmen.
Großartige Sammlung sehr informativer und zum Nachdenken anregender Texte über (individuelle) Schuld und ob es die so überhaupt geben kann. Wir haben viele Dinge gelernt, von denen wir glauben, dass sie in Stein gemeißelt sind. Sei es unser Rechtssystem, das Denken in Generationen, wie sexualisierte Gewalt aussieht und wer da wie Schuld hat oder dass wir alle durch individuelle Lebens- und Kaufentscheidungen die Klimakatastrophe aufhalten können. Die Themen in dieser Anthologie sind vielfältig, die Schreibenden zeigen Haltung, manche Texte sind schön bissig. Ich mag das persönlich sehr und habe mir super viel markiert. Gut, der ein oder andere Beitrag kreist vielleicht etwas zu sehr um die schreibende Person selbst oder ist weniger zugänglich, aber im Großen und Ganzen habe ich sehr viel mitgenommen. Das Buch lohnt sich.
"Selbst schuld" (2024) ist eine von Ann-Kristin Tlusty und Wolfgang M. Schmitt herausgegebene Anthologie zum Thema Schuld. Schuld bedeutet individuelle Vorwerfbarkeit. Sie ist eng verknüpft mit neoliberaler Individualisierung, die Scheitern als Ausdruck persönlichen Versagens begreift. Gesellschaftliche Schuldzuweisungen werden internalisiert und führen zu Selbstdisziplinierung, Vereinzelung und Entpolitisierung. Ein Beispiel ist der durch eine Werbekampagne des Ölkonzerns BP bekannt gewordene ökologische Fußabdruck, der individuelle Konsumentscheidungen für den Klimawandel verantwortlich macht und so Politik und Unternehmen entlastet. Diesen interessanten Grundgedanken beleuchten die Autor*innen für verschiedene Bereiche, etwa das Strafrecht, den Klimawandel, Generationenkonflikte oder sexualisierte Gewalt. Einige sehr fundierte Texte beleuchten Klassismus, Armut und soziale Ungleichheit. Sie beschreiben, wie die Illusion von Leistungsgerechtigkeit und Chancengleichheit zu schwindender gesellschaftlicher Solidarität führt. So dient die Idee der Meritokratie dazu, bestehende Ungleichheiten zu legitimieren und privilegierte Personen psychologisch und gesellschaftlich zu entlasten. Dass das Buch recht wenig auf ideengeschichtliche Hintergründe des Schuldkonzepts eingeht, sehe ich als eine Stärke. Dadurch ist es sehr zugänglich. Manche Texte haben mich allerdings irritiert, etwa wenn Schmitt über den Nationalstaat schreibt. Seine zentrale These, Bürger*innen seien dem Staat nichts schuldig, ist zwar irgendwie sympathisch. Aber was folgt daraus für einen Sozialstaat und eine solidarische Gesellschaft? Umso befremdlicher ist, dass Schmitt von Aufenthalten in Luxushotels, Champagnerkonsum und - relativ zusammenhanglos - Urlaubsflirts erzählt. Ist das der "linke[...] Hedonismus" (S. 211), den er fordert? Und wie genau soll der gesellschaftlich funktionieren? Während ich zu Beginn begeistert war, kann ich das Buch insgesamt nur mit Einschränkungen empfehlen. Da es aber ja nicht schaden kann, sich auch mal über Texte zu ärgern und so seine eigenen Positionen zu schärfen, würde ich sagen: Die vielen sehr interessanten Beiträge rechtfertigen dennoch eine Empfehlung.
Trifft einen Nerv
Es geht um neoliberale Ideologie in den unterschiedlichen Bereichen unseres Lebens. Dabei ist jedes Kapitel von eigenen Autor*innen verfasst und damit steht und fällt das Buch auch. Manche Kapitel haben in mir wirklich einen Aha-Moment ausgelöst bei anderen hat mich der Schreibstil oder der Inhalt gar nicht abgeholt. Aber ich liebe den Grundton des Buches, dass wir dringend aufhören müssen uns für alles mögliche individuell schuldig und verantwortlich zu fühlen, was am ende nur verhindert sich zu organisieren und die Systemfrage zu stellen.
