Die 19jährige Doris will ein Glanz werden und zieht nach Berlin. Wir erleben das Berlin der frühen 30er Jahre durch ihre Augen.
Irmgard Keun besticht in ihrem Roman vor allem durch ihren Schreibstil - die Mündlichkeit der Sprache (durch Umgangssprache, Ellipsen und vielen Metaphern) ist vielleicht erst gewöhnungsbedürftig, aber lässt die Geschichte umso authentischer wirken.
Den Roman habe ich abwechselnd gelesen und als Hörbuch gehört. Mir hat die Hörbuchfassung tatsächlich besser gefallen, eben weil die Protagonistin eben wortwörtlich ihre Gedanken erzählt.
Wer auf die Goldenen 20er steht, sollte den Roman unbedingt lesen!
Oct 27, 2024
4.0
Ein Buch wie Film
Die 19jährige Doris will ein Glanz werden und zieht nach Berlin. Wir erleben das Berlin der frühen 30er Jahre durch ihre Augen.
Irmgard Keun besticht in ihrem Roman vor allem durch ihren Schreibstil - die Mündlichkeit der Sprache (durch Umgangssprache, Ellipsen und vielen Metaphern) ist vielleicht erst gewöhnungsbedürftig, aber lässt die Geschichte umso authentischer wirken.
Den Roman habe ich abwechselnd gelesen und als Hörbuch gehört. Mir hat die Hörbuchfassung tatsächlich besser gefallen, eben weil die Protagonistin eben wortwörtlich ihre Gedanken erzählt.
Wer auf die Goldenen 20er steht, sollte den Roman unbedingt lesen!
Eine ambivalente Protagonistin, die mir sehr ans Herz gewachsen ist!
"Das kunstseidene Mädchen" handelt von der achtzehnjährigen Doris, die aus der "mittleren Stadt" in die Großstadt Berlin flieht, um ein "Glanz" zu werden.
Der Schreibstil ist sehr einzigartig. Die Ich-Erzählerin Doris hat eine geringe Bildung und will ihr Tagebuch schreiben "wie Film". In ihrer einfachen und fehlerhaften Sprache beschreibt sie sehr eindrücklich und atmosphärisch, wie sie das schnelle und laute Berlin der 1930er Jahre wahrnimmt. Anfangs nimmt sie Berlin als schillernd und großartig wahr, doch durch ihren sozialen Abstieg wandelt sich auch ihre Beschreibung der Stadt, was ich als sehr passend empfinde.
Die Handlung ist relativ repetitiv. Doris will berühmt werden, lernt Männer kennen, kauft/stiehlt Kleidung und lernt neue Männer kennen. Durch diese bekommt sie Bestätigung, von der sie ihr Ego abhängig macht. Doch all diese Figuren, die Doris kennenlernt, sind sehr verschieden und durchaus spannend.
Doris selbst ist eine ambivalente Figur. Sie ist selbstbezogen, freiheitsliebend und nutzt Männer opportun für ihre Zwecke (Geld und Mode) aus. Gleichzeitig sehnt sie sich nach Liebe und Zugehörigkeit und nach einem Mann, dem sie sich unterordnen möchte. Doris hat viele schlaue, nachdenklich stimmende, durchaus feministische Ansichten und eine gute Beobachtungsgabe, was häufig im Widerspruch zu konservativen Rollenbildern, die sie verinnerlicht hat, steht. Der Titel "das kunstseidene Mädchen" weist nicht nur auf Doris' geklaute Blusen aus Kunstseide hin, sondern auch darauf, dass sie selbst unecht ist und sich für eine positive Außenwahrnehmung verstellt. Alles in allem ist das kunstseidene Mädchen eine sehr interessante Figur, die einem beim Lesen mit ihrer ehrlichen und frechen Art sehr ans Herz wächst.
Dieses Buch musste ich für das Abi lesen und es ist eine meiner liebsten Schullektüren.
Feb 20, 2026
4.0
Eine ambivalente Protagonistin, die mir sehr ans Herz gewachsen ist!
"Das kunstseidene Mädchen" handelt von der achtzehnjährigen Doris, die aus der "mittleren Stadt" in die Großstadt Berlin flieht, um ein "Glanz" zu werden.
Der Schreibstil ist sehr einzigartig. Die Ich-Erzählerin Doris hat eine geringe Bildung und will ihr Tagebuch schreiben "wie Film". In ihrer einfachen und fehlerhaften Sprache beschreibt sie sehr eindrücklich und atmosphärisch, wie sie das schnelle und laute Berlin der 1930er Jahre wahrnimmt. Anfangs nimmt sie Berlin als schillernd und großartig wahr, doch durch ihren sozialen Abstieg wandelt sich auch ihre Beschreibung der Stadt, was ich als sehr passend empfinde.
