Nie mehr Nacht
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Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg und der Provence. Für seine Übertragungen aus dem Französischen und Englischen, u. a. von Joseph Conrad, John Keats, Grace Paley und Oscar Wilde, erhielt er zuletzt den Hamburger Literaturpreis für Übersetzung 2020. Für sein schriftstellerisches Werk, das neben vielbeachteten und wiederholt für den Deutschen Buchpreis nominierten Romanen auch Lyrik und Essays umfasst, wurde er u.a. mit dem Prix Relay (2008), dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2010), dem Rainer Malkowski-Preis (2014) und einer Nominierung für den Alfred-Döblin-Preis (2019) ausgezeichnet. Von der Hansestadt Hamburg erhielt er den Hubert-Fichte-Preis 2024 für sein Gesamtwerk, 2025 den Hannelore-Greve-Literaturpreis.www.mirko-bonne.de
Beiträge
Ich schwanke zwischen 3 (like) und 4 (really like) Sternen. Mir hat der Stil des Buches sehr gefallen, allerdings hatte ich hin und wieder mal ein paar Momente, wo ich mich schwer konzentrieren konnte und beim lesen abgeschweift bin. Ich weiß nicht, ob es an mir lag oder am Buch. Jedenfalls war es ein Buch von der Sorte, die ich mag.
Dieser Roman hat mich tief bewegt und eine Resonanz in mir erzeugt, wie ich es selten in der Vergangenheit erlebt habe. Gute Literatur schafft es, unseren Horizont zu erweitern, uns mit unbekannten Themen und menschlichen Verhalten zu beschäftigen. Wenn es dann aber ein Buch gibt, dass nicht das Unbekannte beschreibt, sondern man meint, sich in der Erzählung wiederzufinden, dann hören die Gedanken um die Geschichte auch Tage nach dem Lesen nicht auf zu kreisen. So ging es mir hier. Mirko Bonné erzählt eine Geschichte vom Abschied nehmen vom einem Geschwisterteil, von der Schwere der Neufindung im Leben mit einem dunklen Loch und von den wunderbaren Möglichkeiten, die das Leben bietet, wieder Sinn und Liebe zu finden. Markus Lees Schwester, zu der er eine ungewöhnlich innige Beziehung hatte, hat sich das Leben genommen und einen Sohn zurück gelassen, der nun von den Großeltern groß gezogen wird. Markus begibt sich eher widerwillig auf eine Dienstreise in der Normandie und nimmt hierbei seinen Neffen mit, der einen Freund mit dessen dänische Familie an der Atlantikküste treffen will. Das Buch beginnt recht harmlos, eine lange Autofahrt dient dazu, das Pubertieren des Teenagers und die Gedanken von Markus an seine Familie und Freunde zu beschreiben. Dabei wird dem Leser schon bewußt, wie melancholisch Markus ist. Diese Stimmung steigert sich in der Normandie relativ schnell in eine Depression mit der Drang zur Selbstaufgabe oder wie Markus es selbst bezeichnet, eine Selbstauflösung. Nachdem die lebenslustige dänische Familie mit dem Neffen Frankreich verlassen hat, entschließt sich Markus, von allem Materiellen zu trennen, um zu sehen, was dann noch von einem übrig bleibt. Im Grunde will er seiner Schwester folgen mit dieser Selbstaufgabe, bei der er sich sogar freiwillig von Auto, Geldbeutel und Ausweis trennt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es eine beeindruckende, poetische Erzählung, bei der Bonné nicht nur auf der persönlichen Ebene von Markus den Verlust und die Reduzierung auf das Wesentliche beschreibt. Diese Motive tauchen immer wieder in Nebensträngen der Geschichte auf. Beispielsweise reduziert Markus seine Kunst des Malens immer mehr auf das minimalistische Zeichnen, bis er den Auftrag, die