„Selbst schuld!“ ist ein Essayband, der sich mit dem immer präsenter werdenden Druck auf das Individuum auseinandersetzt, Verantwortung und Schuld für gesellschaftliche Krisen zu übernehmen. Die Herausgeber:innen Wolfgang M. Schmitt und Ann-Kristin Tlusty gehören zu den aufstrebenden Stimmen der aktuellen Kulturkritik: Schmitt ist bekannt durch seinen Youtube-Kanal Die Filmanalyse und den wirtschaftskritischen Podcast Wohlstand für alle, Tlusty arbeitet als Kultur- und Redaktionswissenschaftlerin bei Zeit Online und hat bereits eigene Essays veröffentlicht. Sie haben für diesen Band dreizehn Autor:innen eingeladen, die in persönlichen Essays über soziale Schuldzuschreibungen und gesellschaftliche Missstände schreiben. Worum geht's? Die Essays widmen sich der Frage, warum das Individuum immer wieder die Schuld für gesellschaftliche Probleme tragen soll, die in Wahrheit systembedingt sind. Ob Klimawandel, Armut oder soziale Gerechtigkeit – immer öfter wird suggeriert, dass einzelne Menschen ihre Probleme nur durch Eigenverantwortung lösen könnten. Die Autor:innen gehen darauf ein, wie das neoliberale System das Individuum zum Sündenbock macht, um von strukturellen Ursachen abzulenken. Die Beiträge reichen von sachlichen Analysen über autobiografische Berichte bis hin zu Essays mit ironischen Untertönen. Ein Beispiel ist das Vorwort, in dem bereits deutlich wird, wie der „Schuldvorwurf“ als Instrument genutzt wird: Statt das System zu hinterfragen, wird Schuld auf Streikende, Betroffene sexualisierter Gewalt oder den Klimaschutz übertragen. Ein wichtiges Thema ist auch, wie sich Scham und Schuld zu einer sozialen Kontrolle verbinden und die Eigenverantwortung dem Gemeinwohl entgegenstellt. Meine Meinung Als große Liebhaberin von Essaybänden, besonders wenn sie aktuelle und sozialkritische Themen ansprechen, hat mich "Selbst schuld!" sofort angesprochen, und meine Erwartungen wurden wieder einmal mehr nicht enttäuscht. Essays wie „Aufstiegsgeschichten“ von Sarah-Lee Heinrich, „Recht“ von Maximilian Pichl und „Instagram“ von Şeyda Kurt bieten spannende Perspektiven auf die Frage, wie gesellschaftliche Strukturen und ihre Missstände Menschen subtil zur Selbstbeschuldigung drängen. Besonders gefallen haben mir die abwechslungsreichen Formate und der Ansatz, Themen mal sachlich-analytisch und mal autobiografisch-persönlich zu behandeln, was dem Essayband eine schöne Vielfalt verleiht. Die Texte zeigen, wie tief verankert die neoliberale Überzeugung ist, dass jede:r das eigene Glück schmieden kann, und wie diese Ideologie Probleme wie Armut und Ungleichheit ignoriert oder sogar auf die Betroffenen selbst projiziert. Das Vorwort bringt dies hervorragend auf den Punkt, wenn es aufzeigt, wie bequem es ist, wenn Einzelne die Verantwortung übernehmen sollen – anstatt das System infrage zu stellen. Mich hat der Band in vielen Themen neu sensibilisiert, besonders im Hinblick auf Klassismus, den ich bisher nicht im Detail betrachtet hatte. Einzige kleine Schwäche: Einige Essays hätten einheitlich gegendert sein können, da das teils uneinheitlich gehandhabt wird, was den Lesefluss stört. Dennoch verstehe ich, dass hier die persönliche Schreibweise der Autor:innen Vorrang hatte. Und natürlich sprechen einen manche Beiträge mehr an als andere. So waren bspw. meine Highlights die Beiträge von Sarah-Lee Heinrich ("Aufstiegsgeschichten"), Maximilian Pichl ("Recht"), Özge İnan ("Sexualisierte Gewalt") Sophie Lewis ("Familie"), Şeyda Kurt ("Instagram") und Sebastian Friedrich ("Klima"). Fazit "Selbst schuld!" ist ein hochaktueller und reflektierter Essayband, der wichtige Fragen stellt und deutlich macht, dass gesellschaftliche Verantwortung nicht allein bei den Einzelnen liegen kann. Eine klare Empfehlung für alle, die sich kritisch mit den Mechanismen der Schuldzuschreibung und dem Einfluss des Neoliberalismus auseinandersetzen möchten. 4,5 von 5 Sternen.