Die Handlung ist relativ repetitiv. Doris will berühmt werden, lernt Männer kennen, kauft/stiehlt Kleidung und lernt neue Männer kennen. Durch diese bekommt sie Bestätigung, von der sie ihr Ego abhängig macht. Doch all diese Figuren, die Doris kennenlernt, sind sehr verschieden und durchaus spannend.
Doris selbst ist eine ambivalente Figur. Sie ist selbstbezogen, freiheitsliebend und nutzt Männer opportun für ihre Zwecke (Geld und Mode) aus. Gleichzeitig sehnt sie sich nach Liebe und Zugehörigkeit und nach einem Mann, dem sie sich unterordnen möchte. Doris hat viele schlaue, nachdenklich stimmende, durchaus feministische Ansichten und eine gute Beobachtungsgabe, was häufig im Widerspruch zu konservativen Rollenbildern, die sie verinnerlicht hat, steht. Der Titel "das kunstseidene Mädchen" weist nicht nur auf Doris' geklaute Blusen aus Kunstseide hin, sondern auch darauf, dass sie selbst unecht ist und sich für eine positive Außenwahrnehmung verstellt. Alles in allem ist das kunstseidene Mädchen eine sehr interessante Figur, die einem beim Lesen mit ihrer ehrlichen und frechen Art sehr ans Herz wächst.
Dieses Buch musste ich für das Abi lesen und es ist eine meiner liebsten Schullektüren.
Erschreckend aktuell. Feministisch und bewegend trotz des holprigen Stils. Pflichtlektüre.
Nachdem mir Irmgard Keuns „Nach Mitternacht“ im letzten Herbst gut gefallen hat, habe ich mir direkt ihren wahrscheinlich bekanntesten Roman „Das kunstseidene Mädchen“ bestellt und diesen im Januar begonnen zu lesen. Nach den ersten 30 Seiten habe ich das Buch weggelegt, es hatte mir überhaupt nicht gefallen. Gott sei Dank konnte ich mich nun doch noch motivieren weiterzulesen.
Irmgard Keun gilt heute als eine bedeutende Autorin der Weimarer Republik. Nachdem Sie selbst nach einer Arbeit als Stenotypistin und einer gescheiterten Theaterkarriere erfolgreiche Romane, u.a. „Das kunstseidene Mädchen“, veröffentlichte, war Sie gezwungen als verbotene Autorin während der NS-Zeit im Exil zu leben. Sie konnte danach nie wieder an Ihre ersten Erfolge anknüpfen, ihr späteres Leben war geprägt von unsteten Beziehungen, Armut und Alkoholsucht. Als die entstehende Frauenrechtsbewegung in Deutschland ihre Werke in den 80er-Jahren wiederentdeckte, konnte Frau Keun, die 1982 verstarb, Ihren heutigen Ruf als feministische Ikone leider nicht mehr genießen.
Mit Ihrer Biografie im Hinterkopf liest sich „Das kunstseidene Mädchen“ nochmals anders. Doris, die Protagonistin, ist 18 Jahre jung, Stenotypistin, verabscheut es zu arbeiten, wohnt bei ihrer Mutter und ihrem saufenden Stiefvater, an welchen sie einen großen Teil ihres Lohns abtreten muss. Sie geht gerne aus, ist sexuell freizügig und benutzt ihre wechselnden Sexualpartner gerne aus, um sich einladen zu lassen und die Garderobe aufzubessern. Sie träumt davon ein „Glanz“ zu werden, also ein Filmstar à la Marlene Dietrich und co., und geht zum Theater. Sie erzählt uns die Geschichte aus der Ich-Perspektive in Form von Tagebucheinträgen, welche Sie selbst prompt als „Drehbuch ihres Lebens“ versteht. So merken wir schnell durch die verwendete Sprache, dass Doris über keine gute Bildung verfügt, holprig schreibt, naiv aber keinesfalls dumm ist.
An dieser Stelle hatte der Roman mich verloren. Der Stil war für meinen Geschmack sehr gewöhnungsbedürftig und die Protagonistin schwer zu ertragen, mit ihrer Faulheit, ihrem Ausnutzen der Männer und ihren naiven und völlig überzogenen Vorstellungen. Doris war für mich der klassische Gold-Digger. Will Geld, Glanz und Gloria und das alles ohne sich dafür anstrengen zu müssen.
Dann habe ich nach einem Monat Pause weitergelesen. Als ich mich an den Stil gewöhnt hatte, haben sich mir neue Perspektiven erschlossen.