Brücken des D-Day in der Normandie zu zeichnen, ganz aufgibt. Die Landung der Alliierten zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Der Verlust von Menschenleben und die Zerstörung des Materiellen finden sich so immer wieder auch in der geschichtlichen Rückschau wieder. Bonné sagte in einem Interview, dass er den Roman auf der Grundlage der Erzählungen seiner Großmutter schrieb, die ihren geliebten Bruder in der Normandie verlor. Er sagte dies mit Wasser in den Augen. Diese emotionale Tiefe bei der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte spürt man beim Lesen. Da ich auch meinen einzigen Bruder durch Selbstmord verlor und auch diese Gedanken der Selbstauflösung hatte, läßt mich die Geschichte gedanklich einfach nicht los. Mit leichtem Gepäck reisen, ist seitdem mein Ziel. Doch man kann sich nicht befreien, in dem man das Materielle aufgibt. Das lernt auch Markus. Die Gedanken reisen immer mit und so ist es ein Trugschluss, wenn Markus Mutter sagt, sie will nicht mehr trauern, sie will, dass „Nie mehr Nacht“ ist. Soweit war mir das Geschriebene in der ersten zwei Drittel des Buchs vertraut. Doch am Ende wird es traumhaft und mythisch, aber im realen Leben. Markus entdeckt eine Doppelgängerin seiner Schwester auf einem Bild im Elektronikmarkt. Er verfolgt die Spur dieser Frau namens Lilith, findet sie, erschrickt über sein stalkerhaftes Verhalten, zieht sich zurück und wird dann wiederum von Lilith gefunden. Diesen biblischen Namen hat der Autor bewußt gewählt, die göttliche Figur der Nacht. Und wie Genesis im Lamb Lies Down On Broadway-Album singt, führt die schneeweiße Lilith Markus durch den Tunnel der Liebe ans Licht. Lilith arbeitet bei einer Fährgesellschaft und führt Markus nicht auf dem Styx, sondern über den Ärmelkanal ans Licht, in die Heimat. Das Schlusskapitel läßt meiner Ansicht nach dann viel Raum zur Deutung. Ich nehme es mal so positiv an, wie es sich anhörte. Es gibt ein Weg ins Licht, so dass dann doch nie mehr Nacht ist. Vielleicht ist das Ende kitschig, ich fand es einfach nur galant und sprachlich wunderbar gelöst. Gewiss ist das Buch überladen, mit Bildern, Metaphern und Anspielungen, was ich aber als sehr reizvoll empfunden habe. Ein ganz hervorragender Roman und mit das Beste, was ich an deutscher Gegenwartsliteratur zuletzt gelesen habe.
Dieser Roman hat mich tief bewegt und eine Resonanz in mir erzeugt, wie ich es selten in der Vergangenheit erlebt habe. Gute Literatur schafft es, unseren Horizont zu erweitern, uns mit unbekannten Themen und menschlichen Verhalten zu beschäftigen. Wenn es dann aber ein Buch gibt, dass nicht das Unbekannte beschreibt, sondern man meint, sich in der Erzählung wiederzufinden, dann hören die Gedanken um die Geschichte auch Tage nach dem Lesen nicht auf zu kreisen. So ging es mir hier. Mirko Bonné erzählt eine Geschichte vom Abschied nehmen vom einem Geschwisterteil, von der Schwere der Neufindung im Leben mit einem dunklen Loch und von den wunderbaren Möglichkeiten, die das Leben bietet, wieder Sinn und Liebe zu finden. Markus Lees Schwester, zu der er eine ungewöhnlich innige Beziehung hatte, hat sich das Leben genommen und einen Sohn zurück gelassen, der nun von den Großeltern groß gezogen wird. Markus begibt sich eher widerwillig auf eine Dienstreise in der Normandie und nimmt hierbei seinen Neffen mit, der einen Freund mit dessen dänische Familie an der Atlantikküste treffen will. Das Buch beginnt recht harmlos, eine