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Wolfgang M. Schmitt, geboren 1988, ist Youtuber, Podcaster und Kritiker. Seit 2011 betreibt er den ideologiekritischen Youtube-Kanal »Die Filmanalyse«, seit 2018 mit Ole Nymoen den Podcast „Wohlstand für alle“, seit 2020 mit Stefan Schulz den Podcast „Die neuen Zwanziger“. Bei Suhrkamp erschien von ihm 2021 gemeinsam mit Ole Nymoen „Influencer. Die Ideologie der Werbekörper“.
Posts
Ich bin ehrlich: ich konnte mit einigen Essays nichts oder fast nichts anfangen und habe sie dann nur so überflogen, aber es hat mich dann nicht genug interessiert, um nochmal nachzulesen und den Punkt der Schuld zu erkennen. Andere wiederum fand ich mega aufschlussreich und z.T. auch humorvoll, sodass ich über die menschliche (Un-)Vernunft lachen musste, weil es so manchmal einfacher ist Dinge zu ertragen, die schlecht laufen.🫣 Alles in allem eine gute Mischung, die nicht allzu leicht zu lesen war für mich, aber dennoch empfehlenswert, weil aus vielen Perspektiven auf das Thema Schuld geschaut wird.
Selbst schuld, wenn du’s nicht liest
„Selbst schuld!“ ist ein Essayband, der mit klarem Blick und sprachlicher Vielfalt das Thema Schuld im Kontext unserer Gesellschaft beleuchtet. Die zentrale Frage lautet: Warum wird dem Individuum so oft Verantwortung für Probleme zugeschrieben, die in Wahrheit strukturell bedingt sind/ warum schreiben wir uns sie selbst zu? Die Autor:innen nehmen in ihren Texten gängige Erzählungen der Leistungsgesellschaft auseinander und zeigen auf, wie gesellschaftliche Missstände systematisch personalisiert werden. Ob Armut, Krankheit, Scheitern oder Wut – schnell heißt es: „Selbst schuld.“ Doch was passiert, wenn man genauer hinsieht? Wenn man erkennt, dass viele dieser Zuschreibungen lediglich Symptome eines größeren, tief verwurzelten Problems sind? Als Liebhaberin von Essaybänden, besonders dann, wenn sie gesellschaftskritische und aktuelle Themen behandeln, hat mich das Buch direkt angesprochen. Manche Kapitel haben sich für mich etwas gezogen – was weniger am Buch selbst als an meinen eigenen thematischen Vorlieben lag. Einige Essays haben mich direkt gepackt, andere wirkten auf einer sachlicheren Ebene. Besonders gelungen fand ich die abwechslungsreiche Struktur: Die Beiträge wechseln zwischen analytischer Schärfe und autobiografischer Tiefe, was den Zugang enorm erleichtert und die Lektüre vielseitig macht. Die behandelten Themen im Überblick: – AUFSTIEGSGESCHICHTEN – GENERATIONEN – ARMUT – FAULHEIT – SOZIALE UNGLEICHHEIT – RECHT – SEXUALISIERTE GEWALT – FAMILIE – INSTAGRAM – KLIMA – NATIONALSTAAT – GESUNDHEIT – ALLTAGSTHEOLOGIE Wer in prägnanten, kraftvollen Essays über unsere sogenannte „Leistungsgesellschaft“ nachdenken möchte und darüber, warum man eben NICHT „selbst schuld“ ist, sollte zu diesem Buch greifen. Es bietet keine einfachen Antworten, aber viele kluge Fragen. Und vielleicht auch ein wenig Trost für all jene, die diesen Vorwurf schon einmal gehört, geglaubt oder innerlich getragen haben.

Hat mich überzeugt
Das Buch „Selbst schuld“ hat mich zu Beginn sehr überzeugt – die ersten Beiträge waren inhaltlich stark und gut auf den Punkt. Gegen Ende wirkten die Texte für mich jedoch deutlich schwächer. Insgesamt sind die Themen aber breit gefächert, und ich konnte trotzdem einige neue Perspektiven und Erkenntnisse mitnehmen.

Ich störe mich daran, dass Menschen keine Empathie oder Unterstützung zuteil wird, sobald man selbst Schuld sei. Das Buch beleuchtet, wie weit unsere Entscheidungen aber von den (meist politischen) Umständen abhängen. Die Themenauswahl finde ich gut getroffen. Nicht alle Essays sind leicht zugänglich, ich konnte aber aus jedem Essay für mich etwas mitnehmen.