Doris verfügt über eine scharfe Auffassungsgabe. Wir Leser erhalten durch Sie einen Einblick in eine Gesellschaft, die noch stärker als heute durch Unterschiede der Klasse und des Geschlechts geprägt war. Doris hat sich weder ihr Geschlecht ausgesucht, noch ihr Elternhaus oder ihre Bildung. In allen Bereichen ihres Lebens ist sie von Männern abhängig, ihrem Stiefvater, ihrem Chef oder anderen. Ihre „Manipulation“ ist ihr Versuch, selbstbestimmt und eigenständig etwas an ihren Lebensumständen zu ändern. Wer kann schließlich einem jungen Menschen verwehren, Träume zu haben oder mehr vom Leben zu wollen?
Ich habe mich durch das Lesen dieses Romans ertappt, als Mann der männliche Erzählperspektiven gewohnt ist, vorschnell zu urteilen und in Schubladen zu stecken. Und auch wenn Doris weiß Gott nicht perfekt handelt, wenn man seine Bigotterie über Bord wirft, vom hohen moralischen Ross steigt und sich auf Doris Sicht auf die Gesellschaft einlässt, wird einem schnell klar, dass Doris vor allem Opfer ihrer Umstände ist. Nicht sie ist das Problem, die Gesellschaft ist es. Ich bin es, meine Perspektive ist es. Die Doppelmoral im Hinblick auf sexuelle Bedürfnisse, die ungleichen Arbeitschancen und Konditionen, vor allem aber das ekelhafte Ausnutzen der Männer von diesem ungleichen Machtgefälle.
Wenn man bedenkt dass dieser Roman fast 100 Jahre alt ist, wenn ich an die Maximilian Krahs unserer Gesellschaft denke und an die hohen Wahlergebnisse der AfD, insbesondere bei den Erstwählern. An Tradwifes und Christfluencer, an Gender-Pay-Gap und die wachsende finanzielle Ungleichheit in diesem Land. Wenn ich an all das denke wird mir bewusst, wie aktuell „Das kunstseidene Mädchen“ ist.
Ich kann das Buch, trotz der holprigen Sprache, jedem empfehlen einmal zu lesen und würde mir wünschen, dass solche Bücher in den Schulklassen dieser Republik gelesen werden, anstatt die Schüler*innen mit den „Leiden des jungen Werthers“ zu quälen. Lesen bildet. Danke Irmgard Keun.
„Wenn eine junge Frau mit Geld einen alten Mann heiratet wegen Geld und nichts sonst und schläft mit ihm stundenlang und guckt fromm, dann ist sie eine deutsche Mutter von Kindern und eine anständige Frau. Wenn eine junge Frau ohne Geld mit einem schläft ohne Geld, weil er glatte Haut hat und ihr gefällt, dann ist sie eine Hure und ein Schwein.
Liebe Mutter, du hast ein schönes Gesicht gehabt, du hast Augen, die gucken, wie sie Lust haben, du bist arm gewesen, wie du arm bist, du hast mit Männern geschlafen, weil du sie mochtest, oder weil du Geld brauchtest - das tue ich auch. Wenn man mich schimpft, schimpft man dich… ich hasse alle, ich hasse alle - schlag doch die Welt tot, Mutter, schlag doch die Welt tot.“
Feb 26, 2026
4.0
Erschreckend aktuell. Feministisch und bewegend trotz des holprigen Stils. Pflichtlektüre.
Nachdem mir Irmgard Keuns „Nach Mitternacht“ im letzten Herbst gut gefallen hat, habe ich mir direkt ihren wahrscheinlich bekanntesten Roman „Das kunstseidene Mädchen“ bestellt und diesen im Januar begonnen zu lesen. Nach den ersten 30 Seiten habe ich das Buch weggelegt, es hatte mir überhaupt nicht gefallen. Gott sei Dank konnte ich mich nun doch noch motivieren weiterzulesen.
Irmgard Keun gilt heute als eine bedeutende Autorin der Weimarer Republik. Nachdem Sie selbst nach einer Arbeit als Stenotypistin und einer gescheiterten Theaterkarriere erfolgreiche Romane, u.a. „Das kunstseidene Mädchen“, veröffentlichte, war Sie gezwungen als verbotene Autorin während der NS-Zeit im Exil zu leben. Sie konnte danach nie wieder an Ihre ersten Erfolge anknüpfen, ihr späteres Leben war geprägt von unsteten Beziehungen, Armut und Alkoholsucht. Als die entstehende Frauenrechtsbewegung in Deutschland ihre Werke in den 80er-Jahren wiederentdeckte, konnte Frau Keun, die 1982 verstarb, Ihren heutigen Ruf als feministische Ikone leider nicht mehr genießen.