lange Autofahrt dient dazu, das Pubertieren des Teenagers und die Gedanken von Markus an seine Familie und Freunde zu beschreiben. Dabei wird dem Leser schon bewußt, wie melancholisch Markus ist. Diese Stimmung steigert sich in der Normandie relativ schnell in eine Depression mit der Drang zur Selbstaufgabe oder wie Markus es selbst bezeichnet, eine Selbstauflösung. Nachdem die lebenslustige dänische Familie mit dem Neffen Frankreich verlassen hat, entschließt sich Markus, von allem Materiellen zu trennen, um zu sehen, was dann noch von einem übrig bleibt. Im Grunde will er seiner Schwester folgen mit dieser Selbstaufgabe, bei der er sich sogar freiwillig von Auto, Geldbeutel und Ausweis trennt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es eine beeindruckende, poetische Erzählung, bei der Bonné nicht nur auf der persönlichen Ebene von Markus den Verlust und die Reduzierung auf das Wesentliche beschreibt. Diese Motive tauchen immer wieder in Nebensträngen der Geschichte auf. Beispielsweise reduziert Markus seine Kunst des Malens immer mehr auf das minimalistische Zeichnen, bis er den Auftrag, die Brücken des D-Day in der Normandie zu zeichnen, ganz aufgibt. Die Landung der Alliierten zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Der Verlust von Menschenleben und die Zerstörung des Materiellen finden sich so immer wieder auch in der geschichtlichen Rückschau wieder. Bonné sagte in einem Interview, dass er den Roman auf der Grundlage der Erzählungen seiner Großmutter schrieb, die ihren geliebten Bruder in der Normandie verlor. Er sagte dies mit Wasser in den Augen. Diese emotionale Tiefe bei der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte spürt man beim Lesen. Da ich auch meinen einzigen Bruder durch Selbstmord verlor und auch diese Gedanken der Selbstauflösung hatte, läßt mich die Geschichte gedanklich einfach nicht los. Mit leichtem Gepäck reisen, ist seitdem mein Ziel. Doch man kann sich nicht befreien, in dem man das Materielle aufgibt. Das lernt auch Markus. Die Gedanken reisen immer mit und so ist es ein Trugschluss, wenn Markus Mutter sagt, sie will nicht mehr trauern, sie will, dass „Nie mehr Nacht“ ist. Soweit war mir das Geschriebene in der ersten zwei Drittel des Buchs vertraut. Doch am Ende wird es traumhaft und mythisch, aber im realen Leben. Markus entdeckt eine Doppelgängerin seiner Schwester auf einem Bild im Elektronikmarkt. Er verfolgt die Spur dieser Frau namens Lilith, findet sie, erschrickt über sein stalkerhaftes Verhalten, zieht sich zurück und wird dann wiederum von Lilith gefunden. Diesen biblischen Namen hat der Autor bewußt gewählt, die göttliche Figur der Nacht. Und wie Genesis im Lamb Lies Down On Broadway-Album singt, führt die schneeweiße Lilith Markus durch den Tunnel der Liebe ans Licht. Lilith arbeitet bei einer Fährgesellschaft und führt Markus nicht auf dem Styx, sondern über den Ärmelkanal ans Licht, in die Heimat. Das Schlusskapitel läßt meiner Ansicht nach dann viel Raum zur Deutung. Ich nehme es mal so positiv an, wie es sich anhörte. Es gibt ein Weg ins Licht, so dass dann doch nie mehr Nacht ist. Vielleicht ist das Ende kitschig, ich fand es einfach nur galant und sprachlich wunderbar gelöst. Gewiss ist das Buch überladen, mit Bildern, Metaphern und Anspielungen, was ich aber als sehr reizvoll empfunden habe. Ein ganz hervorragender Roman und mit das Beste, was ich an deutscher Gegenwartsliteratur zuletzt gelesen habe.
Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg und der Provence. Für seine Übertragungen aus dem Französischen und Englischen, u. a. von Joseph Conrad, John Keats, Grace Paley und Oscar Wilde, erhielt er zuletzt den Hamburger Literaturpreis für Übersetzung 2020. Für sein schriftstellerisches Werk, das neben vielbeachteten und wiederholt für den Deutschen Buchpreis nominierten Romanen auch Lyrik und Essays umfasst, wurde er u.a. mit dem Prix Relay (2008), dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2010), dem Rainer Malkowski-Preis (2014) und einer Nominierung für den Alfred-Döblin-Preis (2019) ausgezeichnet. Von der Hansestadt Hamburg erhielt er den Hubert-Fichte-Preis 2024 für sein Gesamtwerk, 2025 den Hannelore-Greve-Literaturpreis.www.mirko-bonne.de
Beiträge
Ich schwanke zwischen 3 (like) und 4 (really like) Sternen. Mir hat der Stil des Buches sehr gefallen, allerdings hatte ich hin und wieder mal ein paar Momente, wo ich mich schwer konzentrieren konnte und beim lesen abgeschweift bin. Ich weiß nicht, ob es an mir lag oder am Buch. Jedenfalls war es ein Buch von der Sorte, die ich mag.
Dieser Roman hat mich tief bewegt und eine Resonanz in mir erzeugt, wie ich es selten in der Vergangenheit erlebt habe. Gute Literatur schafft es, unseren Horizont zu erweitern, uns mit unbekannten Themen und menschlichen Verhalten zu beschäftigen. Wenn es dann aber ein Buch gibt, dass nicht das Unbekannte beschreibt, sondern man meint, sich in der Erzählung wiederzufinden, dann hören die Gedanken um die Geschichte auch Tage nach dem Lesen nicht auf zu kreisen. So ging es mir hier. Mirko Bonné erzählt eine Geschichte vom Abschied nehmen vom einem Geschwisterteil, von der Schwere der Neufindung im Leben mit einem dunklen Loch und von den wunderbaren Möglichkeiten, die das Leben bietet, wieder Sinn und Liebe zu finden. Markus Lees Schwester, zu der er eine ungewöhnlich innige Beziehung hatte, hat sich das Leben genommen und einen Sohn zurück gelassen, der nun von den Großeltern groß gezogen wird. Markus begibt sich eher widerwillig auf eine Dienstreise in der Normandie und nimmt hierbei seinen Neffen mit, der einen Freund mit dessen dänische Familie an der Atlantikküste treffen will. Das Buch beginnt recht harmlos, eine lange Autofahrt dient dazu, das Pubertieren des Teenagers und die Gedanken von Markus an seine Familie und Freunde zu beschreiben. Dabei wird dem Leser schon bewußt, wie melancholisch Markus ist. Diese Stimmung steigert sich in der Normandie relativ schnell in eine Depression mit der Drang zur Selbstaufgabe oder wie Markus es selbst bezeichnet, eine Selbstauflösung. Nachdem die lebenslustige dänische Familie mit dem Neffen Frankreich verlassen hat, entschließt sich Markus, von allem Materiellen zu trennen, um zu sehen, was dann noch von einem übrig bleibt. Im Grunde will er seiner Schwester folgen mit dieser Selbstaufgabe, bei der er sich sogar freiwillig von Auto, Geldbeutel und Ausweis trennt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es eine beeindruckende, poetische Erzählung, bei der Bonné nicht nur auf der persönlichen Ebene von Markus den Verlust und die Reduzierung auf das Wesentliche beschreibt. Diese Motive tauchen immer wieder in Nebensträngen der Geschichte auf. Beispielsweise reduziert Markus seine Kunst des Malens immer mehr auf das minimalistische Zeichnen, bis er den Auftrag, die Brücken des D-Day in der Normandie zu zeichnen, ganz