Großartige Sammlung sehr informativer und zum Nachdenken anregender Texte über (individuelle) Schuld und ob es die so überhaupt geben kann. Wir haben viele Dinge gelernt, von denen wir glauben, dass sie in Stein gemeißelt sind. Sei es unser Rechtssystem, das Denken in Generationen, wie sexualisierte Gewalt aussieht und wer da wie Schuld hat oder dass wir alle durch individuelle Lebens- und Kaufentscheidungen die Klimakatastrophe aufhalten können. Die Themen in dieser Anthologie sind vielfältig, die Schreibenden zeigen Haltung, manche Texte sind schön bissig. Ich mag das persönlich sehr und habe mir super viel markiert. Gut, der ein oder andere Beitrag kreist vielleicht etwas zu sehr um die schreibende Person selbst oder ist weniger zugänglich, aber im Großen und Ganzen habe ich sehr viel mitgenommen. Das Buch lohnt sich.
"Selbst schuld" (2024) ist eine von Ann-Kristin Tlusty und Wolfgang M. Schmitt herausgegebene Anthologie zum Thema Schuld. Schuld bedeutet individuelle Vorwerfbarkeit. Sie ist eng verknüpft mit neoliberaler Individualisierung, die Scheitern als Ausdruck persönlichen Versagens begreift. Gesellschaftliche Schuldzuweisungen werden internalisiert und führen zu Selbstdisziplinierung, Vereinzelung und Entpolitisierung. Ein Beispiel ist der durch eine Werbekampagne des Ölkonzerns BP bekannt gewordene ökologische Fußabdruck, der individuelle Konsumentscheidungen für den Klimawandel verantwortlich macht und so Politik und Unternehmen entlastet. Diesen interessanten Grundgedanken beleuchten die Autor*innen für verschiedene Bereiche, etwa das Strafrecht, den Klimawandel, Generationenkonflikte oder sexualisierte Gewalt. Einige sehr fundierte Texte beleuchten Klassismus, Armut und soziale Ungleichheit. Sie beschreiben, wie die Illusion von Leistungsgerechtigkeit und Chancengleichheit zu schwindender gesellschaftlicher Solidarität führt. So dient die Idee der Meritokratie dazu, bestehende Ungleichheiten zu legitimieren und privilegierte Personen psychologisch und gesellschaftlich zu entlasten. Dass das Buch recht wenig auf ideengeschichtliche Hintergründe des Schuldkonzepts eingeht, sehe ich als eine Stärke. Dadurch ist es sehr zugänglich. Manche Texte haben mich allerdings irritiert, etwa wenn Schmitt über den Nationalstaat schreibt. Seine zentrale These, Bürger*innen seien dem Staat nichts schuldig, ist zwar irgendwie sympathisch. Aber was folgt daraus für einen Sozialstaat und eine solidarische Gesellschaft? Umso befremdlicher ist, dass Schmitt von Aufenthalten in Luxushotels, Champagnerkonsum und - relativ zusammenhanglos - Urlaubsflirts erzählt. Ist das der "linke[...] Hedonismus" (S. 211), den er fordert? Und wie genau soll der gesellschaftlich funktionieren? Während ich zu Beginn begeistert war, kann ich das Buch insgesamt nur mit Einschränkungen empfehlen. Da es aber ja nicht schaden kann, sich auch mal über Texte zu ärgern und so seine eigenen Positionen zu schärfen, würde ich sagen: Die vielen sehr interessanten Beiträge rechtfertigen dennoch eine Empfehlung.
Trifft einen Nerv
Es geht um neoliberale Ideologie in den unterschiedlichen Bereichen unseres Lebens. Dabei ist jedes Kapitel von eigenen Autor*innen verfasst und damit steht und fällt das Buch auch. Manche Kapitel haben in mir wirklich einen Aha-Moment ausgelöst bei anderen hat mich der Schreibstil oder der Inhalt gar nicht abgeholt. Aber ich liebe den Grundton des Buches, dass wir dringend aufhören müssen uns für alles mögliche individuell schuldig und verantwortlich zu fühlen, was am ende nur verhindert sich zu organisieren und die Systemfrage zu stellen.