Mit Ihrer Biografie im Hinterkopf liest sich „Das kunstseidene Mädchen“ nochmals anders. Doris, die Protagonistin, ist 18 Jahre jung, Stenotypistin, verabscheut es zu arbeiten, wohnt bei ihrer Mutter und ihrem saufenden Stiefvater, an welchen sie einen großen Teil ihres Lohns abtreten muss. Sie geht gerne aus, ist sexuell freizügig und benutzt ihre wechselnden Sexualpartner gerne aus, um sich einladen zu lassen und die Garderobe aufzubessern. Sie träumt davon ein „Glanz“ zu werden, also ein Filmstar à la Marlene Dietrich und co., und geht zum Theater. Sie erzählt uns die Geschichte aus der Ich-Perspektive in Form von Tagebucheinträgen, welche Sie selbst prompt als „Drehbuch ihres Lebens“ versteht. So merken wir schnell durch die verwendete Sprache, dass Doris über keine gute Bildung verfügt, holprig schreibt, naiv aber keinesfalls dumm ist.
An dieser Stelle hatte der Roman mich verloren. Der Stil war für meinen Geschmack sehr gewöhnungsbedürftig und die Protagonistin schwer zu ertragen, mit ihrer Faulheit, ihrem Ausnutzen der Männer und ihren naiven und völlig überzogenen Vorstellungen. Doris war für mich der klassische Gold-Digger. Will Geld, Glanz und Gloria und das alles ohne sich dafür anstrengen zu müssen.
Dann habe ich nach einem Monat Pause weitergelesen. Als ich mich an den Stil gewöhnt hatte, haben sich mir neue Perspektiven erschlossen.
Doris verfügt über eine scharfe Auffassungsgabe. Wir Leser erhalten durch Sie einen Einblick in eine Gesellschaft, die noch stärker als heute durch Unterschiede der Klasse und des Geschlechts geprägt war. Doris hat sich weder ihr Geschlecht ausgesucht, noch ihr Elternhaus oder ihre Bildung. In allen Bereichen ihres Lebens ist sie von Männern abhängig, ihrem Stiefvater, ihrem Chef oder anderen. Ihre „Manipulation“ ist ihr Versuch, selbstbestimmt und eigenständig etwas an ihren Lebensumständen zu ändern. Wer kann schließlich einem jungen Menschen verwehren, Träume zu haben oder mehr vom Leben zu wollen?
Ich habe mich durch das Lesen dieses Romans ertappt, als Mann der männliche Erzählperspektiven gewohnt ist, vorschnell zu urteilen und in Schubladen zu stecken. Und auch wenn Doris weiß Gott nicht perfekt handelt, wenn man seine Bigotterie über Bord wirft, vom hohen moralischen Ross steigt und sich auf Doris Sicht auf die Gesellschaft einlässt, wird einem schnell klar, dass Doris vor allem Opfer ihrer Umstände ist. Nicht sie ist das Problem, die Gesellschaft ist es. Ich bin es, meine Perspektive ist es. Die Doppelmoral im Hinblick auf sexuelle Bedürfnisse, die ungleichen Arbeitschancen und Konditionen, vor allem aber das ekelhafte Ausnutzen der Männer von diesem ungleichen Machtgefälle.
Wenn man bedenkt dass dieser Roman fast 100 Jahre alt ist, wenn ich an die Maximilian Krahs unserer Gesellschaft denke und an die hohen Wahlergebnisse der AfD, insbesondere bei den Erstwählern. An Tradwifes und Christfluencer, an Gender-Pay-Gap und die wachsende finanzielle Ungleichheit in diesem Land. Wenn ich an all das denke wird mir bewusst, wie aktuell „Das kunstseidene Mädchen“ ist.
Ich kann das Buch, trotz der holprigen Sprache, jedem empfehlen einmal zu lesen und würde mir wünschen, dass solche Bücher in den Schulklassen dieser Republik gelesen werden, anstatt die Schüler*innen mit den „Leiden des jungen Werthers“ zu quälen. Lesen bildet. Danke Irmgard Keun.
„Wenn eine junge Frau mit Geld einen alten Mann heiratet wegen Geld und nichts sonst und schläft mit ihm stundenlang und guckt fromm, dann ist sie eine deutsche Mutter von Kindern und eine anständige Frau. Wenn eine junge Frau ohne Geld mit einem schläft ohne Geld, weil er glatte Haut hat und ihr gefällt, dann ist sie eine Hure und ein Schwein.
Liebe Mutter, du hast ein schönes Gesicht gehabt, du hast Augen, die gucken, wie sie Lust haben, du bist arm gewesen, wie du arm bist, du hast mit Männern geschlafen, weil du sie mochtest, oder weil du Geld brauchtest - das tue ich auch. Wenn man mich schimpft, schimpft man dich… ich hasse alle, ich hasse alle - schlag doch die Welt tot, Mutter, schlag doch die Welt tot.“