aufgibt. Die Landung der Alliierten zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Der Verlust von Menschenleben und die Zerstörung des Materiellen finden sich so immer wieder auch in der geschichtlichen Rückschau wieder. Bonné sagte in einem Interview, dass er den Roman auf der Grundlage der Erzählungen seiner Großmutter schrieb, die ihren geliebten Bruder in der Normandie verlor. Er sagte dies mit Wasser in den Augen. Diese emotionale Tiefe bei der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte spürt man beim Lesen. Da ich auch meinen einzigen Bruder durch Selbstmord verlor und auch diese Gedanken der Selbstauflösung hatte, läßt mich die Geschichte gedanklich einfach nicht los. Mit leichtem Gepäck reisen, ist seitdem mein Ziel. Doch man kann sich nicht befreien, in dem man das Materielle aufgibt. Das lernt auch Markus. Die Gedanken reisen immer mit und so ist es ein Trugschluss, wenn Markus Mutter sagt, sie will nicht mehr trauern, sie will, dass „Nie mehr Nacht“ ist. Soweit war mir das Geschriebene in der ersten zwei Drittel des Buchs vertraut. Doch am Ende wird es traumhaft und mythisch, aber im realen Leben. Markus entdeckt eine Doppelgängerin seiner Schwester auf einem Bild im Elektronikmarkt. Er verfolgt die Spur dieser Frau namens Lilith, findet sie, erschrickt über sein stalkerhaftes Verhalten, zieht sich zurück und wird dann wiederum von Lilith gefunden. Diesen biblischen Namen hat der Autor bewußt gewählt, die göttliche Figur der Nacht. Und wie Genesis im Lamb Lies Down On Broadway-Album singt, führt die schneeweiße Lilith Markus durch den Tunnel der Liebe ans Licht. Lilith arbeitet bei einer Fährgesellschaft und führt Markus nicht auf dem Styx, sondern über den Ärmelkanal ans Licht, in die Heimat. Das Schlusskapitel läßt meiner Ansicht nach dann viel Raum zur Deutung. Ich nehme es mal so positiv an, wie es sich anhörte. Es gibt ein Weg ins Licht, so dass dann doch nie mehr Nacht ist. Vielleicht ist das Ende kitschig, ich fand es einfach nur galant und sprachlich wunderbar gelöst. Gewiss ist das Buch überladen, mit Bildern, Metaphern und Anspielungen, was ich aber als sehr reizvoll empfunden habe. Ein ganz hervorragender Roman und mit das Beste, was ich an deutscher Gegenwartsliteratur zuletzt gelesen habe.
Dieser Roman hat mich tief bewegt und eine Resonanz in mir erzeugt, wie ich es selten in der Vergangenheit erlebt habe. Gute Literatur schafft es, unseren Horizont zu erweitern, uns mit unbekannten Themen und menschlichen Verhalten zu beschäftigen. Wenn es dann aber ein Buch gibt, dass nicht das Unbekannte beschreibt, sondern man meint, sich in der Erzählung wiederzufinden, dann hören die Gedanken um die Geschichte auch Tage nach dem Lesen nicht auf zu kreisen. So ging es mir hier. Mirko Bonné erzählt eine Geschichte vom Abschied nehmen vom einem Geschwisterteil, von der Schwere der Neufindung im Leben mit einem dunklen Loch und von den wunderbaren Möglichkeiten, die das Leben bietet, wieder Sinn und Liebe zu finden. Markus Lees Schwester, zu der er eine ungewöhnlich innige Beziehung hatte, hat sich das Leben genommen und einen Sohn zurück gelassen, der nun von den Großeltern groß gezogen wird. Markus begibt sich eher widerwillig auf eine Dienstreise in der Normandie und nimmt hierbei seinen Neffen mit, der einen Freund mit dessen dänische Familie an der Atlantikküste treffen will. Das Buch beginnt recht harmlos, eine lange Autofahrt dient