„Selbst schuld!“ ist ein Essayband, der sich mit dem immer präsenter werdenden Druck auf das Individuum auseinandersetzt, Verantwortung und Schuld für gesellschaftliche Krisen zu übernehmen. Die Herausgeber:innen Wolfgang M. Schmitt und Ann-Kristin Tlusty gehören zu den aufstrebenden Stimmen der aktuellen Kulturkritik: Schmitt ist bekannt durch seinen Youtube-Kanal Die Filmanalyse und den wirtschaftskritischen Podcast Wohlstand für alle, Tlusty arbeitet als Kultur- und Redaktionswissenschaftlerin bei Zeit Online und hat bereits eigene Essays veröffentlicht. Sie haben für diesen Band dreizehn Autor:innen eingeladen, die in persönlichen Essays über soziale Schuldzuschreibungen und gesellschaftliche Missstände schreiben. Worum geht's? Die Essays widmen sich der Frage, warum das Individuum immer wieder die Schuld für gesellschaftliche Probleme tragen soll, die in Wahrheit systembedingt sind. Ob Klimawandel, Armut oder soziale Gerechtigkeit – immer öfter wird suggeriert, dass einzelne Menschen ihre Probleme nur durch Eigenverantwortung lösen könnten. Die Autor:innen gehen darauf ein, wie das neoliberale System das Individuum zum Sündenbock macht, um von strukturellen Ursachen abzulenken. Die Beiträge reichen von sachlichen Analysen über autobiografische Berichte bis hin zu Essays mit ironischen Untertönen. Ein Beispiel ist das Vorwort, in dem bereits deutlich wird, wie der „Schuldvorwurf“ als Instrument genutzt wird: Statt das System zu hinterfragen, wird Schuld auf Streikende, Betroffene sexualisierter Gewalt oder den Klimaschutz übertragen. Ein wichtiges Thema ist auch, wie sich Scham und Schuld zu einer sozialen Kontrolle verbinden und die Eigenverantwortung dem Gemeinwohl entgegenstellt. Meine Meinung Als große Liebhaberin von Essaybänden, besonders wenn sie aktuelle und sozialkritische Themen ansprechen, hat mich "Selbst schuld!" sofort angesprochen, und meine Erwartungen wurden wieder einmal mehr nicht enttäuscht. Essays wie „Aufstiegsgeschichten“ von Sarah-Lee Heinrich, „Recht“ von Maximilian Pichl und „Instagram“ von Şeyda Kurt bieten spannende Perspektiven auf die Frage, wie gesellschaftliche Strukturen und ihre Missstände Menschen subtil zur Selbstbeschuldigung drängen. Besonders gefallen haben mir die abwechslungsreichen Formate und der Ansatz, Themen mal sachlich-analytisch und mal autobiografisch-persönlich zu behandeln, was dem Essayband eine schöne Vielfalt verleiht. Die Texte zeigen, wie tief verankert die neoliberale Überzeugung ist, dass jede:r das eigene Glück schmieden kann, und wie diese Ideologie Probleme wie Armut und Ungleichheit ignoriert oder sogar auf die Betroffenen selbst projiziert. Das Vorwort bringt dies hervorragend auf den Punkt, wenn es aufzeigt, wie bequem es ist, wenn Einzelne die Verantwortung übernehmen sollen – anstatt das System infrage zu stellen. Mich hat der Band in vielen Themen neu sensibilisiert, besonders im Hinblick auf Klassismus, den ich bisher nicht im Detail betrachtet hatte. Einzige kleine Schwäche: Einige Essays hätten einheitlich gegendert sein können, da das teils uneinheitlich gehandhabt wird, was den Lesefluss stört. Dennoch verstehe ich, dass hier die persönliche Schreibweise der Autor:innen Vorrang hatte. Und natürlich sprechen einen manche Beiträge mehr an als andere. So waren bspw. meine Highlights die Beiträge von Sarah-Lee Heinrich ("Aufstiegsgeschichten"), Maximilian Pichl ("Recht"), Özge İnan ("Sexualisierte Gewalt") Sophie Lewis ("Familie"), Şeyda Kurt ("Instagram") und Sebastian Friedrich ("Klima"). Fazit "Selbst schuld!" ist ein hochaktueller und reflektierter Essayband, der wichtige Fragen stellt und deutlich macht, dass gesellschaftliche Verantwortung nicht allein bei den Einzelnen liegen kann. Eine klare Empfehlung für alle, die sich kritisch mit den Mechanismen der Schuldzuschreibung und dem Einfluss des Neoliberalismus auseinandersetzen möchten. 4,5 von 5 Sternen.