dazu, das Pubertieren des Teenagers und die Gedanken von Markus an seine Familie und Freunde zu beschreiben. Dabei wird dem Leser schon bewußt, wie melancholisch Markus ist. Diese Stimmung steigert sich in der Normandie relativ schnell in eine Depression mit der Drang zur Selbstaufgabe oder wie Markus es selbst bezeichnet, eine Selbstauflösung. Nachdem die lebenslustige dänische Familie mit dem Neffen Frankreich verlassen hat, entschließt sich Markus, von allem Materiellen zu trennen, um zu sehen, was dann noch von einem übrig bleibt. Im Grunde will er seiner Schwester folgen mit dieser Selbstaufgabe, bei der er sich sogar freiwillig von Auto, Geldbeutel und Ausweis trennt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es eine beeindruckende, poetische Erzählung, bei der Bonné nicht nur auf der persönlichen Ebene von Markus den Verlust und die Reduzierung auf das Wesentliche beschreibt. Diese Motive tauchen immer wieder in Nebensträngen der Geschichte auf. Beispielsweise reduziert Markus seine Kunst des Malens immer mehr auf das minimalistische Zeichnen, bis er den Auftrag, die Brücken des D-Day in der Normandie zu zeichnen, ganz aufgibt. Die Landung der Alliierten zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Der Verlust von Menschenleben und die Zerstörung des Materiellen finden sich so immer wieder auch in der geschichtlichen Rückschau wieder. Bonné sagte in einem Interview, dass er den Roman auf der Grundlage der Erzählungen seiner Großmutter schrieb, die ihren geliebten Bruder in der Normandie verlor. Er sagte dies mit Wasser in den Augen. Diese emotionale Tiefe bei der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte spürt man beim Lesen. Da ich auch meinen einzigen Bruder durch Selbstmord verlor und auch diese Gedanken der Selbstauflösung hatte, läßt mich die Geschichte gedanklich einfach nicht los. Mit leichtem Gepäck reisen, ist seitdem mein Ziel. Doch man kann sich nicht befreien, in dem man das Materielle aufgibt. Das lernt auch Markus. Die Gedanken reisen immer mit und so ist es ein Trugschluss, wenn Markus Mutter sagt, sie will nicht mehr trauern, sie will, dass „Nie mehr Nacht“ ist. Soweit war mir das Geschriebene in der ersten zwei Drittel des Buchs vertraut. Doch am Ende wird es traumhaft und mythisch, aber im realen Leben. Markus entdeckt eine Doppelgängerin seiner Schwester auf einem Bild im Elektronikmarkt. Er verfolgt die Spur dieser Frau namens Lilith, findet sie, erschrickt über sein stalkerhaftes Verhalten, zieht sich zurück und wird dann wiederum von Lilith gefunden. Diesen biblischen Namen hat der Autor bewußt gewählt, die göttliche Figur der Nacht. Und wie Genesis im Lamb Lies Down On Broadway-Album singt, führt die schneeweiße Lilith Markus durch den Tunnel der Liebe ans Licht. Lilith arbeitet bei einer Fährgesellschaft und führt Markus nicht auf dem Styx, sondern über den Ärmelkanal ans Licht, in die Heimat. Das Schlusskapitel läßt meiner Ansicht nach dann viel Raum zur Deutung. Ich nehme es mal so positiv an, wie es sich anhörte. Es gibt ein Weg ins Licht, so dass dann doch nie mehr Nacht ist. Vielleicht ist das Ende kitschig, ich fand es einfach nur galant und sprachlich wunderbar gelöst. Gewiss ist das Buch überladen, mit Bildern, Metaphern und Anspielungen, was ich aber als sehr reizvoll empfunden habe. Ein ganz hervorragender Roman und mit das Beste, was ich an deutscher Gegenwartsliteratur zuletzt gelesen habe.






